Kurzgeschichten
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Hängemattengedanken

Manchmal sollte man sich ein paar Minuten für sich nehmen. Dazu braucht man aber Muße. Ich glaube ich bin im Moment in der richtigen Laune und ein bisschen Zeit habe ich jetzt auch gerade. Also marschiere ich in den Garten und lege mich in meine Hängematte. Die Sonne strahlt vom Himmel und ich genieße mit geschlossenen Augen das sanfte Schaukeln der Hängematte. 
Lange währt meine innere Ruhe allerdings nicht, denn meine Gedanken beginnen zu wandern wie die Wolken über mir.
Ich hatte schon als Kind eine Hängematte, die viel schöner war als es die heutigen Exemplare sind. Ein bisschen erinnerte sie an ein Fischernetz. Sie war ganz aus Sisal geflochten und auch wesentlich größer als meine jetzige. Sie wurde zwischen zwei große starke Bäume gebunden und dann konnte ich mich hinein legen und schaukeln.
Vor meinem inneren Auge sehe ich alles noch vor mir, aber diese Vorstellung nimmt mir auch die Ruhe. Warum? Weil sich meine Gedanken zu überstürzen beginnen. Ich springe auf und laufe in unser Gartenhaus.
„Was ruschelst du denn so rum?“, ruft mir mein Mann zu, der bemerkt hat, dass ich etwas suche.
„Irgendwo muss sie doch sein!“, sage ich.
„Was?“
„Na, meine alte Hängematte!“, rufe ich zurück, aber im selben Moment halte ich sie auch schon in den Händen.
„Sie ist noch einwandfrei“, strahle ich über meinen Fund. „Ob sie mich wohl noch trägt oder ob sie vielleicht doch schon ein bisschen altersschwach ist?“, überlege ich.
Ich will es ausprobieren, aber das Gestell ist zu klein und die alte Hängematte zu groß. Also lege ich mich wieder in meine neue Hängematte und träume von damals.
Damals war ich noch ein kleines Kind und wir fuhren nach Rottach-Egern, um meine Uroma und meine Großtante (väterlicherseits) zu besuchen. Ich war gerne dort und ich war stolz noch eine Uroma zu haben. Liebevoll nannte ich sie meine Omaur. Auch Erklärungen meines Grundschullehrers, dass es Uroma heißen würde, konnten mich nicht davon abbringen, dass sie meine Omaur war. Aber davon habe ich schon erzählt und meine Gedanken sind schon wieder weiter.
Meine Uroma sah genauso aus, wie man sich eine Uroma vorstellt: Zart von Statur, nicht sehr groß, weißes Haar, das zu einem Dutt zusammen gesteckt war. Die Falten in ihrem Gesicht gehörten auch dazu und machten sie nur noch liebenswerter.
Ich kann mich erinnern, dass sie noch im hohen Alter (über 80 Jahre) mit mir Federball gespielt hat. Naja, es war wahrscheinlich kein sehr flottes Spiel, aber ich habe es nie vergessen.
Meine Uroma war die Mutter meines Opas. Sie hatte 4 oder 5 Kinder, auf jeden Fall drei Söhne und eine Tochter. Ich habe nur meinen Opa, meine Uroma und meine Großtante noch kennengelernt. Ihre anderen Söhne sind im Krieg gefallen. Ich kennen auch nur vier Namen: Anton, Karl, Leo und Maria. Mutter und Tochter hatten den gleichen Vornamen, das war wohl damals gar nicht so unüblich und Leo war mein Opa.
Ja und plötzlich springe ich wieder auf. Mir ist da noch etwas eingefallen. Meine Großtante hat mir irgendwann mal ein altes Familienbuch geschenkt. Ich renne nach oben in mein Arbeitszimmer und öffne den Schrank, in dem ich diverse Dokumente verstaut habe.
„Da ist es ja!“, denke ich und halte ein altes Büchlein in der Hand, das schon einige Gebrauchsspuren aufweist.
„Der Ahnenpaß“ steht in roten und schwarzen Buchstaben darauf.
Ich öffne das Büchlein und lese was da steht:

„ Der Ahnenpaß
des/ der
Karl P. ….“

Name, Ort, Anschrift und man staune auch der Fernsprecher ( allerdings ist hier nur das nächste Postamt angegeben) sind handschriftlich eingetragen.
Der Pass gehörte Karl P., also einem Sohn meiner Uroma, die unverheiratet noch Maria Schwab hieß und am 9.7.1907 Emil P. geheiratet hat, der also mein Uropa war. Der Sohn Karl wurde am 13.11.1922 geboren.
Alle Eintragungen sind handschriftlich in altdeutscher Schrift vorgenommen. Ich muss mich schon ein bisschen anstrengen, denn obwohl ich diese Schrift in der Schule innerhalb von ein paar Sonderstunden auch lesen und schreiben gelernt habe, bin ich ihr nicht mehr so ganz mächtig. Immerhin haben wir es ja nur neben der lateinischen Schrift gelernt.
Das älteste Geburtsdatum, das in diesem Ahnenpass vermerkt ist, lautet: 16.11.1783.
„Wer ist das nur?“, frage ich mich, denn der Name sagt mir gar nichts. Neben dem Namen steht der Vermerk: „Mutter von 12“.
Ich blättere zurück zur Eintragung Nr.12. und stoße damit auf den Vater von Nr. 6 und der wiederum war der Vater von Nr.3 und diese Nr.3 war meine Uroma. Also jetzt muss ich scharf nachdenken. Mein Kopf qualmt, die Räder meines Gehirns rattern. Ich komme zu dem Schluss, dass die Nr.12 der Opa meiner Uroma war. Aber  es geht ja noch weiter zurück, nämlich zur Mutter des Opas meiner Uroma, also die Uroma meiner Uroma.
„Stimmt das jetzt und in welchem Verwandtschaftsverhältnis steht jetzt diese Unbekannte zu mir?“
„Das sollten wir uns mal aufschreiben!“, sagt mein Mann und spitzt seinen Bleistift.
„Das ist doch dann wohl meine Ururururoma!“, rufe ich begeistert aus, „sagt man das eigentlich so? Ich habe keine Ahnung. Egal! Meine Wurzeln reichen also schon mal bis 1783! Unvorstellbar!!! Sie wurde 177 Jahre vor meiner Geburt geboren, also vor 233 Jahren und ich bin die 6. Generation.“

„Da stehen aber noch mehr Eintragungen“, gibt mein Mann zu bedenken. „Sie reichen bis zur Nr.51, allerdings gibt es nur die Namen und keinerlei Daten. Man könnte jetzt weiter forschen…“

„Schau mal hier!“, sage ich und halte einen handgeschriebenen Brief hoch, der auf den 7. Januar 1945 datiert ist.

Der Brief ist schon sehr vergilbt, aber gut erhalten und mit schwarzer Tinte geschrieben.
Ich kann ihn allerdings nicht lesen, denn soweit reichen meine Kenntnisse der altdeutschen Schrift nicht mehr. In Druckschrift hätte es ja noch funktioniert, aber nicht in einer ausgeschriebenen, aber trotzdem sehr schönen Handschrift.
Gut, dass meine Mutter da ist. Sie liest ihn mir vor. Es ist ein Brief von der Schwiegermutter des Sohnes Karl meiner Uroma. In diesem Brief bedankt sie sich bei meiner Uroma für deren große Hilfe, speziell bei den Hochzeitsfeierlichkeiten der Kinder. Weiterhin bekundet sie, dass sie meine Uroma sehr ins Herz geschlossen und liebgewonnen hat.
Bevor ich diesen Ahnenpass wieder schließe, entdecke ich noch ein kleines altes Schwarzweißfoto. Es zeigt einen Mann, der gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Opa aufweist. Ich nehme also an, dass es sein Vater, also mein Uropa ist, – der Mann meiner Uroma und der Vater von Karl, dem damaligen Inhaber des Ahnenpasses. Leider steht kein Vermerk auf der Rückseite.
Nachdenklich klappe ich den Ahnenpass wieder zu, gehe zurück zu meiner Hängematte und versinke in meinen Gedanken.

Das ist übrigens meine alte Hängematte:

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Vielleicht möchtet Ihr auch das noch lesen:

Und noch mehr Kindheitserinnerungen

Astrid, Opa und das Eis

Erinnerungen an die Schulzeit

 

 

7 Kommentare

  1. Liebe Astrid, herzliche Grüße.
    Ja genau, so kenne ich die Hängematte aus meiner Kinderzeit. Die waren richtig tief und groß.
    Die wurden auch als Schaukel, querliegend, von uns Kindern, zum Leidwesen unserer Eltern, benutzt. Damit Apfel-und Birnenbaum, > Boskopp Gute Luise < nicht Schaden nahmen, wurde unter den Befestigungsseilen auf die Rinde Scheuerlappen und darüber Lederstücken um die Baumstammrinde gewickelt.
    Für uns Kinder war die Hängematte toll, nicht nur zum Spielen. Die Eltern lagen eher im Liegestuhl.
    Jetzt sind die Hängematten an Gestellen, klein und sehr flach, wie ein durchhängendes Tuch. Ich würde denken, wenn man sich drauf legen möchte, dann kippt man hinten wieder runter.
    Ich wünsche Dir aber ein angenehmes Wohlgefühl beim Ausruhen und Gedankenschweifen zwischen zwei Bäumen und alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Genau so erging es der Freundin unseres Sohnes, als sie die neumodische Hängematte zum ersten Mal bei uns ausprobierte. Sie versuchte sich hineinzulegen und fiel sofort auf der anderen Seite wieder heraus. 🙂
      Ich freue mich immer wahnsinnig über Deine Kommentare, denn Du weißt soooo viel zu berichten. Es macht immer wieder Spaß Deine Kommentare zu lesen. Dankeschön!
      LG
      Astrid

  2. ufff….jetzt „rechne“ ich aber nach!!!!!
    von Muttern, die mit ihren fast 95 noch glasklar im Kopf ist und oft „zurück in IHRE Jugend blickt“ habe ich – wie du in dieser Erzählung (alte Briefe, Dokumente, Erinnerungen, Bilder und Diverses in Kästchen und Koffern aufgehoben und mir beim Einzug vorgenommen und bin – ebenfalls wie du -„an der Schrift“ gescheitert. Außerdem lässt mit Bleistift geschriebenes mit der Zeit tatsächlich nach und ist nicht mehr lesbar“.
    dennoch interessant und ich denke, spätestens wenn sie die Augen schließen wird, werde ich mir die KOFFER erneut vornehmen, irgendwie will man doch wissen wo man letztendlich her kommt.
    Die Ahnenreihe ist lang….und es kommen Erlebnisse, Würdigungenm, Erinnerungen und Städte und Orte zutage die man nie erwartet hätte zu finden“
    herzlichst Angelface…
    (ein sehr schöner und interessanter Bericht)

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