Kurzgeschichten
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Frische Luft…

Es ist ein kühles und verregnetes Wochenende. Der Samstag ist mit Erledigungen und organisatorischen Dingen dahingegangen. Nicht gerade das, was man sich unter einem schönen Wochenende vorstellt. Genau das ist auch der Grund, warum ich am Sonntag unbedingt frische Luft brauche. Gelegentlicher Nieselregen, kein Sonnenschein, sondern eher Trübnis heben meine Laune nicht zum Jubeln empor. Trotzdem muss ich unbedingt raus an die frische Luft, um neue Energie zu tanken. Meinem Mann würde es sicherlich auch guttun, denn sonst würde er nur wieder über Akten grübeln, E-mails verfassen, Vorlesungen vorbereiten und, und, und. Gesund ist das sicherlich nicht.

„Lass uns wenigsten einen kleinen Spaziergang machen und anschließend irgendwo in einem Café einkehren!“, schlage ich deshalb vor.

„Und wo willst du hin?“, fragt er mich.

„Keine Ahnung, nur ein bisschen Abwechslung. Mich macht diese trockene Heizungsluft wahnsinnig.“

„Draußen ist es definitiv feuchter, da hast du recht“, entgegnet er mir und schlägt den Aktendeckel zu. „Und mit einem Tässchen Kaffee und vielleicht noch ein Stück Kuchen dazu, lasse ich mich immer locken.“

Kurz und gut, eine paar Minuten später sitzen wir im Auto. Wollten wir nicht spazieren gehen? Na, inzwischen hat es angefangen richtig heftig zu regnen. 

„Meinst du, wenn wir in die Stadt reinfahren, dass es dort nicht regnet?“, erkundige ich mich und schnalle mich an. „Dann gehen wir eben zuerst in das Café, irgendwann hört es hoffentlich wieder auf zu regnen.“

„Ich hab‘ eine andere Idee“, meint mein Mann begeistert. „Wir schauen uns erst einmal den neuen Tunnel an!“

Mir schwant da etwas. Bei uns wird der Bahnhof umgebaut und in diesem Projekt wurde auch der Fußgängertunnel, der zu den Gleisen führt, ebenfalls umgestaltet.

„Puh, wie langweilig“, denke ich mir, will aber Peter nicht die Freude nehmen und nicke deshalb nur still.

„Schön ist er geworden, gefällt mir echt gut“, muss ich eine halbe Stunde später zugeben. „Sieht jetzt alles viel großräumiger und moderner aus. Wird bestimmt toll, wenn alles fertig ist.“

„Die Umgestaltung wird noch eine Weile dauern, aber sie wird gut. Schau nur  und hier wird…“, erklärt mir mein Mann und ich lausche interessiert seinen Ausführungen.

„Ich muss mir jetzt aber erst mal was zu trinken holen“ erkläre ich ihm und deute auf den geöffneten Drogeriemarkt. 

Während ich noch etwas in dem ebenfalls neugestalteten Markt herumstöbere, geht mein Mann mit den Getränken zum Bezahlen an die Kasse und verlässt danach das Geschäft. Als ich Minuten später ebenfalls in die Bahnhofshalle zurückkehre, steht er vor der Anzeigetafel und studiert die Informationen.

„In 10 Minuten fährt ein Zug nach Berlin“, sagt er. „Wollen wir mal kurz hin und heute Abend wieder zurück?“

„Ernsthaft?“, frage ich noch etwas ungläubig, während er schon zur Bahnauskunft eilt.

„Ziehen sie sich am besten am Automaten ein Berlin-Brandenburg-Ticket“, höre ich gerade noch den Mann hinter dem Schalter sagen.

„Machst du das?“, erkundigt sich Peter. „Musst dich aber beeilen.“

„Ja!“, rufe ich aus und renne zum Automaten.

Ich tippe gerade so auf dem Display herum, da schalt es von hinten.

„Können wir mit? Wir bezahlen auch die Hälfte, bleiben aber dann in Berlin.“

Zwei uns völlig unbekannte Frauen stehen da und lächeln uns an. 

„Klar“, sage ich. „Es können ja bis zu fünf Personen fahren.“

Tja, und so kommt es, dass wir alle vier zum Zug nach Berlin eilen. 

Freudestrahlend und ein bisschen erstaunt über unsere eigene Spontanität lassen wir uns in die Sitze fallen. 

„Dann gehen wir halt in Berlin spazieren…“, denke ich und nachdem der Zug den Bahnhof verlassen hat, zücke ich mein Handy.

„Wie? Echt? Wann kommt ihr an?“, fragt unser Sohn am anderen Ende und ich merke wie sich ein Grinsen über seinem Gesicht ausbreitet.


7 Kommentare

  1. Liebe Astrid, herzlichen Abendgruß.
    So ein spontaner Besuch kann wirklich viel Freude auslösen.
    Dazu fällt mir eine sehr weit zurückliegende Geschichte ein.
    Meine Eltern machten mit mir, ich war 12 Jahre, in Thüringen/ Finsterbergen, FDGB-Urlaub. Mein Vater bekam kurz davor einen jungen Kollegen zum Einarbeiten, der dann auch die Stelle meines Vaters übernahm, weil er in den Ruhestand ging und dem erzählte er von unserem Urlaubsort. Dieser junge Kollege war aus Bad-Liebenstein und er lud uns in sein Elternhaus ein, so daß wir noch 14 Tage Urlaubsverlängerung machen konnten.
    Seine Eltern hatten den jüngeren Sohn, seinen Bruder, damals erst vor 1 Jahr verloren. Damit sie nicht zu sehr in die Traurigkeit verfallen, wollte er, daß kurzzeitig etwas Leben ins Haus kommt, denn er war ja nun beruflich in Berlin. Wir verstanden uns sehr gut mit seinen Eltern.
    Als ich nach 7 1/2 Jahren, durch eine Studienreise für 1 Woche, wieder in Bad-Liebenstein war, erinnerte ich mich an den netten Aufenthalt und suchte das Ehepaar auf und stand dann vor ihrer Tür. Das war eine herzliche Begrüßung und ich bin dann noch einmal zu ihnen, bevor es wieder mit der Studiengruppe nach Berlin ging.
    Deine Schilderung lößte bei mir sofort diese Erinnerung aus.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      das war sicher eine tolle Überraschung. Ich sage ja immer, dass Spontanität in dieser Hinsicht oftmals zu den schönsten Erlebnissen führt. Auch wenn man im Sommer mit den Nachbarn ganz spontan im Garten zusammensitzt, ist das vielleicht sogar lustiger als ein langes vorbereitetes Fest. Solche Ereignisse machen Freude und bereichern unser Leben.
      Liebe Dienstagsgrüße
      Astrid

  2. Das war ja eine richtig gute Idee für einen verregneten Tag! Ich hoffe, in Berlin hattet ihr besseres Wetter, aber selbst wenn nicht, war die Spontanaktion garantiert gut für die Seele!
    Vielen Dank für deinen Kommentar per E-Mail, ich habe ihn bei den Kommentaren eingestellt. Wills du es wieder probieren? Ich hoffe, beim nächsten Versuch klappt wieder alles!!! Wenn nicht, gib mir bitte per Mail Bescheid, dann muss ich vielleicht abermals auf Freischaltung umstellen oder so…
    Herzliche Rostrosen-Wochenendgrüße, Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/01/schwarz-wei-licht-dunkel-kalt-hei.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      ich habe es neulich wieder versucht und Dir einen Kommentar zu Deinem schwarzweißen Outfit geschrieben. Ich vermute allerdings, dass dieser Versuch wieder fehlgeschlagen ist. Ich bleibe am Ball und versuche weiterhin mein Glück.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

      • Hmmm, seltsam, liebe Astrid! Früher hat es doch auch immer geklappt… Ich schalte jetzt mal wieder auf Freischaltung um – nachdem ich da aber so viele anonyme Spam-Nachrichten erhalten habe, habe ich mich letztens davon wieder verabschiedet. Schauen wir mal, wie es diesmal aussieht – und bitte sei so lieb und mach einen Test und gib mir Bescheid, ob es geklappt hat oder nicht – gut?
        Herzlichst, die Traude

  3. Na das war ja eine ganz spontane Idee. So was würde mir gar nicht einfallen. Na ja mit Hündchen geht so was sowieso nicht.
    Hier regnet es heut auch und ist schrecklich grau und kalt.
    Liebe Grüße ins Wochenende von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      ich habe die Erfahrung gemacht, dass spontane Aktionen meist schöner sind, als lang geplante. Nach einem Schwätzchen mit den Nachbarn am Gartenzaun auf der Terrasse ein Gläschen Wein trinken oder ein kurzfristig abgesprochenes Treffen mit Freunden im Café, auf dem Flohmarkt oder neulich auf dem Weihnachtsmarkt …, all das bedarf keiner Vorbereitung und sorgt für gute Laune und macht Spaß. Ich bin mir sicher, das kennst du auch. So eine spontane Bahnfahrt haben wir allerdings auch zum ersten Mal gemacht.
      LG
      Astrid

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