Kurzgeschichten
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Wenn Zwei träumen

Es ist mitten in der Nacht. Im ganzen Haus und auf der Straße herrscht Stille. Alles ist dunkel. Alle schlafen. Ich glaube jedoch meine Mutter zu hören, die vom Gästezimmer in das Bad geht. Wieder ist alles ruhig. Wie sollte es auch anders sein, denn alle schlafen doch, selbst ich. Darüber bin ich mir sehr bewusst.
Plötzlich ertönt ein lautes mehrmaliges Hupen. Davon scheine ich zu erwachen und frage mich insgeheim, warum um diese Zeit jemand vor unserem Haus hupt.
„Das kann nur die Müllabfuhr sein“, überlege ich, denn am Abend hat mein Mann noch vor dem Zubettgehen die Mülltonne auf den Bürgersteig gestellt. „Logisch!“
Überhaupt ist im Moment alles vollkommen logisch.
Ganz automatisch rufe ich lautstark den Namen meines Mannes:
„Peter!“
Er rührt sich nicht und schläft seelenruhig weiter. Das geht aber nicht, denn das Hupen hat signalisiert, dass jemand etwas von uns will. Nicht unseren Nachbarn, sondern uns hat das Hupen gegolten. Das steht außer Frage, jedenfalls für mich und in diesem Augenblick. Mir ist auch schlagartig klar, worum es geht. Ein Auto von uns steht im Weg. Peters Auto. Mein Auto steht in der Garage, das weiß ich genau.
Also rufe ich noch einmal nach meinem schlummernden Göttergatten, denn er muss etwas unternehmen. Auf eine andere Idee komme ich erst gar nicht.
„Peter!“
„Warum weckst du mich? Mach mich doch nicht wach!“, knurrt er wenig erfreut zurück.
„Dein Auto versperrt den Weg. Du musst es wegfahren!“
„Lass mich schlafen. Ich werd sonst sauer!“
„Hast du nicht gehört, dass es gehupt hat?“
„Niemand hat gehupt“, nuschelt er in sein Kissen.
„Peter! Du musst jetzt aufstehen!“, sage ich ganz bestimmend.
„Stimmt, die chinesische Delegation wartet schon auf mich. Die haben gerade angerufen, dass ich kommen soll“, gibt er mir zur Antwort.
„Was?“, rufe ich aus und öffne schlagartig meine Augen.
Alles ist still um uns herum. Mein Mann liegt neben mir im Bett und schläft friedlich, zumindest bis zu diesem Zeitpunkt. Jetzt reißt er nämlich auch seine Augen auf.
„Du hast mich zwei oder dreimal gerufen“, erklärt er mir. Mach mich doch nicht wach! Ich kann sonst nicht mehr einschlafen!“
„Du musst aber aufwachen, weil es draußen gehupt hat.“
„Nichts hat gehupt, du hast geträumt. Aber dein Rufen hat genau zu meinem Traum gepasst, denn ich habe in diesem Moment geträumt, dass ich sowieso wegen der chinesischen Delegation aufstehen hätte müssen.“
„Welche Delegation?“, frage ich leicht verwirrt.
„Keine Ahnung!“, gibt mein Mann schlaftrunken zurück.
Ich muss lachen, denn irgendwie scheinen sich unsere beiden Träume miteinander vermischt zu haben. Gut, ich habe schon oft gelesen, dass sich langjährige Ehepaare irgendwie einander anpassen. Aber dass sie auch ihre Träume schon gemeinsam träumen, ist mir bislang vollkommen unbekannt gewesen. Ich bekomme einen richtigen Lachanfall.
„Ruhe!“,fordert mein Mann mich murmelnd auf und in der nächsten Sekunde schnarcht er schon wieder vor sich hin.
Ich allerdings bin inzwischen hellwach und nutze die Gelegenheit die Toilette aufzusuchen. Als ich jedoch den Türgriff zum Badezimmer herunter drücken will, bemerke ich, dass die Tür verschlossen ist und innen Licht brennt. Meine Mutter ist im Bad.
Verwirrt schüttele ich den Kopf.
Sollte ich das alles doch nicht geträumt haben?
Ich habe also tatsächlich gehört, wie sie ins Bad ging?
Hat es dann doch gehupt?
Doch draußen ist alles friedlich und still. Man kann kein Motorengeräusch vernehmen und schon gar nicht ein Hupen. Außerdem ist es noch stockfinster und keine Menschenseele ist auf der Straße. Auch meine Mutter scheint nichts gehört zu haben, aber sie hat ja auch ihr Hörgerät nicht an.
Am Morgen, als ich aufstehe, werfe ich einen Blick auf die Straße vor dem Haus. Dort steht die Mülltonne noch ungeleert vor dem Haus. Alles ist so, als wäre tatsächlich nichts gewesen. Doch ich kann mich noch ganz genau an das nächtliche Hupen erinnern. Es klingt noch in meinen Ohren. Wie schon so oft, wenn ich im Traum ganz realistische Geräusche höre, wie zum Beispiel das Telefonläuten oder das Klingeln an der Haustür. Seltsam!

 

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