Kurzgeschichten, Reisen
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Beim thailändischen Friseur

„Willst du heute ein bisschen Spaß haben?“, fragt mich Peter grinsend.

„Wieso, was hast du denn vor?“, stelle ich die Gegenfrage.

„Ich muss dringend zum Friseur und mir die Haare schneiden lassen“, erläutert mir mein Mann, der in dieser Hinsicht sehr wagemutig und experimentierfreudig ist. Denn auch in der Türkei hat er schon dieses Experiment gewagt und dabei sowohl die Ohren mit einer kleinen Fackel ausgebrannt, als auch den Kopf eingerenkt bekommen. Wohlgemerkt beim Friseur!
„Klar habe ich dazu Lust“, teile ich Peter mit. Erstens geht es nicht um meinen Haarschnitt und zweitens war er schon einmal in Bangkok beim Friseur und das war damals sehr aufregend und lustig. Wir haben also schon eine gewisse Erfahrung, denn auch hier ist alles verglichen mit Deutschland wieder einmal same, same, but different.
So ist das eben, wenn man sich im Ausland die Haare schneiden lässt, – andere Länder – andere Sitten. Umgekehrt geht es den Thailändern nicht anders, wenn sie in Deutschland sind. So erzählte mir eine thailändische Dozentin, dass sie nach dem ersten Haarschnitt in Deutschland erst einmal in Tränen ausgebrochen sei. Das ist auch gar nicht so verwunderlich, denn wer hat in Europa denn schon so großartige Erfahrung mit der Haarstruktur der Asiaten, die ganz im Gegensatz zu unseren „Kopfgewächsen“ steht. Und umgekehrt ist das ebenso der Fall. Peter hat allerdings den Vorteil, dass er sehr viele und dicke Haare hat, die noch dazu so schnell wie Unkraut wachsen.
Wir fahren also in das uns bekannte Friseurgeschäft, wo wir auch sehr freudig und mit der thailändischen Freundlichkeit empfangen werden. Nachdem klargestellt ist, dass Peter derjenige ist, der einen neuen Haarschnitt wünscht, nimmt sich ihm ein schlanker Mann an. Wir erkennen in ihm den Friseur von damals, was uns etwas beruhigt. Nachdem sie unsere höflich und vorsichtig vorgebrachte Bitte, den gesamten folgenden Werdegang fotografieren zu dürfen, mit einem Kopfnicken und Lächeln absegnen, kann es losgehen.
Peter wird in den hinteren Teil des Raumes geführt, indem allerlei Dinge wie Wasserflaschen, Plastikflaschen mit unterschiedlichem Inhalt für den Friseurbedarf vermutlich, Putzeimer, Wischmop, Handtücher, etc. gelagert sind und wo er sich auf einer Art Liegestuhl auf den Rücken legen muss. Sein Kopf liegt in einem Waschbecken. Das ist uns vom letzten Mal bekannt, obwohl er sich damals noch auf eine einfache Pritsche gelegt hat, – das ist also jetzt schon etwas komfortabler geworden. Wir fangen an zu lachen, aber auch die Thailänder haben ihren Spaß und lachen mit. So wird Peter, bzw. seine Haare werden einshampooniert und mehrmals von einer jungen Frau gewaschen. Als er anschließend mit einem roten um den Kopf geschlungenen Handtuch wieder zu seinem Friseur in den vorderen Ladenteil marschiert, sieht er mit seinem weißen Bart aus wie der Nikolaus höchstpersönlich, was wiederum zu allgemeiner Belustigung beiträgt.
Bei einem kurzen Versuch von Smalltalk, stellt der Friseur die bekannte Frage: „Where do you come from?“
„Germany“, antworte ich kurz und knapp, denn jegliche Ausschmückung würde ihn nur verwirren. Sogleich klopft er sich lächelnd an die Brust und erläutert uns:
„I – little English!“, dabei deutet der winzige Spalt zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger an, dass der Wortschatz tatsächlich äußerst begrenzt sein muss. Aber mit Händen und Füßen und der dazu gehörigen Gestik und Mimik funktioniert alles. So deutet er auf eine der Friseurinnen und meint:
„She – my boss!“
Nachdem ich ihm signalisiere, dass wir ihn verstanden haben, greift er zur Schere und los geht es. Fröhlich schneidet er darauf los und man merkt ihm an, dass es ihm Freude bereitet und er konzentriert arbeitet. Auch das Klicken meiner Kamera stört ihn in keiner Weise.
Peter, der seine Brille beim Haarschneiden immer absetzt und der Dinge harrt, die auf ihn zukommen, wird nun langsam doch etwas nervös.
„Pass doch lieber mal auf, was er so macht!“
„Oh je!“, denke ich. „Wird vielleicht doch etwas kurz, wenn er so weiter schneidet.“ Aber jetzt ist nichts mehr zu ändern, denn die eine Seite ist schon ab.
„Nur Mut! Lass dich überraschen!“, sage ich zu Peter gerichtet.
„Na“, meint er. „Kann ja nicht so viel passieren. Es wächst doch wieder!“
Kopfnickend pflichte ich ihm bei.
Inzwischen habe ich schon eine Menge Erinnerungsfotos gemacht und blicke mich noch ein bisschen im Laden um. Mitten im Raum sitzt ein etwa zehnjähriges Mädchen auf dem Fußboden und bastelt aus einem Karton ein Papphaus.
„Wie ungezwungen das hier zugeht“, denke ich. „Das wäre in Deutschland gar nicht möglich!“

Mein Blick fällt inzwischen wieder auf meinen Göttergatten, der verschiedene Etappen in seinem Aussehen zu durchlaufen scheint. Mit seinem in die Stirn gekämmten Pony sieht er aus wie ein großer bärtiger Junge. Einen Moment später erinnert er mich jedoch an den Sohn der Dinofamilie Sinclair in einer US- amerikanischen Fernsehsendung. Doch anscheinend ist der Endzustand noch nicht erreicht, denn Peter muss nochmals zum Haarwaschen.
Als Peter wieder auf seinem Stuhl sitzt, richtet der Friseur sein Wort oder besser gesagt seine Gesten an mich. Er erkundigt sich, ob er auch Peters Bart und seine Augenbrauen schneiden soll. Nachdem ich hierin eingewilligt habe, Peter wird erst gar nicht gefragt, macht sich der Mann auch diesbezüglich an sein Werk. Dann werden die Haare geföhnt und mit Stylingschaum gestylt und ich muss zugeben, das Ergebnis ist sehr gut. Auch Peter ist vollauf zufrieden und gibt dies auch durch ein gutes Trinkgeld zu erkennen.
Wir haben alle, egal ob deutsch oder thailändisch, viel Spaß miteinander gehabt. Es wird noch ein Abschiedsfoto von Peter und dem Friseur gemacht und zum Schluss zeige ich alle meine Schnappschüsse und die Freude ist auf beiden Seiten groß. Der Friseur lacht und bedankt sich und nachdem er mir noch seine Visitenkarte gegeben hat, erklären wir, dass wir bei unserem nächsten Besuch in Bangkok wieder vorbei kommen werden.

Ob ich mich dann auch traue die thailändischen Friseurkünste zu erproben? Mal sehen!

Übrigens spricht man auch in Thailand vom Hairstylist:

 

Foto Friseur1

4 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    Glaube mir, nicht nur Ausländerinnen kommen weinend aus einer deutschen Friseurstube heraus ;-)) Doch dein Peter hat recht, halb so schlimm, Haare wachsen ja nach.
    Deine Geschichte hat mir gefallen und es gibt auch Bilder dazu. Toll!
    Liebe Grüße von
    Lisa

  2. Martina sagt

    Ich schließe mich Lisa an, denn ich erinnere mich an einen Friseurbesuch – ich muss so 16 oder 17 gewesen sein, wo ich zu Hause angekommen einen Heulkrampf bekam. Aber: Haare wachsen ja bekanntlich wieder und dein Peter sieht doch wirklich toll aus. Bin gespannt, ob du uns auch einmal Fotos von dir und deinem Friseurbesuch zeigst! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Martina,
      bisher konnte ich den Friseurbesuch in Thailand immer vermeiden. Was ich jedoch nicht vermeiden konnte, das war unsere Taxifahrt in und durch Bangkok (Hallo Taxi!). Aber andere Kulturen kennenzulernen ist schon interessant.
      LG
      Astrid

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