Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten
Kommentare 20

Pit Struwwel und Franz Stroh

Pit steht am Rande des Stoppelfeldes. Er ist eigentlich ein lustiger Geselle. Schon sein Aussehen ist kunterbunt. Er trägt eine braune Hose mit bunten Stoffflicken und einen grünen Mantel, der ebenfalls einige Flicken enthält. Um seinen Hals ist ein orangefarbenes Tuch geschlungen und auf seinem Kopf thront ein schwarzer Schlapphut mit einem grünen Band.

Meist hat Pit gute Laune, doch heute ist er alles andere als gut drauf, wie man landläufig so sagt. Seine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angekommen. Warum? Naja, erstens weil er hier fast alleine in der gottverlassenen Gegend herumsteht und zweitens, weil es in Strömen regnet. Der dritte Grund für seine schlechte Laune sind die immer weiter sinkenden Temperaturen. Normalerweise würde er gar nicht mehr hier draußen stehen, sondern wäre in der Wärme und hätte ein Dach über dem Kopf.

„Ich frage mich, warum sie mich hier einfach stehen lassen und sich keiner um mich kümmert“, überlegt er. „Das war noch niemals so. Jedes Jahr haben sie mich abgeholt.“
Pit blickt sich mürrisch in der Gegend um. Sein Blick sucht jemand. Dort drüben, am Rand des anderen Ackers, steht sein alter Kumpel Franz. Er trägt einen braunen Schlapphut, allerdings mit einem orangefarbenen Band. Sein Halstuch ist blau und sein roter mit Flicken bedeckter Mantel reicht bis auf die Erde.
„Hey Franz!“, ruft er hinüber. „Du bist ja auch noch da! Ist es dir auch so bitterkalt?“
„Und wie!“, schallt es zu Pit herüber. „Ich bin schon ganz unterkühlt und vom Regen auch noch fast durchgeweicht. Lange halte ich es hier nicht mehr aus.“
„Wir müssen uns was einfallen lassen“, schreit Pit.
„Ich überlege ja schon die ganze Zeit“, antwortet Franz. „Aber mir will einfach keine Idee kommen. Wir werden abwarten müssen und wenn uns nicht bald jemand hier errettet, dann werden wir uns wohl den Tod holen.“
Pit nickt und pflichtet seinem Kumpel zu, danach versinken beide wieder in ihren Gedanken. Sie zittern und bibbern und versuchen den vielen dicken Regentropfen standzuhalten.
Es dauert nicht lange, da kommt ein kleines Kätzchen vorbei. Es versucht vor der Nässe in Pits Hosenbein Schutz zu suchen.
„Darf ich mich ein bisschen bei dir aufwärmen?“, fragt es schüchtern und schmiegt sich ganz dicht an Pit. „Ich bin nämlich wasserscheu!“
„Mach nur!“, sagt Pit. „Aber viel wird es dir nicht bringen, denn meine Kleidung ist schon ganz durchgeweicht.“
„Wieso steht ihr denn hier so rum, wie bestellt und nicht abgeholt?!“, will das Kätzchen wissen. Übrigens, ich bin Kitty.“
„Gestatten, ich bin Pit und mein Kumpel dort drüben ist Franz. Wir sind hier schon den ganzen Sommer über, tun unsere Arbeit und eigentlich sollten wir noch vor dem schlechten Wetter abgeholt werden, aber sie haben uns vergessen.“
„Das ist aber gemein“, meint Kitty. „Ihr habt doch den ganzen Sommer über gute Arbeit geleistet und jetzt sind sie so undankbar und denken nicht mehr an euch. Vielleicht kann ich euch helfen!“
„Du?“ fragt Pit erstaunt.
„Du bist doch nur ein kleines Kätzchen, wie willst du uns denn helfen. Ach lass nur, wir sind verloren, das müssen wir einfach begreifen“, ruft Franz, dem der Wind die Worte des Kätzchens hinüber getragen hat.
„Ich komme wieder!“, gibt Kitty den beiden traurigen Gesellen zu verstehen. „Haltet durch!“  Und schon läuft sie über das Feld in Richtung Dorf.
Als sie auf dem Bauernhof angekommen ist, auf dem auch ihre Eltern wohnen, erzählt sie ihnen sofort von Pit und Franz.
„Kitty, wir sind viel zu klein und schwach. Wir können nicht helfen.“
„Aber die beiden sterben doch sonst!“ Kitty weint, denn sie mag die beiden Gesellen.
„Dann lass uns mal zu den Kühen gehen. Die sind groß und stark und bei ihnen im Stall könnten Pit und Franz auch wohnen“, schlägt Kittys Papa vor.
Die drei Katzen marschieren in den Stall, wo ganz viele Milchkühe stehen und muhen.
„Wir brauchen eure Hilfe“, sagt Kittys Mama und gemeinsam erzählen sie die Geschichte von Pit und Franz.
„Muh!“, ruft die Anführerin der Kühe. „Das ist ja ein schlimmes Schicksal und die Beiden tun uns ja auch leid, aber wir können nicht helfen. Unsere Euter sind voller Milch, wir müssen gemolken werden. Außerdem sind wir hier eingesperrt und angebunden. Wir können nicht weg.“
Kitty wird immer trauriger und macht ganz große Augen, die sich verdächtig mit Wasser füllen. Als die Kühe das sehen, werden sie ganz unruhig und muhen alle durcheinander. Sie beratschlagen, ob es eine Lösung für dieses verzwickte Problem gibt.
„Ich hab’s!“, ruft plötzlich Milly, die dritte Kuh von links. „Geht zum Hofhund Bello! Der darf frei herumlaufen, ist stark und kann euch bestimmt behilflich sein!“
Kaum hat Milly ausgesprochen, da rennen die drei Katzen auch schon zur Stalltür hinaus und quer über den Hof.
„Bello! Bello! Bello!“, rufen sie dem großen Hund entgegen.
„Was macht ihr für ein Getöse! Haut ab, ich will meine Ruhe und kann keine Katzen gebrauchen.“
„Aber wir brauchen dich!“, sagt Kitty und bleibt ein Stückchen von Bello entfernt sitzen. „Ach lieber Bello, nur du kannst uns helfen!“, schmeichelt sie sich bei dem Hofhund ein.
„Ich soll euch kleinen Fellnasen helfen?! Haha!“
„Nein, eigentlich nicht uns, sondern Pit und Franz!“, schnurrt Kitty und auch ihre Eltern miauen in den schönsten Katzentönen, die jedes Herz erweichen können.
„Wer zum Kuckuck sind denn Pit und Franz?“ Bello ist neugierig geworden und hört nun den Ausführungen der Katzen zu. „Führt mich zu ihnen!“, befiehlt er als sie geendet haben.
So kommt es, dass Kitty als Anführerin voraus läuft, gefolgt von ihrer Mama und ihrem Papa und hintendrein marschiert Bello.
Als sie bei den beiden traurigen Gesellen angekommen sind, springt Bello zunächst zu jedem von ihnen und hebt erst einmal sein Bein. Das tut er jedoch aus Freude, denn die Beiden gefallen ihm. Er mag sie auf Anhieb und willigt ein, ihnen zu helfen. Er zerrt an Pits Hosenbein.
„Hey, lass das! Du zerreißt doch meine gute Hose!“, beschwert sich dieser.
„Das ist auch meine Absicht, denn ich brauche ein Stück deiner Hose!“, gibt Bello ihm zu verstehen.
„Untersteh dich!“, wehrt sich Pit abermals, doch seine Worte werden von dem Sturm verschluckt, der plötzlich aufzieht. Ein tüchtiger Windstoß fegt den Hut von Franz von dessen Kopf. Bello springt schnell hinüber, schnappt sich den Hut und läuft zurück zum Bauernhof.
Dort sucht er sein Herrchen, den Bauer Schmidt. Zum Glück findet er ihn ziemlich rasch. Er ist gerade beim Füttern der Hühner.
„Was schleppst du denn da an?“, fragt der Bauer verdutzt und nimmt den Hut aus Bellos Maul. „Seltsam, was ist das denn für ein Schlapphut?“, überlegt Bauer Schmidt und dreht den Hut gedankenverloren in seinen Händen.
Bello bellt ganz laut sein Herrchen an und springt immer wieder ein Stückchen vor und zurück.
„Willst du, dass ich mit dir komme? Willst du mir etwas zeigen?“
Bauer Schmidt greift sich seine Jacke, setzt sich selbst den Schlapphut auf und folgt dem Hofhund über die Felder. Doch plötzlich sieht er die beiden traurigen Gesellen und weiß, was sein treuer Bello von ihm möchte.
„Ach!“, sagt er. „Euch habe ich ja ganz vergessen.“
Schnell greift er sich Pit und dann klemmt er sich auch noch Franz unter den Arm. Eilig bringt er die beiden Gesellen auf den Hof und weist ihnen einen Platz zum Trocknen in einer Ecke des Kuhstalls zu.
Am Abend kommen Bello, Kitty und deren Eltern bei den Vogelscheuchen Pit und Franz vorbei. Die Beiden haben strahlende Gesichter aufgesetzt und begrüßen ihre Helfer mit einem freundlichen Hallo und einem großen Dankeschön.
„Das war Rettung in letzter Minute. Der Sturm hätte uns jetzt noch den Garaus gemacht. Habt Dank, liebe Freunde!“, rufen sie glückselig im Chor.
Als Bauer Schmidt das Hoflicht löscht, hört er aus dem Stall das Muhen der Kühe, das Miauen der Katzen, Bellos freundliches Bellen und das Lachen der beiden Geretteten. Und wer genau hinhört, vernimmt auch noch das aufgeregte Gackern der Hühner, die die frohe Botschaft von Pit und Franz’ Rettung ihrem Hahn erzählen.

 

Pit Struwwel1200px-_dsc5413

Franz Stroh1200px-_dsc5414

 

Vielleicht möchtet Ihr auch das noch lesen:

Im Schatten der Krone

Vom Winde verweht

Herr und Frau Kürbis

 

20 Kommentare

  1. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    Wieder eine nette Geschichte.
    Auf dem Stoppelfeld ließen mein Cousin und ich als Kinder immer Drachensteigen.
    Auch sammelten wir viele Feldsteine am Rande des Stoppelfeldes, um uns im Garten eine große Steinburg zu bauen. Manchmal mußte uns mein Vater beim Abtransportieren von großen Feldsteinen helfen, weil sie zu schwer waren. Wir hatten dazu einen Kinder-Leiterwagen, der sogar das Gewicht aushielt.
    Oftmals bekamen wir Ärger mit dem Bauer, der nicht wollte, daß wir die Steine vom Rand des Ackers wegholen, weil die Steine zum Schutz für die Ackererde vor dem Wind sind.
    Deine Püppchen sind allerliebst.
    Auf dem Stoppelfeld blieben nach der Ernte viele verschiedene große und dicke Halme stehen, aus denen meine Mutter für uns Stroh-Windmühlen bastelte.
    Eine bunte Kinder-Windmühle konnte uns nicht so begeistern, wie die Strohwindmühle.
    Das Feld lag hinter dem Garten meiner Tante, aber in den 70-er Jahren wurde die Fläche bebaut.
    Alles Gute und tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Oh, liebe Brigitte, Deine Kommentare zaubern mir immer ein Lächeln ins Gesicht. Es ist so zauberhaft, dass Du immer kleine Geschichtchen aus Deinen Kommentaren machst. Deine Erinnerungen solltest Du tatsächlich festhalten.
      Ich danke Dir für Dein liebevolles Kommentieren und Dein treues Verfolgen und Lesen meiner Seite.
      Ich hoffe es geht Euch soweit gut und wünsche Euch einen schönen Wochenteiler.
      Astrid

      • Liebe Astrid, in meinem Blog habe ich auch eine Kategorie „Erinnerungen“.
        Wenn Du meinen Blog besuchst, dann stehen die Kategorien rechts neben meinem Beitrag.
        Ich habe schon viele Erinnerungen aufgeschrieben.
        Es grüßt Dich, Brigitte.

  2. Guten Morgen Astrid, gerade hast du mein ‚Frühstück wieder mit einer deiner schönen Geschichten und musste ganz schnell hierher kommen, um dir das zu sagen.
    Was für eine wunderbare Geschichte, da bekomme ich gleich Lust wieder aufs Märchen schreiben (Zwinkern) .
    Herzlichen Dank und einen schönen Tagen wünsche ich dir,LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Lore,
      da bin ich aber auf Dein nächstes Märchen gespannt. Sie sind immer so zauberhaft.
      Es macht mich glücklich, dass Du schon beim Frühstück meine Geschichten liest und sie Dir gefallen. Hab vielen Dank für Deine lieben Worte.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    diese Geschichte gefällt mir sehr gut. Ideenreicht und lustig erzählt. Vielleicht wäre sie auch eine schöne Erzählung für ein Kinderbuch als Beispiel für gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt.
    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Das ist eine gute Idee, liebe Traudi. Ich kann es mir auch gut vorstellen. Mal sehen, was das nächste Jahr so bringt…
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    auch mir gefällt Deine Geschichte der beiden Vogelscheuchen sehr gut. Sie macht aufmerksam auf das Leid anderer, und dass man nicht tatenlos daneben stehen sollte…,
    Die Geschichte zeigt auch so schön kindgerecht auf, dass man nicht gleich aufgeben sollte, wenn etwas nicht beim ersten Anlauf gelingt…
    Großartig!
    In unserer heutigen Zeit, mit all ihrem manigfaltigem, menschlichem Elend, von elementarer Bedeutung…
    Alles Liebe
    Heidi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Heidemarie,
      ich heiße Dich auf meinem Blog herzlich willkommen. Lass Dich ruhig hier nieder und fühl Dich wohl.
      Es ist schön, dass Dir meine Geschichten gefallen.
      Schon als Kind sollte man lernen Mitgefühl für andere Menschen und auch für Tiere aufzubauen und auch die Not anderer erkennen. Durch kindgerechte Geschichten kann man die Kinder auf diesen Weg bringen…
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  5. Liebe Astrid, das war ja Rettung in letzter Minute, die Armen! Gut, dass das Kätzchen so hartnäckig und beherzt war und alle rebellisch gemacht hat. Schöne Geschichte, danke dafür. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Danke Eva.
      Ja, manchmal muss man sich gegen Widerstände durchsetzen, um an das Ziel zu gelangen. Das Kätzchen hat die Not der Beiden erkannt und nicht aufgegeben, bevor eine Lösung gefunden wurde. Sollte das auf der menschlichen Ebene nicht auch möglich sein?
      LG
      Astrid

  6. Was für eine rührende Geschichte. Aber sie geht ja gut aus. Da stelle ich mir sogar ein Kinderbilderbuch drüber vor, die Geschichte könnte man lustig illustrieren.
    Liebe Grüße von Kerstin.

  7. Liebe Astrid, möchte mich bedanken, dass du mich des öferen besuchst und danke auch für deine schönen Geschichten, alles Gute für die Wochenmitte

    • Astrid Berg sagt

      Dir ebenfalls eine gute Rest-Woche und danke für Deine lieben Besuche und Kommentare.
      LG
      Astrid

  8. Eine herrlich erzählte Geschichte über die beiden vergessenen ‚Vogelscheuchen‘, wie wir sie in umserem Schweizerdialekt sagen. Dabei erinnere ich mich, dass wir Kinder mit unseren Eltern anfangs der 50iger Jahre auf abgeernteten Kornfeldern noch Aehren einsammelten und zuhause von der Kleie befreiten. Die Eltern liessen daraus Mehl mahlen.
    Danke und liebe Grüsse. Ernst

    • Astrid Berg sagt

      Hallo lieber Ernst,
      ich heiße Dich herzlich willkommen auf meinem Blog und bedanke mich für Deinen Besuch und Deinen netten Kommentar. Schön, dass ich mit meiner kleinen Geschichte Erinnerungen an Deine Kindheit hervorrufen konnte.
      Ich freue mich auf unsere gegenseitigen Besuche.
      LG
      Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.