Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten
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Glück gehabt

Der achtjährige Lars und seine fünfjährige Schwester Susi drücken sich die Nase an der Fensterscheibe platt. Seit einer Stunde schneit es ununterbrochen und zwar so heftig, dass man fast die eigene Hand nicht vor den Augen sehen kann. Inzwischen liegen bestimmt schon fünfzehn Zentimeter Schnee.
„Wann können wir endlich raus?“, fragt Lars die Mutter.
„Wenn es nicht mehr so heftig schneit. Kommt erst einmal in die Küche. Ich habe euch eine lecker heiße Schokolade gemacht.“
Lars und Susi lieben heiße Schokolade und setzen sich daher gehorsam an den Küchentisch. Ihr Blick wendet sich allerdings nicht vom Fenster ab. Sie wollen es doch nicht verpassen, wenn der Schneefall endlich nachlässt. Und tatsächlich, plötzlich ist es als hätte jemand einen Schalter gedrückt. Von einem Moment zum anderen fallen nur noch vereinzelte Schneeflocken vom Himmel.
Susi und Lars trinken schnell ihre Tassen aus, als es fast zeitgleich an der Haustür klingelt. Es ist Robert, der Nachbarsjunge und Schulfreund von Lars.
„Ich will Lars abholen!“, verkündet er.
„Na dann mal raus mit euch!“, lacht die Mutter. „Und passt auf Susi auf!“
„Nnnnh!“, entfährt es Robert, denn er ist nicht erpicht Aufpasser für ein kleines Mädchen zu spielen.
„Ich wollte eigentlich mit Lars eine Schneeballschlacht machen“, erwidert er ein wenig trotzig.
„Du bist doof!“, ruft Susi, die genau gemerkt hat, dass Robert sie nicht dabei haben will. „Ich bin schon groß und kann auch Schneebälle werfen, also kann ich auch mit!“
„Klar kommt Susi mit!“, bestimmt Lars. „Los zieh dich an!“, befiehlt er seiner Schwester.
Die Drei stapfen mit ihren dicken Winterstiefeln durch den Schnee zur Wiese vor dem Haus. Auch die Mutter ist mitgekommen, denn sie will die Einfahrt freischaufeln, damit der Vater am Feierabend mit dem Auto in die Garage fahren kann.
Die drei Kinder vergnügen sich währenddessen bei einer kleinen Schneeballschlacht, bei der Susi ebenfalls mithalten kann.
Als die Mutter mit ihrer Arbeit fertig ist, geht sie zu den Kindern rüber. Sie macht Susi einen Vorschlag und gibt den Jungs damit die Gelegenheit eine richtige „Männerschneeballschlacht“ zu machen.
„Hast du Lust mit mir einen Schneemann zu bauen?“, fragt sie ihre Tochter, die natürlich sofort Feuer und Flamme ist. Gemeinsam machen sie sich gleich ans Werk.
Als es langsam zu dämmern beginnt, ist es Zeit für alle wieder nach Hause zu gehen. Auch Robert verabschiedet sich, weil sein Vater gestern Abend eine lebendige Überraschung für ihn mitgebracht hat und er sich dieser noch widmen möchte. Eigentlich wollte er  seinem Freund Lars heute davon erzählen, aber durch die Schneeballschlacht hat er es vergessen.
„Tschüss bis morgen! Dann muss ich dir unbedingt Karli vorstellen!“, ruft er Lars zu, doch die letzten Worte verschluckt der Schnee.
„Das ist ja ein schöner Schneemann geworden“, lobt Lars seine Schwester. „Du musst ihm nur noch eine Karotte als Nase geben, denn das sieht viel lustiger aus als ein Stein. Einen alten Schal und einen Hut braucht er auch noch.“
„Geh mal schnell in den Schuppen“, fällt der Mutter ein, „dort am Haken rechts neben der Tür hängen noch Schal und Hut von Großvater Fritz. Ich hole inzwischen eine Karotte aus der Küche.“
Lars spurtet los und kommt kurz darauf mit den beiden Sachen wieder.
„Sieht doch schon viel besser aus!“, meint der Junge als Hut und Schal den Schneemann schmücken.
Nachdem die Mutter diesem noch die Karotte ins Gesicht gedrückt hat, lächelt ihnen ein perfekter Schneemann entgegen und die Kinder stehen klatschend vor Freude davor.
„Jetzt aber mal schnell nach Hause!“, sagt die Mutter.
„Tschüß Felix!“, ruft Susi. „Morgen komme ich dich wieder besuchen!“
„Aha, Felix heißt der weiße Mann also“, schmunzelt die Mutter.
„Ja, genau wie mein Freund aus dem Kindergarten, der manchmal sein Frühstück mit mir teilt!“, verrät das Mädchen.
Kaum sind alle im Haus verschwunden ereignet sich etwas, von dem die Kinder zunächst nichts mitbekommen, dessen Folgen sie aber am nächsten Tag sehen.
Stolz und stumm steht der Schneemann da, als er plötzlich ein leises Piepsen hört.
„Wer ist da?“, fragt er verwundert in die immer dunkler werdende weiße Landschaft hinein. „Und wo bist du?“
„Hier unten!“, piepst es zurück.
„Ich kann dich nicht sehen. Stell dich ein bisschen weiter weg, damit du in mein Blickfeld kommst. Ich kann meinen Kopf nämlich nicht bewegen.“
„Siehst du mich jetzt?“
Ganz angestrengt schaut der Schneemann geradeaus und erkennt nur noch einen kleinen Punkt im Schnee, der sich bewegt.
„Hier!“, ruft die piepsende Stimme. „Ich bin das kleine Mäuschen, hier!“
„Warum bist du nicht in deinem Zuhause, du versinkst ja ganz im Schnee?!“
„Ich bin erst gestern Abend in mein neues Heim eingezogen und da wollte ich mich einfach mal hier in der Gegend ein bisschen umsehen. Also bin ich vorhin heimlich ausgebüxt. Plötzlich habe ich mich verlaufen und jetzt kann ich mein Zuhause nicht mehr finden. Und Futter habe ich auch nicht entdecken können. Ich muss jetzt elendig erfrieren und verhungern.“
„Ach, du armes Kerlchen!“, sagt der Schneemann mitleidig. „Dir muss geholfen werden!“
„Ja bitte!“ piepst es.
„Nur wie?“, sagt der Schneemann. „Lass mich mal überlegen!“
„Schnell! Es ist bitterkalt, wird immer dunkler und und mein Magen knurrt wie verrückt!“
Es ist plötzlich ganz still und das Mäuschen bekommt Angst, dass der Schneemann eingeschlafen ist. Es kommt ihm vor, als würde es eine halbe Ewigkeit dauern, bis der Schneemann endlich wieder spricht.
„Ich hab’s!“, ruft er freudig aus.
„Schnell, bitte!“
„Meine Nase!“
„Was ist mit deiner Nase? Bist du erkältet?“
„Quatsch! Meine Nase ist eine Karotte. Wenn du magst kannst du ein bisschen an ihr knabbern. Solange bis du satt bist.“
„Oh ja!“, freut sich das Mäuschen. „Karotten sind meine Lieblingsspeise! Wirf sie gleich mal runter zu mir!“
„Das geht nicht. Du musst schon zu mir rauf kommen!“, sagt der Schneemann.
„Das wäre ja auch zu schön um wahr zu sein“, piepst das Mäuschen traurig. „Wie soll ich denn zu dir hochkommen?“
„Schau mal“, schlägt der Schneemann vor. „Mein rechter Arm ist ein kleiner Zweig, der ein wenig nach unten gerutscht ist. Spring einfach darauf, krabbele ihn entlang und den Rest bis zu meiner Nase schaffst du dann auch noch.“
Das Mäuschen trippelt näher, hopst auf den Arm des Schneemanns und bald schon ist es an seiner langen Karottennase angelangt.
„Mmmh! Ist das lecker!“, schmatzt das Mäuschen vor sich hin und der Schneemann freut sich. Ihm tut es nicht weh und dem kleinen Tierchen ist geholfen.
„Danke! Jetzt muss ich nicht verhungern“, sagt es glücklich, aber auch ein bisschen traurig. „Wenn ich nur nicht erfrieren muss heute Nacht, dann wäre jetzt alles gut!“
„Ach!“, lächelt der Schneemann. „Da kann ich dir auch helfen. Klettere noch ein wenig höher hinauf. Auf meinem Kopf sitzt doch ein alter Hut. Unter den kannst du dich verkriechen und die Nacht verbringen!“
Kaum eine Minute später, hört der Schneemann ein wohliges Piepsen und verspürt ein leichtes Kratzen auf seinem Kopf, das ihm verrät, dass es sich das Mäuschen unter dem Hut gemütlich gemacht hat. Er meint sogar kurz darauf ein leises Schnarchen zu vernehmen.
Am nächsten Morgen können es Susi und Lars kaum erwarten nach dem Schneemann zu sehen.
„Was ist das denn? Wer hat denn hier von deiner Karottennase genascht, Felix?“, fragt Susi den weißen Mann.
„Schau mal!“, flüstert Lars. „Der Hut bewegt sich!“
Verschlafen schaut das Mäuschen unter dem Hut hervor und in die Augen der Kinder, als aus der Ferne Roberts traurige Stimme ertönt.
„Karli, Karli! Wo bist du, mein kleines Mäuschen?“

 

 

 

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10 Kommentare

  1. Hallo Astrid,

    die Geschichte hat mir sehr gut gefallen, da bin ich so richtig eingetaucht – passte auch sehr gut in die Jahreszeit, wobei für Schneemänner hat es bei uns entweder noch nicht gereicht oder die Kinder haben dazu keine Lust mehr gehabt 🙁

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      auch wir hatten noch nicht so viel Schnee, um einen Schneemann zu bauen. Jetzt will ich auch keinen mehr, – erst gegen Ende des Jahres wieder. Heute waren es 11 Grad bei uns und man sollte meinen, der Frühling stehe vor der Tür. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden.
      LG
      Astrid

  2. eine ganz süsse Geschichte liebe Astrid, ich musste viel schmunzeln, lebendig und lebensnah, so richtig was zum vorlesen während Schneeflocken um die fensterscheiben tanzen….
    liebe Grüße
    immer noch schmunzelnd Angelface…
    ich finde, es werden in den Blogs viel zu wenig “ geschichten erzählt,,,
    :-))

  3. Eine lustige Wintergeschichte Astrid. Letzten Winter habe ich hier so viele Schneemänner gesehen, dieses Jahr gab es noch keine Gelegenheit dazu. Aber es kann ja noch viel Schnee kommen.
    Liebe Grüße in den Nachmittag von Kerstin.

  4. Na da hat Robert nochmal Glück gehabt, dass sein Mäuschen so gut versorgt wurde.
    Eine schöne Geschichte, liebe Astrid.
    Da erinnere ich mich an meine Kindheit. Wir hatten jeden Winter jede Menge Schnee. Kaum kam ich von der Schule, war ich auch schon draußen. Es gab einige Schneeballschlachten, auch mir Jungs, die viel härtere Schneebälle warfen als die Mädchen. Und natürlich entstanden auch einige Schneemänner. Die hatten Knöpfe und Augen aus Eierkohlen.

    Viele liebe Grüße
    Traudi

  5. Liebe Astrid, herzliche Abendgrüße.
    Was für fantasiereiche Erzählung.
    Als Kind baute ich auch als Erste einen Schneemann, wenn genügend Schnee vorhanden und auf dem Hof war die Wiese wieder grün.
    Leider ist Schnee selten geworden, aber wir hatten ja schon kurzzeitig Schnee und da stand auch schon ein kleiner Schneemann auf der Hofwiese.
    Lange vereiste Schlitterbahnen machen, steht heutzutage nicht mehr bei den Kindern auf der Freizeit-Spielliste von draußen. Schneeballschlacht und Schneemann bauen eigentlich auch nicht so. Eher noch Schlittenfahren.
    Sogar ich würde auch noch die schönen Winterfreuden mitmachen. Rodeln, mit meinem Sport-Lenkrodel auf der glatten Schneepiste, ist natürlich ein Muß für mich, solange ich noch den Berg hochkomme und genügend Schnee in Berlin vorhanden ist.
    Bahn frei-Osterei ! ! !
    Tschüssi Brigitte

  6. Liebe Astrid,

    herzig ist die Geschichte. Schade, dass hier kein Schnee weit und breit zu sehen ist, denn auch ich würde gerne mal wieder einen richtigen Schneemann bauen, vielleicht kommt ja dann auch ein Mäuschen vorbei ♥

    Liebe Grüße
    Kerstin

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      jetzt mag ich keinen Schneemann mehr bauen,- jetzt will ich den Frühling mit offenen Armen empfangen. Heute hatten wir bereits 11 Grad und das im Januar. Also bitte, erst wieder Schnee zu Weihnachten. 🙂 Dann verpflichte ich mich auch einen Schneemann zu bauen 🙂 .
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Ich freue mich, dass Du immer wieder bei mir vorbei schaust und meine Geschichten liest. Hab schöne Osterfeiertage und genieße die Sonne, falls sie sich an Ostern blicken lässt.
      LG
      Astrid

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