Kurzgeschichten

Einzug mit Hindernissen


Mona räkelt sich behaglichen in ihrem Bett. Neben ihr liegt Lisa, ihre Zwillingsschwester. Sie muss lächeln, denn ihr fällt beim Anblick ihres Ebenbildes wieder einmal ein, wie sie beide zu ihren Namen gekommen sind. 
Ihre Eltern waren sich vor dem berühmten Ölgemälde von Leonardo DaVinci im Louvre zum ersten Mal begegnet und hatten sich auf den ersten Blick ineinander verliebt. Als ein Jahr später die Zwillinge geboren wurden und es zwei Mädchen waren, kamen keine anderen Namen in Frage als Mona und Lisa.

Mona lässt ihren Blick weiter durch das sonnendurchflutete Zimmer schweifen. 

„Das ist nun also meine neue Wohnung“, überlegt sie. „Und ich hatte sogar einen wunderschönen Traum, in dem ich meine große Liebe gefunden habe. Was man in der ersten Nacht im neuen Heim träumt, soll ja angeblich in Erfüllung gehen“, denkt Mona und steht leise auf. 

Sie schleicht sich aus dem Schlafzimmer, um ihre Schwester nicht zu wecken. Mona möchte ihr neues Zuhause noch ein kleines Weilchen alleine genießen. So schlängelt sie sich zwischen den Kisten, Koffern und Tüten hindurch, die überall verteilt sind. 

„Wahnsinn, was sich in meinem neunundzwanzigjährigen Leben bisher alles so angesammelt hat. – Obwohl ich schon tüchtig aussortiert habe“, fügt sie noch ihrem Gedankengang hinzu. „Hoffentlich bekomme ich auch alles in den drei Zimmern unter.“

„Guten Morgen, Schwesterchen!“, wird Mona plötzlich von Lisas fröhlicher Stimme unterbrochen. „Bist du auch vom Kitzeln eines Sonnenstrahls geweckt worden? Herrlich, du hast die Morgensonne in deinem Schlafzimmer. – Komm her, ich muss dich umarmen!“

Lachend tänzeln die beiden Schwestern zwischen den Kisten hin und her. Am Ende ihres Tanzes sind sie im Badezimmer angekommen, wo sie sich nach einer wohltuenden Dusche in ihre Jogginganzüge werfen und sich der großen Herausforderung des Tages stellen wollen.

„Lass uns aber erst einmal auf deinem Balkon ein Tässchen Kaffee trinken“, schlägt Lisa vor und öffnet auch schon die Balkontür. Dort haben die Möbelpacker gestern gleich zwei Stühle und einen kleinen Tisch aufgebaut. 

„Ich habe in der Küche eine Tüte mit einer neuen Packung gemahlenen Kaffees!“, fällt es Mona jetzt ein. „Warte nur, in ein paar Minuten ist die Wohnung von frischem Kaffeeduft erfüllt.“

Lisa hat auf einem Stuhl Platz genommen und reckt ihr Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen. Ihr süßes Näschen beginnt nach einer Weile zu schnüffeln, doch von dem versprochenen Duft kann diese nichts erkennen. Lisa öffnet die Augen und sieht eine enttäuschte Mona vor sich stehen.

„Was ist? Wo ist der Kaffee? Ist die Kaffeemaschine kaputt?“

„Das nicht! Aber ohne Schere bekomme ich die Packung nicht auf“, sagt Mona und hält das zugeschweißte kleine Päckchen hoch, in dem sich das braune Pulver befindet.

Beide Frauen stürmen nun in das Wohnzimmer, um nach und nach die unterschiedlichsten Kisten aufzureißen und nach einer Schere zu suchen. 

„Ich weiß genau, dass ich eine neue gekauft habe. Nur kann ich mich nicht erinnern, in welcher Kiste ich sie verstaut habe“, meint Mona, genau in dem Moment als Lisa das gesuchte Stück gefunden hat.

„Hier! Ich hab sie!“

Leider ist die Freude der Schwestern nur von kurzer Dauer. Von der Suche erschöpft lassen sie sich wieder auf die Balkonstühle fallen. Auf dem Tisch zwischen ihnen liegt die Schere, die sie fassungslos anstarren.

„Wie kann man nur als Hersteller eine Schere so verpacken und verkaufen, dass man eine Schere braucht, um sie aus der verschweißten Plastikverpackung wieder herauszuschneiden?!“, macht Lisa ihrer ehrlichen Entrüstung Luft.

Gerade als sich Mona und Lisa überlegen zum Bäcker auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu gehen, um dort aus einem Pappbecher ihren Kaffee zu trinken, klingelt es an der Wohnungstür.

„Erwartest du jemand?“, will Lisa wissen.

„Nein und außerdem kenne ich ja noch niemand hier.“

Neugierig laufen die Beiden zur Wohnungstür, um diese zu öffnen. Das Zwillingsschwesternpaar blickt entgeistert in die Augen zweier Zwillingsbrüder.

„Wir wohnen gleich nebenan und wollten die neue Mieterin begrüßen!“, sagt der Eine und überreicht Mona eine mit köstlichen Leckereien gefüllte Kuchenplatte. „Bestimmt habt ihr ein Tässchen Kaffee für uns. Danach helfen wir auch gerne beim Auspacken und Verräumen.“

Noch bevor Mona oder Lisa irgendetwas antworten können, zückt der andere Zwillingsbruder eine Schere und meint:

„Wir haben unbeabsichtigt euer Gespräch auf dem Balkon mitbekommen. Das Problem mit dem Öffnen der Verpackungen dürfte somit gelöst sein.“  

10 Kommentare

  1. Liebe Astrid, herzliche Grüße.
    Unser letzter Umzug ist nun auch schon wieder 6 Jahre und einen Monat her.
    Beim Umzug meiner Eltern wurde das Werkzeug in eine Holzkiste verpackt und obendrein noch zugenagelt. In der neuen Wohnung wurde aber Hammer und Zange und Nägel gebraucht und dazu mußten wir auch erst mal die Nachbarn um Hilfe bitten.
    In Deiner Geschichte ist ja eine beginnende Freundschaft zwischen den jungen Leuten zu spüren.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      ich freue mich, dass Du mir auch im neuen Jahr wieder die Treue hälst. Es ist nämlich immer wieder schön, wenn Du aus Deinem Leben erzählst. Das ist eine wahre Bereicherung. Danke.
      LG aus einem heute regnerischen Cottbus
      Astrid

  2. liebe Astrid – eine Geschichte wie aus dem leben herausgeriffen so geht dein Blog in ein gutes neues Jahr, hoffentlich angefüllt mit 1000 und mehr schönen Geschichten die man sich ausdenkt und mit Liebe und Freude schreibt um sich und die Leser gut zu unterhalten. deine Geschichten sind wie oft direkt aus dem herzen geschrieben und ich lese sie gerne, sehr gerne.
    ich hoffe, du hast ein gutes und erfülltes Jahr vor dir…
    herzlichst dir alles Gute dafür…Angelface

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Angelface,
      ich freue mich sehr, dass meine Geschichten gefallen. Das ist für mich Ansporn weitere Geschichten zu schreiben, die alle aus dem Leben gegriffen und mit meiner Fantasie gespickt sind.
      LG
      Astrid

  3. Haha, liebe Astrid,
    das Problem mit den eingeschweißten Scheren kenne ich auch – wirklich genial! ;-)) Auf jeden Fall toll, dass du dieses Problem in eine so schöne Geschichte eingebaut hast – und Mona + Lisa ist eine absolut wunderbare Idee für die Benennng eines weiblichen Zwillingspärchens! Würde mich jetzt bloß noch interessieren, wie wohl die beiden jungen Männer heißen, die ja mutmaßlich noch eine größere Rolle in der Zukunft von Mona und Lisa spielen werden :-))))
    Ich hoffe, du bist gut im Neuen Jahr angekommen!
    Herzliche rostrosige Jänner-Grüße,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/01/rund-um-weihnachten-und-das-neue-jahr.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      ich denke ich lasse diese Geschichte zunächst einmal mit einem offenen Ende einfach so stehen und überlasse alles andere der Fantasie meiner Leser. Vielleicht greife ich sie später einmal wieder auf. Das weiß ich aber selbst noch nicht.
      Ich denke fast, dass mein Kommentarversuch bei Dir fehlgeschlagen ist. Ich bin mir nicht sicher, da ich neulich einige Probleme beim Kommentieren hatte.
      Obwohl wir vor Weihnachten drei Wochen in Thailand waren und ich mir fest vorgenommen hatte, das von Dir empfohlene Restaurant in Bangkok zu besuchen, war wieder einmal die Zeit zu knapp. Schade, beim nächsten Mal steht es wieder auf unserer To-do-Liste :-).
      LG
      Astrid

  4. Hallo Astrid,

    eine gute Idee, mal eine Geschichte um diese fürchterlichen Verpackungen herum zu spinnen. Ich konnte mir den Frust der Schwestern wirklich gut vorstellen. Und? – wird es eine Fortsetzung geben?

    Lieben Gruß – Elke

    • Astrid Berg sagt

      Zunächst einmal überlasse ich den Fortgang der Geschichte der Fantasie meiner Leser. Vielleicht greife ich die Geschichte zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf. Mal sehen, da lasse ich mich selbst von mir überraschen.
      Wenn ich meinen täglichen Plastikmüll so sehe, kann ich mich nur wundern. Alles ist verpackt und eingeschweißt, auch Dinge, die man einfach so kaufen und benutzen könnte. Oftmals völliger Unsinn und pure Verschwendung.
      LG
      Astrid

  5. Hallo liebe Astrid,
    was für eine schöne Geschichte… ich musste schmunzeln 🙂
    Schon allein über die Namen der Mädchen und ob wohl aus den beiden Zwillingspärchen etwas wird *zwinker*

    Ja solche Situationen kenne ich auch noch von unseren Umzügen, da kam immer die Frage „in welchem Karton liegt jetzt …?“ Aber man wird ja mit den Jahren schlauer und beschriftet dann die Kartons und packt die wichtigsten Utensilien in einen Extrakarton.

    Einen schönen Dienstag wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Bei unserem bisher größten Umzug (über 600km) klingelte es plötzlich inmitten des Chaos an der Tür und ein Bote brachte mir einen großen Blumenstrauß von meiner Freundin (die 2 Jahre vor mir umgezogen war). Ich konnte die Blumenvasen nicht finden und musste mit einem Eimer Vorlieb nehmen. Aber die Freude über den Strauß war trotzdem riesengroß.
      LG
      Astrid

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