Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten
Kommentare 15

Karl Fridolin von Tap

Ich habe neulich ein Spiel entdeckt, das meine Neugierde geweckt hat. Es ist ein Würfelspiel, das sich „Story Cubes“ nennt und für Kinder ab 6 Jahren, aber auch für Erwachsene gedacht ist. Auf den neun Würfeln befinden sich Bildchen, die dazu anregen sollen eine Geschichte zu erzählen. Was als Spiel funktioniert, sollte doch auch als Gedankenanstoß für eine neue Bloggeschichte brauchbar sein, dachte ich mir. Also ließ ich die Würfel fallen und heraus kam die Geschichte von „Karl Fridolin von Tap“:

Klaus und Uli gehen in die fünfte Klasse und sind die besten Freunde. Aber noch ein Junge gehört neuerdings zu ihnen. Fridolin ist neu in der Klasse. Er kam erst vor einem knappen halben Jahr mit seinen Eltern in das kleine Städtchen. Sein richtiger Name ist Karl Fridolin von Tap. Sein Vater, den alle nur den Herrn Grafen nennen, hat beschlossen sich mit seiner Familie in dem kleinen Städtchen niederzulassen und dort das Waldhotel zu übernehmen und daraus ein Fünfsternehotel zu machen. Außerdem gehören ihm die Wäldereien rund um das Städtchen.
Fridolin ist ein etwas schüchterner und zurückhaltender Junge, der nicht so schnell Anschluss findet. Deshalb waren seine Eltern überglücklich, dass Klaus, Uli und Fridolin sich sofort gegenseitig sympathisch fanden und seitdem nicht nur in der Schule ständig zusammenstecken, sondern eigentlich in jeder freien Minute.
Der Graf und seine Frau haben sich für die Sommerferien etwas Besonderes für das Trio ausgedacht. Sie möchten gemeinsam mit den Jungs ein paar Wochen in ihrer alten Heimat in Bayern verbringen. Dies ist allerdings nicht die einzige Überraschung. Sie werden alle in dem Schloss, das zum Familienbesitz der Grafen von Tap gehört, ihre Sommerferien verleben. Dieses Schloss ist zum größten Teil zu einem Schlosshotel umgewandelt worden, denn auch Grafen müssen heutzutage für ein geregeltes Einkommen sorgen. Ein Teil des Schlosses gehört allerdings immer noch zum privaten Bereich der Familie von Tap und dort sollen die drei Freunde mit Fridolins Eltern gemeinsam in den Ferien wohnen.

Man kann sich vorstellen, dass insbesondere Klaus und Uli ziemlich aufgeregt sind, denn in einem Schloss haben sie noch nie gewohnt. Für Fridolin selbst ist es ganz normal, denn er ist dort geboren und die ersten zehn Jahre aufgewachsen. Trotzdem ist auch er aufgeregt, denn die gesamten Sommerferien mit seinen Freunden verbringen zu dürfen, lässt sein Herz vor Freude hüpfen.
So zählen die Drei erst die Wochen, dann die Tage und zu guter Letzt die Stunden bis zur Abreise. Die Eltern der beiden Jungs haben versprochen in zwei Wochen nachzukommen, denn die Familie von Tap ist so freundlich auch die Erwachsenen für zwei Wochen einzuladen.
Endlich ist der Tag der Abreise da.
„“Seien Sie ganz unbesorgt. Wir werden auf die Jungs aufpassen“, sagt Fridolins Mutter zu den beiden anderen Müttern, die schon ganz besorgt aussehen.
„Es ist das erste Mal, dass Uli ohne uns verreist, müssen sie wissen.“
„Ja, auch Klaus war noch nicht längere Zeit weg. Gut für eine Woche war er schon mal bei den Großeltern. Aber so ganz in der Fremde…“
„Ach, ich denke, da brauchen Sie sich wirklich keine Gedanken zu machen. Sollte einer der beiden Jungs Heimweh bekommen, so werde ich sie umgehend anrufen“, tröstet Fridolins Mutter die besorgten Frauen.
Ja, und dann geht es endlich los. Es ist eine lange Fahrt, denn immerhin sind es 550 Kilometer.
Das Schloss liegt oben auf einem Berg, umgeben von einem großen Park mit vielen hohen alten Bäumen. In der Mitte des Parks liegt ein Teich und dann gibt es da noch ein Wildtiergehege.
„Kommt mit! Ich zeige Euch alles!“, fordert Fridolin seine Freunde auf, die ihm auch bereitwillig folgen. Er führt sie zunächst durch das ganze Anwesen und zeigt ihnen jedes Tier, jedes Versteck und natürlich auch Tapsi, den Schlosshund. Er ist ein ganz lieber und zutraulicher Hund, eine Mischung zwischen Dobermann und Boxer. Auch tüchtig verspielt ist er, denn er ist gerade erst einmal ein Jahr alt.
Der erste Tag ist so aufregend und interessant, dass die drei am Abend zwar müde ins Bett fallen, aber an Schlaf ist nicht zu denken. Sie sitzen in ihren Betten und unterhalten sich.
„Sag mal Fridolin, gibt es hier auch ein Schlossgespenst?“, fragt Uli mehr im Spaß als ernsthaft.
„Naja, mein Großvater, der letztes Jahr gestorben ist, hat erzählt, dass es in seiner Kindheit hier nachts immer gespukt hat. Ich hab aber noch nie was gemerkt. Ich glaube, das hat er sich nur ausgedacht, um mir ein bisschen Angst einzujagen.“
„So ein Quatsch!“, meint Klaus. „Gespenster gibt es doch gar nicht.“
„Jetzt wird aber schnell mal das Licht ausgemacht und geschlafen!“, befiehlt Fridolins Mutter, die gerade zur Tür hereinschaut und damit das Gespräch beendet.
Notgedrungen schließen die drei Freunde schnell die Augen und ohne es eigentlich zu wollen, sind sie auch schon eingeschlafen. Das wundert niemand, denn mittlerweile ist es weit nach Mitternacht.
In ihre Träume flechten sie natürlich die neue Umgebung mit ein. So kommt es, dass Klaus von einem Schlossgespenst träumt, obwohl er überhaupt nicht an so etwas glaubt. Gerade in dem Moment, in dem der Geist in seinem Traum durch das Schlüsselloch in das Schlafzimmer hinein huscht und einen Zauberstab über seinen Kopf hält, wird Klaus durch ein seltsames Geräusch wach. Es hat sich angehört, als sei ein Schlüssel aus dem Schlüsselloch auf den Fliesenboden gefallen.

Vollkommen irritiert reißt er die Augen auf, kann aber im Dunkeln nicht einmal die Hand vor seinen Augen erkennen. Plötzlich hellwach, tastet er nach der Taschenlampe. Mit zitternder Hand schaltet er sie ein und leuchtet im Raum umher. Seine beiden Freunde schlafen tief und fest. Vielleicht hat er alles ja nur geträumt, – auch dieses seltsame Geräusch. Doch was ist das? Ein Quietschen, ganz leise, kaum hörbar, dringt an sein Ohr. Erschrocken lässt er den Lichtkegel der Taschenlampe in Richtung Tür gleiten. Hat sie sich gerade bewegt? Überhaupt, hat sie Fridolins Mutter nicht angelehnt? Jetzt aber steht sie einen großen Spaltbreit offen. Ein Luftzug dringt zu ihm hinüber. Die Taschenlampe beginnt zu flackern. Mit dem letzten Rest ihrer Batterie leuchtet Klaus noch einmal die Zimmertür ab und leuchtet direkt in zwei große braune Augen. Dann erlischt die Lampe vollkommen.
Mit pochendem Herzen sitzt Klaus aufrecht im Bett und hält die Luft an.
Jetzt hört er es ganz deutlich: Die Tür zum Schlafzimmer wird ganz aufgestoßen und etwas huscht hinein. Dann ist für einen Moment absolute Stille. Nur das regelmäßige Atmen seiner Freunde dringt an das Ohr von Klaus. Danach folgen Schritte. Klaus kann sie ganz deutlich vernehmen. Er versucht sich selbst zu beruhigen und sagt leise zu sich selbst:
„Du spinnst wohl! Gespenster laufen nicht, sie schweben durch den Raum!“
Im selben Augenblick stößt ihn eines der Gespenster an. Einmal, zweimal, immer wieder. Klaus kann es nicht vermeiden, aber ein lauter Schrei entreißt sich seiner Kehle.
Fast gleichzeitig sind Uli und Fridolin hellwach und draußen am Himmel zuckt ein riesiger Blitz. Für Sekunden ist es im Zimmer taghell. Wieder blickt Klaus direkt in die großen braunen Augen. Doch die wenigen Sekunden haben ausgereicht, um in dessen Licht die Augen nicht mehr angsteinflößend wirken zu lassen, sondern einen erleichternden Eindruck zu hinterlassen.

Kein Gespenst, kein Spuk! Nein, einfach nur Tapsi, der ins Zimmer getapst ist und inzwischen voller Freude Klaus Hand abschleckt, während die Beleuchtung im Flur und im Zimmer angeschaltet wird.
Nachdem aus Klaus alles heraussprudelt, stimmen die drei Jungs ein fröhliches Gelächter an, in das sich der herbei geeilte Graf und die Gräfin einreihen.

15 Kommentare

  1. Martina sagt

    Ach, ist das wieder eine herrliche Geschichte! Das ist eine tolle Sache mit den Würfeln – Reizwörter mal anders. Tolle Idee!!! Es ist schon so, dass in der Dunkelheit aus einem einfachen Schnürband eine Schlange wird! Lach! Herrlich erzählt – ich war mittendrin in deiner Geschichte! Danke!! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Danke Martina,
      die Würfel sind echt prima und sie machen Spaß.
      Ich weiß, dass es viele Kinder gibt, die im Dunkeln Angst haben. Vielleicht sogar auch Erwachsene. Ein Schatten an der Wand kann dann zu einem großen Monster werden 😉
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Das war mehr oder weniger Zufall, dass ich dieses Spiel gefunden habe. Hat sich aber gelohnt, oder?
      LG
      Astrid

  2. Ja, so was kommt mir doch bekannt vor. Allerdings war es kein Klassenkamerad mit Schloß, es war im Ferienlager. Nachtwanderung. Die Erzieher hatten sich verkleidet, versteckt und erschreckten uns im Wald. Das war ein Gequietsche und Gelache unter uns Kindern, so was vergisst man nicht.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das kann ich mir gut vorstellen. Ich hätte bestimmt am lautesten gequietscht und vergessen hätte ich ein solches Erlebnis auch nicht.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, Kinderphantasie kann Purzelbäume schlagen. Sehr spannend erzählt. Und ein gutes lustiges Ende. Wenn ich früher bei meiner Tante war und die Standuhr Geisterstunde schlug, da konnte ich mir auch einiges vorstellen. 😉 LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      ich habe noch heute eine blühende Phantasie dahingehend, wenn ich nachts mal alleine bin und unbekannte Geräusche höre. In fremder Umgebung treibt meine Phantasie natürlich noch mehr Blüten 😉
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke, Eva. Schön, dass Dir die Geschichte gefällt. Die Würfel sind wirklich klasse.
      Lg
      Astrid

  4. Nicht nur die Geschichte ist toll auch die Idee mit den Würfeln, habe mir gleich welche gekauft . Wenn mir mal wieder gar nix einfällt. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Toll, da können wir jetzt um die Wette würfeln 😉
      Aber mal ganz ehrlich: Das gibt es gar nicht, dass Dir nichts mehr einfällt. Deine Geschichten sind so phantasiereich, – auch ohne Würfel.
      LG und einen wunderschönen Tag
      Astrid

  5. Hallo Astrid.
    dieses Würfelspiel ist ja wirklich eine geniale Idee, und die Geschichte, die du damit gezaubert hast, gefällt mir gut. Ich hab’s zwar überhaupt nicht Grafen und Gräfinnen und diesem ganzen verstaubten Adel, der doch eigentlich in Deutschland mal abgeschafft wurde, sich aber hartnäckig hält, aber für Geschichten und Romane ist er durchaus ganz brauchbar. Spukgeschichten mag ich aber generell, irgendwie sind sie immer wieder hübsch zu lesen.
    Herzliche Grüße
    Elke
    P.S. Den eher skurrilen englischen Adel, den mag ich schon 😉 zumindest in Filmen und Büchern.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Elke,
      das mit dem Adel kam mir so spontan in den Kopf, als ich auf Namenssuche für den Jungen war. Ich fand einfach, dass Fridolin von Tap sich interessant und irgendwie edel anhört. Und schon waren die Figuren und die Geschichte geboren 😉
      LG
      Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.