Für Kinder, Kurzgeschichten

Glück im Unglück

Egon läuft gerade den Bürgersteig entlang. Er hat heute gar keine gute Laune, denn sein Bauch knurrt unüberhörbar. Er hat seit vorgestern nichts Anständiges mehr gefuttert und jetzt ist es bereits Mittag.
„Also wird es langsam mal Zeit einen kleinen Bissen zu sich zu nehmen“,sagt er sich selbst.
Mit gesenktem Blick läuft er den Weg entlang. Er sieht sich schon dem Hungertod nahe, da erblickt er einen gefüllten Abfallbehälter. Schnell ein Rundumblick und schon steuert er zielstrebig auf den verheißungsvollen Schatz zu. Stück für Stück arbeitet er sich durch den Müll.
„So ein Pech“, denkt er frustriert, als er mit seiner Schatzsuche am Boden des Behälters angekommen ist. „Nichts drin heute, auch nicht der kleinste Krümel. Alles nur leere Dosen, Papier und ausgetrunkene Kaffeebecher.“
Egon versteht die Welt nicht mehr. Das gab es ja noch nie.
„Ich werde wohl den nächsten Tag nicht mehr erleben, wenn mich mein Glück so verlassen hat. Aber vielleicht wartet es ja schon an der nächsten Ecke“, spricht er sich selbst im Stillen Mut zu.
An der nächsten Ecke passiert allerdings gar nichts und an der übernächsten Ecke auch nicht. Frustriert lässt er sich auf einer Bank nieder. Irgendwann muss doch mal jemand vorbei kommen, der ihm eine Kleinigkeit hinlegt.
Als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich jemand kommt, um sich auf die Bank zu setzten, verscheucht dieser den armen Egon mit groben Worten:
„Was machst du denn hier? Mach, dass du verschwindest! Du machst alles nur schmutzig und niemand mag sich dann mehr auf die Bank setzen.“
Erschrocken sucht Egon das Weite. Von solchen Menschen kann er keine Hilfe erwarten.
„Sie haben kein Mitleid mit armen Geschöpfen, wie ich es bin“, denkt er traurig.
Inzwischen fühlt sich Egon schon ganz schwach und seine sowieso dünnen Beine können ihn kaum noch tragen.
„Aber das Jammern hilft mir auch nicht weiter, ich muss eben anderswo mein Glück suchen. Wenn ich nur nicht so alleine wäre…“
Tief in seine Gedanken versunken, vernimmt Egon inmitten des Straßenlärms auf einmal eine bekannte Stimme.
„Egon, Egon! So warte doch auf mich. Wo willst du denn hin und warum torkelst du so?“
„Ach Lieschen, du bist es. Schön dich zu treffen. Ich finde heute einfach kein Essen, mir ist schon ganz schlecht und Kraft habe ich auch keine mehr. Wenn ich nur wüsste, wo ich etwas finden kann.“
„Schau mal, dort drüben sitzen die anderen. Die wissen bestimmt wo es etwas gibt. Ich habe nämlich auch schon großen Hunger.“
„Lieschen, ich schaffe es nicht mehr bis zu den anderen rüber. Ich bleibe jetzt hier und warte auf den sicheren Tod“ verkündet Egon.
„Nein, warte nicht auf den Tod, warte auf mich. Ich bin gleich wieder da“, verspricht Lieschen ihm.
Mit diesen Worten macht sie sich auf den Weg. Egon sieht, wie sie sich ein Weilchen zu den anderen Freunden gesellt und dann entschwindet. Es dauert gar nicht so lange, wie Egon vermutet hätte, da taucht Lieschen wieder auf. Sie hat etwas Eßbares dabei. Viel ist es nicht, aber es verleiht Egon wieder Kraft und den Mut nicht aufzugeben.
„Komm mit!“, sagt Lieschen. „Ich weiß jetzt, wo es etwas für uns zu essen gibt. Dort herrscht der reinste Überfluss und stell dir vor, es reicht sogar für uns alle.“
„Das hört sich vielversprechend an“, denkt sich Egon und folgt fix seiner Freundin.
„Oh!“, entfährt es ihm. „Das ist ja das reinste Paradies!“
„Ja genau! Und das Schöne daran ist, dass es immer wieder Nachschub gibt“, erklärt ihm Lieschen.
„Wie hast du diese Goldgrube nur ausfindig gemacht?“, will Egon von seiner Freundin wissen.
„Haha“, lacht Lieschen. „Das pfeifen die Spatzen von den Dächern! Du musst nur auf sie hören und aufpassen, wenn die Tür aufgeht. Dann huscht du ganz schnell hinein und schnappst dir etwas.“
„Mama, Mama! Schau nur! Zwei kleine Spatzen! Sind die niedlich. Ich werfe ihnen gleich ein paar Krümel von meinem Brötchen hin“, begeistert sich ein kleines Mädchen.
Doch schon kommt aus einer anderen Ecke die schrille Stimme der Bedienung.
„Macht, dass ihr rauskommt! Sch! Sch!“
Sie fuchtelt mit den Händen, reißt die Tür auf und scheucht die beiden Spatzen nach draußen. Egon und Lieschen können sich gerade noch jeder einen kleinen Brocken in den Schnabel stecken, bevor sie flatternd die Bäckerei verlassen.
Doch schon beim nächsten Kunden öffnet sich Tür erneut und die Beiden huschen wieder hinein. Dieses Mal stellen sie es schlauer an. Sie fliegen auf die Lampe und lassen sich dort nieder. Von dort oben haben sie den besten Blick und sobald sie ein Krümelchen fallen sehen, schnappen sie sich den Leckerbissen und flüchten sich in eine Ecke, in der sie sich unbeobachtet fühlen. Mit der Zeit werden sie wagemutiger und setzen sich auch schnell mal auf die Stuhllehne oder den Tisch, was allerdings nicht alle Kunden erfreut. Und so werden sie zum wiederholten Male nach draußen gescheucht, aber inzwischen haben sie sich den Bauch schon tüchtig voll geschlagen.
„Uff!“, stöhnt Egon. „Ich platze gleich. Jetzt muss ich erst einmal eine Pause einlegen, sonst bin ich zu schwer zum Fliegen.“
„Komm, lass uns eine Runde um den Block fliegen, dann holen wir uns die nächste Essensration ab“, schlägt Lieschen vor. „In der Zwischenzeit können sich unsere anderen Freunde daran gütlich tun.“
Als Egon und Lieschen am späten Nachmittag wieder auf der Lampe in der Bäckerei sitzen und auf die nächsten Krümelchen hoffen, verlassen gerade zwei andere Spatzen den Laden.
„Ach, ist das Leben schön“, zwitschert Egon vergnügt vor sich hin und teilt sich dann mit Lieschen einen dicken Brotkrumen.

 

 

 

Vielleicht möchtet Ihr das noch lesen:

Ein süßes Hörnchen und zwei kleine Diebe

Frau Fröhlich und Herr Trüb

Wo geht es hier zur…?

11 Kommentare

  1. Als wir vor ein paar Jahren in Kastelruth Kurzurlaub machten, saßen wir nachmittags auf einer Caféterrasse, wo sich jede Menge Spatzen um die Krümel rauften, auch auf den Tischen. Das waren die „Kastelruther Spatzen“. 🙂

    Liebe Grüße
    Traudi

  2. Eine sehr nette Geschichte ist das liebe Astrid. Es gibt gar nicht mehr so viele Spatzen wie früher leider oder bilde ich mir das nur ein.

    Herzliche Grüße
    Kerstin

    • Astrid Berg sagt

      Entschuldige bitte, dass ich erst jetzt auf Deinen Kommentar antworte, aber manchmal lässt das Leben nicht genügend Zeit. Ob es mittlerweile weniger Spatzen gibt als früher, kann ich nicht eindeutig beantworten. Ich habe allerdings festgestellt, dass überall, wo gekrümel wird, auch Spatzen oder Tauben sind, die sich auf diese Krümel stürzen. Wenn es nicht gleich unzählige dieser Vögel sind, dann habe ich eigentlich auch immer meine Freude an ihnen.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Ich bin froh, dass mittlerweile die zweistelligen Minusgrade vorüber sind. Das lässt doch hoffen ;-).
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, herzliche Grüße.
    Eine schöne Geschichte hast Du da wieder erzählt.
    Die Spatzenpopulation ist in den vergangenen Jahren sehr zurückgegangen.
    Unsere Ligusterhecke im Hof ist aber voll mit ihnen. Woanders sieht man sie gar nicht.
    Morgens um 9 Uhr und mittags tschilpt die ganze Hecke. Ein lautstarkes Konzert.
    Tschüssi, alles Gute wünscht Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Vielleicht haben sich die Spatzen nur an anderen Stellen verteilt. Ich weiß nicht, ob es weniger geworden sind. Die Hecke bei unseren Glascontainern ist jedenfalls voll von ihnen. Dort findet immer ein lautstarkes Zwitscherkonzert statt ;-).
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Auch Dir wünsche ich einen angenehmen Tag ohne Kummer und Sorgen und mit viel Spaß am Leben.
      LG
      Astrid

  4. Hallo liebe Astrid. Wer kennt sie nicht, die bettelnden Vögelchen? Meist sind es Tauben, dann kommen die Spatzen. Und ich freue mich immer – egal wo – wenn sie was zum Futtern finden. Es wird genug gekrümelt und weggeschmissen, da bleibt doch immer was für die Tierwelt übrig.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ich freue mich auch immer über die emsigen Vögelchen. Meinem Mann haben sie sogar schon einmal die Krümel aus der Hand gepickt :-). Aber es gibt auch Menschen, die darüber gar nicht erfreut sind und sich gestört fühlen, das habe ich auch schon festgestellt.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

Kommentare sind geschlossen.