Kurzgeschichten
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Klammeräffchen und Co.

Wir haben einen Schrank, der ganz viele Schätze und Erinnerungen beinhaltet. Es ist unser Fotoschrank. Dort befinden sich unsere Fotos, die wir sorgfältig in Alben eingeklebt haben, bevor auch bei uns das Zeitalter der digitalen Fotografie angebrochen ist. Ab diesem Zeitpunkt werden die Fotos fast ausschließlich auf Speichermedien abgelegt. Ich sage ausdrücklich „fast“, denn manchmal kann ich es nicht lassen und drucke zum Beispiel Urlaubsfotos aus und sortiere diese in Fotoalben ein. Mir macht es einfach Spaß auch mal in einem Fotoalbum zu blättern und mich den Erinnerungen hinzugeben.

„Schau mal“, sage ich zu meinem Mann. „Hier ist Jimmy, das Klammeräffchen. Kannst Du Dich noch daran erinnern!“
„Na klar, das Äffchen habe ich doch Dir mal geschenkt.“
„Und dann haben wir es unserem Sohn an die Seite gelegt. Schau hier ist das Foto!“
Jimmy ist ein kleiner Schimpanse mit einer grünen Arbeitshose und einer grünen Schirmmütze auf dem Kopf. Dazu trägt er ein rot gestreiftes T-Shirt. Er hat ganz lange Arme und noch längere Schlenkerbeine.
„Unser Sohn hat ihn gemocht, aber sein Lieblingsstofftier ist Jimmy trotzdem nicht geworden“, sagt mein Mann. „Dieses Klammeräffchen haben wir für ihn ausgesucht und damit war es anscheinend nicht Liebe auf den ersten Blick.“
„Das war es aber wohl bei Dir und Deinem Schnuffelhund“, versuche ich meinen Peter zum Erzählen zu animieren, was auch voll und ganz klappt.
„Ja, den habe ich irgendwo mal gefunden. Damals war er schon nicht mehr ganz neu und auch schon ein bisschen lädiert.“
„Und den Rest hast Du dann erledigt, oder?! Als Du ihn mir mal gezeigt hast, war nicht mehr allzu viel von einem Stoffhund zu erkennen.“
„Egal!“, sagt mein Mann ganz bestimmt und mit ernster Miene. „Ich habe ihn über alles geliebt und überall mit hingenommen. Niemand durfte ihn mir wegnehmen. Wo ist der eigentlich hingekommen?“
„Keine Ahnung. Wegwerfen durfte ich ihn ja nicht, obwohl dieses seltsame Wesen inzwischen aussieht wie ein Häufchen Schmutz und ich möchte gar nicht wissen, wieviele Bakterien sich auf ihm tummeln. Waschen konnte man ihn ja nicht mehr, denn dann wäre er in tausend Teile zerbröselt. Ich glaube wir haben ihn in Zeitungspapier eingeschlagen und irgendwo beerdigt oder in die hinterste Ecke im Keller oder sonst irgendwo hin verbannt. Dieses Etwas ist nur noch ekelig!“
„Das war aber mein Lieblingsschnuffelhund!“, sagt mein Peter jetzt fast ein bisschen beleidigt.
„Ja, und deshalb hat Deine Großtante unserem Sohn zum ersten Geburtstag auch einen kleinen Plüschhund geschenkt. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass es auch sein Lieblingsschnuffelhund wird.“
„So klappt das aber nicht. Man muss ihn sehen und schon weiß man: Das ist mein Lieblingshund und den gebe ich nicht mehr her. Egal wie er aussieht und ob ihn andere schön oder hässlich finden.“
Obwohl unser Sohn weder das Äffchen Jimmy, noch den namenlosen Plüschhund als sein Lieblingsstofftier auserkoren hat, gab es auch jemand, den er für nichts auf der Welt eingetauscht hätte. Und ähnlich wie der Schnuffelhund bei meinem Mann, war dieser Schnuffel- und Knuddelhund von der übergroßen Liebe unseres kleinen Sohnes schon merklich gekennzeichnet.
„Wo hatte er den blauen Stoffhund eigentlich her?“, fragt Peter mich.
„Er hat ihn damals am Weltspartag von der Sparkasse als Geschenk erhalten. Sozusagen als Belohnung für das fleißige Sparen. Und kurz danach sind wir zur Taufe meines Patenkindes nach Frankreich gefahren. Diese beiden Ereignisse haben dazu beigetragen, dass aus dem blauen Hündchen das liebste Kuscheltier unseres Sohnes geworden ist.“
„Stimmt, er hat ihn mit nach Frankreich genommen und in der Familie deines Patenkindes gab es einen kleinen wuscheligen Hund. Wie hieß er noch gleich?“
„Jona!“, weiß ich sofort wieder. „Unser Sohn hat den Namen dann leicht abgewandelt und schon war Jonas geboren.“
Seinen Jonas hat er total geliebt. Er war immer und überall an seiner Seite. Vom vielen Knuddeln war er schon ganz schmal geworden und seine Stoffhaut hatte dünne Stellen bekommen. So blieb mir nichts anderes übrig als ihn ärztlich zu versorgen.
„Eines morgens, du warst gerade auf Dienstreise“, erzähle ich meinem Mann, „da musste ich ihn operieren. Ich habe seine Rückennaht aufgetrennt und ihm eine Spritze aus dem Spielzeug-Arztkoffer unseres Sohnes verpasst. Danach habe ich ihn mit alten, aber sauberen Socken ausgestopft. Etwas anderes hatte ich auf die Schnelle nicht zur Hand. Nach dem Zunähen war er wieder kugelrund und sah auch gleich wieder fröhlicher aus. Und auch unser Sohn war froh über die glücklich verlaufene Operation.“
„Gibt es Jonas eigentlich noch?“
„Selbstverständlich! Er liegt im Einbauschrank im obersten Stockwerk und wartet darauf, dass er wieder herausgeholt wird und von den noch nicht geplanten und ungeborenen Kindern unseres Sohnes geknuddelt wird.“
„Also von unseren zukünftigen Enkelkindern, denen Du dann die Geschichte von Jonas erzählen kannst“, freut sich mein Mann. „Übrigens: Hattest Du auch ein Lieblingsstofftier?“
„Na, aber sicher doch! Davon habe ich doch schon erzählt (Jetzt fängt mein neues Leben an) und eigentlich müsstest Du es wissen.“
„Ach ja, ich erinnere mich. Du hast mal etwas von dem dicken gelben Bär erzählt. Wie hieß er noch mal gleich?“
„Chruschtschow!“*
„Wie der sowjetische Politiker?“, werde ich von Peter gefragt, dem ich zwar die Geschichte schon mehrmals erzählt habe, der aber anscheinend dies noch einmal hören will.
„Meine Mutter hatte eine Tante in der ehemaligen DDR und wir schickten immer Pakete mit Kaffee, Schokolade und Strumpfhosen an sie. Die Tante wiederum schickte für mich Geschenke, wie zum Beispiel Kinderspiele. Eines Tages kam jedoch ein großer dicker gelber Teddy an. Irgendwie habe ich wohl den Namen Chruschtschow* aufgeschnappt, weil irgendjemand meinte, es gebe da gewisse äußerliche Ähnlichkeiten*. Und schon hatte mein Teddy einen Namen: Chruschtschow*. Ich war damals erst ungefähr zwei Jahre alt und konnte diesen schwierigen Namen schon aussprechen. Immer, wenn ich gefragt wurde, wie mein Teddy denn heißen würde, antwortete ich mit diesem Namen und meine Eltern waren in Erklärungsnöten.“
„Toll!“, meint Peter. „Wir haben also unsere ganz persönlichen Lieblingskuscheltiere und sogar noch die jeweilige ganz persönliche Geschichte dazu. Das musst Du unbedingt aufschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät und vor allem, damit wir es später unseren Enkelkindern erzählen können.“
„Ich bin schon ganz gespannt darauf, welche Lieblingskuscheltiere sie haben werden und was diese Liebe auf den ersten Blick auslösen wird.“

 

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*Dies ist keinerlei politische Wertung oder Anspielung.

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