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Der Weihnachtsbaum

Das kleine Städtchen liegt ruhig und friedlich da, fast ein wenig verträumt. Der Kirchturm ragt in den Himmel, auf den Dächern, Bäumen und Wegen liegt Schnee. Dem Besucher dieses Ortes erscheint alles wie eine vorweihnachtliche Bilderbuchlandschaft.
Heute ist in dem kleinen Wäldchen am Stadtrand einiges los. Richtiger Trubel herrscht hier. Es ist der 3. Advent und in einer Woche ist Heiligabend. Die Leute, die es hierher geführt hat, möchten sich einen Weihnachtsbaum für das Fest aussuchen. Sie laufen kreuz und quer durch die Reihen und begutachten einen Baum nach dem anderen.
„Was ist denn hier los? Warum stören diese Menschen unsere himmlische Ruhe?“, will Tänny von seinem Großvater Tan wissen, der neben ihm steht.
„Ach weißt du, die Menschen suchen sich einen besonders schönen Baum aus und nehmen ihn dann mit nach Hause, um ihn für das Weihnachtsfest zu schmücken.“
„Warum bist du denn so traurig?“, will Tänny von seinem Großvater wissen, der schon etwas gebeugt ist und auch nicht mehr so frisch aussieht wie sein kleiner Enkel.
„Ich muss an deine Großmutter denken, die du ja nie kennengelernt hast“, antwortet Tan seinem Enkel. „Sie war sehr schön und prachtvoll. Alle hatten sie bestaunt und schließlich wurde sie von einem jungen Paar mitgenommen. Sie war sehr stolz ein Weihnachtsbaum werden zu dürfen, aber leider war das auch ihr Verderben.“
„Aber das ist doch eine Ehre, wenn man schön geschmückt mit den Menschen das Weihnachtsfest feiern darf“, meint Tänny und versteht nicht ganz warum der Großvater plötzlich alle seine Nadeln hängen lässt.
„Leider haben wir deine Großmutter nie wieder gesehen“, erzählt er weiter. „Man hat sie von ihren Wurzeln getrennt und ihr damit das Leben genommen. Sicher, sie konnte noch in ihrer vollen Pracht und Schönheit im Lichterglanz das Weihnachtsfest erhellen, doch dann …“ , der Großvater verstummt.
Tänny starrt seinen Opa mit großen fragenden Augen an, bevor er die ganze Tragweite verstanden hat.
„Aber ohne ihre Wurzeln musste sie doch sterben. Wir alle können doch nur durch unsere Wurzeln leben und wachsen.“
„Ja Tänny, so ist es und das alles nur um für die Menschen ein paar Tage lang glitzernd und leuchtend im Wohnzimmer zu stehen. Danach werden die einst so schönen Bäume alle auf einen großen Haufen geworfen und verbrannt. Ich selbst habe den Rauch in den Himmel empor steigen sehen, als deine Großmutter von uns gegangen ist.“
Schweigend stehen Großvater Tan und Klein-Tänny nebeneinander. Jeder in seine Gedanken versunken.
„Gerne wäre ich mit ihr zusammen gegangen, aber leider muss ich hier weiter verweilen. Mich hat nie jemand als Weihnachtsbaum gewollt, weil ich schon immer ein bisschen krumm gewachsen war. Für mich besteht keine Gefahr mehr, aber für Tänny schon. Er ist so ein hübscher und niedlicher Kerl. Hoffentlich darf er noch hier bleiben und ein bisschen wachsen und gedeihen“, denkt der Großvater.
Auch Tänny schwirren die Gedanken durch den Kopf:
„Ich glaube, ich mache mich ganz klein, damit mich niemand mitnimmt. Ich möchte gar kein Weihnachtsbaum werden. Hier ist es viel zu schön. Außerdem muss ich mich noch ein wenig um Großvater kümmern, damit er nicht mehr so traurig ist.“
Bis jetzt hat alles ganz gut geklappt und der Tag neigt sich schon fast dem Ende zu. Es sind nur noch wenige Menschen in dem kleinen Wäldchen. Im Schutze von Großvater Tan ist der kleine Kerl niemandem aufgefallen. Doch plötzlich kommt ein junges Pärchen auf den kleinen Tannenbaum zu.
„Schau doch mal, der ist ja zu niedlich!“, ruft die Frau aus.
„Ja, der würde mir auch gefallen!“, bestätigt der junge Mann. „Aber findest du ihn nicht zu winzig. Wir sollten ihn noch ein Jahr wachsen lassen und ihn vielleicht nächstes Jahr holen, wenn unser Baby auf der Welt ist. Komm lass uns nach einem anderen Baum Ausschau halten!“
„Nein, ich möchte ihn gleich mitnehmen. Er ist wunderschön, so schön wie unser ungeborenes Baby“, meint die junge Frau und streichelt sich zärtlich über ihren Bauch. „Vielleicht kommt es ja noch rechtzeitig vor dem Fest, dann kann es den strahlenden Weihnachtsbaum gleich sehen.“
„Nein, nein, ich will nicht!“, schreit Tänny so laut er nur kann, aber leider hört ihn niemand.
Großvater Tan versucht sich ächzend aufzurichten.
„Mich sollten sie mitnehmen, ich bin schon alt und habe mein Leben gelebt, aber lasst den armen kleinen Tänny noch wachsen und gedeihen. Er ist doch noch so jung.“
Niemand im Wald hört die Hilferufe und das Flehen der Beiden.
„Gut“, sagt der Mann. „Dann sage ich dem Aufseher dort vorne Bescheid, damit das kleine Bäumchen für uns gefällt wird.“
Tänny erschrickt, als der Mann sich zum Gehen abwenden will.
„Nein, warte!“, ruft die schwangere Frau plötzlich aus. „Ich will nicht, dass er gefällt wird. Ich möchte ihn mit den Wurzeln haben, dann muss er nicht sterben. Wir werden ihn für das Weihnachtsfest schmücken und im Frühling können wir für ihn in unserem Garten ein hübsches Plätzchen suchen. Dort pflanzen wir ihn ein. Dann kann er mit unserem Kind aufwachsen und zu einem großen prächtigen Baum heranwachsen.“
Der junge Mann nickt und umarmt seine Frau. Auch ihm gefällt dieser Gedanke.
„Jedes Jahr zu Weihnachten werden wir ihn im Lichterglanz erstrahlen lassen“, meint er lächelnd.
„Unser Kind wird fröhlich um ihn herum springen und wir werden uns an ihm und unserem Kind erfreuen“, strahlt die junge Frau.
„Ja und den hier nehmen wir auch noch mit“, beschließt der junge Mann und deutet auf Großvater Tan. „Ihn lassen wir ebenso mit den Wurzeln ausgraben. Bestimmt macht auch er sich in unserem Garten recht gut. Er ist zwar schon ein wenig gebeugt und sieht nicht mehr ganz so frisch aus, aber es muss nicht immer alles perfekt sein, um etwas ganz Besonderes zu sein.“

 

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16 Kommentare

  1. Oh Astrid, jetzt kullern Tränen über meine Wangen. Diese Geschichte ist so rührend – und auch so wahr. Jeder möchte einen hübschen Baum im Wohnzimmer haben, aber leider hat er damit ausgelebt. Welch ein Wahnsinn eigentlich, wenn man darüber nachdenkt. Und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Doch dieses Jahr brauchen wir keinen Baum, weil wir nicht da sein werden.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

  2. Liebe Astrid,
    was wäre das früher, als ich noch klein war, für ein Weihnachten gewesen, wenn meine Großeltern und Eltern keinen Weihnachtsbaum geschmückt hätten. All die Jahre hatte auch meine Mutter die Tannenbäume mit viel Liebe geschmückt und auch ich, als meine Tochter noch klein war, hatte jedes Jahr einen Christbaum.
    Nun ist sie ja schon lange aus dem Haus und ich denke, dass meine Wohnung auch ohne Baum weihnachtlich wirkt.
    Hab noch schöne Adventstage, liebe Astrid.
    Viele Grüße
    Traudi

  3. Liebe Astrid, herzliche Grüße in die Nacht.
    Ich hatte auch immer darüber nachgedacht, ein Tannenbäumchen mit Wurzelballen zu kaufen, aber meine Eltern oder auch wir, haben keinen Garten. Ob denn so ein Bäumchen auch wirklich das Weihnachtsfest übersteht und dann im Garten aufs Neue weiter wachsen kann? Erst die warme Stube und dann dazu früher die Kerzen und jetzt Lichterkette? Das Schmücken mit Kugeln und Lametta würde nicht schaden, aber sicherlich die Standortveränderung.
    Ein künstl Weihnachtsbaum finde ich, ist naturfreundlicher und sieht genauso schön festlich aus. Wir haben ihn. Natürlich fehlt der frische Tannenduft, aber da kann man ja Spray nehmen, wenn man das vermißt. Haben wir aber noch nie gemacht.
    Bischen echte Tanne zum Kokeln, da duftet die ganze Wohnung. Ist auch schön.
    Die Kachelofenröhre für den Bratapfel gibts ja auch nicht mehr.
    Sogar der Adventskranz ist bei uns künstlich, jedoch darauf mit echten Kerzen.
    Tschüssi, winke, winke, Brigitte

  4. Liebe Astrid,
    ich habe jetzt richtig mitgefiebert, und auch mir sind Tränen der Rührung in die Augen gestiegen… Sehr froh bin ich, dass die junge Frau diese Idee hatte! Wir haben früher, als wir noch Weihnachtsbäume kauften, auch einige Male einen lebenden Christbaum gehabt, der dann später wieder eingesetzt wurde. Aber es ist gar nicht so einfach, einen geeigneten Platz für solch einen Baum zu finden – eines Tages wird er ja doch sehr groß… (Das auch gleich als Hinweis an Brigitte – hier in unser Gegend haben einige Ortsbewohner ihre lebende Christbäume in den Auwald gepflanzt – es gibt nicht das geringste Problem mit ihrem Wachstum, das halten sie alles locker aus – bloß gehören sie hier nicht hin … (war ursprünglich ein reiner Laubwald…)

    Inzwischen gibt es bei uns überhaupt kein geschmücktes Nadelbäumchen mehr. Vielleicht eines Tages wieder, falls wir mal Großeltern sind, mal sehen. Deine Geschichte würde sich gut zur Verlinkung bei ANL eignen, finde ich, denn sie hat auch einen schönen Natur-Liebe- bzw. Umwelthintergrund. Magst du? Das Linkup ist derzeit offen!
    Herzliche rostrosige Adventgrüße und wunderschöne Festtage für dich und deine Lieben,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/12/anl-24-flohmarktbeute-co.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      ich danke Dir für Deinen lieben und ausführlichen Kommentar. Leider bin ich in der Adventszeit sehr wenig zum Kommentieren gekommen, da wir diese in Thailand verbracht haben und erst seit ein paar Tagen wieder zurück sind. Jetzt haben mich allerdings die Weihnachtsvorbereitungen voll im Griff.
      Übrigens habe ich die Geschichte tatsächlich auf Deiner Seite verlinkt.
      Ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein wunderschönes Weihnachtsfest bei Kerzenschein, Ruhe und Besinnlichkeit.
      Herzliche Grüße
      Astrid

      • Oh Thailand – wie schön! Das wird übrigens auch unser nächstes Reiseziel sein, wir haben bereits gebucht!!! 🙂 Seid ihr im Norden oder im Süden gewesen – oder beides?
        Danke fürs Verlinken der Weihnachtsbaum-Geschichte!!!

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        und die besten Wünsche für die kommenden Feiertage,
        Traude
        rostrose.blogspot.co.at/2017/12/island-kreuzfahrt-teil-14-zufallstag-in.html

  5. Liebe Astrid, nun ist es so weit. Ich möchte mich in den Weihnachtsurlaub verabschieden. Ich wünsche dir und deinen Lieben ein besinnliches Weihnachtsfest mit glücklichen Momenten, leckerem Essen und ganz viel Liebe. Wir lesen uns dann im neuen Jahr wieder.
    Herzliche Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      erst vor zwei Tagen sind wir pünktlich zu Weihnachten wieder aus Thailand zurückgekommen. Obwohl dort alles weihnachtlich geschmückt ist, kommt bei 32-34 Grad keine Weihnachtsstimmung auf. Somit sind wir jetzt direkt in die Weihnachtsvorbereitungen hinein gefallen 😀. Morgen kommen die Mütter und dann feiern wir alle gemeinsam das Fest.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes und geruhsames Weihnachtsfest und einen erholsamen Weihnachtsurlaub. Lass es Dir gutgehen und komm gut in das Neue Jahr. Ich freue mich auch in 2018 auf unsere gegenseitigen Lesebesuche.
      Ganz herzliche Grüße
      Astrid

  6. Harald sagt

    Ahhh, jetzt habe ich aber ein schlechtes Gewissen 😢
    Vielleicht kaufe ich nächstes Jahr einen größeren Baum. Dann kann ich ja noch ein schönes Möbel daraus fertigen 😊LG Harald

    • Astrid Berg sagt

      Haben wir nicht fast alle einen schönen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer stehen?! Ich sollte mich an meiner eigenen Nase zupfen ;-). Aber irgendwie gehört er zu Weihnachten, wie wir es alle kennen.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes Weihnachtsfest, ein bisschen Ruhe und Besinnlichkeit und viel Freude mit Eurem Enkelsohn.
      LG
      Astrid

  7. Liebe Astrid, nun ist es an der Zeit, Dir eine schöne, besinnliche Weihnacht zu wünschen.
    Komme auch gut feucht-fröhlich ins Neue Jahr.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      da wir erst vor zwei Tagen aus Thailand zurückgekommen sind, stürzen wir uns nun voll in die Weihnachtsvorbereitungen. Das Fest Weden wir gemeinsam mit unserem Sohn, dessen Freundin und unseren beiden Müttern feiern.
      Ich wünsche auch Euch ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in das Neue Jahr. Alles Liebe und Gute für 2018.
      Herzliche Weihnachtsgrüße
      Astrid

  8. was für eine rührende Geschichte..
    dieses jahr werde ich auch wieder keinen Baum haben sondern nur ein paar Zweige
    das reicht ja auch 😉
    ich hatte mal einen im Topf
    der ist aber leider eingegangen
    ich wünshce dir ein frohes Fest im Kreis deiner Familie
    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Rosi,
      als unser Sohn noch klein war, hatten wir auch einmal einen Baum mit Wurzeln im Wohnzimmer stehen. Er überragte unseren Sohn nur um Haaresbreite :-).
      Ich wünsche Dir ein ein schönes Weihnachtsfest mit Kerzenschein, Ruhe und Besinnlichkeit.
      Herzliche Grüße
      Astrid

  9. Liebe Astrid,
    ich wünsche dir ein frohes Fest im Kreise deiner Freunde und Verwandten.
    Ich hoffe, deine Weihnachtsvorbereitungen fallen stressfrei aus. 🙂

    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      leider fallen meine Vorbereitungen nicht stressfrei aus, da wir erst seit Dienstag wieder zu Hause sind. Wir waren drei Wochen in Thailand, da mein Mann dort auf Kongressen war und an der Uni in Bangkok zu tun hatte. Obwohl in Bangkok alles weihnachtlich geschmückt war, kommt bei 32-34 Grad keine Weihnachtsstimmung auf.
      Ich stecke jetzt also mittendrin in den Vorbereitungen für das Fest. Aber ich schaffe es.
      Auch ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch in das Neue Jahr.
      Herzliche Grüße
      Astrid

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