Kurzgeschichten
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Zug um Zug

Wir sind wieder zurück. Die kleine Auszeit hat uns sehr gut getan. Die Ostsee hat uns wundervolles Wetter beschert und sich in den schönsten Farben präsentiert. Wir sind viel zu Fuß unterwegs gewesen und hatten keine Minute Langeweile.
An einem der Tage haben wir einen Ausflug mit der Dampflok gemacht, die uns von Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn und zurück gebracht hat. Vielleicht lag das, was dann passierte an unserer Müdigkeit, vielleicht aber auch an unserer Vergesslichkeit. Ich denke jedoch, dass auch Ihr schon einmal Ähnliches erlebt habt. Ich hoffe es zumindest! 😉
Wir sind total müde und schleppen uns mit letzter Kraft noch in einen Supermarkt, um uns für den Abend noch mit ein paar Getränken einzudecken. Mineralwasser ist bei diesem Wetter ein unbedingtes Muss, aber auch ein Schlückchen Wein ist nicht zu verachten. So stehen wir also vollbepackt an der Kasse. Natürlich ist so kurz vor Feierabend eine Schlange an der Kasse. Wahrscheinlich alles Urlauber, denn die haben ja den ganzen Tag über keine Zeit zum Einkaufen.
Der Herr vor uns scheint ein solcher Geselle zu sein. In kurzen Hosen und Badeschlappen steht er vor uns. Was er einkauft? Keine Ahnung, denn das interessiert uns überhaupt nicht. Wir sind viel zu sehr von seiner Statur beeindruckt. Es ist ein großer und kräftiger Mann, der uns gewaltig überragt. Vermutlich kann er von seinem Aussichtspunkt den gesamten Markt im Überblick behalten. Aber auch durchqueren kann er ihn vermutlich mit wenigen Schritten. Ein Blick nach unten zu seinen Füßen, lässt mich mit offenem Mund dastehen. Mir fällt schlagartig das Wort „Bigfoot“ ein. Dieser Herr lebt wahrhaftig auf großem Fuß.
Ich bin froh, dass er sich nicht umdreht und unsere staunenden und fast schon peinlichen Blicke bemerkt. Aber jetzt müssen wir uns ohnehin auf andere Dinge konzentrieren und haben den Herrn auch schon wieder vergessen.
Als wir später am Abend noch einen kleinen Spaziergang zu einem italienischen Restaurant machen, wird er allerdings zu unserem Gesprächsthema.
„Hast du vorhin die Füße gesehen?“, fragt mein Mann mich unvermittelt und ich weiß auch sofort wessen Füße er meint.
„Wahnsinn, oder!?“, antworte ich und sehe wie mein Gatte grinsend nickt.
„Irgendwie erinnert er mich an jemand?“, sage ich gedankenverloren.
„Weißt du, unser Sohn hatte doch mal einen Schulfreund…“
Mein Peter zuckt mit den Achseln, denn er scheint nicht zu wissen, von wem ich rede. Ich könnte mich selbst ohrfeigen, weil mir überhaupt nicht der Name des ehemaligen Mitschülers unseres inzwischen erwachsenen Sohnes einfällt. Jetzt ist guter Rat teuer.
„Wie soll ich ihm erklären, wen ich meine?“, frage ich mich insgeheim. Aber da kommen mir meine Hände zu Hilfe.
„Weißt du, derjenige, der immer so klein war. Erst war er so…“
Ich halte meine Hand ungefähr auf Schulterhöhe.
„Und später war er dann so…“
Nun versuche ich mit meiner Hand ungefähr zwanzig Zentimeter über den Kopf meines Mannes zu deuten. Dieser ist jedoch in keiner Weise von meinen darstellerischen Fähigkeiten beeindruckt, sondern zuckt nur mit seinen Schultern.
„Keine Ahnung, von wem du sprichst!“
„Doch!“, behaupte ich stur.
„Nein!“, entgegnet er wieder.
Ich bin jedoch felsenfest davon überzeugt, dass mein Peter eigentlich wissen müsste, wen ich meine.
Mir fällt einfach der Name nicht ein. Er liegt mir sozusagen auf der Zunge und ich sehe die betreffende Person klar und deutlich vor meinem inneren Auge.
„Also pass auf“, versuche ich einen erneuten Erklärungsversuch.
„Der Vater von ihm…“, verdammt, mir fällt auch dessen Name nicht ein.
„Wir treffen ihn manchmal zufällig beim Einkaufen…“
Jetzt sollte mein Peter doch endlich wissen, wen ich meine. Aber er schaut mich immer noch ratlos an. Also fange ich wieder an zu gestikulieren.
„Du weißt schon! Der ist so …“, ich zeige mit meinen beiden Händen in die Breite.
„Und auch noch so …“, jetzt schicke ich meine rechte Hand ganz in die Höhe und stelle mich dabei noch auf die Zehenspitzen.
Man sollte es nicht meinen, aber plötzlich beginnen die Augen meines Mannes zu leuchten und ich kann den Groschen, der soeben gefallen ist, förmlich hören.
„Ach, von dem sprichst du! Sag das doch gleich!“
„Geht nicht, weil mir der Name nicht einfällt!“
„Mir auch nicht, aber ich weiß genau, wen du meinst.“
Fast wären in mir Zweifel aufgekommen, ob diese Aussage meines Göttergatten der Wahrheit entspricht oder ob er mich auf den Arm nehmen will. Doch just in diesem Moment kommt eine Beschreibung aus seinem Mund, die nicht zutreffender sein kann.
„Du meinst den, der immer mit Badeschlappen rumläuft!“
„Ja!“, ich bin begeistert.
Ist das nicht toll, wir reden von der selben Person und keiner von uns kann sich an dessen Namen erinnern. Wir haben einfach nur Zug um Zug markante Punkte der betreffenden Person herausgearbeitet und schon waren wir Beide im Bilde. Und das Schönste an der ganzen Geschichte ist, dass mir ungefähr hundert Meter weiter ganz unvermittelt der Name einfällt und er aus meinem Mund nur so heraus sprudelt. Peter und ich grinsen uns zufrieden an und öffnen die Tür zum Restaurant. Der Abend ist gerettet. Kein Grübeln und Kopfzerbrechen mehr, einfach nur noch genießen.

 

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20 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      wenn ich ehrlich bin, muss ich selbst darüber lachen. Nur in der Situation selbst ärgert man sich meist, dass man nicht auf den Namen kommt.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

  1. schön euer Urlaub an der See..

    hihi..das kenne ich auch
    gerade wenn man so gezielt nach einem Namen sucht..
    ich sage dann immer.. hättest du mich jetzt nicht gefragt..hätte ich ihn gewusst 😀
    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Ja, liebe Rosie, diese kleine Auszeit haben wir auch genossen. Der Sommerurlaub kommt noch, aber immer mal zwischendurch einen kleinen Kurzurlaub gönnen wir uns ganz gerne.
      Eigentlich sollte man gar nicht so anstrengend nach dem Namen suchen. Er kommt nämlich ganz unvermittelt und zwar dann, wenn man überhaupt nicht mehr daran denkt.
      LG
      Astrid

  2. Momente wie diese kennen wir auch gut, liebe Astrid!
    Ach, die Geschichte hast du schön erzählt und auch das Foto sieht toll dazu aus.
    Hab einen schönen Abend und herzliche Grüße, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Ich finde solche Momente auf der einen Seite zwar sehr witzig, aber auf der anderen Seite auch ärgerlich. Aber was soll es, – unser Gehirn muss sich soviel merken, da kann schon mal der eine oder andere Name kurzzeitig nicht verfügbar sein. Er findet sich ja in irgendeiner Gehirnschublade wieder 😉 , ist also nicht verloren gegangen.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  3. Ah super!!! Sowas können meine Kinder auch total super. Die werfen sich ein paar undefinierbare sprachliche Brocken zu und verstehen sich fast auf Anhieb. Ich sitze manchmal kopfschüttelnd dazwischen und verstehe „Bahnhof“. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Ich glaube es liegt auch ein bisschen an den gemeinsamen Erfahrungen, die man so macht. Manchmal während einer langen Autofahrt, versinke ich in meinen Gedanken und plötzlich sage ich unvermittelt irgendwas und mein Mann weiß sofort, wovon ich rede. Er meint dann immer, er könne meine Gedanken lesen 🙂 . Naja, wir sind ja auch schon 37 Jahre zusammen und 30 Jahre verheiratet. 🙂
      LG
      Astrid

  4. Und ob ich das kenne! Wenn einem ein Name nicht einfällt, der Titel eines Films oder ein Ort – dann grübel ich so lange, bis ich ihn habe. Ich gehe dann immer das Alphabet durch, das hilft oft mit dem Anfangsbuchstaben – und schon komme ich drauf.
    Neulich habe ich eine Bekannte aus meinem Heimatdorf in der Aue getroffen. Sie lief auch mit der Kamera durch die Gegend und wir plauderten eine Weile. Anschließen wollte ich das meiner Mutti erzählen – und kam nicht auf den Namen. Aber mit Beschreibung, wo sie wohnt und wie sie aussieht kamen wir dann drauf. Ist schon verrückt manchmal.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Genau so mache ich es auch, liebe Kerstin. Ich sage mir in Gedanken das Alphabeth vor oder wenn ich den Anfangsbuchstaben weiß, dann versuche ich Kombinationen. Und es klappt eigentlich fast immer. Sollte es mal nicht klappen, dann kommt mir der Name urplötzlich wieder in den Sinn, während ich mit ganz anderen Dingen beschäftigt bin.
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht
      Astrid

  5. Liebe Astrid,
    schön, dass du wieder da bist und der Urlaub schön war.
    Diese Momente kenne ich auch – und ich habe den Eindruck,
    es werden immer mehr, je älter man wird.
    Einen angenehmen Abend wünscht
    Irmi

    • Astrid Berg sagt

      Das könnte stimmen, liebe Irmi. Aber unser Gehirn hat soooo viel zu verarbeiten und hat sich über all die Jahre eine ganz ansehliche Datenbank angelegt. Solange diese Momente nicht Überhand nehmen und uns die Namen irgendwann wieder einfallen, ist alles in Ordnung. 🙂
      Ich wünsche Dir eine angenehme Nachtruhe
      Astrid

  6. 🙂 Mit zunehmendem Alter arbeitet das Gehirn zeitversetzt. Wir erleben das zur Zeit auch öfters. Sollte uns das zu denken geben?

    LG Anna-Lena 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Ach, liebe Anna-Lena, das sollten wir nicht gleich so negativ sehen. Vielleicht sollten wir solche Momente eher als eine Art Gehirnjogging betrachten. 😉
      LG
      Astrid

  7. Liebe Astrid, herzliche Grüße.
    Wenn der Name nicht einfällt, dann versucht man diese Person zu beschreiben und da fällt einem unwahrscheinlich viel ein, ist schon erstaunlich, aber man kommt nicht auf den Namen.
    Mit dem Enkel war ich auch vor 15 Jahren für 4 Tage bei schönstem Bade-Sommerwetter an der Ostsee. Bad Doberan Quartier und dann auch mit dem Molly bis Kühlungsborn.
    Einen schönen Wochenteiler wünscht Dir Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      wir waren so begeistert von unserem Kurzurlaub, so dass wir dies mit Sicherheit nicht zum letzten Mal gemacht haben.
      Dieses Suchen nach dem Namen macht immer wieder Spaß, besonders, wenn dann ganz unvermittelt der Name wieder ins Gedächtnis kommt.
      Ich schicke Dir herzliche Grüße von Cottbus nach Berlin
      Astrid

  8. Ich hab echt laut gelacht! Und ob ich das kenne. Gerade in den Momenten, wo ich dann zweifle – wie du auch -, ob mein Mann tatsächlich weiß, von wem ich spreche oder es einfach nur behauptet, haut er oft den Namen raus. — Herrrrrrliche Geschichte! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Martina,
      es ist so beruhigend, dass wir mit unserer Namenssuche nicht alleine sind. Hinterher lachen wir auch immer tüchtig darüber. Doch wenn uns der Name gerade nicht einfällt, stellt man sich doch insgeheim die eine oder andere Frage 😉
      Ich schicke Dir liebe Grüße in den späten Abend
      Astrid

  9. Liebe Astrid

    Bin ich froh,dass dir das auch passiert ich musste nun
    doch laut lachen…eine herrliche Story !
    Uns passiert ja das bald wöchentlich , mein Mann und ich
    im Auto ,dann ertönt eine Schlager aus dem Radio und wir
    hinter sinnen uns wie der Sänger heisst, ich gehe ja dann immer
    das ganze Alphabet durch ,manchmal hilf das oder eben auch nicht :-))
    Meistens kommt es uns in den Sinn, wenn wir nicht mehr daran denken !

    Wir nehmen das aber mit Humor es kommt doch
    in jeder Familie vor :-)))

    Liebi Grüessli
    Margrit

    • Astrid Berg sagt

      Na, klar, man sollte es mit Humor nehmen. Wer sagt, dass es ihm noch niemals passiert ist, der machst sich und anderen doch etwas vor. Unser Gehirn muss sich ständig so viel merken, da kann es auch mal was in der hintersten Schublade vergessen. Es ist ja nicht gelöscht, sondern noch vorhanden. Dann ist es nur eine Frage der Zeit oder oft einfach auch der Entspannung und plötzlich ist es wieder verfügbar.
      Komm gut in die neue Woche
      Astrid

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