Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
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Fräulein Tussnelda

Ich möchte Euch heute eine kleine Persönlichkeit vorstellen, die ich neulich getroffen habe. Sie saß bei meiner Schwiegermutter auf dem Sofa und kam mir ein bisschen verloren vor. Ich setzte mich zu ihr und betrachtete sie ein Weilchen, doch dann kam ich mit ihr ins Gespräch. Sie wurde recht redselig und so ließ ich sie ganz einfach ein bisschen aus ihrem Leben plaudern. Vielleicht möchtet Ihr dem Gespräch lauschen:
„Guten Tag“, sagte ich. „Ich habe Sie schon öfter hier gesehen, doch leider hatten wir nie die Gelegenheit uns vorzustellen und uns zu unterhalten. Ich bin die Schwiegertochter von Frau B.“
„Das ist aber nett von Ihnen, dass sie mich ansprechen. Ich habe sie ebenfalls schon oft gesehen, doch leider haben sie noch nie das Wort an mich gerichtet. Das passiert sowieso nie. Das letzte Mal habe ich mich vor vielen, vielen Jahren hier mit einem kleinen Mädchen unterhalten, aber auch nur ein paar Worte. Die Menschen sind sehr schweigsam mir gegenüber.“
Das Fräulein senkte den Blick und schwieg für einen kurzen Moment, doch dann sprach sie weiter.
„Entschuldigen Sie bitte, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Tussnelda. Ich bin, wie man so schön sagt, eine ‚Hochwohlgeborene‘. Mit meinen Eltern wohnte ich als Kind in einem Schloss mit vielen Bediensteten. Ich trug immer feine Kleider und mir wurde jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Ich hielt mich nur in der besten Gesellschaft auf und alle verneigten sich vor mir und meinen Eltern.“
Ich konnte sehen, wie ein paar Tränen in ihren Augen funkelten. Die Erinnerung an ihre Vergangenheit schien zu schmerzen.
„So wuchs ich zu einem Fräulein heran, das die Nase etwas zu hoch trug. Damit will ich sagen, dass ich mir auf meine Herkunft ziemlich viel einbildete, hochnäsig und eingebildet wurde. Nichts war gut genug für mich. Nur das Beste und Teuerste wollte ich haben. Meine Eltern versuchten mir zu erklären, dass dies nicht gut für mich wäre, doch auf mein Drängen und tränenreiches Bitten hin, erfüllten sie mir doch schweren Herzens jeden Wunsch.“
Gebannt lauschte ich ihren Worten und fragte mich, wie sie wohl auf das Sofa meiner Schwiegermutter geraten war. Doch ich konnte nicht lange meinen Überlegungen nachhängen, denn Fräulein Tussnelda wischte sich eine Träne ab und erzählte weiter.
„Eines Tages jedoch passierte das Unfassbare. Es begann mit der Krankheit der Schlossherrin, an der sie verstarb. Ihr Mann vernachlässigte nach dem Tod seiner Frau die Arbeit, kümmerte sich weder um das Schloss noch um die Ländereien. So kam, was kommen musste: Das Schloss wurde versteigert. Meine Eltern und ich mussten das Schloss ebenfalls verlassen und selbst konnten wir uns den kostspieligen Lebensstil nicht mehr leisten. Kummer und Gram ließen auch meine Eltern kurz hintereinander sterben.“
Fräulein Tussnelda musste mit ihrer Erzählung innehalten, denn die Erinnerung übermannte sie derart, dass sie ihr Gesicht hinter ihren Händen verbarg. Ich konnte sie leise schluchzen hören. Sanft strich ich ihr über die Schulter, um mein Mitgefühl zu demonstrieren. Dies schien ihr gutzutun, denn sie ließ ihre Hände in den Schoß fallen, suchte in ihrem Täschchen nach einem Taschentuch, das übrigens ihr Monogramm trug, und wischte sich damit die Tränen ab. Nachdem sie tief Luft geholt hatte, berichtete sie weiterhin aus ihrem Leben.
„Jetzt war ich ganz alleine. Zunächst glaubte ich, dass allein meine Herkunft mir meinen Lebensunterhalt sichern würde. Doch die Menschen scherten sich nicht darum, dass ich eine Hochwohlgeborene war und in einem Schloss aufgewachsen war. Mein Stolz und meine Hochnäsigkeit brachten mir nur Verachtung und keinerlei Freunde ein. Nachdem ich alle meine Habseligkeiten, meinen Schmuck und meine schönen Kleider verkauft hatte, denn von irgendetwas musste ich ja leben, wurde mir klar, dass ich für meinen Lebensunterhalt würde arbeiten müssen. Zunächst zierte ich mich ein wenig, mich mit dem gemeinen Volk abzugeben, aber mir blieb nichts anderes übrig. Dann traf ich Grete, die meine Freundin wurde. Sie war ebenfalls alleine und mit ihr gemeinsam ging ich auf Arbeitssuche. Doch niemand wollte uns. Naja, wir sahen ja nicht gerade vertrauenserweckend aus. Das Leben in Armut hatte uns inzwischen gezeichnet. Da wir nur noch das besaßen, was wir auf dem Leib trugen, waren unsere Kleider nicht mehr sauber und schön und unsere Haare nicht gestylt. Die Menschen begannen uns zu verachten.“
Fräulein Tussnelda sank in sich zusammen, doch plötzlich begann sie zu strahlen.
„Wir saßen gerade an eine Hauswand gelehnt, als ein älterer Herr mit Spazierstock vorbei kam. Er blieb stehen und betrachtete uns wohlwollend. Er schien unser Leid zu erkennen, denn er nahm uns mit. Er hübschte uns auf, wusch unsere Kleider und setzte uns auf ein Schränkchen in seinem Wohnzimmer. Leider währte unser Glück nicht lange, denn er verstarb schon nach wenigen Wochen an einem Herzinfarkt. Danach kamen die Nachlassverwalter und wir wurden zusammen mit seinen Möbeln und Habseligkeiten verkauft. Grete und ich wurden auseinandergerissen. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Ich selbst landete in einem Antiquitätenladen, wo ich einfach achtlos auf einem Sessel platziert wurde.
Menschen gingen ein und aus, doch niemand wollte mich bei sich aufnehmen. Außerdem sah ich schon wieder etwas zerzaust aus.“
Langsam verstand ich wie Fräulein Tussnelda zu meiner Schwiegermutter gekommen war, doch ich wollte ihr nicht ins Wort fallen.
„Eines schönen Tages kam eine elegante Frau mit einem Herrn in den Laden und sah sich interessiert um. Sie erstanden ein paar Dinge und die Dame entdeckte auch mich. Sie erkannte meine verborgene Schönheit und verhandelte mit dem Besitzer des Antiquitätenladens.“
So ungefähr hatte ich mir das gedacht. Ich nickte Fräulein Tussnelda aufmunternd zu, um auch noch den Rest ihrer Lebensgeschichte zu hören.
„Ihre Schwiegermutter war sehr gut zu mir. Sie wusch mich, meine Haare und meine Kleider. Sie machte mich wieder chic und ich durfte mir einen Ehrenplatz aussuchen. Ja, so bin ich hier auf dem Sofa gelandet, denn von hier aus kann ich das ganze Geschehen beobachten. Gut, es spricht eigentlich niemand mit mir, aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich bin glücklich hier zu sein, geachtet, geliebt, versorgt und gepflegt zu werden. Was soll man sich auf seine alten Tage mehr wünschen?!“
Ich lächelte Fräulein Tussnelda zu, bedankte mich für ihre ausführliche Erzählung und strich ihr sanft über das immer noch faltenlose und sehr vornehme Gesicht.
„Ich habe zu danken“, erwiderte sie. „Sie haben mich sehr glücklich gemacht.“
Nach diesen Worten verstummte sie. Ich habe sie niemals mehr sprechen gehört. Immer wenn ich mich neben sie setze, huscht ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht und sie zwinkert mir heimlich zu. Doch niemand außer mir kann dies sehen.

 

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