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Unfassbar

Man sagt, dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt. Das ist richtig, aber leider schreibt das Leben auch manchmal Geschichten, die traurig oder sogar nahezu unfassbar sind. Eine davon möchte ich Euch heute erzählen, denn sie ist meinem Schwiegervater widerfahren. 

Leider weilt mein Schwiegervater nun schon etliche Jahre nicht mehr unter uns, doch ich könnte mir vorstellen, dass er heute sogar über die Geschehnisse von damals lachen würde. Aufgeregt hat er sich in der besagten Situation jedenfalls auch nicht. Vielleicht liegt es daran, weil sie so unfassbar und schon grotesk ist, dass man ihr nur mit Kopfschütteln begegnen kann.
Mein Schwiegervater war schon immer und auch später, trotz seiner schweren Erkrankung ein positiv denkender Mensch. Er war nierenkrank und wurde zum Dialysepatienten. Dies konnte ihn allerdings nicht davon abhalten mit meiner Schwiegermutter die Welt noch zu bereisen. Auf einem großen Traumschiff, das mehrere Dialysestationen an Bord hatte, machten sie Kreuzfahrten. Problemlos! Und ich muss sagen, es ist einfach fantastisch, dass es solche Möglichkeiten gibt.
Später war er dann jedoch mobilitätsmäßig mehr eingeschränkt. Folgeerkrankungen führten schließlich dazu, dass er innerhalb eines Jahres beide Beine amputiert bekam. Somit saß er fortan im Rollstuhl und war schwerbehindert. Aber seine positive Einstellung dem Leben gegenüber hat er beibehalten. So machte er auch allen möglichen Unsinn mit seinem Rollstuhl und fuhr beispielsweise mit unserem damals noch kleinen Sohn, der sich spaßeshalber in den Zweitrollstuhl seines Opas setzte, um die Wette. Da er mit seiner Behinderung völlig normal umging, taten wir Familienmitglieder dies auch. Doch wegdenken oder gar ignorieren, konnte man sie allerdings nicht. Auch wenn es scheinbar Menschen gibt, die vor dem überaus Offensichtlichen die Augen verschließen und auf Gesetzen beharren, die zwar notwendig, aber in manchen Fällen überflüssig sind.
Ich habe Euch das alles nur im Vorfeld erzählt, damit Ihr Euch ein Bild von meinem Schwiegervater machen könnt. Doch nun zu der eigentlichen Begebenheit.
Meine Schwiegereltern planten einen kleinen Tagesausflug. Ich weiß nicht mehr, wohin sie fahren wollten, aber auf jeden Fall nutzten sie dazu die Bahn. Es war ein schöner Tag und sie freuten sich auf ihre Unternehmung. Ein Bediensteter der Bahn half meinem Schwiegervater mit dem Rollstuhl in den Zug und so genossen sie die Zugfahrt. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Moment. Und dieser nahte mit energischen Schritten in Gestalt der Zugbegleiterin. Ich weiß nicht wie sie aussah, denn mein Schwiegervater äußerte sich nie hierüber. Allerdings hat sich in meiner Vorstellung ein ganz bestimmtes Bild heraus kristallisiert: Sie war mit Sicherheit eine sehr ernste und gesetzestreue Dame. Vielleicht etwas streng und gouvernantenhaft wirkend. Dem ersten Anschein nach allerdings erst einmal sehr freundlich, aber dennoch bestimmend. So sagte sie dann auch ohne den Anschein eines Lächelns kurz und bündig:
„Die Fahrausweise, bitte!“
Diesen konnte mein Schwiegervater auch vorzeigen. Doch was ihm in der Hektik und der Vorfreude auf diesen Tag entgangen war, war etwas anderes.
„Und wo ist ihr Schwerbehindertenausweis?“, fragte die strenge Dame sogleich als sie das ermäßigte Ticket sah.
Mein Schwiegervater und auch meine Schwiegermutter durchwühlten ihre Taschen, doch leider erfolglos. In der Eile und der Vorfreude auf den Tagesausflug hatten sie vergessen den Behindertenausweis meines Schwiegervaters einzupacken.
„Das sollte ja wohl kein Problem sein“, meinte mein Schwiegervater und lächelte die Dame an. Immerhin war seine Behinderung ja mehr als nur offensichtlich. Gut, in einen Rollstuhl kann sich jeder setzen, aber da ja erkennbar war, dass er beide Beine amputiert hatte, muss man eigentlich schon selbst mit Blindheit beschlagen sein, um die Behinderung nicht zu erkennen.
Die Zugbegleiterin verzog jedoch keine Miene. „Es tut mir leid, aber dann müssen sie nachzahlen und auch noch Strafe zahlen.“
„Also, hören Sie mal, Sie sehen doch …“, setzte meine Schwiegermutter verärgert an.
Die Dame ließ weder mit sich reden, noch schien sie Augen im Kopf zu haben, geschweige denn das Herz am richtigen Fleck.
Mein Schwiegervater, der keine Lust hatte sich über seine offensichtliche Behinderung in ein Streitgespräch einzulassen, winkte nur ab:
„Wenn Sie meinen…“, richtete er sich an die Bahnmitarbeiterin und zückte auch schon seine Geldbörse.
Möglicherweise war die Dame nur sehr darauf bedacht, Recht und Gesetz Genüge zu tun und hat dabei vergessen, dass in ihrer Brust auch ein Herz schlägt, das doch bestimmt nicht aus Stein ist. Allerdings schien sie sich nicht zu trauen diesem zu folgen.
An diese Begebenheit musste ich erst kürzlich wieder denken, als ich in der sogenannten Regenbogenpresse in einem Wartezimmer auf einen Artikel* stieß. Als ich diesen las, wunderte ich mich doch sehr, denn ich hatte bisher angenommen, das geschilderte Erlebnis sei ein Einzelfall. Doch weit gefehlt!

Der Artikel* handelte von einem behinderten Mann, der ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen war. Da an seinem Rollstuhl etwas defekt war, fuhr er mit seinem Auto zu einem Sanitätsgeschäft. Nun kostet es einem Behinderten sicherlich mehr Mühe als einem Menschen ohne Handikap vom Auto in den Rollstuhl und ins Sanitätsgeschäft zu gelangen. Eine der Erleichterungen ist bestimmt der Behindertenparkplatz direkt vor dem Geschäft, den er auch nutzte. Bei seiner Rückkehr nach ungefähr drei Minuten, hatte eine Politesse gerade festgestellt, dass kein Behindertenausweis im Auto lag. Soweit, so gut! Ein gesunder Mensch ohne Gehbehinderung hat auch nichts auf einem Behindertenparkplatz zu suchen. Diesem gehört auch ein Knöllchen. Doch was ist, wenn man plötzlich einem Rollstuhlfahrer gegenübersteht. Ich denke, dann kann man doch ein Auge zudrücken. Die Politesse ließ sich jedoch nicht überzeugen und auch in diesem Fall ließ die besagte Dame nicht ihr Herz sprechen, sondern beharrte auf Recht und Gesetz. Auch dieser Herr kam seiner Geldstrafe nach.
Ich finde, manchmal passieren schon seltsame Dinge auf dieser Welt, über die man sich nur wundern kann.
Ich, anstelle der beiden Damen, hätte am Abend bestimmt keinen Schlaf gefunden, so hätte mich mein schlechtes Gewissen geplagt. (Abgesehen davon,  hätte ich erst gar kein Bußgeld erhoben.)

Wie denkt Ihr über diese beiden Vorkommnisse? Bestimmt seid Ihr doch auch der Meinung, dass man das Problem (wenn es überhaupt eines gab) hätte menschlicher lösen können.

 

Vielleicht möchtet ihr auch noch das lesen:

Meine ganz normale, chaotische Familie

Das Familien – A B C

Stock und weißer Bart

 

Anmerkung: Das Foto habe ich in Bangkok aufgenommen und es stellt das Graffiti eines mir unbekannten Künstlers dar.

*vgl.: Knöllchen trotz Rolli, in: tina, Nr.47, 11. November 2015, S.5

19 Kommentare

  1. In unserer heutigen Zeit des Leistungsdruckes und des Profits erwartest du aber sehr viel, liebe Astrid :mrgreen: .
    Natürlich hätte man das Problem menschlich und mit Herzenswärme lösen können. Solchen Menschen wünsche ich dann immer, dass sie irgendwann die Quittung bekommen, in denen jemand mit ihnen so „un“menschlich umgeht.

    Liebe Grüße und einen schönen ersten Advent,
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Vielleicht geht man einfach zuviel von sich selbst aus und erwartet das von anderen, was man selbst in einer solchen Situation tun würde.
      LG und Dir ebenfalls einen schönen ersten Advent,
      Astrid

  2. Haben denn deine Schwiegereltern eine Quittung bekommen?
    Dann hätten sie womöglich den Schein nachreichen können und ein Teil der Zuzahlung wäre womöglich erstattet worden.
    Wir nutzen auch noch die Behinderten-Parkplätze, noch habe ich kein Recht dazu.
    Obwohl ich keinen Schritt mehr frei gehen kann.
    deine Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      wenn Du nicht mehr frei gehen kannst, dann sollte es doch eigentlich kein Problem sein eine solche Bescheinigung ausgestellt zu bekommen, oder?
      Ob meine Schwiegereltern eine Quittung erhalten haben, weiß ich nicht. Das ist alles schon so lange her, – bestimmt schon mehr als 10 Jahre.
      LG und ich wünsche Dir ein schönes Adventswochenende
      Astrid

  3. Unglaublich, diese blöden Kühe sollten selbst mal behindert werden und so einer Schikane ausgesetzt sein. Ich würde diesen Weibern den Hals umdrehen. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ich denke im Leben hat jeder sein Päckchen zu tragen und genau aus diesem Grund sollten wir Menschlichkeit walten lassen.
      Mein Schwiegervater hat die Sache eigentlich ganz locker genommen und sich dann auch weiter keine Gedanken mehr darüber gemacht.
      LG
      Astrid

  4. Eigentlich unfassbar, was Du da schilderst. Wozu muss ein beinamputierter Mensch noch beweisen, dass er behindert ist? Da kann man wirklich nur mit dem Kopf schütteln. Die Zugbegleiterin hätte sich schämen und entschuldigen müssen.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      ich kann mir nur vorstellen, dass die Zugbegleiterin ganz einfach von dieser Situation überfordert war. Wer weiß, warum sie so gehandelt hat?! Vielleicht weil sie zu sehr auf die Vorschriften fixiert war oder vielleicht, weil sie noch nie zuvor in einer solchen Situation war und sich hilflos fühlte oder … Wer kann das jetzt noch sagen. Aber trotzdem ist es einfach grotesk und irgendwie unfassbar.
      LG und einen schönen Abend
      Astrid

  5. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    wir leben hier (leider) in Deutschland, ja, manchmal muss man wirklich „leider“ sagen! Hier zählen der Buchstabe des Gesetzes und das Machtgehabe mancher Zeitgenossen mehr als Menschlichkeit . Mal ein Auge zudrücken – noch dazu in so offensichtlichen Fällen … das geht überhaupt nicht … 🙁
    Aber vielleicht geraten solche herzlosen Leute ja mal selber in eine missliche Lage und werden dann auf diese Art behandelt. Zu wünschen wäre es ihnen…
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Ach Christine, mein Schwiegervater hat es ihr offensichtlich nicht nachgetragen. Deshalb tue ich es auch nicht, aber trotzdem fand ich es wichtig, diese unfassbare Situation aufzuzeigen und damit vielleicht auch ein kleines Zeichen zu setzen. Ein Zeichen für mehr Menschlichkeit.
      LG und einen schönen Abend
      Astrid

  6. Es scheint, als zählen nur noch Vorschriften und Anweisungen. Wo sind sie hin, die Gutmenschen, die ein Auge zudrücken und Fünfe gerade sein lassen können? Manche Menschen freuen sich, wenn sie auch mal das Sagen haben, andere trauen sich nicht, von ihren Anweisungen abzuweichen. Was auch immer, Erlebnisse wie diese würde man sich gern sparen.
    Herzliche Grüße, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Emily,
      zuerst einmal bedanke ich mich für Deinen Kommentar und begrüße Dich recht herzlich auf meiner Seite.
      Ich finde die geschilderte Situation muss eigentlich sehr unangenehm für meinen Schwiegervater gewesen sein. Ich denke, dass jemand, der beide Beine amputiert hat, nicht beweisen muss, dass er behindert ist. Das ist einfach nur unfassbar. Er hat es jedoch sehr locker weggesteckt. Aber ein bisschen mehr Menschlichkeit hätte man jedoch von dieser Dame erwarten können. Überhaupt fehlt diese Menschlichkeit heutzutage leider oftmals.
      LG
      Astrid

  7. Martina sagt

    Oh ja, immer wieder wird so etwas geschehen, wenn die Menschen nur nach dem Gesetz und der Ordnung gehen. Ein bisschen mehr Augenmaß würde ich mir oftmals wünschen! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Das würde ich mir auch wünschen, liebe Martina. Es reicht doch schon aus, wenn man jeden so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte.
      LG
      Astrid

  8. Mein Vater war ja nach dem Krieg bei der Polizei und er hat oft ein Auge zugedrückt und das Herz sprechen lassen. Einer seiner Kollegen war das genaue Gegenteil, ein wandelndes Gesetzbuch ohne Herz und Verstand. LG Lore

    • Astrid Berg sagt

      Ich finde es schade, wenn die Menschen vergessen ihr Herz auch einmal sprechen zu lassen. Man sollte andere immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.
      LG
      Astrid

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