Kurzgeschichten

Insiderwissen

Schon seit Jahren ist es ja üblich auch im Deutschen Begriffe aus anderen Sprachen zu verwenden. Vornehmlich kommen diese aus dem Englischen oder Amerikanischen. Wir deutschen diese Begriffe einfach ein oder kombinieren sie mit einem deutschen Begriff, wie man an meiner Überschrift deutlich erkennen kann. Und das geht dann in den normalen Sprachgebrauch ein, ohne dass uns dies überhaupt noch richtig bewusst ist.
Aber auch durch die einzelnen Dialekte innerhalb einer Sprache kommt es zu diesem sogenannten Insiderwissen, wie ich es hier an dieser Stelle einfach mal bezeichnen will. Selbstverständlich habe ich auch eine Geschichte hierfür aus dem eigenen Leben parat:

Wieder einmal sind wir in meiner Heimatstadt im schönen Hessenlande. Wir sitzen gemütlich in einem Café auf der Terrasse. Es ist ein sonniger Tag und so zieht es noch mehr Menschen hierher, die Kaffee und Kuchen genießen möchten. Während wir unsere Auswahl schon getroffen haben und vor dem gedeckten Tisch sitzen, lassen sich am Nachbartisch vier Personen nieder. Es scheinen zwei Ehepaare zu sein.
„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt die junge nette Bedienung in einem perfekten Hochdeutsch.
Ungewollt werden wir Ohrenzeuge der Bestellung, obwohl uns diese nicht sonderlich interessiert. Bis zu dem Zeitpunkt als der ältere Herr eine Frage stellt.
„Habe Sie auch Mattekuche?“
Nein, eigentlich hat uns diese Frage noch nicht irritiert, denn als gebürtige Hessen, ist das für uns nichts Außergewöhnliches. Erst der zweite Satz und die Antwort der Bedienung ließ uns schmunzeln.
„Wenn Sie wisse, was das iss!“, fügte der Mann noch hinzu.
„Aber selbstverständlich weiß ich das. Bei meiner Oma zu Hause heißt der Käse- bzw. Quarkkuchen auch noch so. Und selbstverständlich haben wir auch ‚Mattekuche‘!“, antwortet sie freundlich und notiert sich den Wunsch.
„Bei uns in Cottbus hätte das jetzt vermutlich niemand verstanden“ meint mein Mann. „Denk nur daran, als du anfangs beim Bäcker ‚Kräbbel‘ bestellt hast und erst lernen musstest, dass sie dort ‚Pfannkuchen‘ heißen.“
„Stimmt!“, bestätige ich. „Und ‚Kneipche‘ kennt auch niemand in Cottbus.“ 
„Nein, falsch“, widerspricht mir mein Göttergatte. „Die Freundin unseres Sohnes hat inzwischen auch gelernt, dass ein ‚Kneipche‘ ein kleines Küchenmesser ist.“
„Trotzdem war sie neulich auch wieder etwas verwirrt und hat nachgefragt, als ich ganz spontan einen hessischen Begriff verwendet habe“, berichte ich.
Da ich am Gesicht meines Mannes ablesen kann, dass er nicht weiß, wovon ich rede und gerne mehr hören möchte, erzähle ich weiter.
„Ich wollte Frikadellen machen und hatte kein hartes Brötchen zu Hause, also suchte ich nach einer Alternative und fragte mich laut: ‚Wo habe ich nur das Weckmehl hingestellt?‘ “
„Ja und? Das weiß doch jeder, was das ist“, wundert sich mein Peter.
„Anscheinend nicht, denn B. konnte mit dem Begriff nichts anfangen und ich ließ sie auch noch ein bisschen zappeln. Ich meinte nämlich nur: ‚Wenn du nicht weißt, was ein ‚Weck‘ ist, dann kennst du bestimmt auch keine ‚Dodeweck‘!“
„Na, das ist ja auch absolut schwierig, wer soll das außerhalb Hessens denn kennen?!“
„Auch wieder richtig, zumal ich selbst den Begriff ‚Dodeweck‘ erst durch dich kennengelernt habe und mir nicht sicher bin, ob es sich dabei um eine Eigenkreation von dir handelt“, gebe ich ihm zu verstehen.
„Immer wenn meine Mutter zu einer Beerdigung ging, bat ich sie als Kind mir doch ‚Dodeweck‘ mitzubringen. Ich habe diese süßen Hefebrötchen mit und ohne Rosinen unheimlich gerne gegessen und die gab es nun mal beim Beerdigungskaffee“, erklärt er mir, schiebt aber auch gleich noch eine Frage hinterher:
„Und weiß B. inzwischen, was ‚Weckmehl ist?“
„Ich habe ihr erklärt, dass es Semmelbrösel sind, was aber auch nur einen erstaunten Gesichtsausdruck bei ihr hinterließ.“
„Logisch!“, grinst mein Mann. „Aber mal ehrlich: Wie heißt das jetzt richtig?“
„Paniermehl!“, kläre ich ihn verwundert auf.
„Das hätte ich jetzt wieder nicht gewusst“, grinst er mich an und ich frage mich insgeheim, ob ich ihm das glauben soll. Aber so ist das eben mit dem Insiderwissen. Die einen haben es und die anderen eben nicht. Man muss es nur zugeben, wenn man etwas nicht versteht, dann wird man aufgeklärt und lernt dazu. 

 

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12 Kommentare

  1. Als ich neu in Berlin war, musste ich auch lernen, dass Brötchen Schrippen sind und Frikadellen Buletten … Das gab so manche spaßige Unterhaltungen.

    Liebe Grüße und eine gute Woche für dich,
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Buletten habe ich durch „Die drei Damen vom Grill“ kennengelernt 😉 , doch Schrippen waren mit nur als Brötchen bekannt. Oder wie der Hesse so schön sagt, als Weck. Allerdings haben wir in unserer Familie nie diesen hessischen Begriff benutzt.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    es ist oft lustig, wenn man den speziellen Ausdruck für etwas verwechselt.
    Als ich vor vielen Jahren von Bayern ins Schwabenländle gezogen bin, wusste ich mit dem Ausdruck „Gsälz“ (Gesälz) nichts anzufangen. In Bayern sagt man zu Rauchfleisch „Geselchts“ (Geselchtes). Das konnte das doch nicht sein – oder? Nein es ist Marmelade gemeint. Immerhin handelt es sich hier um etwas, was man aufs Brot legen kann. 🙂

    Genauso die Grombiera (Erdbeeren)
    oder Ebbiera (Kartoffel)
    Die Liste ist lang…

    Hab eine schöne Woche!
    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Ohje, diese Wörter sind mir total fremd. Ich habe sie alle noch nie gehört und wäre echt verloren. Nur gut, dass uns alle das Hochdeutsch wieder vereint und wir eine Basis zum Kommunizieren haben ;-).
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, ich muss Traudi beipflichten, die Liste ist lang! Was sie zum Beispiel als Grombiera kennt, wurde uns im Nachbarbundesland (Burgenland) als Bummabia vorgestellt. Kartoffeln heißen bei uns Erdäpfel – und mancherorts auch Grundbirn‘. Dein Paniermehl nennt sich in Wien und Umgebung Semmelbrösel. Und von Mattekuche, Kneipche & Co. hab ich mein Lebtag noch nichts gehört, bei Kneipche hätt ich an eine kleine Kneipe gedacht (die bei uns allerdings Beisel heißt) ;-)) Besonders lustig finde ich, dass es auch in Wien/Umg. manchmal Ausdrücke gibt, die ich noch nie gehört habe. In der Familie meines Mannes gab es z.B. für Brillen den Ausdruck „Raunerbockerl“. Einen „Rauner“ zu haben, bedeutet eine Ahnung zu haben. Und ein Bockerl ist eigentlich ein Tannenzapfen, aber auch etwas, das man „aufbocken“ kann. Also nehme ich an, wer einen Rauner hat, kann eine Brille auf seiner Nase aufbocken und zeigt sich somit als kluger Mensch ;-))
    Alles Liebe und eine schöne neue WOche,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2018/06/was-gibts-sonst-noch-vom-mai-zu.html
    PS: Danke für deine lieben Besserungswünsche – und tut mir leid, dass ihr die Pfingstfeiertage nicht so angenehm verbracht habt und vor allem am Krankenbett gesessen seid… Ich hoffe, inzwischen ist da wieder alles gut!!!

    • Astrid Berg sagt

      Oh, oh, mir schwirrt der Kopf :-). Das ist tatsächlich alles Insiderwissen. Man kann ein Leben lang immer wieder dazu lernen. Unsere Sprache ist soooo facettenreich!!!!
      LG
      Astrid
      P.S. Ja, meine Mutter ist wieder aus dem Krankenhaus zurück und die erwünschte Besserung ist eingetreten.

  4. Ich muss schmunzeln. Da fällt mir ein: eine Scheibe Brot – Schnitte- Stulle- im Sächsischen „Bemme“ 🙂 Oder Hausschuhe: Latschen, Pantoffeln. Eine Semmel: Semmel, Schrippe, Brötchen. Wenn man überlegt, fällt einem bestimmt noch mehr ein.
    Viele Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Bis auf den Begriff „Bemme“ kenne ich alle anderen von Dir genannten Bezeichnungen. Bei „Bemme“ würde mir auch keine Eselsbrücke einfallen, das ist für mich nur eine Vokabel, die man lernen muss, wie in einer Fremdsprache. 🙂 Ich hätte sie nie mit einer Scheibe Brot in Verbindung gebracht.
      Herzliche Grüße
      Astrid

  5. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Allmächt…. liebe Astrid,

    Deine Story ist unendlich…..wenn man sie weiter ausbaut, ist für heute der Montag schon beendet. Da kann man sich richtig hineinarbeiten, geradezu wenn man in Bayern geboren ist so wie ich, den Untertitel Franken auch noch mit sich herumträgt, dann hat man ein besonders schweres Los gezogen. Aber schön ist es allemal seinen Dialekt auszuleben, so gut es eben möglich ist, wenn man die Heimat verlaßen mußte.
    Gerade wir Franken werden kaum verstanden, besonders von Hochdeutsch sprechenden Menschen. Wer will schon wissen können, was a ozullst Buttlasba ist, ich verrats Euch, ein abgenagtes Hühnerbein. Buttla kommt von …butt…butt…butt, wenn man die Hühner anlocken will und ozullt ist einfach nur abgenagt ( Knochen) soviel wie abgelutscht. Besonders betrieben worden in meiner Kindheit in den 1940iger Jahren, die oftmals von Nahrungsknappheit geprägt waren, da wurde auch das letzte Fäselchen Fleisch eben noch abgenagt. Heute hänge ich über dieses Thema mal das Mäntelchen des Schweigens.
    Übrigens Kerstin, die Bayerische Hessin, bringt uns auch manchmal Wörter nahe, die wir noch nie gehört hatten. Aber zum Glück gibt es vieles was alle verstehen, eine Fremdsprache wird da garnicht gebraucht.
    Danke für Deinen Post, einen herzhaften Lacher hast Du allemal ausgelöst. Übrigens in meiner Mutters Küche hieß es: Helga gib mir mal die Semmelbrösel, oft aus alten Weckler selber gmacht. Grüße zum Wochenanfang, die Ferien sind zu Ende, die Sonne scheint schon fast zu viel des Guten, die Helga

    PS: Eine Anmerkung noch zu dem Herrn im Cafe der gerne eine Bullette gehabt hätte. In Franken heißt es Fleischküchle, in Fürth, auch Franken, Fleischküchla und im tiefsten München, Fleischpflanzerl. Hamburger gibts auch noch, also wer jetzt immer noch nicht weiß was er bestellen soll, der geht am besten nach Hause in die heimische Küche und sucht sich seine Zutaten selbst zusammen. Hihihi 🤣

    • Astrid Berg sagt

      Das hätte ich nie gedacht, dass es so viele regionale Unterschiede innerhalb unserer Sprachen gibt. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wie fantasievoll und facettenreich Sprache doch sein kann. Es existieren sozusagen verschiedene Fremdsprachen innerhalb der eigenen Muttersprache ;-).
      LG
      Astrid

  6. Liebe Astrid, herzlichen Gruß zur Nacht.
    Als wir zu meinem Cousin das erste Mal 1991 nach München zu Besuch, ging ich zum Bäcker, um Schrippen für unser Frühstück zu kaufen. Also bin ich in den Laden, sage guten Morgen und erbitte mir 10 Schrippen. Die Verkäuferin sagte sofort, Grüß Gott und Schrippen haben sie nicht, nur Brötchen, die haben eine Kreuzkerbung. Die sind bei denen eben die Schrippen.
    Durch die verschiedenen Landesdialekte haben sich halt manchmal sogar mehrere Definitionen für eine Bezeichnung gebildet.
    Man kann nur staunen, wie und warum die Worte so entstanden sind.
    Ich wünsche Dir eine schöne Woche, alles Gute und tschüssi sagt Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      die Kommentare haben mir gezeigt, dass es tatsächlich dieses Insiderwissen innerhalb unserer eigenen Muttersprache gibt. Ihr habt etliche Begriffe genannt, die ich noch niemals gehört habe und die mich ohne Erklärung vor ein echtes Rätsel stellen würden.
      LG
      Astrid

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