Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
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Ach du liebe Zeit!

Erschöpft lässt sich Lara auf den Sessel plumpsen. Sie schließt die Augen und denkt erleichtert:
„Geschafft! Das war die letzte Umzugskiste!“
Sie ist fertig und kann es kaum glauben. Ein bisschen Stolz mischt sich zu den Gefühlen der Freude und Erschöpfung. Na klar, sie hat auch Helfer gehabt. Gute Freunde gingen ihr die letzten Tage zur Hand und unterstützten sie tatkräftig. Das Auspacken der Umzugskisten wollte sie jedoch alleine bewältigen. Am Anfang machte es ja auch noch Spaß, aber sie hat wohl die Anzahl der Kisten unterschätzt und den Kleinkram, den sie zu Tage förderte ebenso. Aber jetzt ist es endlich geschafft. 

Als sie einen Blick zum Fenster hinaus wirft, stellt sie fest, dass es ein herrlicher Spätsommertag ist, den man nicht drinnen verbringen sollte. Schnell hüpft sie unter die Dusche, schlüpft in eine saubere Jeans und eine weiße Bluse, zieht ihre Pumps an und macht sich auf den Weg zur Altstadt. Dort sucht Lara sich in einem hübschen Straßencafe einen unbesetzten Tisch in der Sonne. Sie genießt die vermutlich letzten wärmenden Sonnenstrahlen dieses Sommers ebenso wie das Treiben um sie herum. Sie lächelt zufrieden in sich hinein. Allerdings nur bis Lara sie entdeckt.
Ach du liebe Zeit!“, denkt sie. „Ist das nicht Ludmilla Labermann?! Na hoffentlich sieht sie mich nicht.“
Lara rutscht merklich auf ihrem Stuhl ein wenig nach unten und richtet ihren Blick gebannt auf ihre Kaffeetasse, so als würde sie selbst dadurch unsichtbar.
„Sie wohnt ja auch in dieser Stadt“, erinnert sich Lara. „Das hatte ich ja total vergessen.“
Ludmilla Labermann ist eine ehemalige Klassenkameradin, die früher ihrem Namen alle Ehre machte. Sie laberte den ganzen lieben langen Tag und niemals stand ihr Mund still. Selbst im Unterricht nicht. Richtige Freunde hatte sie eigentlich nicht, aber Ludmilla selbst hatte dies nie bemerkt. Sie fühlte sich schon immer zu Höherem geboren und glaubte eine große Schauspielkarriere vor sich zu haben.
Das letzte, was sie von Ludmilla wusste, war die Tatsache, dass sie mit einem Jungen aus der Parallelklasse ging, der ebenfalls sehr gesprächig war.
„Wie hieß er nur gleich?“, überlegt Lara angestrengt. „Ach ja, Horst Redner oder so ähnlich.“
Doch plötzlich wird Lara in ihren Gedanken unterbrochen, denn zu ihr dringt eine schrille weibliche Stimme:
Ach du liebe Zeit! Das ist ja Lara! Bist du’s oder bist du’s nicht?“
„Mist!“, hätte Lara fast ausgerufen, aber stattdessen nickt sie und blickt direkt in Ludmillas Gesicht. Diese steht aufgedonnert mit Hut vor ihr und strahlt sie aus ihrem pausbackigem Gesicht an, wie ein Honigkuchenpferd.
„Was machst du denn hier?“, fragt Ludmilla, wartet aber keine Antwort von Lara ab, sondern plappert munter weiter. „Naja, das war ja eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis wir uns wieder einmal über den Weg laufen mussten. Ach, das ist ja jetzt schon ewige Zeiten her, dass wir uns gesehen haben. Das waren noch Zeiten! Man müsste jetzt alle Zeit der Welt haben, um das Rad der Zeit zurückzudrehen und über die guten alten Zeiten zu plaudern. Wir sollten uns zu gegebener Zeit einmal treffen, ich stehe nämlich total unter Zeitdruck im Moment. Aber was soll’s! Man muss die Zeit nutzen und darf keine Zeit verlieren.“
Mit diesen Worten zieht Ludmilla den Stuhl heran und lässt sich gemütlich an Laras Tisch nieder. Lara, die bisher noch nicht zu Wort gekommen ist und in deren Kopf sich inzwischen schon alles zu drehen beginnt, öffnet den Mund, um die ehemalige Klassenkameradin zu begrüßen. Allerdings bleibt es bei dem guten Vorsatz, denn Ludmilla ist schon wieder schneller und erzählt einfach weiter.
„Was wollen wir auf bessere Zeiten hoffen, ich nehme mir jetzt einfach die Zeit und wir unterhalten uns ein bisschen. Kinder, wie ich mich freue! Wie doch die Zeit vergeht! Es müssen ja jetzt schon bestimmt acht Jahre her sein, dass wir gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. Ja, das kann hinkommen, denn ich bin ja jetzt schon seit sieben Jahren verheiratet. Nein, nein, nicht mit Horst. Von dem habe ich mich schon bald nach unserem Schulabschluss getrennt. Der hat mir zuviel geredet, da bin ich ja gar nicht zu Wort gekommen. Und außerdem ist er gar nicht mit der Zeit gegangen, das war mir zu langweilig. Er hat ja an unserer Trennung ziemlich geknabbert, aber die Zeit heilt alle Wunden. Naja, alles hat eben seine Zeit! Man muss nur die Zeichen der Zeit erkennen und das habe ich getan und habe mich halt von ihm getrennt. Mit ihm wäre ich der Zeit immer nur hinterher gehinkt. Tja und schwuppdiwupp hat man seine beste Zeit hinter sich. Nein, nein, das wollte ich nicht, immerhin habe ich keine Zeit zu verschenken!“
Ludmilla hebt während des Redens ihren Arm und ruft der Bedienung zu: „Einen Milchkaffee für mich, bitte!“ Und schon setzt sie ihren Redefluss ungehindert fort:
Die Zeit war einfach reif und als ich meinen Emil getroffen habe, da haben wir wahrlich keine Zeit verschwendet und sofort geheiratet. Damit haben sich dann auch für mich die Zeiten geändert. Die Saure- Gurken-Zeit war vorbei. Wir führen ein tolles Leben, dem Zeitgeist entsprechend, wenn du verstehst was ich meine.“
Lara versteht gar nichts, sie würde am liebsten aufstehen und sich verabschieden. Nur leider bietet ihr Ludmilla keinerlei Gelegenheit zur Verabschiedung, sie hat sie ja noch nicht einmal begrüßen können. Also denkt sie sich: „Kommt Zeit, kommt Rat!“, und sitzt sozusagen ihre Zeit ab.
Ludmilla geht richtig in der Gesprächsführung auf und erzählt weiter und weiter:
„Was machst du denn so beruflich? Wolltest du nicht Lektorin werden? Naja, ich habe meine Pläne geändert. Die Schauspielerei hätte mich doch nur immer wieder von meinem Emil getrennt und er braucht mich doch so sehr und so schenke ich ihm meine Zeit. Du musst wissen, er hat eine Firma und da ist meine Hilfe gefragt. Wir investieren sozusagen  unsere Zeit.“
Ludmilla holt tatsächlich kurz Luft, doch Lara ist inzwischen so erschöpft, dass sie die Gelegenheit verpasst und weiter schweigsam bleibt.
„Ach, die Zeit vergeht doch tatsächlich wie im Fluge! Ich habe mir für heute Nachmittag einen zeitlichen Rahmen gesetzt und meine Zeit erlaubt es leider nicht diesen zu überschreiten. Deshalb muss ich mich jetzt leider von dir verabschieden. Es war nett mit dir geplaudert zu haben. Das sollten wir von Zeit zu Zeit wiederholen. Ich melde mich zu gegebener Zeit bei dir. Du stehst doch sicherlich im Telefonbuch?! Es ist jetzt aber höchste Zeit, ich muss gehen!“
Ludmilla erhebt sich tatsächlich und wendet sich zum Gehen. Bevor sie jedoch den Tisch verlässt, muss Lara noch eine dringende Frage loswerden:
„Darf ich dich noch etwas fragen?“ sagt Lara schnell, doch wieso sollte Ludmilla dieses Mal darauf eingehen?!
„Tschüss, ich muss weg! Mir läuft sonst die Zeit davon!“, ignoriert Ludmilla wie erwartet die Frage der ehemaligen Klassenkameradin.
„Was ist eigentlich…?
Die Zeit drängt!“, sagt Ludmilla eilig und geht schon.
„… dein Mann von Beruf?“, beendet Lara die Frage, obwohl sie schon alle Hoffnung auf eine Antwort aufgegeben hat.
Ludmilla dreht sich ein letztes Mal um und winkt grinsend. Im Weitergehen ruft sie Lara nur noch zu:
„Uhrmacher! Was dachtest du denn?!“

20 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    sie hat es geschafft und auch mich schwindelig geredet, aber ich bin sehr froh, dass ich mir die Zeit für diese temporeiche Geschichte genommen habe, sonst hätte ich was verpasst.
    Herrlich, liebe Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Regina,
      ich bin selbst beim Schreiben schon ganz hektisch und schwindelig geworden. Aber es gibt tatsächlich Menschen, bei denen man nur zu Wort kommt, wenn sie sich an der eigenen Spucke verschluckt haben.
      Schön, dass Dir die Geschichte gefallen hat.
      LG
      Astrid

  2. Ich gebe Regina recht: Die Frau kann einen schwindlig reden. – Du hast es ganz großartig gemeistert, all die zeitlichen Begrifflichkeiten unterzubringen und ich schätze, dass du nicht eine vergessen hast! Ganz toll geschrieben! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Nein, vergessen habe ich sie nicht, aber ich musste ganz viele Aussprüche weglassen. Sonst wäre Ludmilla Labermann nämlich überhaupt nicht mehr zu stoppen gewesen. Ich habe festgestellt, dass es eine Unmenge von Redewendungen gibt, die sich auf die Zeit beziehen. Ich habe sie mir notiert und irgendwann… Mal sehen…
      LG
      Astrid

  3. Der arme Mann! Wahrscheinlich verbringt er die meiste Zeit bei seinen Uhren. Die ticken wenigstens richtig. 🙂

    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Da könntest Du recht haben, liebe Traudi. Ich schätze, ihr Mann ist ein ganz ruhiger Mensch, denn die Feinmechanik der Uhren erfordert ruhige Hände.
      LG
      Astrid

  4. Toll Astrid, die „Zeit“ als Reizwort sich aufzuerlegen und darüber zu schreiben. Inspiriert mich, das auch mal zu tun. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      ich kam auf das Thema „Zeit“, weil ich von allen Seiten zu hören bekomme, dass dieses Jahr wie im Fluge vergangen ist.
      Ich freue mich schon jetzt darauf, zu welcher Geschichte Dich das Thema „Zeit“ inspirieren wird.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke, liebe Bärbel.
      Ich glaube,ich würde Kopfschmerzen bekommen, wenn ich Ludmilla Labermann zuhören müsste.
      Ich wünsche Dir eine angenehme Nacht und schicke liebe Grüße
      Astrid

  5. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    ich habe gerade Tränen gelacht! Ich gestehe – bei Deine Protagonistin hätte selbst ICH erhebliche Schwierigkeiten gehabt, auch mal zu Wort zu kommen – und das will was heißen! MIR sagt man nämlich auch nach, dass ich nicht mehr zu bremsen bin, wenn ich mal anfange zu reden… – aber naja, ich hoffe, ganz so schlimm wie Ludmilla bin ich dann doch nicht!
    Vielen Dank für diese satirische Betrachtung zum Thema „Zeit“, und liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Ich gestehe, ich musste beim Schreiben selbst lächeln.
      Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du Ludmilla Labermann übertrumpfen könntest, denn sie ist echt nervig und holt beim Sprechen anscheinend kaum Luft. Sei sicher, Du kannst in dieser Hinsicht bestimmt nicht mithalten. 🙂 Außerdem würde sie Dir gar keine Gelegenheit bieten, auch nur ein einziges Wort zu sagen 🙂 .
      Danke für Deinen lieben Kommentar.
      LG
      Astrid

  6. Hallo liebe Astrid,
    was für eine Labertasche …. die arme Lara tut mir richtig Leid.
    Das erinnert mich an meine Nachbarin. Sie ist zwar eine ganz liebe hilfsbereite Nachbarin, aber wenn sie mal los legt, dann kann das dauern… mindestens 1 Std. und glaub nicht das ich zu viel Wort kommen *g*

    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ich musste bei Deinem Kommentar schmunzeln. Ich denke, Deine Nachbarin ist sicher eine sehr sympathische Frau. Sie ist halt sehr mitteilsam. Das kann doch auch sehr unterhaltsam sein. Allerdings darf man selbst nicht in Eile sein und auch nicht unbedingt etwas mitteilen wollen.
      Ich wünsche Dir noch einen schönen Rest-Dienstag und eine gute Nacht
      Astrid

  7. Haha – Uhrmacher. Ich bin jetzt zu faul, um nach mal von vorn anzufangen und zu zählen, wie oft das Wort Zeit darin vorkommt oder verwandte Wörter. Wäre mir zu viel Zeit 🙂
    Lachende Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Oh, da müsste ich jetzt selbst mal nachzählen…
      Danke fürs Lesen und Kommentieren.
      Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende
      Astrid

  8. Ludmilla Labermann! Die kenn ich auch. :-))))) Ich hab so gelacht!!! Wenn ich jetzt jemanden treffe, der beim Reden keine Luft braucht, werd ich an diese Geschichte denken. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Irgendwie kam mir dieser Name einfach so zugeflogen und ich dachte mir: Der passt wie die Faust auf’s Auge. Ich glaube, auch ich werde oft an Ludmilla Labermann denken, denn es gibt auch hier ein paar Menschen, die das Atmen beim Reden vergessen. 😉
      Liebe Freitagsgrüße
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      …und sie können ganz schön anstrengend sein. Da muss man manchmal die Ohren einfach auf Durchzug stellen 😉
      Liebe Grüße
      Astrid

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