Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten

Ein seltsames Phänomen

Tanja hat den Urlaub auf dem Bauernhof von Familie Sonnenschein in Bayern genossen. Sie ist erholt und mit roten Wangen wieder zurück in Berlin. Da sich alle so gut miteinander verstanden haben, ist jetzt schon klar, dass sie die Winterferien wieder auf dem Hof verbringen werden.
Im Gegenzug wollen sich Oma Hilde und Opa Josef, wie Tanja die Eltern von Bauer Sonnenschein nennt, eine Woche lang Berlin ansehen. Am nächsten Montag soll die Reise losgehen. Während Oma Maria schon total aufgeregt ist und die Koffer bereits gepackt im Hausflur stehen, nimmt es Opa Josef eher gelassen hin. 
„Musst du eigentlich wie ein aufgeschrecktes Huhn andauernd kreuz und quer durch die Wohnung laufen?“, fragt er seine Frau. „Wir fahren erst  in 5 Tagen. Du hast gepackt und alles ist fertig. Also sei friedlich, setz dich hin und kümmere dich um dein Steckenpferd, das Kreuzworträtsellösen.“
„Ja, ja!“, entgegnet Oma Maria und reißt nun bereits schon die dritte Schublade des Wohnzimmerschrankes auf. „Ich muss erst noch was suchen.“
„Hast du wieder einmal deine Brille verlegt?“ fragt ihr Mann kopfschüttelnd.  „Maria, Maria, ich sag dir, du wirst langsam schusselig. Falls du es nicht bemerkt hast, sie hängt an einem Band um deinen Hals.“
„Also Josef, ich bin doch nicht tüdelig“, empört sich Oma Maria. „Was denkst du denn von mir?!“
„Dann frag ich mich wirklich, was du suchst?!“, möchte ihr Mann nun endlich wissen.
Inzwischen ist Oma Maria allerdings in die Küche geeilt und durchforstet dort die Schubladen und Schränke.
„Ich versteh das nicht, ich versteh das nicht!“
„Was verstehst du nicht?“, will nun auch Bauer Sonnenschein wissen, der seinen Nachmittagskaffee genießen will und gerade zur Tür herein kommt.
„Ich hab doch erst neulich fünf von den Dingern aus dem Supermarkt mitgebracht. Und drei hatten wir sowieso noch da. Das macht insgesamt acht Stück.“
„Stimmt!“, grinst der Bauer. „Fünf plus drei macht nach Adam Riese acht.“
„Vorgestern lagen noch ein paar in der Schublade von der Wohnzimmervitrine“, erklärt Oma Maria ihrem Sohn, der sich allerdings nun ebenso wundert wie Opa Josef.
„Warum suchst du diese mysteriösen Dinger dann hier in der Küche?“
„Weil sie nicht im Wohnzimmer sind und sie seltsamerweise immer ein Eigenleben entwickeln. Das geht schon mein ganzes Leben lang so.“
Mittlerweile ist die gesamte Familie in der Küche eingetroffen, auch die Bäuerin. Alle sind sie jedoch ratlos, denn niemand versteht genau, wonach Oma Maria eigentlich sucht. 
„Entweder sie sind alle da oder auf geheimnisvolle Weise verschwunden, um dann ganz plötzlich wieder unverhofft aufzutauchen“, erklärt die alte Frau, während sie immer noch alle Ecken durchsucht.
„Jetzt habe ich verstanden, wovon du sprichst und was du suchst“, ruft die Bäuerin erfreut aus und schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. „Dieses Phänomen kenne ich. Mir geht es mit den Dingern genauso. Ich helfe dir beim Suchen, gemeinsam werden wir doch wenigsten ein Exemplar auftreiben können“, meint die Bäuerin.
„Na dann sucht mal schön weiter“, erklärt Bauer Sonnenschein den beiden Frauen. „Ich gehe noch mal in den Stall und sehe nach der kalbenden Kuh.“
Bauer Sonnenschein, den das alles nicht so recht interessiert, schlüpft in seine Jacke und knöpft sie zu, bevor er gewohnheitsgemäß in deren Tasche greift, diese leert und schließlich die Küche verlässt.
„Warte, ich komme mit!“, ruft ihm Opa Josef zu und schiebt den Stuhl etwas ungeschickt nach hinten, so dass der an der Lehne befindliche Rucksack herunterfällt und sich der Inhalt auf dem Fußboden wiederfindet. In Gedanken schon bei der kalbenden Kuh bückt er sich danach und wirft alles achtlos auf den Küchentisch, um gleich darauf seinem Sohn in den Stall zu folgen.
Die Bäuerin und Oma Maria haben mittlerweile alle Schränke durchsucht. Allerdings ohne Erfolg. Das Gesuchte ist und bleibt verschwunden. Ihnen bleibt vorerst keine andere Wahl als die Suche erfolglos abzubrechen.
„Lass uns später weitersuchen. Jetzt trinken wir erst ein Tässchen Tee“, schlägt die Bäuerin vor und dreht sich in Richtung Küchentisch. Nahezu im selben Moment bricht sie in schallendes Gelächter aus und lässt sich auf den Küchenstuhl fallen.
„Das ist wahrhaft ein seltsames Phänomen“, ruft sie atemlos unter Lachen aus. „Schau mal Maria, was da liegt. Jetzt kannst du wieder deine Kreuzworträtsel lösen. Wenn mich nicht alles täuscht, dann sind das genau deine acht Kugelschreiber, die wie aus dem Nichts wieder aufgetaucht sind.“

 

 

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Hui!!!

Astrid, Opa und das Eis

Herzlichen Glückwunsch!

 

 

 

12 Kommentare

  1. Eine lustige Geschichte, liebe Astrid,
    zum Glück mit einem Happy End!

    Gerade beim Suchen stellt man oft fest, dass gewisse Dinge ein geheimes Eigenleben führen, gell.

    Lieben Gruß
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Und Kugelschreiber ganz besonders, zumindest ist das in unserer Familie so. 🙂
      LG
      Astrid

  2. hihi
    eine lustige Geschichte
    jaa..
    ich suche auch immer was
    erst ist es weg
    dann wieder da 😉

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Was wäre das Leben ohne Sucherei? Es wäre doch ziemlich langweilig, oder?!
      Hab ein schönes Wochenende liebe Rosi.
      Astrid

  3. BrigitteE. sagt

    Ja, genau so ist das mit den Kugelschreibern *lol*
    Ende gut, alles gut 🙂
    Liebe Grüße und lieben Dank für deine lieben Wünsche,
    Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Momentan sind alle Kugelschreiber wieder einmal da. Die Frage ist nur, wie lange noch? 😉
      LG
      Astrid

  4. Hachja! KUGELSCHRIEBER; du sagst es! Ich habe wirklich bis zum Schluss gerätselt, liebe Astrid, aber als ich die Auflösung dann las, war alles glasklar! :-)) Kugelschreiber führen tatsächlich ein Eigenleben …
    Dank dir sehr für die schöne Geschichte – und auch für deinen netten Kommentar! Nun würde mich aber natürlich interessieren, wie die Sache mit dem gelben Overall weitergegangen ist: Hast du ihn gefunden? Passt er dir denn noch? Oder trägt ihn jetzt dein Sohn??? 🙂 Vielleicht hast du ja mal Lust, mir oder allen hier diese Geschichte zu erzählen! :-))
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2018/11/anl-35-nachhaltige-capsule-wardrobe.html

    • Astrid Berg sagt

      Es freut mich immer, wenn andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Kugelschreiber führen nicht nur ein Eigenleben, sie gehen auch auf Reisen ;-). Sie wandern von einer Hand zur anderen, von einer Tasche in die nächste :-).
      Liebe Sonntagsgrüße
      Astrid

  5. Hallo liebe Astrid,
    was für eine herrliche Geschichte …
    Ach ja die lieben Kugelschreiber… oder Brillen… oder Schlüssel … oder oder oder

    Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ja, auch Brillen und Schlüssel verschwinden immer und tauchen wieder auf. Kugelschreiber haben allerdings noch die Eigenschaft sich wieder zu vermehren ;-), denn es ändern sich häufig auch die Besitzverhältnisse ;-).
      Hab einen schönen Sonntag
      Astrid

  6. Und auch diese Geschichte ist aus dem Leben gegriffen. Entweder man hat so viele, dass man nicht weiß wohin damit oder man sucht und sucht und findet nicht einen Stift.
    Ich habe in jeder Tasche einen, genau wie Taschentücher und ein Glücks-Engelchen. Die muss ich immer dabei haben. Man weiß nie, wo man ihn vielleicht schnell mal braucht.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ja, und auch Lippenstift, Kamm und Spiegel, Stofftaschen und Gutscheine … gehören in unsere Taschen. Wir Frauen sind da sehr einfallsreich, was alles in eine Handtasche gehört. Und man wundert sich, was und wieviel selbst in die kleinste Tasche passt ;-).
      Liebe Sonntagsgrüße
      Astrid

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