Kurzgeschichten
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WER, WIE, WAS, WIESO, WESHALB, WARUM?

Ich glaube, es gibt kaum jemand der diese Art der Aneinanderreihung der genannten Fragewörtern nicht kennt. Und das nicht nur auf der Mattscheibe, sondern auch in der Realität. In meiner Geschichte, die wieder einmal das Leben schrieb, beantworte ich alle diese Fragen und natürlich an erster Stelle steht die Antwort auf das WER:

WIR, nämlich Astrid, Peter und Timo, hatten unseren chaotischen Umzug nach Cottbus einigermaßen gut überstanden und nach zwei freien Wochen, hatte uns der Alltag eingeholt und alles sollte wieder seinen zwar neuen, aber geregelten Gang gehen. So kam Peter nach dem ersten Arbeitstag abends nach Hause und fragte mich fast nebenbei:
WIE war dein Tag?“
Ich musste bei dieser Frage plötzlich lachen und mein Peter schob sofort neugierig geworden die zweite und dritte Frage nach:
WAS hast du denn angestellt oder WIESO kringelst du dich fast vor Lachen?“
„Eigentlich habe ich mir vorgenommen, das keinem Menschen zu erzählen.“
WESHALB?“
„Na, weil ich heute selten dämlich, aber auch wieder schlau war!“, erklärte ich.
WARUM?“
Wie auf Kommando erklang aus dem Wohnzimmer, wo Timo gerade vor dem Fernseher saß, das Sesamstraßenlied:
„Wer, Wie, Was, Wieso, Weshalb, Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm!“
„Genau, und aus diesem Grund erzählst du mir jetzt alles schön der Reihe nach!“, forderte mich Peter auf.
Ich ließ mich erweichen und erstattete Bericht, obwohl mir die ganze Sache doch etwas peinlich war und ich mir Peters abschließenden Kommentar schon wortwörtlich vorstellen konnte:
„Kennst Du noch das Lied von Rolf Zuckowski, das Timo immer gehört hat? Du weißt schon, das mit ….“
„Meinst du Timos Geburtstagslied?“, fiel mir Peter ins Wort.
„Nein, das mit der Postbotin!“
„Kann mich jetzt nicht erinnern. Mach es nicht so spannend, erzähl halt einfach!“
Und dann legte ich los:
„Ich dachte mir, dass ich es heute doch mal wagen könnte ganz alleine auf Tour zu gehen. Ich wollte einkaufen und wollte versuchen zu dem Einkaufszentrum zu fahren, das du mir neulich gezeigt hast.“
Wir hatten schon nichts mehr im Kühlschrank und irgendwann musste ich es wagen, mich auf diese neue Stadt und diese fremde Umgebung einzulassen. Wohlgemerkt ohne Navi, denn vor fast 20 Jahren besaßen wir dieses Wunderding noch nicht. Mein Orientierungsvermögen ist jedoch nicht gerade das Beste. Um ehrlich zu sein, wenn man mich in der Fremde dreimal um die eigene Achse dreht, weiß ich nicht mehr woher ich gekommen bin, wohin ich will und wo ich überhaupt bin. Irgendwann fragte ich einmal in einem Einkaufszentrum die Kassiererin: „Wo geht es hier zur Nordsee!“ Ihr verdutzter Blick verriet mir sofort, dass sie nicht wusste, was ich wollte. Ich hatte mich in den Gängen des Einkaufszentrums so verheddert, dass ich nicht mehr den Weg zu dem besagten Fischrestaurant fand, in welchem ich mit Peter verabredet gewesen war.
Aber nun zurück zu meinem ersten kleinen Ausflug in Cottbus. Ich hatte mir alles exakt eingeprägt, so dass ich mit meinem Auto doch tatsächlich den Weg in das angepeilte Einkaufszentrum fand. Ich war überglücklich, kaufte ein und machte mir weiter keine Gedanken. Wer so gut wie ich, seinen Weg hin findet, der findet auch ohne Probleme wieder zurück. Dachte ich mir zumindest so, doch das Leben sucht sich nicht immer den einfachsten Weg aus und schon gar nicht, wenn ich mit meinem Orientierungsvermögen am Steuer sitze. Ich fuhr also den Weg, den ich gekommen war, zielstrebig wieder zurück. Bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls. Ich konnte mich an nichts mehr richtig erinnern. Manche Dinge kamen mir zwar bekannt vor, aber ich hatte keine Ahnung, ob ich irgendwann mit Peter mal da entlang gefahren war oder erst vor gut zwei Stunden. Also drehte ich wieder um und versuchte noch einmal mein Glück. Jetzt stand ich in einem Dorf und war völlig ratlos, welchen Weg ich einschlagen sollte. Straßenkarte hatte ich auch keine dabei. Und jetzt kann es mir jemand glauben oder auch nicht: Mir fiel plötzlich ein Kinderlied von Rolf Zuckowski ein und ging mir nicht mehr aus dem Sinn:

Fremde Straßen, fremde Häuser, fremde Leute,
was ist denn hier nur los?
Meine Freunde sind zu Hause, aber ich bin hier allein,
was mach ich bloß?
Ich hab mich verlaufen und find nicht nach Haus. Wer kann mir nur helfen? Wer kennt sich hier aus? Ich hab mich verlaufen, doch mit etwas Glück zeigt mir irgendjemand den Weg zurück.
Mama hat gesagt:
„Frag ’nen Polizist“,
doch was nützt mir der, wenn hier keiner ist.
Mama hat gesagt:
„Geh in ein Geschäft“,
doch davor sitzt ein Hund, der mich anknurrt und kläfft. Ich hab ’ne Idee:
Die Briefträgerin.
Die zeigt mir den Weg
und hilft mir bestimmt… *
Und wer kam mir da auf einmal in einem gelben Auto entgegen gefahren? Man glaubt es kaum: Es war die Briefträgerin. Sie kam direkt auf mich zu, parkte ihr Auto am Straßenrand und wollte gerade die Post in einen Briefkasten stecken. Also, so schlau wie ich bin, ging ich hin zu ihr und fragte sie:
„Entschuldigen Sie bitte, aber ich bin fremd hier und habe mich irgendwie verfahren. Wie komme ich nach ABC? Können Sie mir vielleicht den Weg beschreiben?“
„Ja natürlich, denn ich kenne mich hier doch aus!“, antwortete sie mir freundlich. Sie stehen schon in der richtigen Richtung. Wenn sie jetzt hier durch das Dorf fahren, dann kommen Sie nach einer Weile an Bungalows vorbei. Die lassen Sie rechts liegen und…“
Genauso war ich vorhin gefahren, allerdings Bungalows hatte ich keine gesehen. Diese eingeschossigen Häuser wären mir doch aufgefallen. Bevor ich jedoch nachfragen konnte, was sie damit meinte, erzählte sie weiter:
„Sie fahren dann immer die Staße entlang und irgendwann stehen sie automatisch vor der Kirche von ABC.“
„Ja“, sagte ich. „Die Kirche von ABC kenne ich und dann kenne ich mich auch wieder aus. Von dort finde ich wieder nach Hause.“
Überglücklich startete ich wieder mein Auto und fuhr los. Ich hielt die Augen offen, um die besagten Bungalows nicht zu verpassen, denn dann wusste ich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Bungalows, so wie ich sie mir vorgestellt hatte, fand ich nicht, aber rechts von mir lagen Schrebergärten. Ja, und in diesen Schrebergärten standen tatsächlich eingeschossige kleine Häuschen. Wieso die Briefträgerin diese sogenannten Datschen als Bungalows bezeichnet hatte, leuchtete mir zwar nicht ganz ein. Aber mir blieb nichts anderes übrig, als dies zu glauben und weiter den Weg entlang zu fahren. Tatsächlich nach ungefähr fünf Minuten kam ich bei unserer Dorfkirche an. Tja und jetzt ging es mir wie dem Kind in dem Lied von Rolf Zuckowski:

„…doch jetzt hab ich Glück
und finde ganz einfach
den Weg zurück.
Unsre Straße, unsre Häuser, meine Freunde,
ja, hier kenn ich mich aus,…“ *

„Das war ja wieder einmal typisch Astrid! Wie kann man nur so ein mangelndes Orientierungsvermögen haben?! Und weshalb nimmst du keine Straßenkarte mit, wenn du dich noch nicht auskennst?“
Die Frage, warum ich keinen anderen Kommentar von meinem Peter erwartet hatte, stellte ich mir gar nicht erst und warum ich keine Straßenkarte mitgenommen hatte, wusste ich selbst nicht.  So zuckte ich nur mit meinen Schultern und grinste ihn unschuldig an.
Inzwischen kenne ich mich hier prima aus, verfahre mich auch nicht mehr und kann sogar anderen, die orientierungslos durch die Gegend fahren, helfen ihren richtigen Weg zu finden. Und für deren Fragen habe ich vollstes Verständnis, denn wer nicht fragt, bleibt dumm!

 

 

* Lied von Rolf Zuckowski: http://www.songtexte.com/songtext/rolf-zuckowski/ich-hab-mich-verlaufen-6bc206c2.html (Stand: 30.4.15)

 

13 Kommentare

  1. Martina sagt

    Ach, wie gut kann ich mich in diese Situation hinein versetzen. Du hast es gaaaanz hervorragend ge- und beschrieben. Herrlich! Ich war die ganze Zeit über bei dir und habe mit dir gelitten. Soll ich dir etwas verraten: Mich muss man gar nicht dreimal um meine eigene Achse drehen – ich finde mich schon so nicht zurecht. Und Straßenkarten?? Da kann ich mir auch ein Schnittmuster ansehen. Beide sind für mich Bücher mit 7 Siegeln!!! Lach und Danke für die herrliche Geschichte! LG Martina –

    P.S.: Klasse ist auch die Nordsee-Anekdote!!!

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      ja das mit der Nordsee war schon etwas verwirrend für die Kassiererin. Anscheinend dachte sie wirklich ich wollte von Cottbus zur Nordsee, obwohl das besagte Fischrestaurant im gleichen Einkaufszentrum war.Ich frage mich echt, wer jetzt auf dem Schlauch stand 🙂
      LG und einen schönen Feiertag
      Astrid

  2. Oh je oh je. Ich nehme an, Topfschlagen mit verbundenen Augen (ein Kinderspiel für Kindergeburtstage) wäre wohl der blanke Horror für Dich, oder? 😉 Aber im Ernst, die Situation, wie Du im Einkaufszentrum nach der „Nordsee“ fragst, stelle ich mir schon witzig vor. Hi Hi. Mir ist est vor langer Zeit mal in Paris ähnlich gegangen: Im Kaufhaus „La Fayette“. Die hatten eine Bademodenabteilung, aus der nicht mehr rausgekommen bin. Und bei „Harrods“ in London habe ich auch fast vor ner Panikattacke gestanden (nicht nur wegen der Preise 😉 Also schön, dass Du Dich jetzt gut auskennst und wir uns keine Sorgen mehr um Dich machen müssen. Gut dass Du gefragt hast. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Tanja,
      schon seltsam, aber beim Topfschlagen hatte ich eigentlich immer Erfolg. Vielleicht weil da die Augen verbunden sind. Möglicherweise regt das mein Orientierungsvermögen an und lässt es zu Spitzenleistungen hochlaufen 🙂
      Aber macht Euch keine Sorgen, ich glaube mit zunehmenden Alter wird es immer besser!!!
      LG und einen schönen 1. Mai.
      Astrid

  3. Ich bin auch so orientierungslos. Hinzu geht, aber rückwärts denken funktioniert nicht. Wenn ich hinzu links abbiege, so will ich das auch rückzu 🙂 Ich hab da echt ein Problem damit.
    Wir waren vor vielen Jahren mal in Regensburg, hatten das Auto in einem Parkhaus abgestellt. Und es am Ende nicht wiedergefunden 🙂 Was haben wir gesucht und uns an markanten Punkten versucht zu orientieren. Und unser Großer musste dringend auf Toilette. Dann endlich fanden wir das Parkhaus, rein in die Toilette – pfui, da ist es ihm vergangen 🙂
    Viele Grüße in den Feiertag von Kerstin – und heutzutage mit Navi ist das ja alles kein Problem mehr.

    • Astrid Berg sagt

      Ich bin froh, dass Peter und Timo mit einem ausgezeichneten Orientierungssinn ausgestattet sind. Die Beiden finden immer wieder zurück. Ich orientiere mich meist an markanten Punkten, wie Gebäude und Straßennamen.
      Ich bin froh, dass es auch anderen Frauen so geht.
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid, herzliche Maigrüße.
    Das Verlaufen ist bestimmt schon Jedem passiert.
    Man muß dadurch nur nicht mißgestimmt werden.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      nein, ich lasse mir die Stimmung nicht verderben. Hinterher kann man allerdings am Besten darüber lachen.
      Ein schönes Wochenende und LG
      Astrid

  5. Wie gut ich das kenne 🙂 Ohne Navi wär ich aufgeschmissen, da haben wir es doch inzwischen wirklich vieel einfacher.
    LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      So ein Navi hat schon seine Vorteile, auch wenn die Herren der Schöpfung da manchmal anderer Meinung sind. Mein Mann streitet sich immer mit dem Navi über den Weg. Meist haben beide Recht, denn viele Wege führen nach Rom.
      LG
      Astrid

      • Hihi, ich warte immer darauf, dass das Navi mal eingeschnappt ist, frei nach dem Motto „Wenn Du eh nicht herfährst, wo ich will, sag ich gar nix mehr“
        🙂

  6. Als geborene Wessi müsste ich jetzt eigentlich Fragen „was bitte sind Datschen“, aber inzwischen weiß ich das, zumal ich mit einem Irgend-wann-mal Ossi verheiratet bin. Aber ich glaube, mein Mann lebt schon sooo lange im Westen, dass er dieses Wort mir gegenüber nie benutzt hat. Tja – sich verfahren – das kenne ich zwar, aber an sich habe ich dabei ein gutes Orientierungsvermögen. Ich hatte eigentlich etwas anderes erwartet, etwas, was mir schon (mehrfach) passiert ist: Ich habe in einem großen Einkaufszentrum mein Auto nicht mehr gefunden – Panik!!! Auch Parkhäuser sind bei mir für sowas gut. Inzwischen gucke ich immer nach mindestens drei Markierungen, die mir später helfen mein Auto wiederzufinden *lach*.
    Lieben Gruß
    Elke

    • Astrid Berg sagt

      Ja Elke, das mit den Parkhäusern kenne ich auch. Und meinen kleinen Fiat habe ich als Studentin damals auf einem großen Parkplatz gesucht und schon befürchtet, er sei mir geklaut worden. Ich hatte ihn allerdings nur nicht gesehen, weil er kleiner als alle anderen Autos war und somit in dem „Automeer“ unterging 🙂

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