Kurzgeschichten
Kommentare 12

Der Anruf

„Ja, ja, der liebe April“, denke ich gerade, als ich meine Termine für diesen Monat in meinen Timer eintrage. „Eigentlich ist er gar nicht so ein beliebter Monat, denn man sagt ihm nach, dass er immer nur macht was er will“, überlege ich weiter. Es stimmt schon, er ist sehr eigensinnig. Normalerweise ist er doch der Monat, welcher uns dem Sommer ein Stückchen näher bringen soll. Aber so recht will das nicht klappen. Manchmal ist es in diesem Monat schon sommerlich warm und dann wieder herbstlich grau.

Aber auch wenn sich der April schon manchmal ein bisschen unbeliebt bei uns macht, er ist doch guten Willens. Trotzdem nimmt er uns immer wieder auf den Arm, d.h. er macht sich ein bisschen lustig über uns mit seinem ewigen Hin und Her. Aber nicht nur der Monat April erlaubt sich Scherze, nein auch wir nutzen speziell den Monatsanfang, um uns zu amüsieren.
„Weshalb heißt es eigentlich, dass wir jemand in den April schicken, wenn wir eine Person mit einem kleinen Scherz überraschen?“, frage ich urplötzlich meinen Peter, der gerade mein Arbeitszimmer betritt.
„Was? Wie?“, fragt er verblüfft zurück. „Keine Ahnung! Schau doch einfach mal bei Google nach, da steht doch bestimmt die Antwort auf deine Frage drin.
Und das mach ich dann auch glatt:

„Hier steht Folgendes“, sage ich zu Peter gerichtet und lese ihm die ersten Zeilen des Wikipedia – Artikels vor: „„Als Aprilscherz bezeichnet man den Brauch, am 1. April die Mitmenschen durch erfundene oder verfälschte, meist spektakuläre Geschichten, Erzählungen oder Informationen hereinzulegen und so „zum Narren zu halten“. (…) Vor Auflösung des Schwindels sagt man z. B. April, April. Die Tradition des Aprilscherzes gibt es in den meisten europäischen Ländern sowie in Nordamerika…“ * “

„Ich denke, es gibt kaum jemand, der nicht schon einmal einem Aprilscherz erlegen ist“, meint mein Mann.
Das stimmt, denn obwohl man genau weiß, dass der 1. April hierfür bekannt ist, fallen wir doch genau in diesem Moment auf den Scherz herein, wenn wir gerade nicht auf der Hut sind.
„Denk doch mal an deine Mutter“, erinnert mich Peter. „Das ist zwar schon lange her und wir kannten uns erst kurz, aber total lustig.“
Vor über dreißig Jahren ereignete sich eine kleine Geschichte, an die sich meine Mutter noch heute mit einem Schmunzeln erinnert. Damals hatten wir zwar schon ein Telefon, aber man benutzte es doch eher selten, im Gegensatz zu heute. Es existierten noch keine Callcenter und Werbeanrufe und solche von verschiedenen Firmen zwecks Umfragen oder ähnlichem waren noch nicht erfunden. An einem Vormittag klingelte also bei meiner Mutter das Telefon:
„Einen schönen guten Tag wünsche ich Ihnen“, sagte eine junge männliche Stimme am anderen Ende.
„Guten Tag“, grüßte meine Mutter freundlich zurück.
„Hier ist das Schuhhaus Blackelsberg**“, sprach die Stimme weiter. „Spreche ich mit Frau ABC?“
„Ja, da sind Sie richtig verbunden!“
„Da bin ich aber froh, denn wir haben da ein kleines Problem.“
Meine Mutter wunderte sich jetzt schon ein wenig, denn das Schuhhaus vor Ort trug einen anderen Namen und was hatte sie mit den Problemen eines unbekannten Geschäftes zu tun?!
„Wie kann ich Ihnen denn behilflich sein?“, erkundigte sie sich trotzdem.
„Na es geht hier um eine Bestellung…“
„Ich habe keine Bestellung gemacht“, erklärte sie sofort mit starker Verwunderung und einer Überzeugung in der Stimme, die eigentlich keinen Zweifel aufkommen lassen sollte.
„Sie sind aber doch Frau ABC, wie Sie mir vorhin schon sagten!“
„Mmh!?“
„Sie haben bei uns 30 Paar Schuhe bestellt und ich wollte nur Bescheid sagen, dass sich die Lieferung noch einen kleinen Moment verzögert“, erläuterte der junge Mann.
„Moment mal“, protestierte meine Mutter. „Ich habe nichts bestellt! Und schon gar nicht 30 Paar Schuhe! Was soll ich damit? Ich habe nur 2 Füße.“
„Uns liegt aber eine Bestellung von Ihnen vor!“
Meine Mutter wurde immer stutziger, aber auch immer nervöser.
„Wie soll das Schuhhaus noch einmal heißen?“, fragte sie, um zum Einen Zeit zu gewinnen und zum Anderen, um die Stimme des Gesprächspartners noch einmal zu hören. Irgendetwas war ihr nämlich an dieser Stimme seltsam erschienen. Sie konnte nur noch nicht genau sagen, was das war. Vielleicht weil diese Stimme sich etwas gekünstelt anhörte, aber da konnte man sich ja täuschen.
„B l a c k e l s b e r g!“ Der Mann am anderen Ende ließ sich förmlich das Wort auf der Zunge zergehen. Er sprach es deutlich, ganz langsam und etwas langgezogen aus. Nur seltsam, dass er sogleich anscheinend einen Lacher unterdrücken musste. Das entging meiner Mutter jedoch nicht.
Sie hatte das ganze Gespräch über schon so eine Ahnung gehabt, die sie jedoch noch nicht in Worte hatte fassen können. Aber dieses kurze fast unterdrückte Lachen brachte sie auf einen ganz bestimmten Verdacht, der sich zusehend verhärtete. Sollte sie den Vorstoß wagen oder irrte sie sich mit ihrer Vermutung?

Meine Mutter setzte alles auf eine Karte und …

… traf damit ins Schwarze.

„Peter?“, fragte sie vorsichtig. „Bist du das?“
„April, April!“, tönte es fröhlich aus der Telefonmuschel.
„Na, du bist mir aber Einer!“, lachte meine Mutter hörbar erleichtert. „Das war aber ein gelungener Aprilscherz! Wie bist du denn auf die Idee gekommen?“

„Diese Frage konnte ich deiner Mutter damals nicht so genau erklären. Das kam mir einfach so in den Sinn, würde ich mal sagen“, kommentiert Peter meine Aufzeichnungen, als er mir beim Tippen über die Schulter schaut.

„Aber, was meinst du? Sollte ich es dieses Jahr noch einmal mit diesem Aprilscherz versuchen“, grinst er.

 

Na, dann viel Spaß!

 

 

*Zitat aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Aprilscherz (Stand: 27.3.2015)

** Der Name ist frei erfunden.

12 Kommentare

  1. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    Aprilscherze erlebte ich nur in der Schulzeit. Später gar nicht mehr.
    Heute habe ich die Zeit für eine große Blogwanderung.
    Alles Gute und tschüssi sagt Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Brigitte,
      schön wieder von Dir zu lesen. Ich hoffe es geht Deinem Mann nach seiner Heimkehr wieder etwas besser, wenn auch vielleicht nur in kleinen Schritten. Ich hoffe auch Dir geht es gut und danke Dir für Deinen Kommentar.
      LG
      Astrid

  2. Christine R. sagt

    Huch, Astrid – bei MIR hätte der Anrufer nichts zu lachen gehabt! Ich reagiere nämlich allergisch auf Anrufe von Werbefritzen!
    Aprilscherze habe ich schon als Kind gehasst, und mir die Pest an den Hals geärgert, wenn ich auf einen reingefallen bin! Und natürlich beschimpfe ich den Urheber nach Strich und Faden … Seitdem habe ich meine Ruhe!
    Ansonsten bin ich keineswegs humorlos – ich hasse nur diesen dämlichen Brauch …
    Liebe Grüße, und einen schönen Sonntag!
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Christine,
      Ich fand, dass meine Mutter einfach ganz toll reagiert hat und es meinem Peter auch nicht übel genommen hat, sondern sich mit ihm über diesen Scherz gefreut hat.
      LG und ebenfalls einen schönen Sonntag – die Zeitumstellung nicht vergessen!
      Astrid

  3. Martina sagt

    Das war wirklich ein gelungener Aprilscherz! Mein Mann schickt gerne die (neuen) Azubis in dem Unternehmen, in dem er tätig ist, in den April, indem er sie bittet, zu Herrn XY zu gehen und von dort eine ‚Augenwasserwaage‘ mitzubringen. Klar gibt es die nicht, aber es gab noch keinen Lehrling, der auf diesen Scherz nicht hereingefallen wäre. LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      das kann ich mir gut vorstellen, dass da noch kein Lehrling Protest erhoben hat, auch wenn demjenigen die Sache seltsam vorkam. Aber es könnte ja sein…
      Danke für diese kleine Anekdote.
      LG
      Astrid

  4. Hallo liebe Astrid,
    so oder ähnlich ist sicher schon jeder von uns irgendwann in den April geschickt worden. Mittlerweile ist es aber weniger üblich als früher, habe ich den Eindruck. Und – ja – auch Wikipedia hat dir im Grunde deine Frage nach dem „Warum“ nicht erklärt. Ich habe dazu noch Folgendes gefunden: „Aber eine der am häufigsten genannten Entstehungstheorien bezieht sich bereits auf eine 1564 durchgeführte Kalenderreform des französischen Königs Karl IX, der den Neujahrstag vom 1. April auf den 1. Januar verlegte. Daraufhin verschickten humorige Mitmenschen zum Apriltag Einladungen zu Neujahrsfestivitäten, die es nicht mehr gab. Wer dennoch kam, hatte zum Schaden der Anreise auch noch den Spott.“ (Quelle: Spektrum.de) Ob das aber so stimmt, weiß wohl keiner genau.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Elke,
      das könnte tatsächlich eine Erklärung sein. Zumindest haben wir wieder etwas dazu gelernt. Ich danke Dir für diese Ergänzung und wünsche Dir einen schönen Tag.
      LG
      Astrid

  5. Eva V sagt

    Liebe Astrid,
    wir haben das auch immer mit unseren Eltern gemacht, sie in den April geschickt, mein Mann und ich. Es war immer lustig. Jetzt müssen wir aufpassen, dass uns das nicht passiert. Wettermäßig ist in den letzten Jahren der Mai so garstig. Aber wir warten es alLG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Eva,
      so geht es uns allen. Das scheint der Lauf der Dinge zu sein, irgendwie wiederholt sich alles.
      LG
      Astrid

  6. Nun weiß ich auch wo du deinen wunderbaren Humor her hast, von deiner Mutter. Mir ist es auch öfter gelungen jemanden in den April zu schicken, besonders meinen Mann. Aber meistens war ich das Opfer, das hereingefallen ist.
    Ich wünsche dir schöne Osterfeiertage. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Das kann sein, mein Mann meint auch, dass ich in meinem Charakter meiner Mutter ähnlich bin, die eine sehr liebe Frau ist.
      Auch ich wünsche Dir ein schönes Osterfest.
      LG
      Astrid

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.