Kurzgeschichten, Reisen
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Immer rund herum

Neulich bei einer Aufräumaktion in unserem Gartenhaus kam er zum Vorschein. Ich wusste zwar, dass ich ihn noch besitze, aber ich habe ihn schon geraume Zeit nicht mehr benutzt. Dieses Etwas, von dem ich Euch noch nicht verrate, was es ist, hat einerseits Erinnerungen hervor gerufen und andererseits meinen Ehrgeiz angespornt. Aber zunächst einmal erzähle ich Euch meine Geschichte dazu:

Wir verbrachten unseren Sommerurlaub in einem südlichen europäischen Land. Ich glaube es war damals Griechenland oder Spanien, vielleicht war es aber auch Italien. Das weiß ich nicht mehr. Trotzdem kann ich mich noch sehr genau an den besagten Abend erinnern. Wir hatten bereits das allabendliche Buffet und den anschießenden Verdauungsspaziergang hinter uns, da entschlossen wir uns doch noch einmal bei der Abendveranstaltung in unserem Hotel vorbeizuschauen. Alle Urlauber waren schon versammelt, saßen vor der Bühne und richteten ihren Blick gespannt nach vorne. Es war gerade eine kurze Pause und es handelte sich um eine Darbietung mit Akrobatik und anderem Zirkusähnlichen folgen.
„Ich hab‘ eigentlich gar keine große Lust“, verkündete mein Mann. „Das haben wir in abgewandelter Form doch schon hundert Mal in irgendeinem Hotel gesehen.“
Ich weiß, dass mein Mann solche Vorführungen nicht besonders mag. Ich hingegen bin immer in der Erwartung etwas zu sehen, was ich vielleicht vorher doch noch nicht gesehen oder erlebt habe. Möglicherweise war ja ausgerechnet diese Vorführung besonders sehenswert. Also versuchte ich ihn zu überreden:
„Komm, lass uns wenigsten einen Moment zuschauen. Wir können doch wieder gehen, wenn es langweilig ist.“
„Na gut“, willigte er ein.
Ob es meine Überredungskunst oder mein Charme war, oder vielleicht sogar beides, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls hatte ich mein Ziel erreicht. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, dass die Rache auf dem Fuße folgen sollte.
Wir fanden sogar noch freie Stühle und setzten uns erwartungsvoll hin, wobei wir wahrscheinlich gegenteilige Erwartungen hegten. Die Tatsache, dass wir uns Getränke bestellten, ließ mich die Hoffnung hegen, dass wir nicht nur auf einen Sprung vorbeischauten, sondern doch einen Moment länger verweilen würden.
Es kam zunächst ein Zauberer, der es tatsächlich fertigbrachte ein Kaninchen aus dem Zylinder zu zaubern. Nach diversen anderen Tricks, verabschiedete er sich und eine Frau mit einer Schlange trat auf. Mir schwante schon etwas. Auch fühlte ich mich plötzlich etwas unwohl in meiner Haut. Und tatsächlich wurde auch schon ins Publikum gefragt, wer wohl so mutig sei, sich die Schlange um den Hals zu hängen.
„Du!“, zischte es an meiner Seite.
„Ganz sicher nicht!“, zischte ich zurück und rutschte auf meinem Stuhl ein wenig tiefer, in der Hoffnung, dass man mich nicht sehen würde.
Anscheinend war ich tief genug gerutscht, denn derjenige, der das „Opfer“ aussuchte, ging an unserer Stuhlreihe vorbei.
„Glück gehabt!“, meinte mein Mann grinsend.
Ich atmete tief durch und freute mich, dass ich der Auserwählten von meinem Platz aus unbeschadet zusehen durfte. Doch dieses Glück währte nicht lange.Wie drückt es noch ein bekanntes Sprichwort so treffend aus?:
„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“
Nach dieser etwas gefährlicher anmutenden Animation, folgte ein harmloserer Teil des Abendprogramms. So entspannte ich mich wieder und sah zu wie der Mann auf der Bühne mit Bällen und Ringen jonglierte. Das konnte er tatsächlich gut. Danach folgte wiederum eine Frau mit einer besonderen Darbietung. Sie brachte viele Hula-Hoop-Reifen mit und spielte mit ihnen sehr gekonnt auf alle nur möglichen Arten. Unter anderem ließ sie einen Reifen um ihre Hüften kreisen. Doch damit nicht genug, sie warf sich immer mehr Reifen um und lieferte uns eine perfekte Vorführung.
Dies sollte nun auch der letzte Teil des Abendprogramms sein. So dachte ich zumindest und alle anderen wohl auch. Doch dann durchzuckte den Animateur unseres Hotels, der uns durch das Abendprogramm geführt hatte, ein Geistesblitz. Er meinte nun, er müsse wiederum das Publikum einbeziehen. Er fragte gar nicht lange, sondern erklärte sofort:
„Ich brauche jetzt unbedingt zwei Damen und einen Herrn aus dem Publikum!“
Irgendwie hatte ich dies nur mit halben Ohr mitbekommen, da ich innerlich schon mit der Veranstaltung abgeschlossen hatte. Doch auf einmal hörte ich wie mein Peter fingerzeigend meinte:
„Hier, meine Frau!“
Ich warf ihm sofort einen strafenden Blick zu und versuchte mich wiederum so klein wie möglich zu machen. Diesmal allerdings, indem ich scheinbar etwas unter dem Tisch aufzuheben versuchte. Gleichzeitig spürte ich wie jemand neben unserer Stuhlreihe stand. Ich riskierte einen schüchternen Blick und schaute geradewegs in die Augen des besagten Mannes. Lächelnd meinte er nur:
„Darf ich bitten?!“
Jetzt half alles nichts. Ich musste unter dem schelmischen Grinsen meines Mannes auf die Bühne, wo inzwischen noch zwei weitere Urlauber standen. Jeder von uns bekam nun einen Hula-Hoop-Reifen in die Hand gedrückt. Zum Glück nur einen.
Als Kind der Sechziger war mir das Spiel mit diesem Reifen wohlbekannt und ich darf auch sagen, dass ich es oft, gerne und gut gespielt habe. Selbst im Erwachsenenalter habe ich es hin und wieder noch einmal erfolgreich probiert.
Aber man kennt ja den berühmten Vorführeffekt. Außerdem war mein Sommerkleid sicherlich nicht das geeignete Outfit für diese sportliche Betätigung. Und es war ja auch schon ein paar Tage her, dass ich den Hula-Hoop-Reifen habe kreisen lassen. Tausend Argumente fielen mir ein, weshalb es nun nicht klappen würde. Bei den anderen beiden Kandidaten war ich mir auch nicht sicher, inwieweit sie diese Übung beherrschten. Aber alles nutzte jetzt nichts mehr, das Publikum wollte unterhalten werden und anscheinend auch auf meine Kosten. Besonders mein Peter würde sich freuen.
„Aber warte!“, dachte ich mir so.
Doch mehr konnte ich nicht mehr denken, denn ich hörte schon wie der männliche Kandidat neben mir den Ring ohne eine einzige Umkreisung zu Boden fallen ließ.
Das „Och!“ und „Ach!“ des Animateurs ging im Lachen des Publikums unter.
Jetzt war die andere Kandidatin an der Reihe, doch auch bei ihr fiel der Reifen nach unten. Sie schaffte vielleicht ein oder zwei Umdrehungen.

Und dann war ich dran. Es gab kein Zurück mehr. Aber ich würde mich ja nicht alleine blamieren, die anderen Beiden hatten es bereits getan.
Also schlüpfte ich in den Reifen, schob mein linkes Bein etwas nach vorne, positionierte den Ring so an meinem Körper, dass er waagrecht in Höhe meiner Taille hinten am Rücken anlag und hielt ihn an beiden Seiten fest. So! Ich war startklar!
„Auf keinen Fall zu Peter schauen“, dachte ich noch.
Dann gab ich dem Reifen einen ordentlichen Schwung nach links und bewegte mich rhythmisch mit meinen Hüften immer vor und zurück.
Was soll ich sagen? Der Hula-Hoop-Reifen kreiste um meine Hüften und kreiste und kreiste. Immer und immer wieder. Das Publikum begann zu applaudieren und ich ließ immer noch den Ring kreisen, bis er irgendwann nicht mehr wollte.
Man kann sich vorstellen, dass ich stolz und grinsend wie ein Honigkuchenpferd wieder von der Bühne stieg. Und sauer auf meinen Peter war ich auch nicht mehr. Dem aber stand sein Stolz ins Gesicht geschrieben.

Ja, das ist nun schon ein paar Jahre her und stellt Euch vor:
Ich kann es immer noch. Vielleicht nicht mehr ganz so gut und perfekt wie damals. Ich musste ein paar Mal probieren. Aber es klappt! Und jetzt werde ich es wieder öfter spielen, – dieses tolle Spiel mit dem Hula-Hoop-Reifen.

 

 

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17 Kommentare

  1. Hallo Astrid,

    „…die ganze Welt tanzt heute hula hoop“ *sing* jetzt klingt mir dieser alte Titel von Ted Herold im Ohr. Wie lange es schon her ist, als ich das zuletzt gemacht habe ^^ Jahrzehnte 🙂

    Danke für die Erinnerungen 🙂

    Liebe Grüße
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      ich glaube fast der Hula-Hoop-Reifen kommt wieder in Mode.
      An das Lied kann ich mich nur noch ganz dunkel erinnern, aber ich werde gleich mal danach suchen und es mir anhören. Mir war gar nicht bewusst, dass die Jungs auch den Reifen haben kreisen lassen. Ich dachte eigentlich, sie haben ihn nur immer so geworfen, dass er wieder zu ihnen zurück kommt. Kennst Du das?
      LG und ein schönes Wochenende
      Astid

  2. Den hatte ich sofort erkannt.
    Ich konnte es auch ganz gut.
    Aber auf einer Bühne, oha!
    Du hast dich ja bestens geschlagen, meine Hochachtung!

    Es gibt ja nun ein Lied von OMI, das Hoola Hup heißt.
    Der hatte vorher den Cheerleader.
    Liebe Grüße Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Bärbel,
      Björn hat mir auch schon von einem Lied berichtet. Ich habe es mir gleich angehört. Mal sehen, oder besser hören, ob es sich um das selbe Lied handelt.
      Freiwillig wäre ich auch nicht auf die Bühne gegangen, aber mir blieb ja nichts anderes übrig.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, es ist eine schöne Geschichte und du kannst auf dich Stolz sein. Früher habe ich auch mit dem Hula Hoop-Reifen gespielt und fand es schön. Nur wäre ich nie öffentlich aufgetreten. Dein Mann hat, wenn auch unbewusst, deinen Ehrgeiz geweckt. Prima.

    Einen schönen Samstag und liebe Grüße, Margot.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Margot,
      ich wäre selbst auch nicht auf die Idee gekommen. Ich weiß ja, wie das immer so ist mit dem Vorführeffekt, aber in meinem Fall hat ja zum Glück alles geklappt.
      Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen Samstag und hoffe, dass auch bei Dir die Sonne scheint
      Astrid

  4. Martina sagt

    Herrliche Geschichte! Früher, ja früher, da konnte ich es wohl auch – lach!! Im Moment ist es DAS Thema unserer Enkelinnen. Bei der Großen klappt es schon hervorragend, die Kleine muss noch ein bisschen üben! — Ich kann mir gut vorstellen, wie stolz du auf dich warst – und dein Mann erst! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Es ist schön, dass manche Spiele von Generation zu Generation weitergegeben werden. So ergibt sich doch auch immer wieder ein Austausch zwischen Jung und Alt. Man kann jetzt mitspielen oder auch nur anfeuern. Spaß machen beide Varianten.
      LG und einen schönen Sonntag
      Astrid

  5. Liebe Astrid, herzlichen Gruß.
    Ja, so einen Reifen hatte ich auch, nur den bekam ich von einer Freundin geschenkt und der war schon eingerissen und wurde mit Heftpflaster geflickt. Im Ostteil Berlins gab es den ja nicht zu kaufen. Ich war glücklich, einen zu haben und konnte es damals auch gut.
    Hatte das auch mal vor längerer Zeit noch einmal versucht, aber das ging nicht mehr, weil ich nicht mehr so gelenkig bin, kein Hüftschwung mehr drauf.
    Das Bild verriet ja den Hula Hoop-Reifen, gleich erkannt.
    Alles Gute und tschüssi, Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      diejenigen, die selbst schon mit diesem Hula-Hoop-Reifen gespielt haben, konnten ihn natürlich sofort auf dem Foto erkennen.
      Danke für Deinen netten Beitrag zu diesem Thema. Wofür Heftpflaster so alles gut ist 😉 . Eine schöne Erinnerung ist das.
      Danke für Deinen Besuch und herzliche Grüße
      Astrid

  6. Klasse! Wie Du es allen gezeigt hast und Dein Mann dann stolz sein konnte! Ob ich es heut noch bringen würde? Keine Ahnung, vielleicht auch nur 2 oder 3 Umdrehungen. Ich habe keinen Reifen und kann es daher nicht probieren.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Kerstin,
      ich habe meinen Reifen extra wieder heraus geholt und es hat auch geklappt. Ich habe mir vorgenommen, wieder öfter damit zu spielen, denn es macht Spaß und die Bewegung tut gut.
      LG
      Astrid

  7. Liebe Astrid, ja als Kind ,stundenlang bewegte ich mich mit diesem Teil. Vor 3 Jahren wollte ich meine Speckfalten um meineem Bauch minimieren und da war gerade ein rundes mit gruseligen Noppen besetztes Teil sehr „Inn“. Das ließ ich mir kommen. Und glaube nicht, dass dieses Teil, so wie es sein sollte, um meinen Bauch schwang, nein, batsch ,lag es immer wieder auf dem Boden. Mein Mann, der sehr sportlich ist, führte mir es immer wieder mit einer Leichtigkeit vor und die Dame auf dem Video auch. Ich glaube, vier Wochen habe ich gebraucht, um es endlich wieder zu können, wie einst in Kindertagen.Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      ich finde es super, dass Du so voller Ehrgeiz an die Sache rangegangen bist. Und mit Erfolg!!! Alle Achtung! Toll, dass auch Dein Mann diese Technik beherrscht, denn es kommt eigentlich eher selten vor, dass Männer diesen Reifen um die Hüften schwingen lassen.
      Ich werde jetzt auch wieder öfter mit dem Reifen trainieren, denn es macht wirklich Spaß.
      LG
      Astrid

  8. Eine. herrliche Geschichte und über deinen Erfolg habe ich mich gleich mitgefreut. Natürlich habe ich auch das Bild gleich erkannt, bin ja auch ein Kind aus den sechziger (geb. 1949) LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Ich dachte mir schon, wer den HulaHoop-Reifen schon benutzt hat, der erkennt ihn sofort , auch wenn nur ein Teil von ihm abgebildet ist.
      Uns trennen zwar 11 Jahre (ich bin genau 1960 geboren), aber als Kind haben wir sehr viel mit dem Reifen gespielt. Er hat uns immer viel Freude bereitet.
      Ich wünsche Dir eine erholsame Nacht
      Astrid

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