Kurzgeschichten, Reisen
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Die Weigerung

Es ist unser letzter Urlaubstag und wir haben gerade das Abendessen eingenommen. Da wir uns angewöhnt haben anschließend noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen, schlendern wir die Uferpromenade entlang. Wir plaudern über dies und das und schließlich stellt mein Mann mir eine Frage:
„Wirst Du zu ihr gehen, wenn wir wieder daheim sind?“
„Zu wem soll ich gehen?“, erkundige ich mich stirnrunzelnd.
„Na, Du weißt schon. Zu ihr gehst du doch immer gleich, wenn wir wieder zurück sind.“
„Nein!“, gebe ich ihm sehr deutlich zu verstehen.
„Sie wird dich vermissen!“, gibt er zu bedenken.
„Na und, ich aber sie nicht! Ich habe mir vorgenommen erst drei Tage abzuwarten und dann könnte ich es mir vielleicht noch überlegen, was ich tue.“
„Das nimmst Du Dir doch immer vor und außerdem ändert es an der ganzen Sache rein gar nichts.“
„Da bin ich zwar anderer Meinung“, gebe ich meinem Göttergatten zu verstehen. „Aber warten wir es mal ab. Lass uns den letzten Urlaubsabend noch genießen, alles andere kommt später dran.“
Unsere Unterhaltung diesbezüglich wird an dieser Stelle abgebrochen, weil wir soeben ein kleines Eiscafe entdecken. Es zieht uns magisch an und wir gönnen uns zum krönenden Abschluss unseres schönen und erholsamen Urlaubs jeder eine Kugel Eis. Während ich mich für eine Eiswaffel entscheide, nimmt mein Mann einen Becher. Das ist auch gut so, denn er hat ein helles Poloshirt an, das sonst bestimmt einen Fleck abbekommen würde. Obwohl, der Becher ist viel zu klein für diese Riesenkugel und schon tropft es am Becherrand entlang und dann nach unten. Dieses Mal hat Peter noch Glück gehabt, das geschmolzene Eis fällt auf seinen Schuh und lässt sich einfach mit der Papierserviette wegwischen.
Wie jeder weiß, vergehen die letzten Urlaubsstunden viel zu rasch und im Nu sitzt man im Flieger. Wir beschließen bei der Landung noch einen Tag in Berlin zu bleiben und am nächsten Tag dort die IGA zu besuchen. Ich mag diesen Verlängerungstag, denn er erleichtert irgendwie die Rückkehr. Man kann sich ganz langsam an das Gefühl gewöhnen wieder im Alltag angekommen zu sein. Es ist so eine Art Brückentag, der den Urlaub langsam ausklingen und den Alltag behutsam beginnen lässt. Bilde ich mir zumindest ein.
„Es ist wie eine kleine Galgenfrist“, gebe ich meinem Peter zu verstehen.
„So langsam glaube ich, Du willst Dich nur um den Besuch bei ihr herumdrücken“, teilt er mir seine Vermutung mit einem schelmischen Grinsen mit.
„Jetzt hör endlich auf!“, sage ich leicht erbost. „Warum besuchst Du sie eigentlich nicht ?!“
„Ganz einfach!“, folgt die Erklärung. „Weil ich dies seit Jahren aus gutem Grund schon nicht mehr tue. Und das werde ich auch jetzt nicht ändern. Basta!“
Nach diesem eindeutigen Statement nimmt mich mein Mann an der Hand und fordert mich auf: „Komm, lass uns dort drüben einen Kaffee trinken. Bestimmt haben sie auch ein Stückchen Kuchen für uns.“
Alles hat einmal ein Ende, so auch unser Verlängerungstag. Zu Hause angekommen, stellen wir die Koffer im Hauswirtschaftsraum ab und fallen müde ins Bett.
Am nächsten Morgen höre ich sie schon vor dem Aufstehen nach mir rufen. Ich versuche sie zu ignorieren. Aber ihr Rufen wird immer lauter:
„Astrid, wo bleibst Du denn? Komm her zu mir!“
„Nein, ich will nicht“, gebe ich ihr zu verstehen.
„Warum denn nicht, ich bin doch Dein Freund und Helfer!“, klingt es zu mir zurück.
„Pah! Du und mein Freund! Nein, Du weißt genau, dass Du mein Feind bist.“
„Das ist aber ungerecht. Und nur weil ich Dir immer die Wahrheit sage!“, gibt sie mir leicht geknickt zu verstehen.
Ich will das alles nicht hören, drehe mich noch einmal um und halte mir die Ohren zu.
Mein Mann ist jetzt auch wach. Verschlafen will er wissen, was mit mir los ist.
„Sie ruft doch schon wieder nach mir. Und das in voller Lautstärke. Hörst Du sie denn nicht?“
„Auf dem Ohr bin ich ziemlich taub, das weißt Du doch. Aber wenn Du sie zum Schweigen bringen willst, dann gib doch einfach nach und geh zu ihr hin. Soll ich mitgehen?“
„Nein!“, beschließe ich. „Ich gehe alleine in die Höhle des Löwen, das stehe ich schon durch.“
Zunächst bin ich noch etwas zögerlich, doch dann schwinge ich fest entschlossen die Beine aus dem Bett, begebe mich nach nebenan und lasse die Tür in die Klinge fallen.
„Ich bin ja schon da“, sage ich mürrisch. „Jetzt hör endlich auf nach mir zu rufen!“
Anscheinend versucht mein Mann zu lauschen, denn ich ich bemerke, wie sich hinter mir leicht die Tür wieder öffnet. Drei Sekunden später steht er hinter mir, möglicherweise um mir den Rücken zu stärken. Vielleicht aber auch nur aus Neugierde.
„Und? Was sagt sie?“, will er wissen.
„Nichts! Rein gar nichts!“
„Das kann ja wohl nicht sein!“, wundert sich Peter.
„Doch! Sie ist einfach nur sprachlos!“
„Na, da werde ich Dir heute Abend mal eine neue Batterie für Deine Waage mitbringen“, grinst mein Mann. „Soll ich auch noch eine Pizza mitbringen?“
Genau in diesem Moment fliegt ihm ein nasser Waschlappen entgegen.

 

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20 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Danke Dir. Genau das war beabsichtigt. Der Leser sollte nicht sofort wissen, worum es geht 🙂 .
      LG
      Astrid

  1. Herrlich, liebe Astrid,
    ich habe da mehr Glück. Meine Waage ruft auch nach einem Urlaub nicht nach mir. Muss an meiner Erziehung liegen. 😉
    Lieben Gruß
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Ich habe mir angewöhnt jeden Morgen und Abend auf die Waage zu steigen. Wenn ich das im Urlaub dann nicht tue, ruft eben meine Waage sofort bei unserer Rückkehr wieder nach mir ;-). Zum Glück erlebe ich aber keine großen Überraschungen.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Hihi, genau das war beabsichtigt.
      Hab einen schönen Tag. Leider ist er bei uns heute sehr verregnet.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid, ich dachte erst du hast eine lästige Nachbarin. Aber eine Waage, die nach dir ruft? Das hast du erfunden, oder? Obwohl ich habe früher auch im Urlaub die Waage ausgelassen. Dann habe ich meine Waage, seit ich nicht mehr arbeite, abgeschafft. Ich konzentriere mich nur noch auf meinen Hosenbund und das klappt. Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      rufen kann meine Waage zwar nicht, aber ich stelle mich regelmäßig morgens und abends darauf. Im Urlaub natürlich nicht. Deshalb „ruft“ sie auch immer sofort nach der Rückkehr. Ist einfach Gewohnheit. 🙂
      Ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefallen hat und vor allen Dingen, dass Du nicht sofort erraten hast, wer nach mir ruft 😉 .
      Sei herzlich gegrüßt aus einem sehr herbstlichen und regnerischen Tag
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Seltsam, dass diese Waagen sooo nervig sein können 😉 .
      Ich schicke Dir liebe Grüße. Nachher schaue ich gleich mal nach, was es bei Euch in der Aue so Neues gibt.
      Astrid

  3. Hallo liebe Astrid,
    *tränenlach* einfach SPITZE die Geschichte!!!
    Meine Waage ruft nicht nur nach mir… sie schimpft auch mit mir 🙁
    Und dann streitet sich die Waage mit der Schoki und oft gewinnt die Schoki 😉

    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Mir macht sie dann immer gleich ein schlechtes Gewissen, wenn ich mal zu tief in die Schokoladenkekstüte gegriffen habe 😉 .
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid,

    das war spannend, ich bin nicht drau gekommen! Toll rezählt und absolut nachvollziehbar. Meine Waage ruft nicht, sie meckert!
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Manchmal meckere ich einfach nur zurück. Aber das hilft ja nichts, denn sie sagt tatsächlich immer die Wahrheit und beschummeln kann man sie auch nicht 😉 .
      LG
      Astrid

  5. Hui, da habe ich zum Schluss sogar richtig gelegen mit meiner Vermutung. Ist ja auch blöd, wenn man im Urlaub schon an die Waage danach denkt 🙂
    Liebe Abendgrüße von Kerstin, die sich nach einem Urlaub NIE drauf stellt 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Ich nehme mir auch immer vor nicht gleich nach dem Urlaub auf die Waage zu gehen, aber dann bin ich neugierig und tue es doch 🙂 .
      Selbst schuld, könnte man jetzt sagen 😉
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht
      Astrid

  6. Liebe Astrid,
    während der ganzen Geschichte habe ich immer wieder überlegt, wer „Die“ wohl sein möge…
    Deine Lösung ist genial und so treffend, aber ich war ganz weit davon entfernt!!!
    Gratulation!
    Alles Liebe
    Heidi

    • Astrid Berg sagt

      Danke, liebe Heidi. Das war auch beabsichtigt. Ihr solltet nicht sofort wissen, wer „die“ ist. Ich freue mich immer, wenn meine Geschichten bei meinen Lesern gut ankommen.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  7. oooohhh hihi..
    jetzt hab ich laut gelacht..
    aber meine Waage darf rufen so viel sie will
    das kümmert mich nicht..
    ich will gar nicht wissen wieviel Gramm schon wieder dazu gekommen sind 😉

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Manchmal denke ich, dass die Waage gar nicht ruft, sondern ich Sehnsucht nach ihr habe. Es gehört nämlich schon zu meiner Gewohnheit mich morgens auf die Waage zu stellen. An was man sich so alles gewöhnt 🙂 .
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

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