Kurzgeschichten, Reisen
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Hier, da und dort

Unser Abschied von Bangkok nähert sich in riesengroßen Schritten. Die Zeit vergeht immer ziemlich schnell. Wahrscheinlich liegt es daran, weil hier so viel Andersartige auf uns einströmt. Irgendwie taucht man tatsächlich in eine andere Welt ein, obwohl der sogenannte Kulturschock, der sich bei jedem Europäer zunächst einmal einstellt, bei unseren häufigen Besuchen in der thailändischen Hauptstadt schon längst verflogen ist. Vieles, worüber sich vielleicht ein Neuankömmling verwundert, was ihm befremdlich oder unverständlich vorkommt, ist für uns hier an diesem Ort inzwischen einfach selbstverständlich geworden, beziehungsweise aus Bangkoks Leben und Treiben nicht mehr wegzudenken.

„Möchtest du noch etwas Bestimmtes unternehmen, bevor wir übermorgen in aller Frühe zum Flughafen müssen?“, fragt mich Peter, als wir gerade unser heißgeliebtes Gericht „Stir fried chicken with cashewnuts“ serviert bekommen, aus dem wir erst einmal die getrockneten Chilischoten entfernen (die haben es nämlich höllisch in sich).
„Eigentlich schon“, erkläre ich Peter. „Aber wir sind ja gerade beim Essen.“
Da er mich etwas verwundert anschaut und scheinbar zu einer weiteren Frage ansetzt, füge ich hinzu:
„Ich würde gerne einmal zu Otto!“
„Welcher Otto?“
„Na, zu d e m Otto halt!“
„Ach“, meinem Mann geht anscheinend ein Licht auf. „D e n meinst du! Du willst also in Ottos Schwarzwaldstube. Da müssen wir ins Sukumvitviertel. Klar machen wir.“
„Bei Otto“ liegt in der Sukumvit Soi 20 und hat eine eigene Bäckerei und Metzgerei, wo man deutsches Brot, Kuchen, Weihnachtsplätzchen, aber auch Wurst etc. kaufen kann. Seine Speisekarte ist voll mit deutscher Hausmannskost, wie z. B. Rindsroulade, Schnitzel, Eisbein, Frikadelle….
„Da braucht der Deutsche in Thailand also nicht auf sein geliebtes Schnitzel zu verzichten“, denke ich mir so.
Als wir eintreten, fallen mir eigentlich mehrere Sachen gleichzeitig auf, die an diesem Ort, in dieser Stadt sowohl ein ungewohntes Bild als auch ein Stückchen Heimat und Gemütlichkeit vermitteln. So bedienen hier Thailänderinnen im Dirndl, es hängen Hirschgeweihe an der Wand, auf dem Tresen stehen Bierkrüge und die Einrichtung ist eher rustikal im Sinne einer Bierkneipe in Deutschland.
Wir nehmen an der Bar Platz, bestellen Bier und eine Currywurst, die wir uns teilen, weil wir ja schon gespeist haben, aber uns die Freude hier in diesem deutschen Lokal nicht nehmen wollen. Was mir jedoch am Besten schmeckt, ist das leckere Brot und der Griebenschmalz, den jeder Gast serviert bekommt.
„Hätte ich das gewusst“, sage ich zu Peter, „hätte ich auf die Currywurst verzichtet. Das Brot ist ganz lecker!“
„Eben typisch deutsches Brot!“, meint mein Göttergatte.
„Ja“, denke ich, „und genau das habe ich wahrscheinlich vermisst ohne es zu wissen.“
Mein Blick schweift umher und ich stelle fest, dass bestimmt nur die Hälfte der Besucher Farangs sind. Das Restaurant scheint auch von den Thailändern angenommen zu werden, denn diese sind hier ziemlich gut vertreten. Die Wände sind mit hunderten von kleinen Bilderrahmen quasi schon tapeziert, in denen Fotos von Gästen stecken. Einige Prominente scheinen wohl auch schon unter den Gästen gewesen zu sein, in den vielen Jahren, die Ottos Kneipe hier in Bangkok existiert. So finde ich ein Foto vom jungen Heiner Lauterbach, von Gunther Gabriel, Manfred Krug und Lothar Spät und, und, und. Wir bleiben nicht so sehr lange, denn wir haben noch einiges vor heute Nacht.
So führt uns unser Weg vorbei an bereits weihnachtlich geschmückten und prunkvoll erleuchteten meterhohen Tannenbäumen, Lichtergirlanden und über und über mit Lichtern geschmückten Eingängen von großen modernen Einkaufszentren und Fußgängerüberführungen.
„Das sieht richtig toll aus!“, komme ich ins Schwärmen. „Einfach unbeschreiblich! Ich glaube die Thailänder, die eigentlich Buddhisten sind, lieben Weihnachten besonders, weil es eine Gelegenheit ist ihren Hang zum Kitsch ausleben zu können.“
Sogar innerhalb dieser Zentren gibt es richtige Weihnachtsabteilungen, in denen man allen Schnick und Schnack rund um die Weihnachtsdekoration finden kann, – von Kitschig bis exklusiv. Selbst die Schaufensterpuppen sind weihnachtlich dekoriert mit bunten Kugeln und Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf, was manchmal eher etwas lustig wirkt als besonders dekorativ. Sogar typische Weihnachtslieder wie „Jingle bells“ erklingen aus den Lautsprechern. Vor riesigen Weihnachtsengeln und vor von Rentieren gezogenen Schlitten kann man sich fotografieren lassen.
„Und das im tropisch warmen und schwülen Bangkok!“, kommentiert Peter alles und setzt gleich noch hinzu: „Hoffentlich ist es in Deutschland noch nicht so extrem kalt, wenn wir nach Hause kommen.“
„Und Schnee will ich eigentlich auch keinen“, setze ich hinzu. „Höchstens an drei Tagen: Die beiden Weihnachtsfeiertage und Silvester vielleicht noch. Danach darf es gerne wieder mit großen Schritten dem Sommer zugehen.“
„Das erzähl mal lieber dem Petrus dort oben, ich heiße nur Peter und bin nicht für das Wetter zuständig!“, erklärt er mir grinsend.
Nachdem er unser Auto aus dem Parkhaus hinaus chauffiert hat, fahren wir zum Baiyoke Tower, doch bevor wir diesen Turm erklimmen wollen, suchen wir noch einen Massagesalon auf.
„Ich brauche jetzt unbedingt eine thailändische Fußreflexzonenmassage. Mir tun die Füße weh!“, stelle ich fest.
Nachdem wir auf den Massageliegstühlen Platz genommen haben, – Peter bekommt zuvor eine weite Hose verpasst, bei mir erübrigt sich dies, da ich ein Kleid an habe, – werden erst einmal unsere Füße gewaschen. Das ist auch dringend nötig, denn in Sandalen oder Flipflops bleiben die Füße hier auf Bangkoks Straßen nicht gerade sauber. Dann geht es los. Eine Stunde lang werden unsere Füße und Beine, bis hinauf zum Knie massiert und Akupressurpunkte stimuliert. An den Zehen wird gezogenes es knackt und mit einem speziellen Holzstäbchen wird auf bestimmte Punkte auf der Fußsohle gedrückt , wobei unterschiedlichen Organen auch unterschiedliche Akupressurpunkte zugeordnet werden. Dazwischen werden die Füße immer wieder eingecremt und eingeölt. Manchmal muss ich lachen, wenn es an der Fußsohle oder zwischen den Zehen kitzelt, dann freut sich meine Masseurin und schickt mir ein freundliches Lächeln. Zum Schluss erhalten wir noch eine Kopfmassage und auch im Nacken und an den Armen werden einige Punkte durch Drücken stimuliert. Üblicherweise gibt es danach noch einen Tee, aber heute verzichten wir darauf, denn wir wollen ja weiter.
„Das hat richtig gut getan und hat meinen müden, schmerzenden Füßen echt eine Linderung gebracht“, erklärt Peter und fügt mit frischem Elan hinzu: „Komm wir laufen das Stückchen zum Baiyoke Tower.“
Dieser ist mit seinen über dreihundert Metern das höchste Gebäude Thailands. Wir fahren bis in die 84. Etage hoch, was man sich im Aufzug lieber nicht so genau vorstellt. Oben angekommen, fragt mich Peter:
„Willst du mit nach draußen?“
Man kann nämlich noch auf eine offene sich drehende Plattform weiter nach oben, doch das ist nichts für mich und meine Höhenangst und so lässt sich Peter alleine dort oben den Wind um die Nase wehen. Ich kann selbst hier in der 84. Etage nur vorsichtig an die Fenster herantreten. Doch ich versuche es zumindest kurzfristig für ein paar Fotos, danach trete ich einige Schritte von der Scheibe wieder zurück. Trotzdem eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über das nächtliche Bangkok. Obwohl wir schon gefühlte 100mal hier oben waren, ist diese Aussicht immer wieder toll. Was man von hier oben besonders gut erkennen kann und was ich am meisten faszinierend finde, ist der Blick auf die hellerleuchteten Straßen, dieses Über- und Untereinander und sich fast verknotende und verschlungene Ineinander dieser Straßen. Die vielen Lichter lassen Bangkok von hier oben sehr geheimnisvoll wirken. Was mag sich hinter all diesen Lichtern verbergen?

Dies ist sozusagen unser Abschiednehmen von Bangkok bis zum nächsten Mal, denn wir kommen wieder in diese lebendige und voller Leben und Treiben pulsierende Stadt.

 

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