Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
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Herbstprobleme – Frauenprobleme

Es ist Herbst. Der Vorbote für die kühlere Jahreszeit. 
„Schade!“, findet Luise, denn sie liebt den Sommer. “Aber auch nicht schade!“, fügt sie in Gedanken hinzu. „Ein goldener Herbst hat auch etwas für sich.“
Luise sitzt mit geschlossenen Augen auf ihrem kleinen Balkon und hält das Gesicht in die Herbstsonne. Diese Momente genießt sie, auch wenn die Sonne nicht mehr die Kraft hat, um den ganzen Tag ihre wärmenden Strahlen zur Erde zu schicken.
„Auf jeden Fall freue ich mich schon jetzt auf den kommenden Sommer“, überlegt sie. 
Als sie die Augen öffnet, blickt sie in einen strahlend blauen Himmel und plötzlich freut sie sich auch über das, was kommen wird. Die bunten Blätter, die steigenden Drachen, das Lachen der Kinder, wenn sie im Laufen das Laub aufwirbeln oder in die Pfützen springen.
„Pfützen!“
Das ist das Stichwort für Luise. 
„Schuhe!“, durchfährt es ihre Gedanken. „Mein Gott ich brauche ordentliche Schuhe!“
Vorbei ist es mit dem Barfußlaufen, den Flipflops oder den Sandalen. Strümpfe und festes Schuhwerk ist jetzt wieder gefragt.
„Mein Gott!“, fährt ihr der Schreck in die Glieder. „Hab ich überhaupt noch ordentliche Schuhe?“
Luise ist in Sekundenschnelle auf den Füßen, die in luftigen Schühchen stecken und rennt zu ihrem Schuhschrank in der Diele. 
„Nichts! Nur Sommerlatschen!“ kommt es im Flüsterton über ihre Lippen.
Wer Luise jetzt sehen könnte, würde ihre Blässe bemerken, die plötzlich in ihrem Gesicht aufgestiegen ist.
„Wo sind sie denn hin? Ich werde doch im Frühjahr beim Ausmisten nicht alle meine anderen Schuhe weggeworfen haben. Mit den zwei Paar Pumps komme ich höchstens noch zwei Wochen über die Runden, dann fängt das Matschwetter an.“
Der Schreck steht Luise ins Gesicht geschrieben, doch dann fällt ihr der Keller ein. Genau, sie hat eine alte Reisetasche mit Schuhen gepackt. 
„Die muss doch irgendwo sein?!“
Inzwischen ist Luise im Keller und durchforstet jede Ecke und jeden Winkel, aber irgendwie bleibt die Reisetasche verschwunden. Sie liegt weder unter dem Regal, noch auf dem alten Schrank von Tante Inge. 
„Oh nein! Ich hab doch Sachen zum Sperrmüll gebracht. Da war auch eine alte Reisetasche dabei. Da waren doch hoffentlich nicht die Schuhe drin! Bestimmt habe ich sie vorher rausgenommen und in eine der Kisten dort drüben geräumt.“
Luise gibt die Hoffnung nicht auf. Irgendwo müssen doch ihre Schuhe sein. Im obersten Karton waren sie zumindest nicht. 
„Wahrscheinlich im untersten“, überlegt sie. „Das ist laut Murphy immer so!“
Irgendwie zweifelt Luise mittlerweile an ihrem Verstand. Leidet sie unter Gedächtnisschwund oder was ist los? Sie sieht sich in Gedanken, wie sie die Schuhe fein säuberlich in der alten Reisetasche verstaut. Aber weder Tasche noch Schuhe sind auffindbar.
„Wie auch“, muss sich Luise eingestehen, „wenn ich die Tasche doch weggeworfen habe. Da bin ich mir ganz sicher. Sie ist auf dem Sperrmüll gelandet.“
Luise kann die Welt nicht mehr verstehen. Sie weiß ganz genau, dass sie keine Tasche wegwirft ohne sich vorher zu vergewissern, dass sie leer ist. 
„Trotzdem! Ich habe die Schuhe in die Tasche geräumt. Nur ausgeräumt habe ich sie nicht mehr. Jedenfalls kann ich mich absolut nicht daran erinnern. Verflixt nochmal!!!“
Inzwischen sieht es im Keller aus wie auf einem Basar. Alles liegt kreuz und quer. Dinge, von denen sie noch nicht einmal mehr ahnte, dass sie noch existieren, hat sie gefunden. Aber keinen einzigen Schuh. Luise ist mit den Nerven fertig. Sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, lässt alles liegen wie es ist, löscht das Licht im Keller und geht wieder nach oben in ihre Wohnung.
„Ich könnte heulen! Meine schönen Schuhe. Erst letzten Winter habe ich mir die tollen roten Stiefel gekauft, um die mich jede meiner Freundinnen beneidet hat. Und die schwarzen Stiefeletten mit den hohen Absätzen und die braunen Halbschuhe aus Velourleder und, und… Oh, meine Schuhe! Alle weg!“
Luise geht ins Schlafzimmer, lässt sich bäuchlings auf das Bett fallen und vergräbt das Gesicht im Kissen.
„Ahhhhh!“
Der Schrei kommt tief aus ihrem Inneren und hallt durch das Zimmer. 
„Das neue Bett!“
Blitzschnell springt Luise auf und reißt mit Schwung den Bettkasten unter der Matratze auf. Ein erneuter Schrei ertönt, als sie eine alte Decke im Bettkasten entdeckt. Eingewickelt in diese Decke liegen alle ihre Schätze, – ihre Schuhe. Und jetzt erinnert sie sich auch wieder. Als sie das alte Bett und einige andere Utensilien, darunter auch die kaputte Reisetasche, beim Sperrmüll entsorgt hat, verstaute sie ihre Schuhe im Bettkasten des neuen Bettes.
„Was ist denn hier los? Ich habe zwei markerschütternde Schreie gehört.“
Christian, ihr Lebensgefährte, steht in der Schlafzimmertür und blickt auf Luise hinab, die inmitten ihrer Schuhe auf dem Fußboden sitzt. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Freudentränen.

 

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