Kurzgeschichten
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Goldglöckchen

Bestimmt denkt Ihr jetzt, dass Ihr Euch verlesen habt. Aber es hat schon alles seine Richtigkeit. Ich heiße nicht Goldlöckchen, sondern Goldglöckchen. Mein Name kommt von den beiden goldfarbenen Glöckchen auf meiner Oberseite. Ich bin nämlich ein Wecker. Funktionstüchtig bin ich zwar, aber doch schon ein wenig in die Jahre gekommen. 

Abgesehen von den beiden Glöckchen, habe ich auch sonst schon ein fast nostalgisches Aussehen. Rundum goldig und manuell einstellbar mit analoger Anzeige, so würde ich mich beschreiben. Nichts mit dem modernen digitalen Schnickschnack und einfach nur einer Zahlenanzeige! Wenn man bei mir die Uhrzeit ablesen will, dann muss man noch genau nachsehen, was meine Zeiger anzeigen. Ich wette mit Euch, das kann heute nicht mehr jedermann. Zu meiner Zeit konnte jedes Kind mit Hilfe meiner Zeiger sehen, was die Stunde geschlagen hat.
Weiße römische Ziffern, die jeweils schwarz hinterlegt sind, umrunden mein Zifferblatt, das ansonsten ebenfalls goldfarben ist und das den Aufdruck „Meister Anker“ trägt. Unter der Ziffer VI kann man lesen, dass ich in „West Germany“ hergestellt wurde. Über jeder Ziffer befindet sich ein grüner fluoreszierender Punkt. Auch meine schwarzen Zeiger besitzen einen solchen Punkt und leuchten nachts. Das ist eine ganz prima Sache, denn so kann man auch bei Dunkelheit erkennen, wie spät es ist. Umrundet wird mein Gehäuse von einem filigran verziertem Band.
So, jetzt wisst Ihr, wie hübsch ich bin und nun will ich Euch meine Geschichte erzählen.
Ich wurde wie gesagt in Deutschland produziert und stand irgendwann in einem Kaufhaus im Regal. Ich stand dort nicht alleine, sondern war umrundet von vielen anderen Weckern. Hübsche und weniger schöne, kleine und große Wecker waren hier aufgereiht. Man schrieb das Jahr 1979 und somit stamme ich sozusagen noch aus dem letzten Jahrhundert, beziehungsweise sogar noch aus dem letzten Jahrtausend. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr erinnern, ob neben mir auch schon digitale Wecker standen. Ich fühlte mich zwar nicht allein, aber etwas unnütz, denn niemand wollte von mir geweckt werden. So fieberte ich meinem großen Tag entgehen, an dem mich jemand aus dem Regal nehmen würde und mich endlich meine vorbestimmte Arbeit tun ließ.
Die Tage vergingen und längst war mein Uhrwerk stehen geblieben, da sich niemand die Mühe machte dieses erneut aufzuziehen. Ach, das habe ich ja vergessen zu erwähnen. Auf meiner Rückseite befinden sich nämlich kleine Rädchen, an denen man die Zeiger verstellen, das Uhrwerk und das Weckerklingeln aufziehen und die Weckzeit einstellen kann.
So, nun gehen wir wieder siebenunddreißig Jahre zurück: Eines Tages kam ein Ehepaar vorbei und blieb vor dem Regal stehen. Sie sahen sich sehr interessiert um und plötzlich griff eine Männerhand nach mir.
„Schau mal!“, sagte der Herr zu seiner Frau. „Wäre das nicht etwas für unsere Tochter?“
Er reichte mich nun weiter an seine Ehefrau, die mich drehte und wendete.
„Ja, der ist wirklich hübsch und gefällt ihr bestimmt!“
Ja und so wurde ich gekauft, hübsch verpackt und mitgenommen. Ich spürte die neidischen Blicke der anderen Wecker in dem Regal. Sie mussten nämlich noch auf ihre Käufer warten, während ich jetzt meiner eigentlichen Funktion entgegen ging.
Ich wurde ein paar Stunden später wieder ausgepackt, bestaunt und anschließend in einen Koffer gelegt. Als ich abermals ausgepackt wurde, fand ich mich nicht nur in einem anderen Haus, sondern auch in einer anderen Stadt wieder. Das Ehepaar hatte mich an seine Tochter verschenkt, die in einer anderen Stadt studierte. Anscheinend hatten sie Angst, dass das Töchterchen verschlafen könnte und dann zu spät in den Vorlesungen und Seminaren erscheinen würde. Niemand außer mir würde sie in der Studentenbude wecken. Vielleicht würde sie irgendwann von der Sonne wachgekitzelt oder von einer Autohupe geweckt werden, aber das wäre ganz sicherlich viel zu spät. Auf mich jedoch war Verlass und so konnten die Eltern ganz beruhigt sein.
Das Töchterchen stellte mich sofort auf einen Ehrenplatz, nämlich auf das Nachttischchen direkt neben dem Bett. Ich muss sagen, dort fühlte ich mich auch vom ersten Moment an wohl und ich nahm mir vor, sie immer pünktlich zu wecken. So wurde mein Uhrwerk aufgezogen und die Weckzeit eingestellt. Bedenkenlos schlief das Töchterchen ein, aber auch die Eltern daheim wussten, dass sie sich auf mich verlassen konnten.
So zählte ich die Minuten und Stunden bis zum nächsten Morgen. Pünktlich um sieben Uhr ließ ich dann meine zwei kleinen goldfarbenen Glöckchen so laut ich nur konnte, erklingen.
Schlagartig saß das Töchterchen senkrecht im Bett und sah mich bitterböse an. Ich war total irritiert und das hatte zwei Gründe. Ich war verwundert, dass sie mich nicht dankbar in die Hand nahm und streichelte, sondern mich unter Schimpfen in die Schublade warf und diese ganz fest zu machte.
„Ich glaube doch, du spinnst!“, rief sie mir noch hinterher.
Ich wusste nicht, was ich angestellt hatte. Ja, sicher ich hatte mich auch ein bisschen erschrocken, weil mein Klingeln sich doch etwas anders und viel lauter angehört hatte, als ich es kannte.
Am nächsten Abend nahm sie mich jedoch wieder aus der Schublade heraus und murmelte etwas, das sich so anhörte:
„Entschuldige, aber du kannst ja nichts dafür. Ich bin selbst schuld. Oder eigentlich ist die Glasplatte auf meinem Nachtschränkchen schuld. Sie hat dich noch zusätzlich vibrieren lassen und dein Klingeln verstärkt. Aber das kann jetzt nicht mehr passieren.“
Das Töchterchen legte auf die Glasplatte ein kleines Deckchen, das einst die Uroma gehäkelt hatte. Darauf stellte sie nun mich und so ging es sozusagen in die nächste Runde.
Am nächsten Morgen ertönten meine Glöckchen zum eingestellten Zeitpunkt erneut. Durch das Schlagen des kleinen Schlägels an die beiden Glocken begann ich freudig zu hüpfen. So arbeiteten sich meine Füßchen durch die Löcher des gehäkelten Deckchens auf die Glasplatte durch und ich erklang wieder in den schrillsten Tönen.
Wie beim ersten Mal saß das Töchterchen wieder schlagartig senkrecht im Bett.
„Jetzt reicht es aber!“, rief es aus und beförderte mich erneut in die Schublade. „Hier bist du und hier bleibst du, basta!“
Mit diesen Worten schlug sie die Schublade zu und ich durfte fortan meinen Weckruf nur noch innerhalb dieser dunklen Schublade verrichten.
Beim nächsten Besuch des Töchterchens bei seinen Eltern, fragte der Vater gleich bei der Begrüßung:
„Na Astrid, hat dich dein schöner neuer Wecker auch immer pünktlich geweckt?“

 

 

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18 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Danke für Deinen Kommentar und die guten Wünsche. Bei uns schaut für einen Moment mal die Sonne heraus, aber ein paar Tropfen Regen hatten wir auch schon. Auch dir einen angenehmen und hoffentlich regenfreien Restdienstag.
      LG
      Astrid

  1. Liebe Astrid,
    eine Geschichte, die anrührt. eine dickere Unterlage hätte helfen können. Aber in der Schublade konnte er auch Krach machen.
    deine Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Bärbel,
      wahrscheinlich hätte ich mehr Geduld haben müssen mit dem armen kleinen Wecker 😉 , aber ich fand damals die Lösung mit der Schublade ganz praktisch. Er klingelte nämlich nicht nur ziemlich laut, sondern auch sein Ticken war nicht zu überhören und raubte mir den Schlaf.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    Da hatte sich Dein güldener Wecker soo auf die Arbeit vom freundlich- morgendlichem Klingelns, in einem netten, lichtdurchflutetem Zimmer gefreut, das Warten im Regal hatte nun ein Ende, stattdessen mußte er seine hellen Klingeltöne in einer finsteren Schublade erschallen lassen, was für ihn sehr enttäuschend war.
    Erst bewundert, dann verschmäht. Er blieb standhaft, sein Läutewerk intakt.
    Winke, winke, Brigittel

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      Du machst mir ja fast ein schlechtes Gewissen, dass ich den armen, kleinen, goldenen Wecker in eine Schublade gesperrt habe ;-). Aber er hat es überlebt und als Entschädigung habe ich ihm jetzt sogar noch eine Geschichte gewidmet 🙂 .
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Man glaubt es nicht, aber wenn man so überlegt, haben viele Dinge, die man besitzt, eine eigene Geschichte. 🙂
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    so ein hübscher Wecker, allerdings gefällt er mir ebenfalls nur, so lange er tickt und nicht weckt. Ich habe zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis zu Weckern gehabt, entweder habe ich sie verflucht oder ganz einfach ignoriert. Seit ein paar Jahren brauche ich nun keinen Wecker mehr stellen, weil ich ganz von allein pünktlich erwache, wochentags um 5.30 Uhr und Sontnags um 8.00 Uhr, komisch, aber man kann sich tatsächlich drauf verlassen.
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Wie machst du das, liebe Regina??? Ich habe mittlerweile 5 am Bett stehen! Scheinbar bin ich nachts im Koma, denn ohne Wecker käme ich nirgendwo pünktlich hin 🙂 .

      Lieben Gruß
      Anna-Lena

      • Astrid Berg sagt

        Du scheinst keinerlei Schlafprobleme zu haben,liebe Anna-Lena. Beneidenswert!:-) Aber wenn Du mit dem Wachwerden Probleme hast, musst Du Dir nur so einen tollen Wecker mit zwei Glöckchen besorgen und auf eine Glasplatte stellen,- ich spreche aus Erfahrung 🙂
        LG
        Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Oh, liebe Regina, er tickt auch ziemlich laut 🙂 , schon allein deshalb war er in der Schublade gut untergebracht.
      Ich habe auch so eine innere Uhr, die mich zumindest nahezu zur gleichen Zeit aufwachen lässt. Allerdings scheint Dein Talent doch ausgeprägter zu sein, denn ganz pünktlich ist meine innere Uhr nicht immer. Ich stelle mir daher meist den Wecker, denn dann kann ich wesentlich beruhigter schlafen.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  4. Der arme Wecker! Auf meinem Nachttisch würde er sich nicht einsam fühlen, da stehen mehrere und in die Schublade müsste er auch nicht :-)))))

  5. Christine R. sagt

    Hallo, Astrid,
    so hübsch wie Dein Wecker war meiner leider nicht. Aber ich habe ihn auch jeden Morgen verflucht! Nur in die Schublade konnte ich ihn leider nicht verbannen – er stand im Regal. Nachttisch hatte ich nämlich keinen… **grins**
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese heitere Geschichte.
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Ja, das Leben eines Weckers ist nicht einfach 😉 . Wer mag ihn schon wirklich?
      Ich wünsche Dir einen schönen und gemütlichen Samstagabend und einen Sonntagmorgen ohne Weckerklingeln 🙂
      Astrid

  6. So einen Monsterwecker habe ich auch mal meiner Tochter geschenkt. Als sie nach Berlin umgezogen sit, rief sie mich immer an, damit ich sie wecken sollte. Da habe ich ihr dann einen Wecker geschenkt, der einen Höllenlärm machte.
    Ein Arbeitskollege von mir hatte fünf Wecker in seinem Zimmer verteilt. (kichern) LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Ich bin immer sofort beim ersten Weckerklingeln wach und muss dann meinen Mann wecken, der neben mir liegt. Er verlässt sich immer voll und ganz auf mich, dass ich den Wecker einstelle, der auf meiner Seite steht. Ich bin mir sicher, dass er bestimmt auch das Weckerklingeln überhören könnte, aber das wollen wir gar nicht erst ausprobieren.
      Sei herzlich gegrüßt und hab einen gemütlichen Samstagabend
      Astrid

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