Kurzgeschichten
Kommentare 14

Schön ärgerlich

Mein Mann und ich haben uns in der Mittagspause getroffen. Wir beschließen gemeinsam zum Italiener zu gehen und unser Mittagsmahl einzunehmen. Während mein Peter eben mal kurz dahin geht, wo auch ein Prinzgemahl hin und wieder verweilen muss, führe ich mir schon mal die Speisekarte zu Gemüte. Was Peter essen will, hat er mir schon mitgeteilt und auch ich habe schnell mein Gericht gefunden. Ich bestelle und sitze nun einfach nur da und lausche der Musik, die im Hintergrund spielt. Ich versinke förmlich in dieser Musikwelt, was sich anscheinend auf meinem Gesicht abzeichnet.
„Was grinst du eigentlich so vor dich hin?“, will mein Mann, der sich inzwischen mir gegenüber niedergelassen hat, interessiert wissen.
„Ach, ich lausche den Schlagern, die gerade aus dem Lautsprecher erklingen. Die sind schon ziemlich alt.“
„Ja, wir anscheinend auch“, grinst er nun zurück.
Ich lasse diese Anspielung einfach so im Raum stehen, obwohl ich mich keineswegs als „ziemlich alt“ empfinde. Diese Schlager waren Anfang bis Mitte der Siebziger aktuell, was zugegebenermaßen schon eine geraume Zeit her ist. Als 1960 Geborene drückten wir damals also beide noch für ein paar Jahre die Schulbank. Ja, und jetzt in diesem Moment vermischen sich anscheinend gerade Gegenwart und Vergangenheit miteinander, denn Bilder tauchen in meinem Kopf auf. Zu jedem einzelnen Lied läuft ein kurzer Film in meinem Kopf ab.
Gerade erklingt „Der Junge mit der Mundharmonika“ von Bernd Clüver, danach hören wir „Griechischen Wein“ von Udo Jürgens und dann singt Juliane Werding das traurige Lied „Am Tag als Conny Kramer starb“. Beim nächsten Schlager muss ich erst ein bisschen überlegen, doch dann fällt mir der Name der Sängerin auch wieder ein:
„Katja Ebstein“, sage ich und singe leise mit, wenn es in dem Lied heißt: „Wunder gibt es immer wieder“.
„Komisch, diese Schlager werden immer noch gespielt. Ich muss zugeben, damals habe ich mich nicht getraut, zu erzählen, dass ich gerne die Hitparade hörte und sah. Ich dachte immer die anderen tun dies nicht und hören ausschließlich die englischsprachigen Songs. Heute geben sie alle zu, auch der Hitparade gelauscht zu haben.“
Nachdem ich einige Gabeln von meinem Pastagericht verspeist habe, erzähle ich munter weiter.
„’Disco‘ mit Ilja Richter war ebenfalls eine Lieblingssendung von mir. Da konnte man natürlich schon die Songs hören, die bei der Jugend absolut angesagt waren.“
„Mmh“, kommt lediglich als Kommentar bei mir an, denn Peter genießt momentan mehr seine Pizza als die alten Schlager. Ich plappere aber trotzdem ungehindert weiter:
„Damals habe ich immer alles aufgenommen, sowohl die Hitparade als auch die Discosendung. Mit meinem einfachen Kassettenrecorder…“
„Kenne ich!“, erklärt er mir und schiebt sich das letzte Stückchen Pizza in den Mund. „Meine Schwester hat auch immer alles aufgenommen. Mir war das damals ziemlich egal.“
„Ich hatte zu dieser Zeit ja nur einen ganz einfachen Kassettenrecorder, der war schwarz und ähnelte von der Form eher einem Schuhkarton. Dieses damalige Wunderwerk der Technik hatte schwarze große Tasten, die man drücken musste. Die junge Generation würde wahrscheinlich nur verwundert gucken und lachen, wenn sie dieses altmodische Ding in der Hand halten würde. Null Design und mit den Klangqualitäten der heutigen Aufnahme- und Wiedergabegeräten in keiner Weise vergleichbar. Heute lädt man sich seine Musik einfach aus dem Internet runter und hat alles auch noch auf seinem I-Phone allzeit verfügbar“, stelle ich Vergleiche an.
„Wir hatten für die damalige Zeit schon ein modernes Bandgerät, das meine Schwester dann für ihre Zwecke missbrauchte“, beteiligt Peter sich nun lebhaft. „Damit konnte man sogar Stereoaufnahmen machen, was allerdings bei den Mono-Fernsehgeräten keinen Vorteil brachte. Trotzdem war es für damalige Verhältnisse bestimmt schon etwas Besonderes.“
„Das Mikrofon war noch nicht eingebaut, sondern man musste es extra an den Kassettenrecorder anschließen und dann einfach nur vor den Fernseher stellen“, berichte ich weiter von meinem wohl eher primitiven Gerät.
„Genau, das war bei uns auch so.“
„Bestimmt hat sich deine Schwester auch immer geärgert“, versetze ich mich in ihre und meine damalige Situation zurück. „Das Mikrofon nahm alles auf, auch die Geräusche, die in dem jeweiligen Zimmer entstanden. Und genau das hat mich tierisch geärgert und oft auch aufgeregt. Ich habe immer meinen Eltern ausdrücklich mitgeteilt, dass ich die Schlager aufnehmen möchte und alle mucksmäuschenstill zu sein haben.“
Mein Mann nickt wohlwissentlich, aber bevor er auch nur den Mund öffnen kann, lasse ich meinem Ärger von damals freien Lauf.
„Jedes Mal, aber auch wirklich bei jeder Sendung hat jemand geplappert. Meistens war es mein Vater, der ins Zimmer kam und meine Anweisungen schon längst wieder vergessen hatte.“
„Und dann?“, will Peter nun wissen.
„Ich weiß nicht mehr so genau. Ich denke ich werde ihm zugezischt haben, dass er still sein soll. Vielleicht habe ich auch sehr nachdrücklich den Finger auf den Mund gelegt. Ich glaube nicht, dass ich große Diskussionen geführt habe, denn mir hatte ich ja auch das Schweigegebot auferlegt.“
„Hast du die Kassetten noch?“, will nun mein Peter wissen.
„Wieso? Willst du die alten Schlager hören?“
„Die eigentlich weniger“, antwortet mein Mann, „allerdings wäre es doch sehr interessant, welche Nebengeräusche, sprich Zwiegespräche mit deinem Vater wegen der Störung darauf zu vernehmen sind.“
„Ich muss mal bei meiner Mutter suchen, vielleicht existiert ja die eine oder andere selbstaufgenommene Kassette noch. Aber bestimmt sind die Bänder schon kaputt. Vielleicht habe ich sie aber auch weggeworfen, weil es mal wieder Bandsalat gegeben hat.“
„Den konnte man doch mit Hilfe eines Bleistiftes wieder beseitigen.“
„Stimmt“, pflichte ich meinem Mann bei, der inzwischen die Rechnung begleicht. „Manchmal ging aber auch absolut nichts mehr, weil die Bänder schon viel zu sehr verknuddelt waren…“
Nach einer Weile füge ich noch hinzu: „Irgendwo habe ich sogar noch alte Autogrammkarten. Es wurde nämlich bei jeder Sendung die Autogrammadressse des jeweiligen Sängers oder der Sängerin eingeblendet. Da habe ich natürlich immer hingeschrieben und eine Autogrammkarte angefordert.“
„Ja, ja, meine Schwester war auch in Heintje verliebt. Da gab es so kleine Plaketten bei den Bananen“, erinnert sich nun mein Mann und wir müssen beide lachen.
Ehrlich gesagt, habe ich diese Plaketten als Kind auch gesammelt. Doch nun ist unsere Mittagspause zu Ende und damit auch der Ausflug in die Vergangenheit. Die Gegenwart mit ihren vielfältigen Aufgaben holt uns wieder ein und trägt uns weiter in die Zukunft. Das Gestern ist heute schon überholt und das Heute ist es morgen ebenso. Die Welt dreht sich einfach weiter und das mit einem rasanten Tempo. Deshalb sollten wir diese kurzen Momente des Verweilens umso mehr genießen. Was uns gestern geärgert hat, ist heute manchmal sogar eine schöne Erinnerung.

 

 

Vielleicht möchtet Ihr auch das noch lesen:

Hängemattengedanken

Töpfe, die es in sich haben

Der Geist des Weines

14 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.