Kurzgeschichten

Die Arbeit ruft

In meiner heutigen Geschichte möchte ich meinen Mann zu Wort kommen lassen, d.h. ich erzähle aus seiner Sicht. Die Empathie, also das Einfühlungsvermögen in andere Menschen und deren Gefühle kommt mir hierbei zugute. In diesem Fall ist es gar nicht so schwierig, denn erstens kenne ich meinen Gatten mittlerweile seit über 40 Jahren und zweitens bin ich selbst schon in die eine oder andere ähnliche Situation geraten. Also lasst Euch überraschen, was mein Peter so erlebt:

Es ist Wochenende, genauer gesagt: Sonntag. Für den Nachmittag und Abend haben wir mehrere Gäste zum Kaffeetrinken mit anschließendem Grillen eingeladen. Als ich aufwache, bemerke ich, dass Astrid schon aufgestanden ist, denn aus der Küche dringen eindeutige Laute nach oben an mein Ohr. 
„Ach ja, sie ist mit den Vorbereitungen zum Kaffeetrinken beschäftigt, also Kuchenbacken und so“, denke ich mir und habe keine Lust die Augen zu öffnen. Aber irgendwie kommt es mir so vor, als hätte sie mir gestern eine Aufgabe übertragen.
„Jetzt fällt es mir wieder ein“, besinne ich mich. „Astrid hat mich gebeten das Wohnzimmer auszusaugen. Okay, allerdings brauche ich erst einmal einen Kaffee.“
Als ich unten in der Küche erscheine, steht das ersehnte heiße und köstlich duftende Getränk schon für mich bereit. 
„Ach, ist es schön, wenn man eine treusorgende Ehefrau hat“, überlege ich noch, da sehe ich, dass meine Gattin sich die Haare rauft. Augenblicklich teilt sie mir auch schon mit, dass die Sahne sich nicht schlagen lässt. Tja und als diese es endlich tut, wird aus ihr letztendlich Butter.
Ich ahne die Katastrophe, die unweigerlich hereinbrechen wird, wenn nun kein anderer Becher Schlagsahne mehr im Kühlschrank steht.
„Wenn es wieder nicht klappt, dann habe ich nichts mehr und was mache ich dann?“, fragt sie mich entsetzt.
„Ich besorge dir welche, ganz einfach!“
„Nein, so einfach ist es nicht“, erklärt sie mir und ich bemerke, dass mich ihre Augen ganz traurig und entsetzt ansehen. „Heute ist doch Sonntag!“
Dann sagt sie erst einmal nichts mehr und ich vernehme nur das Surren des Mixers. Kurz darauf kommt die Erlösung.
„Alles gut!“, strahlt Astrid. „Schau her, perfekt geschlagene Sahne!“
Das macht natürlich auch mich glücklich, denn ich muss mich jetzt nicht ins Auto schwingen, um den gesamten Freundeskreis und die halbe Stadt nach Schlagsahne zu durchforsten. Außerdem freue ich mich schon auf den Kuchen, der allerdings erst angeschnitten werden darf, wenn der Besuch da ist. Obwohl Astrid insgesamt vier verschiedene Kuchen gebacken hat, ist sie da sehr genau. Der Gast ist König und somit hat auch nur er das Privileg das erste Stück dieser Köstlichkeiten  zu ergattern.
„Du hast auch heute Nacht noch von dem Lauchsalat genascht“, tadelt sie mich.
„Ich dachte, ich hätte alle Spuren beseitigt“, grinse ich. „Ich wollte doch nur mal kosten. Er schmeckt übrigens lecker.“
Um weiteren Beinahe – Katastrophen zu entgehen, füge ich schnell noch hinzu: „Ich mach mich dann mal an die Arbeit und sauge das Wohnzimmer aus.“
Beim Staubsaugen kann man so schön seinen Gedanken nachhängen und so arbeite ich mich Stück für Stück vor, bis zur Fensterfront zum Garten hin. 
„Wenn wir durch die Schiebetür auf die Terrasse hinaus gehen, dann sollte ich vielleicht auch noch die Schiene aussaugen“, überlege ich und schiebe das Element auf. Hierbei fällt mir auf, dass die Verriegelung ein bisschen Öl gebrauchen könnte, damit sie wieder besser gangbar ist. 
So marschiere ich in den Keller, um das Silikonöl zu holen. Währenddessen fällt mir ein, dass unsere Schlafzimmertür quietschende Laute von sich gibt. Also schnell hoch zum Schlafzimmer, die Tür ausgehängt, die Scharniere geölt und die Tür wieder eingehängt. Fertig. 
„Ach“, denke ich, „der Rollladen gleitet mit Silikonöl auch besser.“
Gedacht, getan! Und nun wieder ein Stockwerk tiefer, zurück zu der Fensterfront. 
„Wenn man schon mal bei der Arbeit ist, sollte man auch die Fensterrahmen und Schienen der drei Glastüren im Erker säubern. Astrid freut sich bestimmt!“, kommt mir der Gedanke.
Schon beim Öffnen der ersten Glastür bemerke ich, dass der starke Wind heute Nacht im Garten einiges durcheinander gepustet hat. Unter anderem hat er einen Ast von einem Busch abgeknickt , so dass dieser zur Erde hinunter hängt. 
„Den muss ich unbedingt abschneiden!“, befehle ich mir selbst. „Wo ist  nur die Gartenschere? Ach, die habe ich ja gestern ins Gartenhaus gelegt.“
Nichts wie hin zum Gartenhäuschen und die Schere gesucht, die aber mittlerweile wie durch Geisterhand nicht mehr an dem von mir vermuteten Platz liegt. Schließlich finde ich sie auf dem kleinen Gartentisch, der in unserer Gartenlaube steht. 
„Was wollte ich doch gleich? Ja klar, der Ast!“
Abgezwickt ist er schnell. Als ich ihn zur Schubkarre trage, wo ich ihn erst einmal deponiere, fällt mir auf, dass das Efeu rund um unseren Teich reichlich gewachsen ist. Also, schnipp, schnapp und ab mit den langen Trieben. Gedankenverloren widme ich mich meiner neuen Aufgabe, da vernehme ich die verwunderte Stimme meiner Frau, die gerade den Abfall zur Mülltonne bringt.
„Was machst du da eigentlich?“
„Ich? Na, das Wohnzimmer aussaugen, siehst du das nicht?“, erwidere ich und schaue selbst etwas verdutzt auf die Gartenschere in meiner Hand.

 

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10 Kommentare

  1. Herrlich, liebe Astrid,
    wie so eins zum anderen kommt und sich irgendwie nahtlos ineinander fügt!
    Liebe Grüße
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Man muss nur aufpassen, dass man sich dabei nicht verzettelt 😀.
      Ich wünsche Dir einen schönen 1.Mai.
      LG
      Astrid

  2. Das kommt mir sehr bekannt vor. Schön, dass der Gatte so umsichtig ist!

    Liebe Grüße und einen schönen 1. Mai,
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Auch ich wünsche Dir einen schönen 1. Mai mit ein bisschen Sonne und vor allen Dingen viel Spaß.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, herzlichen Maiengruß.
    Nun erwarten wir sonnige Maitage und erfreuen uns am blühendem Frühling.
    Wenn man erstmal anfängt, dann kann sowas schnell passieren.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      besonders bei der Gartenarbeit kann dies leicht passieren. Man will nur mal schnell in einer Ecke ein paar Unkräuter entfernen, da stellt man fest, dass auch die Terrasse noch gekehrt werden muss, die Blumen Wasser brauchen, die Terrassenmöbel abgewaschen werden müssen, der Rasen gemäht werden muss… Ruckzuck sind ein paar Stunden rum, obwohl man nur mal eben für 5 Minuten in den Garten wollte.
      LG und komm gut in den Mai
      Astrid

  4. Ich muss lachen Astrid. So ist es oft – zumindest bei uns. Man will nur eine Sache erledigen und kommt von einer zur nächsten. Früher mussten unsere Jungs mit Hof fegen. Nur die Ecken habe ich immer gesagt. Dann kam aber noch der Fußweg rund ums Grundstück, der Parkplatz, die Wege. Ich glaub die Jungs haben mich gehasst dafür 🙂
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das Schlimme ist, sobald man angefangen hat, sieht man plötzlich in allen Ecken etwas, das erledigt werden muss. Manchmal ist es sogar so, dass man am Abend alles Mögliche erledigt hat, nur die eigentliche Kleinigkeit ist noch unerledigt. 😀
      Hab einen schönen Abend
      und sei herzlich gegrüßt.
      Astrid

  5. Ja, das kommt mir auch bekannt vor. Aber da bin ich eher diejenige, die alles auf einmal machen will. Wenn ich das Eine anfange, sehe ich noch Anderes, das ich gleich „nebenher“ auch erledigen kann. Ich finde das meist amüsant.
    Hab ein entspanntes Wochenende, liebe Astrid.

    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      ich glaube wir sollten uns alle Ohrstöpsel zulegen, damit wir das laute Rufen der Arbeit nicht mehr hören oder einfach mal alle Fünfe gerade sein lassen. Aber ich denke, das fällt uns allen schwer. Außerdem ist aufgeschoben, nicht aufgehoben,- es muss ja irgendwann erledigt werden. Dann lieber alles auf einmal erledigen 😉.
      Ich wünsche Dir ein schönes WE
      Astrid

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