Allgemein, Kurzgeschichten
Kommentare 6

Jetzt fängt mein neues Leben an

Die folgende Geschichte habe ich vor genau 14 Jahren geschrieben. Damals hatte der Märkische Bote dazu aufgerufen aus Anlass des 10. Jahrestages der Deutschen Einheit die persönliche Geschichte im Zusammenhang mit der Wende zu erzählen. Der folgende Beitrag von mir wurde preisgekrönt, mit einer Prämie gewürdigt und abgedruckt: 

„Jetzt fängt mein neues Leben an“, sagte mein Sohn

„Erzähl mir doch ein bisschen von früher“, forderte mich mein Sohn auf. Er liebte es schon immer, wenn mein Mann oder ich Geschichten aus meiner Kindheit oder ähnliches erzählten. In Gedanken ließ ich meine Kinder- und Jugendzeit an mir vorüberziehen. Plötzlich fiel mir der dicke, gelbe Teddy ein, den ich mit zwei Jahren von einer Tante meiner Mutter geschenkt bekommen hatte und den ich über alles geliebt hatte. So erzählte ich ihm:

„Ich kann mich noch gut erinnern, als ein Päckchen aus der Ostzone bei uns ankam, in dem mein „Chruschtschow“ lag!“ Schon beim ersten Satz erkannte ich jedoch an den großen Augen meines Sohnes, dass er nur „Bahnhof“ verstand, also fing ich anders an:

„Du weißt doch, dass Timmis Eltern früher hinter der großen Mauer in der DDR gelebt haben…“

Ja, genau so war das. Hinterher großen Mauer, da lag die Ostzone, wie wir sie nannten. Davon konnte unser kleiner Sohn noch nichts oder zumindest nicht viel wissen, denn 1989 geboren, wuchs er genau in eine Zeit hinein, in der Deutschland wieder einmal Geschichte schrieb: Die Wende.

Die Ereignisse kurz vor dem Mauerfall verfolgten meine Familie und ich sehr interessiert und wir freuten uns riesig, als dann endlich die Öffnung der Mauer bekanntgegeben und gefeiert wurde. Um ehrlich zu sein, als die bewegenden Bilder im Fernsehen übertragen wurden, standen mir die Tränen in den Augen, endlich e i n Deutschland.

Doch mehr Auswirkungen hatte die ganze Sache zunächst für mich und meine Familie nicht. Wir lebten in Darmstadt, weit entfernt von den neuen Bundesländern. Meine Freundin jedoch wurde schon bald unmittelbar von der  Umsetzung der Wiedervereinigung berührt. Ihr Mann lebte nämlich über Jahre hinweg für 5 Tage in der Woche in Erfurt, um bei der dortigen Oberfinanzdirektion seiner Arbeit nachzugehen. So rückte auch für mich der Osten Deutschlands ein wenig näher, ohne jedoch in mein Leben einzugreifen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem mir meine Freundin eröffnete, dass auch sie mit den Kindern in die Nähe von Erfurt ziehen würde. Ich weiß noch, wie wir uns tränenreich verabschiedeten und einander versprachen, den Kontakt trotz der kilometerweiten Entfernung aufrecht zu erhalten.

Schon 2 Wochen später stand ich bei ihr vor der Tür, – mein erster Besuch in den neuen Bundesländern,der einen absolut positiven Eindruck bei mir hinterließ. Trotzdem dachte ich, mein Leben würde so weitergehen wie bisher, von gelegentlichen Abstechern im neuen Teil Deutschlands mal abgesehen. – Weit gefehlt!

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich einen DIN A4 – Umschlag mit den Bewerbungsunterlagen meines Mannes für eine Professur an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus in den Briefkasten warf. „Das wird doch eh’ nichts“, dachte ich und hatte die Sache auch gleich wieder vergessen, bis nach unserem Sommerurlaub plötzlich die Antwort ins Haus geflattert kam.

Cottbus, mein Gott, wo war das eigentlich genau? Ach ja, sollte da nicht im nächsten Jahr die Bundesgartenschau stattfinden? Ansonsten wusste ich von dieser Stadt nichts. Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte auch noch ganz gut als mein Mann zum Berufungsvortrag nach Cottbus fuhr. Ja und dann wurde sein Ruf ausgesprochen, – sie wollten ihn haben, – und wir mussten eine Entscheidung treffen.

Gemeinsam fuhren wir zur inzwischen eröffneten Bundesgartenschau und bummelten kreuz und quer durch Cottbus und plötzlich war es um mich geschehen. Diese Stadt hatte mein Herz im Sturm erobert, genau wie damals als Kind der kleine dicke Teddy. Hier war es unwahrscheinlich grün und es gab so viele schöne Parks. Auch betrachtete ich die Häuser (es gab nämlich keineswegs nur Plattenbauten) gewissermaßen durch einen Filter. Ich sah zwar, dass noch vieles restauriert werden musste, aber vor meinem inneren Auge konnte ich mir alles schon so vorstellen, wie es einmal werden würde und zum größten Teil heute ist. Zugeben muss ich allerdings, dass mir die Straßen sehr gewöhnungsbedürftig erschienen, denn teilweise wäre es besser gewesen vom „Reiten“ als vom „Fahren“ zu sprechen, doch irgendwie fiel diese Tatsache für mich gar nicht so sehr ins Gewicht.

Die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kamen, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit. Ich fühlte mich hier keineswegs fremd und spürte, dies war eine Gegend, in der man sich auch auf Dauer wohlfühlen konnte. So kehrte ich mit leuchtenden Augen nach Darmstadt zurück, erzählte von meinen Eindrücken in einer Art und Weise, dass alle meine Begeisterung für dieses Fleckchen Erde spüren und ahnen konnten, was jetzt kommen würde.

Richtig, – wir entschlossen uns nach Cottbus zu ziehen und dort unser Zuhause zu gründen.

Vieles musste im Vorfeld geklärt werden, so zum Beispiel die Einschulung unseres Sohnes. Ich telefonierte mit der Schule und mit seiner damals zukünftigen Lehrerin. Da ich am Elternabend für die Erstklässler vor den großen Sommerferien noch nicht teilnehmen konnte, weil wir noch in Darmstadt wohnten, schickte sie mir einen sehr lieben handgeschriebenen Brief mit allen Details. Obwohl ich sie nur per Telefon und Brief kannte, war mir diese Frau sofort sympathisch. Da ich selbst Lehrerin bin, wusste ich dieses Engagement sehr wohl zu schätzen und freute mich sie kennenzulernen.

Am Umzugstag, wir saßen alle im Auto und fuhren Richtung Cottbus, sagte unser Sohn plötzlich voller Überzeugung:

„So und jetzt fängt mein neues Leben an!“

Wie recht sollte er behalten. Es war alles neu für uns. Ein kompletter Neuanfang: beruflich, aber auch privat. Unser Sohn wurde in Cottbus eingeschult, bekam sehr nette Lehrerinnen, wir alle fanden neue Freunde und uns alle erwarteten neue Aufgaben.

Nachtrag:

Inzwischen leben wir schon seit 18 Jahren in Cottbus (beziehungsweise einem kleinen Stadtteil von Cottbus), wo wir uns rundum wohlfühlen. In fünf Minuten sind wir zu Fuß an der Spree und können schöne Spaziergänge oder Radtouren machen. Aber auch der nahegelegene Spreewald ist ein herrliches Ausflugsziel und muss selbstverständlich jedem unserer Besucher gezeigt werden. Wir lernen die Sitten und Bräuche kennen, bewundern die schönen sorbischen Trachten und finden es inzwischen ganz selbstverständlich, dass jedes Straßenschild zusätzlich auch in sorbischer Sprache geschrieben ist.

Zu schätzen wissen wir auch die geringe Entfernung zu Berlin, Potsdam und Dresden, drei Städte, die viel zu bieten haben und die wir auch sehr gerne und häufig besuchen.

Ich glaube man merkt es: Wir haben unseren Entschluss nach Cottbus zu ziehen nicht  bereut und sind hier eigentlich von Anfang an richtig zu Hause.

Ein bisschen schade ist es allerdings, dass unsere Verwandtschaft (die inzwischen nur noch aus den Müttern und der Familie meiner Schwägerin besteht) und unsere Freunde und Bekannten (die es allerdings auch in alle Winde zerstreut hat) so fürchterlich weit weg wohnen und wir uns recht selten sehen können.

Übrigens:

Der Kontakt zu meiner Freundin und ihrer Familie (ich habe am Anfang der Geschichte von ihr erzählt) ist geblieben.

Meinen dicken, gelben Teddy gibt es allerdings schon lange nicht mehr, – er wurde von zuviel Liebe erdrückt.

meinneuesleben_3

6 Kommentare

  1. Hallo liebe Astrid,
    eine schöne Geschichte 🙂
    Bei mir gab es viele Umwege bis ich „angekommen“ bin.
    Vor Mauerfall 1988 bin ich nach Berlin ausgereist, später lernte ich meinen zweiten Mann kennen (einen Schleswig-Holsteiner). Wir zogen nach Niedersachsen, wieder nach Berlin wg der Kinder und Enkel. Aber glücklich war ich damit nicht. Aus beruflichen Gründen verschlug es uns wieder in den Norden und jetzt bin ich angekommen, hier bin ich glücklich, hier möchte ich alt werden.

    Auf meinen Teddy werde ich gut aufpassen, er sitzt jetzt am PC und schaut mir immer zu.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag…
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      ich freue mich nicht nur, dass Dir meine wahre Geschichte gefallen hat, sondern auch, dass Du endlich angekommen bist. Wenn man dort, wo man sein Zuhause hat, sich auch zu Hause fühlt, dann ist alles perfekt. Ich möchte hier auch nicht mehr weggehen, denn hier fühle ich mich wohl.
      LG
      Astrid

  2. ich lese kreuz und quer, zurück und vor bei dir und entdecke wunderschöne, sehr lebensnahe Geschichten. Rührende Geschichten, fröhliche und ja – auch etwas melancholische, das mag ich, dieses von allem etwas!
    Wenn man – endlich – irgendwo nach langen Irrungen und Wendungen angekommen ist, kann man sich glücklich niederlassen und fühlen wie schön Leben am richtigen Ort ist.
    schön, diese Rückschau..
    herzlichst Angel

    • Astrid Berg sagt

      Ja, wir fühlen uns hier wohl, was aber nicht heißt, dass wir unsere alte Heimat vergessen haben. Wenn wir nach Hessen fahren, um unsere Mütter zu besuchen, dann fahren wir nach Hause. Fahren wir dann zurück nach Cottbus, dann fahren wir auch nach Hause.
      Liebe Grüße zu Dir ins schöne Hessenland
      Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.