Kurzgeschichten
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Hui!!!

Ich sitze an meinem Schreibtisch, als mein Blick auf einen Gegenstand auf dem Regal fällt. Eigentlich müsste er schon längst entsorgt sein. Es ist nämlich ein thailändischer Kalender* aus dem vergangenen Jahr.
„Ohje!“, denke ich. „Wieso steht der noch dort?“
Im Grunde ist mir die Antwort schon klar: „Weil ich ihn nicht weggeworfen habe, logisch!“, erkläre ich mir die Sachlage selbst.
Die Frage sollte vielleicht eher so lauten:
„Wieso habe ich ihn immer wieder an seinen Platz zurück gestellt?“
Tja, auch das kann ich mir erklären:
„Weil etwas an ihm so niedlich aussieht!“
Ich stehe auf, gehe zum Regal und nehme den Kalender in die Hand. Er ist gefertigt, wie ein gleichschenkeliges Dreieck, so dass er stehen kann. Die Kalenderblätter sind auf die Rückseite geklappt und auf der Vorderseite erscheint somit ein Bild. Dieses zeigt einen Wald und viele verschiedene Tiere. Ein kleines Mädchen hat an einem Ast eine Schaukel befestigt, auf der sie fröhlich hin und her schwingt.
Plötzlich macht es „Klick!“ und mein Kopfkino startet seinen Film. Ich tauche in eine andere Welt ein, in der sich Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Phantasie miteinander vermischen, Entfallenes auf einmal zur Erinnerung wird und meine Gedanken wie Wölkchen auf die Reise gehen:
Die Eichhörnchen tummeln sich in den Baumkronen und hüpfen von Ast zu Ast. Ich höre das Gezwitscher der Vögel und den Ruf der Eule. Alles ist harmonisch und friedvoll, obwohl die Tiere des Waldes keineswegs zusammenpassen.
„Ein seltsames Trio“, denke ich. „Ein Hirsch, ein Elefant und ein Pfau!“
Irgendetwas scheint ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In diesem Moment kann ich es auch vernehmen. Es ist ein fröhliches Lachen und Jauchzen, das die Luft durchdringt und selbst die Vögel für ein Weilchen verstummen lässt. Alle lauschen mit angehaltenem Atem. Mein Blick wandert in die Richtung aus der diese alles um sich herum vergessende Fröhlichkeit kommt, – nämlich zu dem Mädchen auf der Schaukel. Ich sehe wie sie begeistert die Beine in die Lüfte schwingt, damit die Schaukel höher und höher mit ihr fliegt. Ihre langen Zöpfe schwingen im gleichen Rhythmus mit. Und jetzt erkenne ich auch das Mädchen. Es ist Klein-Astrid. Ich bin das Mädchen. Ich sitze auf meiner Schaukel und genieße das Leben gerade in vollen Zügen.
„Hui!“ , rufe ich aus. „Höher! Höher!“
Auf einmal hängt die Schaukel nicht mehr am Ast eines Baumes, sondern dort, wo sie hingehört. Ich bin bei meinem Opa. Er steht auf der Eingangstreppe seines Hauses und schaut mir lächelnd zu, wie ich in der offenen Tür des Nebengebäudes lachend und quietschend auf meiner Schaukel vor und zurück schwinge. Ich lasse die Schaukel langsam auspendeln, springe dann ab und laufe zu dem Hund meines Opas, der faul auf dem Hof in der Sonne liegt.
„Braver Bazi!“, sage ich und streichele ihm über das schwarzweiße Fell. Danach gehe ich zu meinem Opa und nehme ihn an der Hand.
„Geh’n wir auf den Spielplatz?“, frage ich und ziehe ihn schon in Richtung Gartentor.
Auf dem Spielplatz gibt es zwei Schaukeln, eine Rutschbahn, eine Wippe, ein Klettergerüst, selbstverständlich ganz viel Sand und einen großen Fliegenpilz. Zu groß für mich. Selbst wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, komme ich nicht an seinen roten Pilzhut heran.
„Bitte heb mich hoch!“, bettele ich und hüpfe ungeduldig vor meinem Opa von einem Bein auf das andere.
„Hopp!“, ruft er aus und schwingt mich in die Höhe. „Halt dich gut fest! Ich drehe und wenn du dich nicht mehr halten kannst, dann sag es.“
Opa dreht langsam den großen Fliegenpilz und läuft mit, damit er mich rechtzeitig auffangen kann.
„Schneller!, rufe ich und zappele mit den Beinen. Doch lange kann ich mich nicht mehr halten und lasse mich in die Arme meines Opas fallen. Schnell laufe ich zur Schaukel, denn ich muss ausprobieren, ob ich mit ihr genauso hoch schaukeln kann, wie mit derjenigen bei meinem Opa. Das Mädchen, das neben mir schaukelt, ist schon größer und mutiger als ich. Sie springt sogar während des Schaukelns ab, aber das traue ich mich noch nicht. Ich bin ja auch noch nicht groß.
Selbstverständlich muss ich auch alle anderen Spielgeräte noch ausprobieren, bevor ich mit meinem Opa wieder nach Hause gehe. Gerade als ich von der untersten Sprosse des Klettergerüstes hüpfe, gibt es ein seltsames Geräusch, das mich irritiert. Noch bevor ich merke, was es mit diesem Geräusch auf sich hat, höre ich es wieder. Es ist ein Schnipsen. Ich reise die Augen weit auf und…
… sehe meinen Mann mit den Fingern schnipsend und grinsend vor mir stehen.
„Du träumst wohl! Wo warst du denn gerade?“
„Ziemlich weit weg“, sage ich und stelle den Kalender wieder ins Regal, wodurch die Schaukel mit dem Mädchen sanft hin und her schwingt. Fast ist es mir, als rufe sie mir die zwei Worte zu, die unser Sohn immer rief, wenn er nicht von der Schaukel steigen wollte, um vom Spielplatz nach Hause zu gehen.
Kaum hörbar wiederhole ich diese Worte und gebe dem Kalendermädchen auf der Schaukel einen leichten Schups.
„Noch einmal!“

 

 

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*Leider ist mir der Name des Künstlers nicht bekannt. Der Kalender ist ein Geschenk von der Firma PTT Public Company Limited aus Bangkok.

13 Kommentare

  1. welch eine entzückende und lebendige Geschichte liebe Astrid, ich hab laut gelacht als ich sie las…
    so fröhlich und beschwingt; – ja soo kann man träumen und die nur, weil es ein Kalenderbild ist das einem urplötzlich solch schöne Träume mitbringt! Schade, ja jammerschade dass dich dein Männe so abrupt aus deinem Traum gelöst hat!:::aber auch das war nur ein Tagtraum:::
    ich hätte gerne noch weitergeträumt; schön war die zeit als wir es noch so konnten…
    sie
    hat mich völlig entspannt…
    großes Freu…
    angel

    • Astrid Berg sagt

      Wahrscheinlich war ich auch gerade in der richtigen Stimmung zum Träumen. Ich sah den Kalender und schwups war ich mitten drin. 🙂
      Liebe Wochenendgrüße
      Astrid

  2. Was für ein schöner Kalender, den kann man doch nicht gleich entsorgen. So vieles gibt es da drin zu entdecken. Vielleicht kannst du dieses eine Bild weiter verwerten? Einen neuen Kalender basteln, für Kinder wäre das sicher sehr interessant.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ich habe den Kalender auch wieder zurück gestellt und da bleibt er auch noch ein Weilchen. Vielleicht entferne ich auch nur die Kalenderblätter.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Astrid

  3. Liebe Astrid, nein, den mußte Du aufheben, das ist doch eine Rarität. „Noch einmal“, das kenne ich auch von mir und von allen Kindern mit denen ich auf dem Spielplatz oder auf der Kerb war.Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ihr habt mich alle überredet, – ich behalte den Kalender und gestalte ihn eventuell um. 🙂
      Liebe Grüße
      Astrid

  4. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    bei mir liegen auch noch alte Kalender, die ich nicht weggeworfen habe, weil so schöne Bilder drin sind – Windmühlen, oder Schlösser, schöne Parks oder tolle alte Häuser. Ein thailändischer Kalender ist allerdings nicht dabei …
    Schön, wie einen ein solches Bild plötzlich in die Kindheit zurückversetzen kann!
    Ich wünsche Dir ein wunderschönes Wochenende!
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Dieser Tagtraum kam ganz plötzlich, dabei steht der Kalender nun schon länger als ein Jahr an der genannten Stelle. Aber an diesem Tag hat er mich wieder in meine Kindheit zurück versetzt. Seltsam, aber es war ein schöner Ausflug 🙂 .
      LG
      Astrid

  5. Liebe Astrid,
    ich würde es nicht übers Herz bringen, diesen Kalender wegzuwerfen. Der hat etwas Besonderes. Ich selbst bringe es am Jahresende seltens übers Herz, Kalender wegzuwerfen. Einige schöne Kalender habe ich deswegen schon in meiner Sammlung.
    Und deine erträumte Geschichte passt wunderbar zu diesem Kalender.

    Schöne Wochenendgrüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Nach diesem Tagtraum hat der Kalender für mich auch etwas Besonderes und ich kann ihn nicht entsorgen. Vielleicht entsorge ich nur die Kalenderblätter und behalte das Kalendermädchen, das im Wald schaukelt.
      Bis jetzt steht er auf jeden Fall noch an besagter Stelle.
      Herzliche Grüße
      Astrid

  6. Oh, das war eine wundervolle Tagtäumerei, liebe Astrid, der Kalender solle eigentlich einen Ehrenplatz bekommen, wenn er so hübsche, wertvolle Erinnerungen bei dir auslöst! Ist es nicht herrlich, dass wir manchmal sogar zu jenen Zeiten und Menschen und Hunden namens Bazi zurückkehren können, die in der sogenannten Realität zur Vergangenheit gehören… Für kostbare Momente sind sie das Hier und Jetzt…
    Danke für diese schönen Schilderungen
    Herzliche Rostrosengrüße, Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/02/anl-14-was-sich-im-letzten-jahr-bei-den.html

    • Astrid Berg sagt

      Wie könnte ich jetzt noch diesen Kalender entsorgen? Nein, das geht jetzt gar nicht mehr, nachdem ihr mich alle davon überzeugt habt, dass ich ihn einfach behalten muss 😉 . Zumindest das Kalendermädchen auf der Schaukel wird bleiben. 100%ig!!! Das ist versprochen.
      Ich schicke Dir liebe Wochenendgrüße
      Astrid

  7. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    Ja, gell, wer diese Tierchen mag hat mir auch geantwortet. Ich danke Dir sehr dafür und vielleicht erinnert sich Dein Mann auch wieder zurück als Kuno seine Bahnen bei ihm zog. Ich hab den Kuno in Memorium mal schon auf meine VIP Liste gesetzt, der Name ist so genial, er darf nicht verschwiegen werden. Mal sehen was er beisteuern kann, wenn er denn zur Frau Meier Party kommt. Liebste Grüße von der Helga

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