Kurzgeschichten
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Tatort Friedhof

Es ist ein ganz normaler Tag. Oder vielleicht doch nicht. Dieser Tag verspricht keinen Stress, sondern scheint eher einer von der geruhsamen Sorte zu sein. So begrüßt er uns am Morgen, doch als er sich um Mitternacht verabschiedet, kann man nicht anders als von einem aufregenden Tag zu sprechen.

Das kleine über 1200 Jahre alte Städtchen wirkt ein bisschen verschlafen und verspricht dem Besucher als Luftkurort Ruhe und Erholung. Wälder, ein Stausee und viele Wanderwege wirken im Sommer ebenso einladend wie das kleine und nahgelegene Skigebiet im Winter. Idylle pur, in der die Welt noch heil ist. Hier kennt jeder jeden und am Gartenzaun gibt es ebenso ein kleines Schwätzchen wie beim Einkauf. So war es immer, – auch in meiner Kindheit und Jugend. Warum sollte es jetzt anders sein?
Und trotzdem sitze ich jetzt gerade auf der Polizeistation dieses Städtchens und bin völlig aufgeregt. Im Gegensatz zu mir ist der Hauptkommissar die Ruhe in Person. Ich würde am liebsten gleich mit meiner Berichterstattung loslegen, damit die Ermittlungen beginnen können. Und überhaupt, warum sitze ich hier und warum ist die Polizei nicht am Tatort? Was ist mit der Spurensicherung? In Krimis sind die Ermittler immer vor Ort. Hier aber geht es um meinen Namen, meine Anschrift, mein Geburtsdatum. Ich habe das Verbrechen nicht begangen. Also warum schreitet man nicht endlich zur Tat?
„Nur ruhig, liebe Frau!“, versucht mich der Hauptkommissar zu beruhigen. „Jetzt nehmen wir erst einmal alle wichtigen Daten auf und dann berichten Sie schön der Reihe nach.“
„Wichtige Daten?“, überlege ich. „So löst der den Fall nie. Das ist doch alles nur für die Akten. Dann kommen zwei Löcher rein und das Formular wird abgeheftet. Punkt. Fertig.“
Nun gut, endlich geht es zur Sache und ich soll erzählen.
„Meine Mutter und ich sind mit dem Auto zum Friedhof gefahren. In den Kofferraum hatten wir die Gießkanne, ein kleines Häkchen, Blumenerde und natürlich Pflanzen gelegt, denn wir wollten das Grab neu bepflanzen. Wir haben gegenüber den Schrebergärten, direkt an der Friedhofsecke geparkt.“
„Können Sie sich noch an die Uhrzeit erinnern?“
„Ich denke“, sage ich. „es muss so gegen halb drei Uhr nachmittags gewesen sein.“
„Und die Tatzeit?“, möchte er wissen.
„Irgendwann zwischen unserem Eintreffen am Friedhof und meinem Anruf bei Ihnen auf der Polizeistation. Aber das müssen Sie doch wissen, das wird doch vermutlich protokolliert“, antworte ich leicht irritiert.
„Hm!“ Der Polizeibeamte blättert in einigen Unterlagen und blickt mich dann wieder aufmunternd an.
„Hatten Sie von ihrem Standort aus einen Einblick auf den Tatort?“, fragt mich der Polizist weiter aus.
„Das nicht, aber ich kam noch einmal kurz am Tatort vorbei, weil ich etwas aus dem Auto geholt habe. Da ist mir nichts aufgefallen.“
„Haben Sie eventuell eine verdächtige Person gesehen?“
„Nein!“, erkläre ich ihm kurz und bündig. Mittlerweile würde ich gerne selbst auf die Suche nach dem unbekannten Täter gehen oder zumindest noch einmal an den Tatort fahren. Wer weiß, vielleicht findet sich doch noch ein Hinweis. Aber der Polizeibeamte macht weder Anstalten mich aus diesem Verhör zu entlassen, noch sich selbst zum Tatort zu begeben. Stattdessen hat er wieder eine neue Aufforderung für mich parat.
„Überlegen Sie einmal, vielleicht war noch jemand auf dem Friedhof, der als Täter in Frage käme!“, fordert er mich erneut zum Nachdenken auf.
„Nein“, wiederhole ich meine Aussage. „Nur noch eine alte Frau, aber ich nehme an, dass diese alte Frau mit Krücken, die nach uns auf den Friedhof kam, nicht zum Kreise der Verdächtigen zählt. Sonst war keine Menschenseele auf dem Friedhof zu sehen.“
Anscheinend bringt ihn die Erwähnung der Krücke auf eine neue Idee und damit auf die nächste Frage:
„Haben sie irgendwo etwas entdeckt, das als Tatwaffe in Frage käme?“
„Ist das meine Aufgabe?“, frage ich mich insgeheim und schüttele dabei den Kopf.
„Steine vielleicht!“, sage ich. „Die liegen doch massenhaft da rum!“
„Möglich“, brummelt sich der Polizeibeamte in den Bart, den er nicht besitzt.
Endlich ist er mit seinem Protokoll fertig und schreitet endgültig zur Tat.
„Jetzt machen wir noch Fotos, dann ist die Aktenlage komplett“, bekundet er, greift sich eine kleine Digitalkamera und marschiert nach draußen. Selbstverständlich gefolgt von mir. Nachdem er seine Fotos gemacht und diese auf dem Display als einigermaßen brauchbar befunden hat, erklärt er offiziell die „Vernehmung“ als beendet: „Wir melden uns, wenn es Neuigkeiten gibt. Aber in einem solchen Fall fürchte ich,…“ Er zuckt mit den Schultern und reicht mir zum Abschied die Hand.
„Tja“, denke ich. „Das war’s dann wohl!“
Von den Geschehnissen des Tages erschöpft, setze ich mich in mein Auto und fahre zum Haus meiner Mutter. Kaum habe ich in der Einfahrt geparkt, klingelt das Handy in meiner Handtasche. Etwas umständlich angele ich es zwischen verschiedenen Utensilien heraus und melde mich.
„Hier ist noch einmal Hauptkommissar B.“, tönt es aus dem Handy in mein Ohr hinein. „Wir haben sie!“
Mir bleibt der Mund offen stehen, so überrascht bin ich.
„Das ging ja fix!“
„Ja, ich habe sogleich eine Streife zum Tatort geschickt. Und stellen Sie sich vor: Keine 30 Meter vom Tatort entfernt, haben wir sie entdeckt.“
Sprachlos lausche ich seinen weiteren Ausführungen: „Kommen Sie am Besten gleich noch einmal zurück zur Wache. Sie müssen sie doch identifizieren und dann können Sie auch gleich…“
Ich habe gar nicht erst abgewartet bis er ausgesprochen hat, sondern habe mein Handy zurück in die Tasche geworfen und mich ins Auto geschwungen.
„Sie haben sie! Ich bin gleich wieder zurück!“, rufe ich noch schnell aus dem offenen Seitenfenster und schon bin ich weg.
Als ich das Büro des Hauptkommissars betrete, sehe ich sie schon liegen. „Äußerlich scheint sie unversehrt!“, begrüßt er mich. „Sie lehnte an einem Zaun eines Schrebergartens wenige Meter vom Tatort entfernt.“

Tatsächlich das ist unsere Aktentasche und der Inhalt ist auch noch da!
„Der oder die Täter hatten wohl einen Laptop darin vermutet, mit den darin befindlichen Dokumenten konnten sie jedoch nichts anfangen und haben sie gleich wieder abgelegt. Gut, dass alles wieder da ist. Nur leider bleibt der Schaden an Ihrem Auto“, sagt der Polizeibeamte und hat uns wieder einmal bewiesen, dass es stimmt, wenn es heißt:

Die Polizei, – Dein Freund und Helfer.

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Leider handelt es sich hier nur um eine Handyaufnahme, allerdings habe ich bei der ganzen Aufregung nicht auf die Qualität geachtet.

* Anmerkung: Das Beitragsbild ist rein zufällig gewählt und zeigt einen fremden Friedhof in Griechenland, die abgebildeten Gräber  stehen in keinem Zusammenhang mit der Geschichte.

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