Kurzgeschichten
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Nebel

Ich stehe am Fenster und blicke hinaus. Nebelschwaden liegen sanft über der Wiese. Es ist Herbst, man kann es nicht mehr leugnen. Mit meiner Zeitung und einer Tasse Tee setze ich mich gemütlich an den Küchentisch. Automatisch greife ich nach meiner…
Und schon ist sie da, meine kleine Nebel-Erinnerungsgeschichte:
Es ist schon ziemlich lange her. Unser Sohn war noch ein kleiner Junge, vielleicht sogar noch ein Baby. Wir wohnten zur Miete in einem Zweifamilienhaus in Darmstadt. Die Vermieter hatten ihre Wohnung unten und wir die gleiche Dreizimmerwohnung oben.
Unser Sohn wurde von dem älteren Paar behandelt, als wäre er das Enkelkind. Er durfte alles. Seine Schaukel und später sein Basketballkorb hingen im Hof, sein Sandkasten und der Swimmingpool hatten ebenso ihren Platz im Garten und ein kleines Beet durfte er auch bearbeiten. Wir fühlten uns dort rundum wohl und hatten einen regen Kontakt zu unseren lieben Vermietern. So war es auch selbstverständlich, dass wir uns gegenseitig zu den Geburtstagsfeiern einluden.
Ich weiß nicht mehr, wer Geburtstag hatte, aber es war zumindest einer der Beiden. Alle Gäste, die ebenso wie die Vermieter schon in den Siebzigern waren, kannten uns und es war eine lustige Runde.
So saßen wir am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen. Die Unterhaltung war angeregt und es wurde viel gelacht. Eine der älteren Damen sprach über ein allseits beliebtes Thema, – das Wetter. Dieser Gesprächsstoff kann mitunter sehr ergiebig sein.
„Schade, dass es heute kein so richtig schöner und sonniger Tag geworden ist“, meinte sie und machte sich einen Klecks Sahne auf ihren Kuchen.
„Wieso?“, fragte ein anderer Gast kopfschüttelnd. „Besser kann es doch schon fast nicht mehr sein.“
Die Gastgeberin bestätigte dies:
„Man sah schon heute Morgen, dass es wieder richtiges Sommerwetter werden würde und jetzt strahlt die Sonne vom blauen Himmel.“
„Naja“, entgegnete die ältere Dame etwas skeptisch. „Als ich heute Morgen mit meinem Fahrrad unterwegs zum Bäcker war und auch als ich vor einer halben Stunde hierher fuhr, sah es gar nicht so gut aus.“
Fragende Gesichter rund um den Kaffeetisch sahen sie an. Jetzt war unweigerlich Erklärungsbedarf notwendig und der Gastgeber forderte sie zum Weitererzählen auf:
„Das musst Du uns unbedingt näher erläutern!“
„Es war so trüb und dunstig draußen, dass ich nur ganz schlecht sehen konnte. Schaut doch nur“, wies sie die Anwesenden mit einem Blick zum Fenster hin. „Es ist sogar nebelig und auch hier im Zimmer ist es nicht richtig hell und klar. Man könnte meinen, es wäre schon Herbst.“
Wiederum erntete sie verwunderte Blicke, die ihr aber nicht aufzufallen schienen. Genüsslich aß sie ihren Kuchen weiter.
Plötzlich erhob sich mein Mann und ging freundlich lächelnd zu ihr hin. Da ich mit meiner Tischnachbarin in ein Gespräch vertieft war, konnte ich nicht verstehen, was er zu ihr sagte. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich allerdings, dass er kurz darauf das Zimmer verließ und erst nach ein paar Minuten wieder erschien. Abermals führte ihn sein Weg direkt zu der älteren Dame. Jetzt war nicht nur meine Aufmerksamkeit geweckt. Inzwischen waren alle Gäste verstummt und saßen mit offenen Ohren und aufgerissenen Augen da.
Mein Mann reichte der älteren Dame etwas, das ich zunächst nicht erkennen konnte, da er mit dem Rücken zu mir stand. Allerdings hörte ich seine Worte klar und deutlich:
„So, ich habe Ihre Brille geputzt und jetzt dürfte auch der Nebel verschwunden sein!“
Ein freudiges und zugleich überraschtes Strahlen breitete sich über ihrem Gesicht aus, als sie durch ihre glasklare Brille schaute.

 

 

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28 Kommentare

  1. Haha, das könnte mir auch passieren! Vielleicht nicht so extrem, aber immerhin. Gut, dass der Dame auf diese Weise geholfen werden konnte, wenn es doch immer so leicht wäre, die trübe Sicht aufzulösen!
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es an der verschmierten Brille lag, denn ich habe damals noch keine Brille gebraucht. Auch heute sehe ich auf die Entfernung noch sehr gut, ich brauche lediglich zum Lesen eine Brille. Die hat allerdings auch öfters eine „Entnebelung“ nötig. 😉
      LG und ein schönes Wochenende
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    das ist weider eine deiner wunderschönen, lebensnahen Geschichten.
    Also, immer schön die Brille putzen. Dann sieht man oftmals klarer.
    Einen sonnigen Start ins Wochenende wünscht dir
    Irmi

    • Astrid Berg sagt

      Ja, besonders wer für die Ferne eine Brille braucht, sollte sie in dieser Jahreszeit gut putzen, denn Nebel und verschmierte Brille kann gefährlich werden ;-).
      Ich danke Dir für Deinen lieben Kommentar und wünsche Dir ein angenehmes und sonniges Herbstwochenende
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    auch ich habe schon bemerkt, dass ich durch eine geputzte Brille klarer sehe. 🙂
    Gut, dass dein Mann auf die Idee kam, die Brille der Dame zu entnebeln.

    Viele Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Wahrscheinlich war es für meinen Mann sonnenklar, dass es nur an der verschmierten Brille liegen konnte, denn er ist seit seiner Kindheit Brillenträger.
      Ich wünsche Dir ein schönes Herbstwochenende ohne Nebel und mit klarer Brille ;-), egal, ob Lese-, Fern- oder Sonnenbrille. 🙂
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    manchmal passiert es mir, dass ich einfach nur staune, wie ich durch so verschmiert-verschmuddelte Gläser noch etwas habe sehen können.
    Eine kleine Geschichte, voll aus dem Leben gegriffen!
    Lieben Gruß
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Seit ein paar Jahren brauche ich eine Lesebrille und wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen: Ich vergesse oftmals, dass man auch diese Gläser (und nicht nur die Trinkgläser 🙂 ) hin und wieder putzen sollte. Ich habe gerade mal nachgeschaut, meine Brillengläser haben es auch jetzt wieder einmal dringend notwendig. Also werde ich gleich nach dem Beantworten der Kommentare zur Tat schreiten.
      Ich schicke Dir herzliche Grüße und bedanke mich für Deine treuen Besuche und Kommentare. Ich freue mich über jeden einzelnen Kommentar.
      Astrid

  5. Ach, das ist herzig, liebe Astrid! :-))) Mir fällt bei Nebel übrigens auch eine Geschichte ein – ich mach’s aber ganz kurz: Als ich in den 1980ern einen Urlaub mit Bus und Zelt in England und Schottland machte, gab es eines Abends fast undurchdringlichen Nebel. Einer der Mitreisenden schaute in Richtung eines Hügels und sagte mit Grabesstimme „THE FOG – NEBEL DES GRAUENS“. Ich wusste nur, dass das der Titel eines Horrorfilmes ist (den ich nie gesehen hatte); jedenfalls standen mir die Haare zu Berge … und ich traute mich in dieser Zeltnacht kaum einzuschlafen… Wenn es heutzutage neblig ist, mache ich es genauso – ich sage dann auch jedes Mal ganz düster „THE FOG …..“ ;-)))
    Herzliche Rostrosengrüße und ein schönes Wochenende!
    Traude
    https://rostrose.blogspot.co.at/2017/09/island-kreuzfahrt-teil-5-cawdor-castle.html

    • Astrid Berg sagt

      Ich hoffe, Du warst damals nicht alleine im Zelt 🙂 . Aber ich will gar nicht darüber lachen, denn auch ich habe eine blühende Fantasie in dieser Hinsicht und hätte mir sicherlich an Deiner Stelle alles Mögliche und Unmögliche überlegt 🙂 . Nebel kann aber auch wirklich sehr, sehr gruselig sein, besonders, wenn man auch noch an einen Horrorfilm erinnert wird.
      Liebe Grüße und verlebe ein schönes sonniges Herbstwochenende ohne Nebel und ohne gruselige Gedanken
      Astrid

  6. PS: Noch vergessen: Die Sache mit den Wespenwächtern wusste ich bisher nicht; das werden dann wohl die Wächter gewesen sei, die mich beim Kompostcontainer sofort attackiert haben…

    • Astrid Berg sagt

      Leider hat mich heute auch eine Wespe gestochen, als ich in der Sonne auf der Terrasse saß. Ich muss zugeben, es war Notwehr von Seiten der Wespe. Sie hatte sich auf den Liegestuhl gesetzt und beim Aufstehen bin ich mit dem Fuß auf sie getreten. War nicht so lustig.
      LG
      Astrid

      • Oje, das glaube ich dir! Ich hoffe, der Schmerz hat nicht zu lange angehalten. Kennst du das alte Hausmittel mit der aufgeschnittenen Zwiebel? > Bei Bienen- oder Wespenstichen auf den Einstich drücken, dadurch wird das Gift rausgezogen und der Schmerz sowie die Schwellung klingen schneller ab!
        Zu meiner Nebelgeschichte: Da ich damals allein mit dieser Reisegruppe unterwegs war, hat man mich „zeltmäßig“ mit einer jungen Dame vom Küchendienst zusammengespannt. Das hatte mehrere Nachteile – u.a., dass ich das Zelt immer allein aufstellen musste, während sie mit den beiden anderen „Küchendienstlern“ unser Abendessen vorbereitete, und leider auch, dass sie am „Nebel-des-Grauens“-Abend erst später ins Zelt zurückkam. Das gab dann noch eine zusätzliche Adrenalinausschüttung bei mir ;-)))
        Alles Liebe, Traude (vor wenigen Tagen erst aus Spanien heimgekehrt)
        http://rostrose.blogspot.co.at/2017/10/island-kreuzfahrt-teil-7-husavik-ein.html

        • Astrid Berg sagt

          Den Trick mit der Zwiebel kenne ich ebenfalls, habe ihn aber dummerweise nicht angewandt. Ich habe versucht das Gift herauszudrücken, was mir allerdings einen dunklen Fleck auf meiner Fußsohle beschert hat, der sich noch nicht abgebaut hat. Der Schmerz war zwar erträglich, aber das Jucken empfand ich als schrecklich 😉 .
          Oh, oh! Diese Nacht im Zelt kann nur schrecklich gewesen sein. Ich hätte mich wahrscheinlich in eine Ecke gekauert und die Rückkehr der jungen Dame sehnlichst erwartet, ihr aber dann nichts von meinen Ängsten verraten 😉 .
          Sei herzlich gegrüßt
          Astrid

  7. Hallo liebe Astrid,
    *lach* eine schöne Geschichte.
    Tja als Brillenträger sollte man ab und an mal die Brille putzen.
    Ich habe schon seit ein paar Jahren eine Lesebrille, seit ca. einem Jahr eine Weitsichtbrille und eine Gleitsichtbrille.
    Seit ich mal eine McD Tüte mit einem toten Tier auf der Straße verwechselt habe, musste ich einsehen das ich eine Weitsichtbrille zum Autofahren brauche.

    Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      hihi,an welches Tier dachtest Du damals? Vielleicht hatte es sich ja in der Tüte versteckt 😉 .
      Ich habe nur eine Lesebrille, aber die vergesse ich auch häufig zu putzen. Wenn ich es dann doch tue, benutze ich feuchte Brillenputztücher. Mein Mann, der ja schon seit seiner Kindheit Brillenträger ist, reinigt diese allerdings immer unter fließendem Wasser und mit Spülmittel. Aber egal, wie man es macht, Hauptsache ist doch, dass man hinterher wieder eine klare Sicht hat. 🙂
      Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag
      Astrid

  8. Liebe Astrid, herzlichen Sonntagsgruß.
    Ich habe eine Gleitsichtbrille und komme damit sehr gut klar. Mit 30 brauchte ich meine erste Brille.
    Ich bin immer bemüht, die Brillengläser mit Brillenputztücher sauber zu halten.
    Nebel-Gläser gibts ja nur, wenn man vom Kalten ins Warme kommt.
    Verlebe eine schöne, erste Oktoberwoche und alles Gute, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      ich schicke Dir herzliche Grüße nach Berlin und hoffe, dass Ihr unbeschadet den heftigen Sturm überstanden habt. Wir waren zu diesem Zeitpunkt in Leipzig, wo der Sturm uns nicht betroffen hat. In Cottbus hat er die Bäume auch sehr heftig geschüttelt oder sogar entwurzelt. Bei uns hat er zum Glück keine Schäden angerichtet.
      Ich danke Dir für Deine regelmäßigen Besuche und die lieben Kommentare auf meiner Seite.
      LG
      Astrid

  9. Ja ja das Problem kenne ich nur allzu gut ,
    bin stets am Brillen putze es ist einfach lästig
    und ich wünsche mir meine alten Augen vor
    ca 18 Jahren zurück lach….:-))
    Ich bin inzwischen kurz und weitsichtig einfach
    grässlich !!!
    Wunderschöne Herbsttage
    wünscht dir
    Margrit

    • Astrid Berg sagt

      Mein Mann ist seit seiner Kindheit Brillenträger. Meist schiebt er seine Brille zum Lesen hoch, weil das besser klappt, als mit einer extra Lesebrille. Er hat auch schon eine Gleitsichtbrille probiert, aber war damit nicht zufrieden.
      Seine Brillengläser sind im Gegensatz zu den Gläsern meiner Lesebrille immer sauber. 🙂
      LG
      Astrid

  10. Liebe Astrid, schöne Geschichte. Ich dachte schon an etwas Schlimmeres, eine Augenkrankheit. Gut, dass nur die Brille nicht geputzt war. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ja, dieser Nebel war leicht und schnell zu beseitigen. Gewusst wie… 😉
      LG
      Astrid

  11. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    was habe ich gelacht über Deine Geschichte! Ich kenne nämlich auch solche – speziell männlichen – Zeitgenossen, bei denen ich mich immer wundere, dass sie nicht an die Wand rennen, weil ihre Brille so verschmiert ist … **lach**
    Ich selber kann das überhaupt nicht vertragen – mich stört jedes noch so winzige Tüpfelchen, und ich putze meine Brille ×-mal am Tag!
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Da geht es Dir wie meinem Mann, – auch er hält seine Brille immer sauber und klar. Er will eben immer den Durchblick behalten 🙂 .
      LG
      Astrid

  12. Haha, das erinnert mich sofort an meine Schwiegermutter. Die meinte neulich, dass sie eine neue Brille braucht und mein Mann sollte sie zum Optiker fahren. Die alte wäre so verschwommen geworden, sie könne nicht mehr klar schauen. Mein Mann sagte daraufhin, dass man sie mal putzen müsste 🙂
    Liebe lachende Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das ist ja lustig. Da haben wir ja wieder einmal ähnliche Erlebnisse gehabt. Ach, ist das schön, wenn man diese Erlebnissse miteinander austauscht und gemeinsam über Dinge lächeln oder sagar lachen kann.
      LG zu Dir in die Aue
      Astrid

  13. HI HI, weißt Du wie man diesen Effekt noch verdoppeln. Ungeputztes Autofenster und schlecht gereinigte Brille…..Das hat auch einen Wow-Effekt. Schön, dass die alte DAme nicht beleidigt war. Liebe Grüße Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Oh nein, sie war ganz und gar nicht beleidigt. Sie war im Gegenteil sogar sehr dankbar. Immerhin hatte sie jetzt wieder klare Sicht.
      LG
      Astrid

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