Kurzgeschichten
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Tänzchen gefällig?

Diese eine Sache passiert mir in gewissen Abständen immer wieder. Man könnte fast schon von einer Regelmäßigkeit sprechen. Man denkt an nichts und zack ist es passiert. Hinterher lachen alle Beteiligten herzlich und schon ist es wieder vorbei. Bis zum nächsten Mal. Es kann jederzeit und nahezu an jedem beliebigen Ort passieren, an dem sich mindestens zwei Menschen befinden.
Warum ich gerade jetzt davon berichte, wollt Ihr wissen? Na, weil es eben im Moment schon wieder passiert ist und das gleich mehrmals hintereinander. Ich spreche in Rätseln? Dann will ich für Euch dieses Rätsel auflösen:
„Ich fahre mit dem Auto mal schnell durch die Waschanlage“, ruft mir mein Gatte zu, indem er den Kopf in die Küche steckt.
„Wenn du noch einen kleinen Moment Zeit hast, dann komme ich mit. Ich muss nämlich noch ein paar Einkäufe machen.“
So machen wir es dann auch. Während mein Göttergatte dafür sorgen will, dass unser Auto wieder im Hochglanz erstrahlt, dafür sich aber erst einmal mit dem Wagen in einer Schlange anstellen muss, gehe ich zum gegenüberliegenden Supermarkt. Auf meinem Weg zu den Einkaufswagen, die in einer Ecke des Parkplatzes abgestellt sind, krame ich in meiner Handtasche nach einem Plastikchip, den ich für die „Entfesselung“ des Einkaufswagens benötige. Da meine Handtasche einerseits alles und anderseits nichts beherbergt, also das reinste Bermudadreieck ist, in dem alles verschwindet, werde ich auch nicht gleich fündig. So laufe ich zwar langsam, aber stetig weiter, während ich in meiner Handtasche herum wühle. Mein Blick ist konzentriert auf den Inhalt meiner Tasche gerichtet.
„Wo ist dieses Ding denn nur?“, frage ich mich fast schon verzweifelt. Als ich auch noch den Reißverschluss der inneren Seitentasche öffne, halte ich das gesuchte Teil endlich in der Hand.
„Na also, ich wusste doch, dass ich einen Chip habe“, sage ich in Gedanken zu mir selbst.
Strahlend nehme ich während des Laufens das besagte kleine runde Ding aus meiner Tasche und hebe den Blick wieder in meine Laufrichtung. Abrupt bleibe ich stehen, denn ich werde am Weitergehen gehindert. Vor mir steht ein Mann, der genau in die mir entgegengesetzte Richtung laufen will. Irgendwie sind wir uns in den Weg geraten, er befindet sich sozusagen auf meiner Bahn. Wer jetzt auf wen zugelaufen ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da ja meine Aufmerksamkeit abgelenkt war.
„Entschuldigung“, sage ich trotzdem höflich.
„Kein Problem!“, meint er. „Ist ja nichts passiert.“
Freundlicherweise möchte ich ihm aus dem Weg gehen und trete einen Schritt rechts zur Seite. Genau im selben Moment tritt er einen Schritt nach links. Wieder stehen wir uns genau gegenüber und bilden jeweils für den anderen ein Hindernis. Jetzt wiederum mache ich einen Schritt nach links und er einen Schritt nach rechts. Nicht nur, dass inzwischen wieder jeder an seiner Ausgangsposition steht, auch sonst hat sich nichts an unserer Lage geändert. Wir stehen uns immer noch im Weg. Verlegen lächeln wir uns an, um es noch einmal zu versuchen. Also mache ich einen Schritt nach rechts und er einen nach links.
„Entschuldigung“, sage ich nun zum zweiten Mal, kann mich aber kaum noch vor Lachen halten.
„Bleiben Sie mal ganz ruhig stehen“, fordert mich der fremde Herr ebenfalls lachend auf. „Nicht bewegen, ich gehe jetzt nämlich einfach rechts an Ihnen vorbei.“
„Okay! Das könnte klappen“, grinse ich und bleibe tatsächlich wie angewurzelt stehen.
„Schönen Tag noch!“, rufe ich dem Herrn zu, nachdem wir nun wirklich und wahrhaftig aneinander vorbei gekommen sind.
„Ihnen auch!“, antwortet er. „Er hat zumindest schon lustig angefangen.“
Jetzt kann ich meinen Weg ungehindert fortsetzen, schnappe mir einen Einkaufswagen und marschiere durch die Reihen des Supermarktes. Wie immer oder zumindest meistens habe ich meinen Einkaufszettel zu Hause auf dem Küchentisch liegen gelassen. Deshalb muss ich mich jetzt auch konzentrieren, um nichts zu vergessen und alles in den Wagen zu packen, was ich unbedingt einkaufen muss. Während ich also mit höchster Aufmerksamkeit die Regale durchforste und meine grauen Zellen auf Hochtouren arbeiten, schiebe ich meinen Einkaufswagen den Gang entlang. Ich bemerke nicht, dass eine Frau mit ihrem Einkaufswagen direkt auf mich zukommt. Sie hat im Gegensatz zu mir ihren Einkaufszettel nicht zu Hause vergessen, sondern ist total in diesen vertieft. Gerade noch rechtzeitig bemerken wir uns gegenseitig und können einen direkten Zusammenstoß nur vermeiden, indem wir sofort stehen bleiben oder ein Ausweichmanöver starten. Wir entscheiden uns gleichzeitig für das letztere Verfahren. Und so geht es wieder los: Ein Stückchen mit dem Wagen nach rechts drehen, während mein Gegenüber ein wenig nach links auszuweichen versucht. Da so auch kein Vorbeikommen gewährleistet ist, bewegen wir uns spiegelbildlich weiter, das heißt, sie macht einen Schritt nach rechts und ich nun einen Schritt nach links bei gleichzeitigem Bewegen des Einkaufswagens. Ich kann nicht sagen, wie oft wir diese Schrittfolgen üben, aber irgendwann schiebt jemand seinen Einkaufswagen rechts an mir vorbei, so dass ich keinen Schritt in diese Richtung machen kann und still stehen bleibe. Dies gibt meinem Gegenüber die Chance letztendlich links an mir vorbeizuziehen.
„Geschafft!“
Wir lächeln uns verlegen an und setzen unseren Weg und unseren Einkauf fort. Nach ein paar Schritten steht plötzlich mein Mann vor mir, der mich anscheinend gesucht hat.
„Ich bin noch nicht fertig“, erkläre ich ihm. „Es dauert noch ein Weilchen.“
„Kein Wunder“, meint er grinsend. „Wenn du hier auch andauernd irgendwelche Tänzchen vollführst.“
An meinem ratlosen Gesicht erkennt er anscheinend, dass ich nur Bahnhof verstanden habe. Also fügt er eine Erklärung hinzu:
„Ich habe dich schon draußen auf dem Parkplatz mit dem Mann Tanzschritte üben sehen und jetzt hier drinnen auch noch mit der Sekretärin eines Kollegen. Du solltest Tanzlehrerin werden, immerhin legst du eine flotte Sohle auf das Parkett.“

 

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15 Kommentare

  1. Solche „Begegnungen“ finde ich lustig. Mir passiert das auch immer wieder. Irgendwie schaffen wir das dann, meist mit einem heftigen Lachen, aneinander vorbeizukommen.

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende.
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Ich finde es auch jedesmal lustig und muss lachen. Doch es gibt auch Menschen, die diese Sache total ernst nehmen und danach schnell weiter gehen ohne die Miene zu verziehen.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

  2. Ja, liebe Astrid – grins! – das kenne ich auch!
    Wobei ich dich loben muss, denn DU hast es bei all diesen Tänzchen richtig gemacht: Dein erster Ausfallschritt hat dich jeweils nach rechts geführt, und genau so sollte man ausweichen: Wie im Straßenverkehr – der in unseren Breiten ja Rechtsverkehr ist – sollten die Einander-Entgegenkommenden BEIDE nach rechts ausweichen, und dann müsste eigentlich alles klar seín und der Weg frei. Aber manche Leute tanzen offenbar einfach zuuu gern und haben das mit Lechts und Rinks noch nicht begriffen ;-))
    Herzliche Rostrosen-Sontagsgrüße und eine schöne neue Woche,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/03/namibia-teil-11-action-reicher-lowentag.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      danke für diesen humorvollen Kommentar. Ich finde diese Tänzchen eigentlich gar nicht so schlimm, sie bringen ein bisschen Abwechslung in den Alltag und meist auch ein Lächeln auf die Lippen der Beteiligten.
      Ich schicke Dir liebe Grüße und wünsche Dir eine Woche voller Lächeln 🙂
      Astrid

  3. Liebe Astrid, da musste ich jetzt kichern. Mir passiert das auch oft mit meinem Mann. Wir müssen dann immer fürchterlich lachen. Es sieht aus wie ein Eier Tanz. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      seltsam, aber mit meinem Mann ist es mir noch nie passiert. Aber der Begriff „Eiertanz“ passt hervorragend zu diesem Hin-und Her.
      Liebe Eva, ich schaue immer bei Dir vorbei, aber die letzten Male konnte ich nicht kommentieren, da die Kommentarfunktion bei mir nicht angezeigt wurde. Möglicherwweise lag es an dem Internet, das ich momentan benutze und das nicht gerade das schnellste ist. Bitte sei mir nicht böse, wenn ich deshalb manchmal nur wortlos vorbei schaue.
      LG
      Astrid

  4. Ein ‚Eiertanz‘ schreibt Eva! – Ja, ich kenne ‚ihn‘ auch. – Wenn du von deinem Mann schreibst, denke ich oft ‚ein zerstreuter Professor‘ ist er wirklich nicht – eher ein sehr humorvoller! Da haste Glück gehabt :-)!! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Das kann man wohl sagen. Mein Mann kann sehr, sehr lustig sein. Manchmal macht er sich mit seinen Studenten auch einen Spaß. Sollte es vorkommen, dass jemand überhaupt nicht der Vorlesung folgt und sich anderweitig beschäftigt, dann wird er ganz still und erzählt leise von Rotkäppchen und dem Wolf. Wenn dann die anderen Studenten anfangen zu lachen, blickt plötzlich auch der besagte Student auf, wird verlegen und verfolgt 100% der weiteren Vorlesung. 🙂
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  5. So was kennt wohl auch jeder von uns. Geht mir zumindest ebenso wie dir. Und immer lächelt man darüber, es gibt eben auch nette Menschen. Wer nicht lachen kann, der ist sicher genervt von so was. Aber ich finde es immer lustig.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das stimmt, liebe Kerstin, wer über solche Dinge nicht lachen kann, der ist wahrscheinlich im Allgemeinen nicht leicht zum Lachen zu bringen.
      Ich schicke Dir liebe Sonntagsgrüße
      Astrid

  6. hihi^.^.
    passiert ist mir das auch schon öfter
    und meist wird dann gelacht
    du hast dsa wieder so humorvoll beschrieben
    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Danke, liebe Rosi. Manchmal ist dieses Tänzchen richtig lustig, manchmal ist es mir aber auch ein bisschen peinlich, denn nicht jedermann empfindet es als lustig. Manche nervt das, aber die haben dann wieder einmal eine Chance zum Lachen verpasst. Schade.
      LG
      Astrid

  7. lacht lacht… ohhh ja, das kenne ich auch und du hast das wunderhübsch und zum lange schmunzeln erzählt!!!
    ich konnte mir euren „EIERTANZ so richtig vorstellen, und wie es kommt was kommen muss ihr habt euch beide drüber amüsiert…toll, na wenn das kein guter Tag ist wenn man über solch eine hübsche Begegnung so nett lachen kann…ich hätt ihn doch glatt zum Käffchen eingeladen und versucht den Rumba zusammen auszuprobieren..wiege …wiege..Wiegeschritt..
    lache immer noch
    angel

    • Astrid Berg sagt

      Ich denke, einen solchen Eiertanz hat schon jeder von uns einmal vollführt. Ich muss sagen, egal wie oft er passiert, es macht immer wieder Spaß ihn zu tanzen. Zumindest ist es jedesmal ein Grund zum Schmunzeln. Wenn man bedenkt, dass ein Kind bis zu 400mal am Tag lacht, dann sollten wir Erwachsenen doch auch jede Gelegenheit dazu nutzen. Tänzchen gefällig?
      Herzliche Grüße
      Astrid

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