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Ohje, ohje

Neulich habe ich Euch eine Geschichte von Professor Konfusi erzählt und alle fanden den älteren Herrn sehr sympathisch. Tanja hatte eine Idee, die mich seither nicht mehr loslässt. Sie meinte, der nette alte Herr solle doch noch mehr Abenteuer erleben und sein Wissen an Kinder weitergeben. Warum eigentlich nicht? Wollen wir mal sehen, was er gerade so macht:

Es ist ein gewöhnlicher Dienstagnachmittag. Manche ältere Menschen ziehen sich nach dem Mittagessen für gewöhnlich zurück, um ein Mittagsschläfchen zu machen. Herr und Frau Konfusi haben ein anderes Ritual. Während er sich in sein Arbeitszimmer zurückzieht, dort die Tageszeitung studiert, kuschelt sich seine Gemahlin mit einer Decke in ihre Leseecke und schmökert in einem Krimi oder einem Roman. Ein heimlicher Beobachter würde jedoch feststellen, dass beide hinter ihrer Lektüre nach einer gewissen Zeit ein kleines Nickerchen machen.
Heute kommt jedoch Frau Konfusi ganz aufgeregt in das Arbeitszimmer ihres Mannes und hat eine Bitte an ihn:
„Meine Leselampe funktioniert nicht mehr. Bist du so lieb und reparierst sie mir?! Ich lese gerade so ein spannendes Buch, einen Krimi und jetzt bin ich auf den letzten Seiten angelangt. Der Kommissar löst gerade den Fall.“
„Ohje, ohje!“, plappert Bubi der Papagei, der sich angewöhnt hat immer auf Professor Konfusis Schulter zu sitzen und seinen Kommentar zu allem abzugeben. „Ohje, ohje!“ ist sein Lieblingskommentar, zumindest heute.
Aber genau das sagt jetzt auch Professor Konfusi lächelnd zu seiner Frau. Der ältere Herr rückt seine Brille zurecht und steht auf, um der Bitte seiner Gemahlin nachzukommen.
„Ach, da muss ich nur eine neue Glühbirne reinschrauben! Ich glaube ich habe noch eine passende dort in der Schublade“, erklärt er seiner Gattin.
Doch so einfach gestaltet sich die Sache nicht, denn die Schublade klemmt. Sie öffnet sich nur einen kleinen Spalt. Der Professor rüttelt und schüttelt die Lade hin und her, aber sie lässt sich keinen Zentimeter weiter öffnen. Mit dem Stil eines Kochlöffels, den er seiner Frau aus der Küche stibitzt hat, stochert er in der Schublade herum und tatsächlich nach mühevoller Arbeit und zehn Minuten später öffnet sich diese. Allerdings findet er alle möglichen Utensilien in dieser Schublade, die schon lange in Vergessenheit geraten sind, aber leider keine Glühbirne. Aber immerhin die Schublade kann zur großen Freude von Bubi wieder einwandfrei geöffnet und geschlossen werden. Er pickt nämlich gleich mit dem Schnabel ein kleines Glöckchen an einem roten Band heraus und fliegt damit stolz im Zimmer umher.
„Bubi! Jetzt hör aber mit diesem Blödsinn auf und geh in deinen Käfig. Ich habe jetzt keine Zeit für deine Spielchen!“, versucht Professor Konfusi seinem eigensinnigen Papagei zu erklären. Dieser lässt enttäuscht das Glöckchen fallen, ruft sein „Ohje, ohje!“ und versteckt sich beleidigt hinter dem großen Lesesessel.
Nachdem der Professor sich nachdenklich am Kopf gekratzt hat, fällt ihm ein, dass in der Abstellkammer auch noch einige dieser Leuchtmittel auf Vorrat gelagert sein müssten. Damit hat er auch recht, doch sie befinden sich auf dem obersten Regalbrett. Tja und weil Professor Konfusi ein etwas kleinerer älterer Herr ist, kommt er ohne Leiter nicht da oben ran.
„Wo ist denn jetzt wieder die Leiter!“, fragt er sich, um sich dann auch gleich die Antwort zu geben. „Die hat sich neulich mein Neffe ausgeliehen, aber natürlich nicht mehr zurückgebracht.“
Im Keller gibt es jedoch noch eine kleinere Leiter mit nur zwei Trittstufen. Die wäre ausreichend. Also marschiert der Professor mit Bubi, der inzwischen wieder friedlich auf seiner Schulter sitzt, nach unten. Im Treppenhaus trifft er auf Marco, den Nachbarjungen.
„Hallo Marco! Was machst du denn für ein verärgertes Gesicht?“, fragt ihn Professor Konfusi.
„Ach ich wollte gerade mit dem Fahrrad zu meinem Kumpel zum Fußballspielen. Aber mein Fahrrad hat einen Platten und ich hab kein Flickzeug.“

„Ohje, ohje!“, meint Bubi.

„Na, da kann ich dir helfen. Komm einfach mit in den Keller. Dort hab ich irgendwo ganz sicher noch ein Reparaturset,“ fügt der hilfsbereite ältere Herr dem Kommentar seines vorlauten Papageis hinzu.
Als er die Kellertür öffnet, blickt sich Marco neugierig um.
„Wow! Das ist ja die reinste Schatzkammer!“
„Ach, das sind alles Erinnerungsstücke!“, erklärt er dem Jungen und seine Augen leuchten, denn von diesen hier gelagerten alten und ein bisschen eingestaubten Dingen kann er sich nicht trennen.
„Sie erzählen alle Geschichten, zum größten Teil aus meinem Leben!“
„Ohje, ohje!“, kommentiert Bubi erneut.
„Was ist das denn für ein altertümliches Gerät?“, fragt Marco und bleibt vor einem Kasten mit einem eigenartigen großen Trichter stehen.

1200px-Beitragsfoto„Oh ja, das ist ein tolles Ding. Es ist ein Grammophon so etwas wie ein Plattenspieler und damit haben meine Eltern Musik gehört und dazu getanzt“, erzählt der Professor.

„Einen Plattenspieler hatte mein Vater früher auch. Aber der ist irgendwann mal kaputt gegangen. Er hat nur noch die Schallplatten, aber die brauchen wir nicht mehr. Wir haben ja einen CD-Player.“
„Ja, ja, so ein Ding hat uns mein Neffe auch einmal geschenkt. Auf diese kleinen silbernen Platten passen viel mehr Lieder drauf als auf eine Schallplatte. Aber die Romantik fehlt!“
„Ich lauf schnell hoch und hole ein paar Schallplatten von meinem Vater, dann können wir es ausprobieren“, begeistert sich Marco für das altertümliche Gerät. „Mögen Sie die Beatles?“

„Ohje, ohje!“, mischt sich Bubi, der Papagei, ein. Er hat sich inzwischen auf einem Regal niedergelassen.
„Das brauchst du nicht!“, hält Professor Konfusi den Jungen zurück. „Eure Schallplatten funktionieren auf meinem Grammophon nicht, aber ich habe noch viele alte Schellackplatten.“

„Schellack?“
Marco hat noch nie etwas davon gehört und deshalb fährt der ältere Herr in seinen Erklärungen fort.
„Schellack, das hängt mit Läusen zusammen.“
„Igitt!“, meint Marco und kratzt sich am Kopf.
„In Asien und Indien wird Schellack in großen Mengen gewonnen. Auf den Pappelfeigen, das sind Bäume, die dort wachsen, leben Lackschildläuse. Diese ernähren sich von den Pflanzensäften, scheiden diese allerdings auch wieder aus. Sie schützen dadurch ihre Brut, die vollkommen darin eingeschlossen wird. Dies musst du dir so ähnlich wie Harz vorstellen, es ist also eine sehr klebrige Angelegenheit.“
„Ich hatte mal Harz an den Fingern, – ist ziemlich eklig!“, bestätigt Marco.
„Diese Läuse leben also zunächst wie in einer Harzblase, durch die sie sich dann durchbohren,“ fährt der Professor fort. „Die Zweige und Äste des Baumes sind dadurch ebenfalls mit einer Harzschicht umgeben. Diese Äste schneidet man ab und sammelt sie. Nachdem man das Harz vom Holz getrennt hat, wird es gemahlen, gewaschen und in der Sonne getrocknet“.
„Was sie alles wissen!“, staunt Marco. „Und daraus hat man diese Platten hergestellt? Dann kleben die ja.“
„Nein,nein – man hat diese Platten hauptsächlich aus Gesteinsmehl, Tierhaaren und Kohlenstaub hergestellt. Schellack ist nur das Mittel, das alle diese Stoffe miteinander verbindet.“
„Und weil es ohne Schellack nicht geht, nennt man sie Schellackplatten“, folgert Marco. „Macht man auch noch andere Dinge daraus?“
„Ja, man benutzt diese Ausscheidungen der Lackschildlaus beispielsweise auch für Möbelpolitur, als Überzugsmittel für Medikamente oder als Glanzüberzug für Süßigkeiten.“
Marco hat mit großen Augen zugehört, denn von diesem Schellack und dieser Lackschildlaus hat er zuvor noch nie etwas gehört. Was ihm weniger gefällt ist die Sache mit den Süßigkeiten. Darüber muss er noch einmal nachdenken. Aber jetzt interessiert ihn das Grammophon:
„Und wie funktioniert das jetzt? Können wir mal eine Platte abspielen?“, will Marco wissen.
Professor Konfusi geht zu einem Regal und zieht ein Päckchen heraus. Hierin sind gut eingewickelt die kostbaren Schellackplatten, von denen der ältere Herr eine auf den Plattenteller des Grammophons legt.
„Schau her“, fordert er Marco auf. „Die Platte hat ganz viele Rillen in denen sozusagen die Musik liegt.“
„Ja und ich habe auch schon die Nadel an dem Hebelarm gesehen, die müssen wir nur in die Rillen der Platte setzen“, ereifert sich Marco.
„Doch zuvor muss man an dieser Kurbel drehen, damit die Spiralfeder aufgezogen wird und die ganze Sache in Schwung kommt. Das heißt, damit sich der Plattenteller mit der Schallplatte dreht.“
„Und was ist das für eine Dose an der die Nadel hängt?“, will Marco noch wissen.

1200px-Dose außen
„Das ist die Schalldose“, erklärt Professor Konfusi dem Jungen. „Wenn die Nadel durch die Wellenlinie der Rillen fährt, dann entstehen Schwingungen. Das heißt die Nadel wird ganz leicht hin und her bewegt. Diese Schwingungen werden auf die Schalldose übertragen.“

Weil Marco großes Interesse zeigt, schraubt der Professor die Schalldose auf.

1200px-Dose innen„Hier im Innern der Dose gibt es eine Membran, ein kleines dünnes Metallplättchen“, zeigt er dem Jungen. „Wenn sich die Schwingungen hierauf übertragen, dann werden sie in Schall, also in die Töne umgewandelt. Und du kannst die Musik hören.“

„Ach“, sagt Marco. „Und der Trichter verstärkt dann die Lautstärke?!“

„Richtig“, lobt ihn der ältere Herr.

„Darf ich kurbeln?“, fragt Marco, denn er möchte nun die Schellackplatte abspielen.

„Moment noch“, bittet ihn der Professor. „Erst stellen wir an diesem Regler die Geschwindigkeit ein, mit der sich die Platte drehen soll, damit die Musik weder zu schnell noch zu langsam abgespielt wird.“

1200px-Geschwindigkeitsregler. JPGDanach kurbelt Marco zuerst und setzt dann die Nadel in die Rille, der sich drehenden Schallplatte. Die Nadel fährt nun die Rille entlang und die Beiden hören jetzt eine etwas verkratzte, leicht verrauschte und ein wenig blechern klingende Melodie, gespielt von einem Tanzorchester.

„Die Qualität kann man nicht mit den Schallplatten deines Vaters oder deinen CDs vergleichen. Aber man kann damit Musik hören“, meint der liebenswerte Professor und Marco ist sichtlich überrascht, dass aus diesem altertümlichen Grammophon Musik zu vernehmen ist.
Er hat seinen platten Fahrradreifen und sein Fußballspiel total vergessen, so spannend fand er diese Vorführung und die Erläuterungen des Herrn Konfusi. Aber auch Professor Konfusi ist in Erinnerungen versunken und denkt kein bisschen mehr an seine eigentliche Suche und die Bitte seiner Frau. Am liebsten würde er jetzt nur diesen Klängen aus der Vergangenheit lauschen.
Doch plötzlich geht die Kellertür auf und Frau Konfusis Kopf erscheint in dem Spalt. Schlagartig fällt ihrem Gatten ein, warum er eigentlich in den Keller gegangen ist.
Und fast gleichzeitig ertönt von ihm und Bubi der Kommentar:

„Ohje, ohje!“

 

Wer die erste Geschichte von Professor Konfusi noch nicht kennt, kann sie hier nachlesen:

Professor Konfusi

16 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      ja so ein Besuch im Keller oder auf dem Dachboden kann schon ganz schön interessant sein. Man findet immer irgendetwas, das mit Erinnerungen behaftet ist oder andere kleine Schätze.
      LG und einen schönen Tag
      Astrid

  1. Hey liebe Astrid, genau das habe ich gemeint! Das ist ja eine klasse Geschichte geworden! Ich fühl mich sehr geehrt, dass Du den kleinen GEdankenanstoß tatsächlich so schnell umgesetzt hast. LG Tanja
    Und ich freu mich auf noch mehr Geschichten von Professor Konfusi.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      ich freue mich riesig, dass Dir die Geschichte gefällt. Dein Gedankenanstoß war wie ein Ohrwurm. Ich habe die Idee nicht mehr aus meinem Kopf bekommen und dann fiel mein Blick auf das alte Grammophon in der hintersten Ecke des obersten Stockwerkes, direkt unter dem Dach. Ja, und dann gab es kein Halten mehr, ich hätte jetzt keine andere Geschichte mehr schreiben können. Professor Konfusi und Bubi mussten einfach mit von der Partie sein 🙂 Klar, in gewissen Zeitabständen wird dieser ältere Herr immer wieder in meinen Geschichten auftauchen. Ich habe ihn doch mittlerweile schon ins Herz geschlossen.
      Ich wünsche Dir einen schönen Abend und schicke Dir liebe Grüße
      Astrid

  2. Astrid Berg sagt

    Hallo Klaus,
    ich freue mich immer, wenn meine Geschichten gefallen.
    Professor Konfusi und sein Papagei Bubi sind so liebenswert, dass sie hin und wieder in meinen Geschichten auftauchen werden.
    Ich wünsche Dir einen schönen Abend
    Astrid

  3. Liebe Astrid,
    ja ein Grammophon, eine tolle Erinnerung.
    Wieder eine sehr schöne Geschichte.
    Dass seine Frau dieses Mal sozusagen sofort runterkam, fand ich toll, lach.
    deine Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Naja, liebe Bärbel, wir Frauen kennen doch unsere Männer 😉 Sie hat genau bewusst, wenn er erst im Keller bei seinen Erinnerungsstücken ist, dann taucht er oben nicht mehr so schnell auf 🙂 Und außerdem wollte sie doch endlich ihren Krimi zu Ende lesen.
      LG
      Astrid

  4. Hallo Astrid,

    eine sehr schöne Geschichte und ich habe das Glöckchen fast bimmeln gehört *lach* der arme Papagei 😉

    Grammophone sind Klasse, ich habe ja eine ganze Sammlung davon und ab und an stelle ich eines in meinem Blog vor. Im Herbst zeige ich wieder eines 😉

    Manche Modelle, aus den 1920/30er Jahren verfügen über einen ausgezeichneten Klang, kaum zu glauben und ich höre immer wieder gerne Schellackplatten 😉

    Liebe Grüße und Dir ein tolles Wochenende
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      ich dachte mir schon beim Schreiben der Geschichte, dass Du bestimmt Grammophone und Schellakplatten in Deiner Sammlung hast. Dann war Dir sicherlich auch schon diese Lackschildlaus bekannt 😉 Ich freue mich schon auf die Vorstellung Deines Grammophons.
      Liebe Grüße und ein hoffentlich sonniges Wochenende
      Astrid

  5. Liebe Astrid, das ist eine prima pädagogische Idee, diese Sachen von früher zu erklären. Super! Freue mich auf weitere Geschichten der Konfusis.Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      Tanja meinte ich solle doch Professor Konfusi zu einer Figur machen, die z.B. Kindern etwas erklären kann. Mich hat diese Idee nicht mehr losgelassen und ich denke, ich werde in gewissen Abständen immer wieder den liebenswerten Professor zu Wort kommen lassen 😉
      LG
      Astrid

  6. Christine R. sagt

    Hallo, Astrid,
    auch ich habe Professor Konfusi und seinen Papagei schon ins Herz geschlossen und hoffe, öfter von den beiden zu lesen!
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Christine,
      da Professor Konfusi und Bubi einfach nur liebenswert sind und ihr Euch alle über die Beiden so gefreut habt, werde ich ganz sicher immer wieder einmal von ihnen berichten.
      LG
      Astrid

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