Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
Kommentare 14

Was klappert denn da?

Frau Erna Schimmelpfennig hat heute Waschtag. Sie leert gerade die Hosentaschen ihres Mannes, denn er hat immer allen möglichen Krimskrams in seinen Taschen versteckt. Manchmal sind es Schrauben, dann wieder irgendwelche Merkzettel. Heute ist es jedoch ein Fünfzig-Centstück. Sie nimmt es heraus und legt es achtlos auf die Waschmaschine. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Tilly steht davor. Sie hat einen 20 Euroschein in der Hand.
„Hallo Tilly“, begrüßt Frau Schimmelpfennig ihre Nachbarin. „Willst du mir Geld schenken, weil du so mit dem Schein wedelst?“
„Ach“, sagt Tilly ganz außer Puste. „Ich wollte für unseren jüngsten Enkelsohn ein Geschenk basteln, aus lauter Kleingeld.“
„Ich ahne schon, was du von mir willst. Ich soll für dich den Wechselautomaten spielen“, lacht Erna, woraufhin Tilly verlegen mit den Schultern zuckt und noch zwei Zehn- und zwei Fünf-Euroscheine aus der Jackentasche zieht.
„Na, da will ich mal sehen, was ich für dich tun kann.“
Erna und Tilly sitzen sich mittlerweile am Küchentisch gegenüber. Zwischen ihnen steht eine Dose, in der es schon beim Hochheben verdächtig klimpert.
„Erwin leert manchmal sein Portemonnaie“, erklärt Erna der Nachbarin. Er mag das viele Kleingeld nicht. Nur 50 Centstücke und das Silbergeld behält er. Mal sehen, wie weit wir kommen.“
Eine ganze Weile ist es still in der Küche, denn die beiden Frauen sind mit dem Zählen der Münzen beschäftigt. Dann ziehen sie einen Schlussstrich und stellen fest, dass Erna fast 50 Euro in ihrer Büchse gesammelt hat.
„Wahnsinn, was da doch so zusammen kommt“, stellt Erna fest. „Es fehlen nur noch 50 Cent, dann wären die 50 Euro komplett. Aber warte mal, da fällt mir was ein.“
Geschwind läuft sie in den Hauswirtschaftsraum und holt die Münze, die sie kurz zuvor aus der Hosentasche ihres Gatten gefischt und auf die Waschmaschine gelegt hat.
„Schade, dass diese Münze so verdreckt ist. Es scheint rote Farbe zu sein. Keine Ahnung woher Erwin die Münze hat. Gestern hat er allerdings mit rotem Lack an unserem Auto etwas ausgebessert. Ach, ist ja egal“, sagt sie zu ihrer Nachbarin.
Tilly marschiert nach Hause und macht sich auch gleich an die Bastelarbeit. Doch diese eine rote Münze würde alles verderben, so tauscht sie das Geldstück noch mit einem anderen Geldstück aus, das sie noch in einer Schublade gefunden hat. Das verdreckte 50-Centstück legt sie einfach auf das Fensterbrett.
Zwei Stunden später wird die Haustür aufgerissen und ihre achtjährige Nichte stürmt herein.
„Tante Tilly!“, ruft sie schon im Flur. „Mama ist nicht da und ich habe meinen Schlüssel vergessen. Kann ich solange bei dir warten?“
Tilly schiebt ihrer Nichte einen Teller Suppe hin und freut sich nicht alleine Mittag essen zu müssen.
„Warum malst du dein Geld an?“, fragt die kleine Lisa als sie die Münze auf dem Fensterbrett entdeckt.
„Ach die habe ich von meiner Nachbarin bekommen. Vielleicht ist sie in einen Farbtopf gefallen.“
„Darf ich die Münze haben?“, möchte das Mädchen wissen.
Und so verschwindet das 50 – Centstück in Lisas Jackentasche.
Am nächsten Tag trifft sich Lisa mit ihrer Freundin Anna. Die beiden schlendern durch den Ort und kommen an der Eisdiele vorbei.
„Wollen wir uns ein Eis kaufen?“, fragt Anna und so stellen sie sich in der Schlange an, die sich an diesem warmen Sommertag vor der Eisdiele gebildet hat.
„Ach“, sagt Anna plötzlich, „mein Geld reicht nicht. Kannst du mir noch 50 Cent leihen? Du bekommst sie ganz bestimmt wieder.“
„Ich habe auch nur einen Euro, der Rest von meinem Taschengeld. Aber warte mal…“
Lisa greift in ihre Jackentasche und holt das rote 50-Centstück heraus.
„Das habe ich gestern von Tante Tilly bekommen, aber ich glaube nicht, dass man damit bezahlen kann.“
„Warum nicht?!“, meint Anna. Lass es uns versuchen!“
Die beiden Mädchen bestellen jeder eine Kugel Eis. Zitrone und Schokolade. Lisa bezahlt ihr Eis und nachdem Anna 50 Cent auf die Theke gelegt hat, legt Lisa die rote Münze daneben.
„Das kann ich aber nicht annehmen“, sagt die Verkäuferin.
„Wieso? Ist doch Geld!“, erklärt Anna und sieht die Verkäuferin flehend an.
„Na gut, ausnahmsweise“, meint diese und denkt sich: „Ich werde sofort bei passender Gelegenheit versuchen diese Münze wieder loszuwerden.“
Gesagt, getan. Schon beim übernächsten Kunden bietet sich die Gelegenheit. Es ist der Schornsteinfeger aus dem Nachbarort. Ohne sein Wechselgeld näher zu betrachten, steckt er es in sein Portemonnaie und geht mit seinem Eis seines Weges.
Nach Feierabend wechselt das Geld erneut seinen Besitzer. Es landet nämlich beim Metzger Würstl, wo sich der Schornsteinfeger für das Abendessen ein Paar Wiener kauft. Mit den anderen Münzen landet es in der Kasse. Von dort wandert es zu Frau Heinrich, die ihre Rechnung von 9,50 Euro mit einem 10-Euroschein begleicht.
„Verflixt!“, denkt sie, als sie später die Münze in ihrer Geldbörse entdeckt. „Was habe ich mir denn da andrehen lassen?!“
So kommt es, dass das Geldstück schon am nächsten Tag wiederum seinen Besitzer wechselt, da es niemand behalten will. Jetzt landet es bei der Toilettenfrau Karla auf dem bereitgestellten Teller. Karla steckt es zu dem anderen Klimpergeld in ihre Schürzentasche und denkt sich nichts dabei, dass dieses Geldstück rote Farbe abbekommen hat. Geld ist für sie nämlich Geld und dient lediglich dem Bezahlen. Trotzdem ist sie bestrebt diese Münze weiterzugeben.
Am Nachmittag nach Dienstschluss kauft sie davon Futter für ihre Katze und die Münze landet in der Kasse der Tierhandlung. Von dort wandert sie weiter zu Karin Hoffmann aus der Friedrichstraße. Sie holt immer das Vogelfutter für ihre beiden Kanarienvögel in der Tierhandlung.
Karin ist eine Kundin von Sabine Müller, der Schneiderin, die in der gleichen Straße wohnt wie Tilly und Erna. Und wie das Leben eben so spielt, wechselt hier das 50- Centstück wiederum seinen Besitzer.
Der Zufall will es, dass in der Woche darauf Tilly sich bei Karin Hoffmann einen Rock enger nähen lässt.
Ja, Ihr denkt jetzt: Auf diesem Wege landet die Münze wieder in Tillys Geldbörse und seltsamerweise auch wieder bei Erna Schimmelpfennig.
Falsch!
Tilly bezahlt ihre Schneiderrechnung nicht mit Bargeld, sondern mit Karte. Allerdings begegnen sich Tilly und Erwin Schimmelpfennig auf der Treppe, als die eine die Schneiderei verlässt und der andere diese aufsuchen möchte. Erwin will ebenfalls etwas abholen. Er holt seine neue Arbeitshose ab, die gekürzt werden musste.
Zuhause angekommen schlüpft er sofort in die neue Hose und macht sich in der Garage wieder an die Autoreparatur, wobei einige Flecken auf die funkelnagelneue Hose geraten. Dies hat wiederum zur Folge, dass die Hose schon am gleichen Abend in der Waschmaschine landet. Erwin Schimmelpfennig hat sie selbst mit dem T-Shirt und seiner Jeans hinein gelegt und zur großen Freude seiner Frau auch gleich das Waschprogramm gestartet. Nur hat er eines vergessen.
Dieses Etwas wiederum lässt Frau Schimmelpfennig von ihrem Sofa voller Schreck hochfahren. Als sie ein sehr seltsames und lautstarkes Geklapper aus dem Hauswirtschaftsraum hört, läuft sie schnell zur Waschmaschine, da sie befürchtet, das letzte Stündlein ihrer Maschine habe geschlagen. Händeringend steht sie vor der Waschmaschine und drückt in Windeseile die Stopptaste. Nach dem Öffnen des Bullauges kullert ihr etwas entgegen, das ihr irgendwie bekannt vorkommt.

 

Vielleicht möchtet Ihr auch das noch lesen:

Waschmaschinengespräche

Dumme Socke

Zwiegespräche

 

14 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Ich werde mir Mühe geben, lieber Klaus. Ich wünsche Dir einen schönen und angenehmen Wochenteiler.
      LG
      Astrid

  1. Haha, na bitte, das ist eine ziemlich weit gereiste 50-Cent-Münze 😉 Eine tolle Münzen-Odyssee hast du da erzählt, und wenn ich das Foto richtig deute, hast du dich durch eine wirklich rot gefärbte Münze dazu inspirieren lassen 🙂

    Alles Liebe aus der Blogpause (die ich am 15.7. für ANL unterbrechen werde),

    Traude

    PS: Danke für deinen lieben Kommentar! Ich glaube, das hast du gut beobachtet – wäre mir selber gar nicht so aufgefallen, aber ich trage wirklich nur einige wenige besonders bewährte Kombinationen immer wieder, die meisten anderen nur ein- oder zweimal – oder erst nach Monaten, wenn ich davon ein Foto in einem meiner älteren Blogbeiträge sehe und denke, so könnte ich das auch mal wieder mixen ;-)!

    • Astrid Berg sagt

      Jetzt muss ich Dich doch ein bisschen enttäuschen, liebe Traude. Nicht die Münze hat mich zu dieser Geschichte inspiriert, sondern eine lange Schraube, die in meiner Waschmaschine klapperte. Das 50 Centstück hat mein Mann erst nachträglich für das Beitragsfoto zu dieser Geschichte leicht rot eingefärbt. 🙂
      Hab noch eine schöne Blogpause und sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  2. Also ich weiß ja nicht, wie du das gemacht hast, aber irgendwie kommt es mir so vor, als hättest du heimlich meinen Mann beobachtet und über ihn geschrieben! 🙂 – Ich finde auch dauernd etwas in seinen Hosentaschen und Kleingeld mag er auch nicht – ja, bis auf die 50-Cent Stücke. Der Rest kommt in ein Sparschwein – macht die Geldbörse unnötig schwer! – Ich musste wirklich grinsen! – Schöne Geschichte, mitten aus dem Leben!
    LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Kleingeld mag mein Mann gar nicht in seiner Geldbörse. Er versucht es immer schnellstmöglich loszuwerden. Er hat sein Portemonnaie immer in der Gesäßtasche und mal ehrlich, es sitzt sich nicht so gut darauf 🙂 . Ich habe auch eine Sparbüchse, in die ich das Kleingeld werfe. Manchmal gehe ich tatsächlich gezielt mit Kleingeld einkaufen. Wenn nicht so viel los ist, dann freuen sich die Verkäuferinnen auch darüber.
      LG
      Astrid
      P.S. Manchmal denke ich, Männer haben in dieser Hinsicht (Schrauben… in der Tasche etc.) ein gemeinsames Gen. Kann gar nicht anders sein, oder?! 😉

  3. Hallo liebe Astrid,
    nun habe ich gleich mal auf deinen Blog geguckt und er gefällt mir richtig gut. 🙂 Aber ich habe ein anderes Ende erwartet, nämlich, dass die Münze eine besondere Bedeutung für Erwin hatte und er erst einen Schreck kriegt, dass sie weg ist. Und dann per Zufall die Münze wieder als Wechselgeld bekommt. *lach. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
    glg Johanna

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Johanna,
      ich begrüße Dich recht herzlich auf meinem Blog und freue mich, dass es Dir bei mir gefällt.
      Ja, die Fantasie kennt keine Grenzen. Mir spukt schon seit geraumer Zeit noch eine andere Geschichte im Kopf herum, die ich irgendwann auch noch schreiben werde. Es könnte gut sein, dass Deine Fantasie kombiniert mit meiner Fantasie darin einen Platz findet 😉 . Lassen wir uns einfach überraschen.
      Ich freue mich auf unsere gegenseitigen Besuche und schicke Dir liebe Grüße
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    was für eine Klimper-Klingel-Kleingeld-Story, herrlich.
    Es wäre wirklich schade, wenn das Münzgeld verschwinden würde und sich solche Geschichten nie wieder ereignen könnten, gell.

    Es hat mir Freude gemacht, Deinen feinen Blog zu besuchen und da ich gespannt bin, was Dich sonst noch so alles inspiriert und welche wunderbaren Geschichten Du erzählst, werde ich meinen Besuch mit Vorfreude wiederholen.
    Lieben Gruß
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Moni,
      ich begrüße Dich recht herzlich auf meinem Blog und freue mich sehr, dass Dir mein Blog gefällt.
      Meine Waschmaschine hat mich schon öfter dazu animiert eine Geschichte zu schreiben, sei es weil sie wieder einmal eine Socke verschluckte (Dumme Socke)oder weil man bei ihrem Programm so schöne Gespräche führen kann (Waschmaschinengespräche).
      Ich freue mich auf unsere weiteren gegenseitigen Besuche und schicke Dir liebe Grüße
      Astrid

  5. Ach wie lustig diese Geschichte. Ja, so spielt das Leben.
    Meine Mutti hatte früher immer eine Kittelschürze um und in den Taschen sammelte sie alles, was sie fand. Geldstücke, Haargummis, Krimskrams. Und fast so geht es mir heut mit meinen Hosen oder Jacken. Aber ich bin mit Hund unterwegs und wenn ich meine kleine Umhängetasche nicht mitnehme, muss alles in die Taschen wandern: Taschentuch, Hundetütchen, Schlüssel, Handy … 🙂
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Du wirst es nicht glauben, liebe Kerstin, aber wenn ich durch das Haus wirbele und aufräume, dann stecke ich auch Papierschnipsel und andere Fundstücke in meine Hosentasche. Es scheint so, als hätten nicht nur die Männer ähnliche Angewohnheiten, sondern auch wir Frauen. 😉
      Liebe Sonntagsgrüße und lass es Dir gutgehen
      Astrid

  6. Liebe Astrid, mein Mann ist auch ständig mit Krimskrams in den Hosentaschen unterwegs. Einmal vergaß ich nachzusehen und die Waschmaschine war platt von einer Schraube. Er hat ein paar Stunden die Maschine wieder repariert, wegen einer vergessenen Schraube. Mir passiert das nicht mehr, ich passe jetzt auf wie ein Schloßhund. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Eva,
      ich habe neulich auch eine ziemlich lange Schraube in der Trommel meiner Waschmaschine gefunden, obwohl ich normalerweise immer in den Taschen meines Mannes nachsehe. An diesem Tag hatte ich es allerdings vergessen. Ich hatte Glück, der Maschine ist nichts passiert. Jetzt halte ich wieder die Augen auf, damit nicht doch noch eine Schraube ins Getriebe gerät ;-).
      Liebe Sonntagsgrüße
      Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.