Kurzgeschichten

Lass es dir schmecken (2)

Meine Mutter sitzt mir gegenüber. Wir haben gerade unseren Nachtisch verspeist, der uns in Erinnerungen schwelgen lässt. Die Sache mit dem Grießbrei hat mir meine Mutter bereits berichtet, doch anscheinend ahnt sie inzwischen, dass auch ich eine Episode aus meiner Kindheit zu erzählen habe. Diese hat sie allerdings nicht hautnah miterlebt und ich habe sie ihr möglicherweise noch nicht erzählt. Vielleicht hat sie diese Begebenheit aber auch nur vergessen. Sie schaut mich zumindest etwas verwundert an und erwartet meine Geschichte….
„Als ich noch ein Kind war, musstest du einmal für längere Zeit ins Krankenhaus“, beginne ich zu berichten.
Meine Mutter nickt schweigend. Da wir allerdings nicht über Krankheiten sprechen möchten, fahre ich auch sogleich mit meiner kleinen Erinnerungsgeschichte fort:
„Da du und Papa in dieser Zeit wohl sehr um mein leibliches Wohl besorgt wart,…“
„Naja“, unterbricht mich meine Mutter. „Essen hat ja auch nicht gerade zu deinen Lieblingsbeschäftigungen gezählt…“
Dieses Mal pflichte ich ihr nickend bei, gehe aber nicht auf diese Bemerkung ein.
„… habt ihr die Nachbarin beauftragt mich in ihre Obhut zu nehmen. Zum Glück nur zur Mittagessenszeit.“
Ich grinse, obwohl mir damals alles andere als zum Grinsen zumute war. Ich musste nämlich immer nach der Schule direkt zu dieser schon etwas älteren Dame, damit sie auf mich aufpassen konnte, beziehungsweise überwachen konnte, dass ich auch genügend esse. Nein, sie musste nicht für mich kochen, denn das Essen wurde von einer anderen Nachbarin, die in einer Metzgerei arbeitete, mitgebracht. Dort wurde nämlich Mittagstisch angeboten, den sie dann extra für mich in einem Henkelmann mitbrachte und bei der besagten Dame abgab. 
Diese war nicht nur eine ältere Frau, sondern auch noch die Oma meines zukünftigen Tanzpartners in der obligatorischen Tanzschule, was ich zu dem damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen konnte. Jahre später betete ich jedoch inständig, dass sie nie meinem Tanzpartner davon erzählt hat.
„Sie hat mir immer gegenüber gesessen und genau beobachtet wieviel ich esse“, erkläre ich meiner Mutter, die meinem Gesicht mit Sicherheit meine Begeisterung ansehen kann.  Diese hielt sich nämlich ziemlich in Grenzen, wie sich wohl jeder vorstellen kann. Es kam mir vor, als würde ein General mit am Tisch sitzen, der alles unter Kontrolle halten will.
„Das war schon in Ordnung so“, verteidigt meine Mutter auch heute noch diese elterliche Entscheidung. „So konnten wir sicher sein, dass du gut versorgt warst. Papa ist ja immer erst am Abend von der Arbeit nach Hause gekommen.“
„Ach egal“, sage ich. „Viel schlimmer war, dass ich auch Sachen essen musste, die ich gar nicht mochte. Und auch heute noch nicht mag“, füge ich hinzu.
„Alles, was gesund ist, hast du nicht gemocht“, hält mir meine Mutter vor.
„Inzwischen mag ich ja vieles davon, aber das, was ich damals mehr oder weniger gezwungenermaßen heruntergewürgt habe, esse ich heute noch nicht“, gebe ich zu.
„Und das wäre?“, fragt sie mich.
„Rosenkohl!“
„Der ist doch lecker!“, klärt mich meine Mutter auf.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass ich dieses Geschmackserlebnis hatte. Aber ich kann mich auch nicht erinnern, wie er überhaupt geschmeckt hat.“
„Dann versuch ihn doch einfach mal!“, schlägt sie mir vor.
„Nein!“, erwidere ich ganz bestimmt. „Ich habe ihn damals die ganze Zeit auf dem Teller hin und her geschoben, in der Hoffnung ihn nicht essen zu müssen. Allerdings hat die Oma von U. mir keine Ruhe gelassen und mit Adleraugen und strengem Blick darüber gewacht, dass ich meinen Teller leer esse. Kein einziges Rosenkohlkügelchen durfte übrig bleiben. Brrrrr!“
„Vielleicht schmeckt er dir heute!“, startet meine Mutter einen erneuten Überredungsversuch.
„Keine Chance!“, gebe ich ihr zu verstehen. „Diesbezüglich geht nichts bei mir. Da ist einfach eine Sperre.“
Meine Mutter gibt auf und zuckt mit den Schultern, da sie meine Meinung nicht so recht teilen kann. Sie ist eine Gemüseliebhaberin und da gehört eben auch der Rosenkohl dazu.
„Und in einer leckeren Gemüsesuppe?“, hinterfragt sie nochmals meine Entscheidung.
„Neulich erst habe ich eine ‚Quer-durch-den-Garten-Suppe‘ gekocht und da war auch Rosenkohl dabei, den ich noch in der Gefriertruhe hatte“, gestehe ich nun.
„Na also!“
„Nichts ‚na also‘“, lache ich. „Die Suppe habe ich püriert, damit ich nicht sehe, was darin ist.“
„Dann kochst du uns morgen wieder so eine gute Suppe und die lassen wir uns schmecken“, beschließt meine Mutter ungeachtet meines eigenen Speiseplans für morgen.

 

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10 Kommentare

  1. hihi
    ja.. der Rosenkohl gehörte wohl bei den wenigsten Kindern zum bevorzugten Gemüse
    allerdings waren die Sorten damals bitterer (was ja auch gesund war)
    heutigen Sorten wurde dsa weggezüchtet
    ich mag ihn am liebsten pur in Salzwasser gekocht und dann mit gebräunter Margarine übergossen
    schmeckt z.B. im Herbst und Winter gut zu Hackbraten 😉

    ich hatte auch so einen mauen Esser der ich jeden Bissen reinbetteln musste ..
    aber deine Eltern haben es ja gut gemeint und so warst du versorgt..

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Rosi,
      wenn ich so nachdenke, dann muss ich gestehen, dass ich mir auch etwas hätte einfallen lassen, damit mein Kind in einem solchen Fall versorgt ist. Man ist dann doch beruhigter, wenn man weiß, jemand achtet darauf, dass zu Hause alles in Ordnung ist.
      Ich war als Kind ziemlich wählerisch, was das Essen betraf. Dies wollte ich nicht und das hat mir nicht geschmeckt. Und genau so ein Kind habe ich dann auch selbst bekommen. Mal sehen, wie das mal mit dem Enkelkind wird?
      LG
      Astrid

  2. Ja, mit Rosenkohl ist das so eine Sache. Zum Glück essen wir ihn sehr gerne. Aber viele unserer Bekannten „meiden“ ihn. Und dabei ist es so ein herrliches Winter-Gericht. Man sagt, er müsse den ersten Frost auf dem Feld abbekommen. Dann sei er besonders lecken. Aber wir können nicht immer solange drauf warten. 🙂

    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      gut, dass Ihr ihn Beide mögt.
      Ich habe ihn seither nicht mehr versucht. Es geht einfach nicht. Schon sein Anblick schnürt mir den Magen zu. Aber püriert in einer Gemüsesuppe darf er dann doch mit auf den Tisch :-).
      Liebe Grüße und suche Dir ein schattiges Plätzchen bei dieser Hitze.
      Astrid

  3. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    Rosenkohl, ja Rosenkohl, hmmm wie lecker, ich mag ihn. Sorry, wenn ich aus der Reihe tanzen werde, aber was bei mir (uns) überhaupt nicht zu schlucken geht, ist Lamm. Dieser Geschmack lähmt unsere Schluckmuskeln, doch zuvor aktiviert er bereits unsere Nasen und dann ist auch schon Schluß mit lustig. Einen Enten- oder Schweinebraten mischen die Gaststätten oft mit Restsoßen auf und wenn wir dies merken, was sofort passiert, geht garnichts mehr. Ansonsten essen wir alles, haben ja als Kriegskinder satt werden müßen, natürlich ist es als Erwachsener viel leichter, man kocht sich ja schließlich nicht unbedingt das, was einem gerade das Wasser nicht im Munde zusammen laufen läßt. Meine Kindheitserinnerung ist ein Mittagessen bei meiner Großmutter. Es gab Spinat und den wollte ich auch nicht schlucken. Meine Backen waren dick als hätte ich die Mumps gehabt und flutsch schon flog die grüne Pampe geradewegs über den Tisch, ins Gesicht von Oma 👵und Bruder 👦. Als ganz böses Mädchen 👶wurde ich ausgeschimpft und mit meinem braven Bruder verglichen. Heute eßen wir gerne Spinat, ich mag viel Muskatnuß drin. Liebe Astrid, Du erzählst uns Deine Stories hier, doch nicht ich! Aber so ist es halt, ein Stichwort kann zu einer abendfüllenden Unterhaltung mutieren.
    Schön hast Du uns wieder unterhalten, Danke und sei lieb gegrüßt von der Helga Mama

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Helga,
      meine Mutter hat den Spinat sooo lecker gekocht, dass ich ihn zum Glück gerne gegessen habe. Ich habe ihr Rezept übernommen und so schmeckt er auch meinem Mann (der ihn als Kind nicht mochte) und unserem Sohn (der ihn als Kind schon mochte).
      Ich denke jedoch, dass Du bestimmt nicht das einzige Kind warst, das den Spinat wieder ausgespuckt hat. 🙂 Übrigens, kommt bei mir auch immer ein bisschen Muskatnuss in den Spinat und Zwiebeln müssen auf alle Fälle mit hinein.
      LG an Dich und Kerstin
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    bei uns in Ö sagen wir Kohlsprossen zum Rosenkohl. Ich mochte das als Kind auch nicht besonders gern, weil der Geschmack bitter und „kohlig“ ist. Mittlerweile esse ich ihn durchaus, wenn er speziell zubereitet ist, z.B. mit Speck oder mit Maroni (also Esskastanien). Allerdings kann ich meinen Mann damit nicht wirklich begeistern – wie ich ihn auch mit fast allen gängigen Gemüsesorten jagen kann. Weil Helga oben von Spinat schrieb – der ist für meinen Mann das Allerschlimmste. Den musste er in seiner Kindheit dann aber nicht mehr essen, weil er ihm bei Tisch buchstäblich wieder „aus dem Gesicht gefallen“ war ;-))
    Alles Liebe nochmal, Traude

    • Astrid Berg sagt

      Mein Mann mochte als Kind auch keinen Spinat, aber seit ich ihn zubereite, isst er ihn sehr gerne. Manchmal fragt er sogar von sich aus: „Wann machst Du wieder einmal Spinat?“
      Im Gegensatz zu mir ist mein Mann allerdings auch ein Allesesser 😉 ich bin die Wählerische ;-).
      LG
      Astrid

  5. Hihi – jetzt ist es mit uns beiden genau anders herum. Was du nicht magst, das schmeckt mir sehr gut. Rosenkohl ist lecker! Mein Mann mag ihn aber auch nicht unbedingt. So koche ich manchmal zweierlei Gemüse.
    Gibt sicher noch mehr Gesundes, was du nicht magst?
    Liebe Grüße in den heißen Nachmittag von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Da könntest Du recht haben. Es gibt immer noch einige Sachen, die ich nicht mag. 😉 Mal ehrlich, Ungesundes schmeckt manchmal doch viel besser, oder? 😉
      Hab einen angenehmen Tag und suche Dir ein kühles Plätzchen in der Aue.
      Astrid

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