Kurzgeschichten
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Ich hab‘ da eine kleine Macke

Neulich war ein guter Bekannter bei uns und wir haben ganz gemütlich zusammen bei uns in der Küche gesessen und gemeinsam das Abendbrot eingenommen. Da er schon öfter bei uns war, kannte er sich auch bei uns aus. Als ich dann den Tisch abräumen wollte, sagte er ganz spontan:

„Bleib nur sitzen, ich mach das schon!“
Sollte ich mir das zweimal sagen lassen? Nein, ganz sicherlich nicht. Mein Mann machte auch keinerlei Anstalten ihn davon abzuhalten, geschweige denn selbst diese Aufgabe zu übernehmen.
„Ja, gerne“, sagte ich und ließ ihm freie Hand.
Er öffnete meine Spülmaschine und begann sie einzuräumen, während wir uns weiter unterhielten. Insgeheim warf ich einen Blick auf das, was er da tat, freute mich aber, dass er es tat. Anscheinend habe ich meinen Blick jedoch ein wenig zu lange auf seine Tätigkeit gerichtet, denn plötzlich stutzte er und fragte ein wenig verunsichert:
„Mache ich irgendetwas falsch?“
„Nein, nein!“, beeilte ich mich zu sagen.
„Mach schon, sag es mir!“, ermunterte er mich.
„Du machst schon alles richtig, nur ich hab da eine kleine Macke.
„Eine?!“, mischte sich mein Mann blitzschnell ein. Dafür bekam er von mir erst einmal einen strafenden Blick und ein knappes
„Haha!“
zugeworfen. Ergänzend dazu richtete ich mich wieder an unseren Bekannten, um ihm meine kleine Macke darzulegen.
„Du hast die Teller zwar absolut korrekt eingeräumt, aber schau mal, sie haben ein Dekor. Und zwar nur auf einer Seite.“
„Ich glaube, meine Frau hat da ein bestimmtes System. Ist aber Quatsch!“, kommentierte mein Peter. „Lass das nur so!“
Unser Bekannter wollte seine nun mal angetretene Aufgabe auch zu meiner vollsten Zufriedenheit ausführen und bat mich ihm zu sagen, wie ich es denn sonst immer handhaben würde.
„Also:“, begann ich vorsichtig. „Wenn du die Teller so einräumst, dass sich das Dekor immer rechts oben befindet, dann kann ich die Teller gleich so aus der Spülmaschine nehmen und in den Schrank stellen. Denn auch da will sich sie so stapeln, dass sich das Dekor immer rechts oben befindet. Dann brauche ich beim Tischdecken die Teller nicht immer zu drehen, denn auch da platziere ich diese mit dem Dekor rechts oben.“
„Na, dann mach ich das so!“, meinte unser Bekannter sofort bereitwillig.
Ich zuckte mit den Schultern und erklärte etwas kleinlaut und beschämt:
„Ist eben so eine Macke von mir.“
„Nein, ist schon in Ordnung, du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. Sieht ja auch viel schöner aus!“
Während unser Bekannter dies in einem sehr überzeugenden Tonfall rüberbrachte, zeigten mir die hochgezogenen Mundwinkel meines Mannes ganz deutlich, was er davon hielt.
„Du hast aber auch noch eine andere Macke!“, stellte unser Bekannter fest und mein Peter fragte an diesem Abend schon zum zweiten Mal:
„Eine?!“
Ich ignorierte ihn.
„Kann gut sein. Welche meinst du denn?“, erkundigte ich mich neugierig.
„Neulich war ich doch bei Euch im Garten und Du hast Wäsche aufgehängt.“
Mir schwante ja schon etwas, aber ich ließ ihn ruhig weiter erzählen, denn ich wollte es von ihm selbst hören. Inzwischen grinste er nämlich auch und mein Mann hatte sichtlich seine Ohren gespitzt. Selbst Lottchen, unsere Katze, hatte sich mittlerweile neben meinen Stuhl gesetzt und schaute aufmerksam zu uns hoch, vermutlich jedoch aus einem anderen Grund.
„Ich habe festgestellt, dass du immer erst sehr genau hinschaust, bevor du die entsprechenden Wäscheklammern aus deinem Klammerkörbchen nimmst.“
„Aha, sehr vorsichtig formuliert“, meinte ich und ermunterte ihn: „Erzähl aber nur weiter! Ich bin mal auf deine weiteren Beobachtungen gespannt!“
„Wenn mich nicht alles täuscht, dann nimmst du immer zwei gleichfarbige Wäscheklammern, um ein Wäschestück aufzuhängen!“
„Stimmt! Gut beobachtet und ich dachte immer, das fällt niemand auf.“
„Habt ihr Probleme!“, ereiferte sich mein Mann. „Das wäre mir vollkommen egal und aufgefallen ist mir das mit den Wäscheklammern noch nie. Übrigens habe ich keine Macken…“
„Wenn du dich da mal nicht täuscht“, konterte ich zurück. „Jede Menge!“
„Welche denn?“, wollte er nun wissen.
„Mir fällt gerade keine ein!“
„Weil ich keine habe!“
„Das glaubst auch nur du!“, gab ich schnippisch zurück und meine Gehirnwindungen arbeiteten auf Hochtouren.
„Ich glaube jeder Mensch hat Macken, ich zum Beispiel…“, mischte sich nun unser Bekannter ein. Er kam jedoch nicht zum Weiterreden, denn mir war es eingefallen:
„Du ziehst immer erst dein Schlafanzugteil links herum an oder das Rückenteil nach vorne. Im letzteren Fall ziehst du dann einfach nur die Arme wieder heraus und schwingst das gesamte Teil wie ein Kettenkarussell mehrmals um deinen Hals herum, bis irgendwann die richtige Position erreicht ist.
Außerdem kannst du nichts wegwerfen.
Und dann ist da noch was: Wenn ich dich frage, wohin wir in den Urlaub fliegen wollen, dann sagst du immer: ‚Das ist mir egal!‘ “
„Na, weil es mir eben egal ist!“
Mittlerweile war ich gut in Fahrt gekommen, aber ich hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Unser Sohn war gekommen, der sich auch gleich zu uns setzte. Er lauschte zunächst andächtig unserem Gespräch, ohne sich jedoch daran zu beteiligen. Nach einer Weile zog er sein Handy aus der Tasche, drückte und scrollte darauf herum. Dann stieß er sachte unseren Bekannten am Arm an und hielt ihm das Handy vor die Nase. Dieser betrachtete ausgiebig das Angezeigte auf dem Display. Plötzlich brustete er vor Lachen los und auch unser Sohn stimmte ein.
Mein Mann und ich waren etwas verwirrt und deuteten zunächst dieses Verhalten als eine Unterbrechung und Desinteresse an unserer Unterhaltung. Doch da hatten wir uns geirrt, denn unser Sohn hielt nun sein Handy hoch und ließ uns ebenfalls einen Blick auf sein Display werfen. Fast gleichzeitig stimmten wir in das Gelächter der beiden jungen Männer ein. Das Display zeigte nämlich ein Foto, das unser Sohn irgendwann einmal vor dem Verlassen seiner Wohnung gemacht hatte. Hierauf befand sich die Bedienungsleiste seines Kochfeldes.

24 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Oh danke, Klaus. Ich freue mich, dass Dir das Lesen meiner Geschichten Spaß macht und kann Dir verraten, dass mir auch das Schreiben sehr viel Freude bereitet. Aber Euer Lob ist natürlich die noch größere Freude.
      LG
      Astrid

  1. Also das find ich ja mal gut. Ich musste so lachen, über diese gelungene Konversation und kann es mir bildlich vorstellen, wie die Runde so zusammengesessen hat. Schön, wenn man über die eigenen Macken lachen kann. Dann hat man mehr vom Leben. 😉 LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      danke für Deinen netten Kommentar.
      Wichtig ist, dass man seine kleinen Macken erkennt, sie annimmt und zu ihnen steht, dann kann man auch herzlich darüber lachen. Das Leben ist schon stellenweise ernst genug, da muss man jede Gelegenheit zum Lachen ergreifen, denn Lachfalten sind immer noch die schönsten Falten.
      LG und ein schönes Wochenende mit vielen Gelegenheiten zum Lachen
      Astrid

  2. Martina sagt

    Das ist mir jetzt aber wirklich ein bisschen unheimlich!!! Warst du hier und hast nach unseren Macken Ausschau gehalten? Ich habe mich doch tatsächlich wieder erkennt in deiner Geschichte – und auch meinen Mann und sein Schlafanzugoberteil. Unglaublich!! —Früher hatten wir eine lange Leine und keinen Wäscheständer, da war es mit dem Aufhängen der Wäsche noch verrückter, denn ich habe sie der Größe nach aufgehängt – aber psssst bitte niemandem verraten! 🙂 LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Ach, wie tut das gut! Ich bin nicht die Einzige auf der Welt, die kleine Macken hat 😉 . Die Sache mit den der Größe nach geordneten Wäschestücken, sollte ich auch einmal probieren 😉 . Allerdings nutze ich eine Wäschespinne oder einen Wäscheständer, wobei ich immer darauf bedacht bin, die Teile, die zu einer Person gehören auch zusammen zu hängen,- also auch eine gewisse Ordnung. Ohje, ich merke gerade, je länger man darüber nachdenkt, umso mehr Macken findet man. Deshalb sage ich jetzt ganz schnell Gute Nacht und schicke Dir LG
      Astrid

  3. Christine R. sagt

    Uiiii, Astrid, ich habe gerade Tränen gelacht! Das mit den Wäscheklammern kenne ich auch – und bei mir passen sie gewöhnlich sogar farblich zu den Socken… Also, orangefarbige Klammern zu Socken in pink -das geht ja gar nicht! 🙂
    Und auch das mit der Spülmaschine ist mir nicht fremd – ich will auch imner möglichst alke Teller einer Größe beieinander haben… Du bist also nicht alleine! **lach**
    Liebe Grüße, un ein schönes Wochenende!
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Christine,
      ich bin so froh, dass ich mit meiner kleinen Macke nicht alleine bin 😉 , denn diese kleinen und harmlosen Macken machen das Leben doch viel lustiger. Übrigens, auf die Farbzusammenstellung von Klammer und Wäschestück achte ich nebenbei auch noch.
      LG, ein schönes Wochenende und viele Gelegenheiten zum Lachen
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    man hat Macken und merkt sie gar nicht. Dann hält eine oder einer sie einem vor und dann bemerkt man seine Macken und ist meist doch platt. Apropos Geschirrspüler, da gibt es eine herrliche Kurzgeschichte mit WG Mitgliedern,wo ein einziger Mann das Einräumen des Geschirrs von drei Frauen immer wieder erklärt bekommt.
    Schönen Sonntag wünscht, Eva

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Eva,
      Du hast mich neugierig gemacht. Wo kann ich diese Kurzgeschichte finden? Ich würde mich freuen, wenn Du mir Näheres berichten könntest.
      LG
      Astrid

  5. Ich habe immer die Teller mit dem Muster nach unten reingetan.
    Also der Korb steht dann, die Blumen sind unten.
    So bekam ich auch immer die Teller passend in die Hände und in den Schrank.
    Nun macht es mein Mann und den interessiert sowas üüüüüberhaupt nicht.
    Liebe Grüße Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Ja, so sind die Männer nun einmal, aber es ist ja im Grunde genommen auch unwichtig. Die Hauptsache ist, das Geschirr wird sauber. Und freue Dich, dass Dein Mann so schön hilft.
      LG
      Astid

  6. Liebe Astrid, herzliche, sonnige Grüße.
    Eine Gesprächsrunde über persönliche Macken, ist schon mal interessant, finde ich gut. Man muß ja nicht über die Macke des Anderen bösartig lästern.
    Oftmals wird eine Macke mit Unverständnis oder als Unvermögen des Menschen gedeutet.
    Ich wünsche Dir eine gute Woche, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      für mich ist eine kleine Macke einfach nur eine Angewohnheit über die man lächeln und hinwegsehen kann. Eben ein kleiner Schönheitsfehler 😉
      LG und eine schöne Woche
      Astrid

  7. Oh ja – ich glaube auch, jeder hat so eine kleine Macke. Sohnemanns Freundin erzählte mir, dass ihre Mutti immer die gleiche Farbe der Wäscheklammer wählt wie das Kleidungsstück, welches sie aufhängt. Das finde ich ja total übertrieben.
    Ich grübel nun, welche Macke ich habe 🙂 Haha – mir fällt spontan keine ein. Ich hänge meine Wäsche von Klein nach Groß auf, ist so angebracht bei einer Wäschespinne, wo man von innen mit der kurzen Leine anfängt und außen mit der längsten endet.
    Wie die Teller in den Geschirrspüler kommen, das ist mir egal. Größenangepasst die kleinen auf der einen Seite, die großen auf der anderen.
    Vielleicht fällt mir ja noch was ein, dann schreibe ich es Dir.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      wenn die Wäscheklammer auch noch die selbe Farbe haben soll wie das Kleidungsstück, dann ist man ja nur noch am Suchen. Dann dauert das Wäscheaufhängen ewig.
      Mit Klein nach Groß auf der Wäschespinne, das mache ich auch.
      Wenn man auf Anhieb eigene Macken aufzählen soll, dann fällt einem nichts ein. Ich war da ja auch im Vorteil, durch das Scheiben der Geschichte habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht.
      LG und einen schönen Abend
      Astrid

        • Astrid Berg sagt

          Mach Dir keine Gedanken. Vielleicht hast Du wirklich keine 😉
          Genieße unbeschwert diesen schönen Herbstabend
          Astrid

  8. Ach Astrid, musste schmunzeln bei deinem Bericht. Kein Mensch ist zum Glück vollkommen und gerade unsere kleinen Macken sind es, die uns so liebenswert machen. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Lore,
      ich denke, wenn wir alle vollkommen wären, dann wäre die Welt ziemlich langweilig. Und diese kleinen Macken sind ja nur klitzekleine Angewohnheiten, denen nichts Schlimmes innewohnt. Sie annimieren eher zum Schmunzeln.
      Ich schicke Dir einen lieben Abendgruß
      Astrid

  9. Hallo Astrid,
    eine köstliche Geschichte und sicher eine, in der sich viele Menschen wiederfinden. Das mit den gleichfarbigen Klammern mache ich (meistens) und in der Spülmaschine sortiere ich zumindest nach Form und Größe. Das mit dem Fotografieren des ausgeschalteten Elektrogerätes habe ich kürzlich mal irgendwo gelesen. Es soll ja Menschen geben, die schier wahnsinnig werden, wenn sie im Auto sitzen und sich nicht mehr daran erinnern können, ob sie z.B. die Kochplatten ausgeschaltet haben.
    LG – Elke

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Elke,
      ich finde es ganz toll, dass ich mit meiner kleinen Macke nicht alleine bin. Sind es nicht diese kleinen und harmlosen Macken, die uns immer wieder zum Schmunzeln veranlassen?! Gut ist es auch, wenn wir sie selbst an uns erkennen und darüber lächeln können.
      Früher habe ich gelächelt, wenn ich die Nachbarin beim Verlassen des Hauses an der Haustür rütteln sah. Inzwischen mache ich es auch, denn dann nehme ich es bewusst wahr, dass ich abgeschlossen habe. Viele Dinge erledigen wir so automatisch und unbewusst, dass es hinterher schwer zu sagen ist, ob wir z.B. die Türe abgeschlossen oder die Herdplatte ausgeschaltet haben.
      LG
      Astrid

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