Für Kinder, Kurzgeschichten
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Besuch bei Tante Else und Onkel Emil

Die fünfjährigen Zwillinge Jens und Jenny freuen sich. Sie haben Ferien und wollen heute mit den Eltern einen Tagesausflug unternehmen und zwar zu dem hundert Kilometer entfernten großen See. Dort ist eine ausgiebige Wanderung  geplant. 
„Habt ihr schon die Rucksäcke gepackt?“, will die Mutter wissen. „Und vergesst auch nicht die Regenjacken, falls wir von einem Schauer überrascht werden sollten.“
„Na klar“, erwidert Jens fröhlich. „Papa verstaut alles gerade im Kofferraum.“
Wie auf Kommando ertönt auch schon dessen Stimme vom Flur:
„Alles fertig! Es kann losgehen!“
„Prima!“, begeistert sich auch die Mutter. „Die Sonne lacht vom Himmel, wir haben alles dabei, was wir brauchen und in ungefähr einer Stunde sind wir dort. Was wollen wir noch mehr?! Es wird sicherlich ein schöner Tag.“
Die Zwillinge schauen während der Fahrt vergnügt aus dem Fenster, Mutter stimmt ein Liedchen an und der Vater pfeift die Melodie dazu.
„Ich habe eine Überraschung für Euch“, erklärt der Vater kurz bevor sie den Stausee erreichen und macht damit die Zwillinge neugierig.
„Gestern Abend habe ich mit meinem Onkel und meiner Tante telefoniert. Ihr wisst schon Eure Großtante Else und Großonkel Emil.“
Die Zwillinge nicken und lauschen, was der Vater noch zu berichten hat.
„Sie wohnen nur 25 Kilometer vom Stausee entfernt und haben uns eingeladen bei ihnen zu übernachten.“
„Oh, toll“, ruft Jens begeistert aus. „Die Beiden sind immer so lustig. Onkel Emil hat mir das letzte Mal versprochen, dass er mit mir zum Angeln geht.“
„Und Tante Else wollte mit mir eine Torte backen, wenn wir sie besuchen kommen“, berichtet nun auch Jenny.
„Langsam, langsam“, beschwichtigt der Vater. „Die Beiden sind nicht mehr die Jüngsten und so etwas will gut vorbereitet sein. Wir wollten eigentlich morgen nach dem Frühstück wieder nach Hause fahren. Also geht es gelassen an. Irgendwann werden sie ihr Versprechen schon einlösen. Unser Besuch kommt vielleicht doch ein bisschen überraschend.“
Der Tag ist wunderschön, die frische Luft tut allen gut und so kommen sie mit guter Laune am Spätnachmittag müde und hungrig bei den Verwandten an.
„Hallo Ihr Vier! Herzlich willkommen in unserer bescheidenen Hütte!“, wird die Familie von Tante Else an der Haustür begrüßt. „Kommt gleich in die Küche, ich habe schon alles für das Abendbrot vorbereitet.“
„Wo ist denn Onkel Emil?“, will Jenny wissen.
„Ach,…“, sagt Tante Else und will eine Erklärung nachschieben, doch die Zwillinge hören gar nicht hin, sondern rennen schon in das Wohnzimmer, wo sie den Großonkel vermuten. Er sitzt auch tatsächlich in seinem gemütlichen Sessel.
„Hallo Onkel Emil!“, rufen die beiden Kinder aus und stürmen auf den älteren Mann zu. Doch als sie ihn überschwänglich umarmen, verzieht er so seltsam sein Gesicht.
„Was ist mit Dir, Onkel Emil?“, will Jens wissen.
„Freust du dich gar nicht, dass wir da sind?“, schiebt Jenny hinterher.
„Oh, doch ich freue mich“, bestätigt der Onkel. „Aber ich ärgere mich auch.“
„Wir haben dich verärgert?“, fragt Jenny und blickt den Onkel traurig an. „Aber wir haben doch gar nichts gemacht.“
„Nein, nein, ihr nicht!“
„Wer denn dann?“, fragen die Beiden wie aus einem Munde.
„Na, dieses alte Miststück!“, erklärt der Onkel und schaut nicht gerade freundlich dabei aus. „Ich weiß ja, dass keiner sie leiden kann, aber sie hat es immer wieder auf mich abgesehen.“
Die Zwillinge sind entsetzt. Noch niemals hat der Großonkel derartig geschimpft. Sonst ist er immer lustig und weiß schöne Geschichten zu erzählen. Heute allerdings ist von seiner Fröhlichkeit nichts zu spüren.
„Dieses Jahr hat sie mich schon zweimal tüchtig geärgert.“
„Was hat sie denn getan?“
„Sie überfällt mich schlagartig hinterrücks und ich kann mich nicht einmal zur Wehr setzen. Sozusagen von einer Sekunde auf die andere macht sie mich fertig.“
Mit offenen Mündern stehen die beiden Kinder da. Sie sind sprachlos.
„Heute Morgen kurz nach dem Aufstehen war es wieder einmal soweit. Eine richtige Hexe, ist sie!“
„Wie sprichst du denn von Tante Else?“, Jenny ist entsetzt. So hat der Onkel noch nie über seine Frau gesprochen.
„Sie ist doch total lieb!“, verteidigt nun auch Jens die Großtante.
„Ach, Tante Else doch nicht. Ich meine diese alte hässliche Hexe, die mich einfach nicht leiden kann und dafür sorgt, dass es mir schlecht geht.“
„Tut sie dir weh?“, fragt Jens.
„Ja, sie fügt mir einen stechenden Schmerz zu und dadurch kann ich mich nicht mehr bewegen“, sagt der ältere Herr gequält.
„Wie macht sie das denn?“
„Ganz heimtückisch und aus dem Hinterhalt. Sie schießt einfach einen Pfeil auf mich ab und schon ist es geschehen.“
„Sie hat mit ihrem Pfeil auf dich geschossen und jetzt kannst du dich nicht mehr bewegen?“
Jens und Jenny sind fassungslos und auch ein bisschen ratlos. Irgendetwas stimmt hier nicht, das merken sie ganz deutlich.
„So etwas gibt es doch gar nicht. Und überhaupt gibt es keine Hexen. Außer vielleicht „Bibi Bloxberg“ und „Die kleine Hexe“. Aber die sind ja auch nur eine Erfindung“, sagt Jens ganz entschieden.
„Und ob es diese Hexe gibt! Sie hat es dieses Jahr sogar schon zum zweiten Mal gemacht“, berichtet Onkel Emil, „und nun muss ich sehen, wie ich das Gift dieser Hexe wieder los werde.“
„Was erzählst du nur für Schauergeschichten?!“, fragt Tante Else und schüttelt den Kopf. Sie ist mit einem Heizkissen ins Wohnzimmer gekommen, das sie ihrem Mann nun in den Rücken schiebt.
„Die Wärme wird dir guttun. Und an Hexen glaubt man schon lange nicht mehr. Heute weiß man, dass das, was dich quält, einfach nur Muskelverspannungen sind. Sie sind durch falsche Bewegungen ausgelöst und nicht durch schießende Hexen. Im Mittelalter wusste man das jedoch nicht und schob es auf übernatürliche Kräfte, die man den Hexen angedacht hat“, klärt Tante Else das Missverständnis auf. „Das mit den Hexen ist nur Aberglaube, aber der Name dieser schlimmen Verspannung ist geblieben.“*
„Ich sag es doch, ich habe einen Hexenschuss!“ Und fast schon ein wenig beleidigt fügt Onkel Emil hinzu: „Aber wenn ihr mir sowieso nicht glaubt, dann wollt ihr bestimmt auch nicht die Geschichte vom Pfeil des Amors hören, der mich mitten ins Herz traf, als ich Tante Else das erste Mal sah.“

 

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*siehe auch: Wieso heißt ein Hexenschuss „Hexenschuss“?

 

12 Kommentare

  1. wie hübsch, wir bekommen zum Anschluß noch eine schöne Geschichte erzählt….
    diese war etwas – zum nachdenken – welche Hexe – gibts überhaupt welche ? was hat er gemeint der arme alte Onkel…
    hoffentlich kann er die hexe bald vergessen und begraben – Wärme hilft immer – brave Tante Else sie weiß was ihm gut tut und sie klärt richtig auf…
    hat mir gut gefallen –
    liebe Grüße angel.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Angel,
      leider habe ich diese Hexe auch schon kennengelernt. Ihr Giftpfeil hat es echt in sich. Aber ich denke, davon können wir alle ein Liedchen singen. Onkel Emil ist also nicht allein, was ihn allerdings wenig trösten wird. Aber er hat ja Tante Else an seiner Seite und sie weiß tatsächlich, was ihm hilft ;-).
      Ich wünsche Dir eine sonnige Woche und schicke Dir liebe Grüße
      Astrid

  2. Hallo liebe Astrid,
    oh je, ja so eine Hexe hab ich auch schon kennenlernen dürfen… fand ich nicht lustig.
    Bei mir war es nicht Tante Else, sondern meine Mutter und Oma die immer einen guten Tipp aus der Kräuterküche hatten.
    Die lieben Kleinen können sich das noch nicht vorstellen, aber wenn man ihnen das gut erklärt, haben sie Mitleid und helfen wo sie nur können… hab ich auch schon erlebt.

    Ich wünsche Dir noch eine schöne entspannte Woche.
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ja, leider hat mich mein Hexenschuss zu dieser Geschichte animiert. Inzwischen ist es zwar besser, aber noch nicht ganz weg. Diese Hexe ist echt fies. Ich kann gut und gerne auf sie verzichten.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    über sechs Wochen habe ich vor zwei Jahren mit dieser Hexe gekämpft. Ich hatte keine Chance, sie schoss immer und immer wieder. Viel Geduld und viele Schmerzmittel brauchte ich, sie kannte keine Gnade. Ich hoffe, dieses Biest ist mit ihrem Besen auf Nimmerwiedersehen fortgeflogen.

    Viele Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Ich weiß, liebe Traudi, wie schmerzhaft und gemein diese Hexe ist. Bei mir geht es inzwischen schon in die zweite Woche. Zum Glück sticht sie mich mittlerweile nicht mehr so heftig, aber sie ärgert mich immer noch.
      Ich finde diese Hexe so gemein, – sie kommt einfach ungebeten und will nicht wieder gehen. Ich sollte ihr den Besen vor die Tür stellen, damit sie sich in die Lüfte erhebt und endlich verschwindet.
      LG
      Astrid

  4. Hihi – ich glaube viele kennen diese fiese Hexe, die ganz plötzlich schießt 🙂 Hat mich schon so oft erwischt, aber toi toi toi – schon eine ganze Weile nicht mehr.
    Und Amors Pfeil – den kennen wir auch 🙂
    Nette Geschichte liebe Astrid.
    Hab ein sonniges Wochenende, liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Kerstin,
      inzwischen habe ich mich von dem Schuss der Hexe schon ein wenig erholt. Sie schießt und sticht nicht mehr so heftig, aber verschwunden ist sie noch nicht. Aber auf diese Weise ist mir diese Geschichte eingefallen. 😉
      Nach einem sonnigen Wochenende hat die neue Woche mit Regen begonnen, aber heute lacht schon ab und zu die Sonne wieder hinter den Wölkchen hervor.
      Herzliche Grüße
      Astrid

  5. Liebe Astrid,
    die Geschichte passt momentan sehr gut zu uns bzw. zu meinem Mann, denn den hat die Hexe am vergangenen Wochenende auch angeschossen. Mit einem heißen Bad, einem Moorwickel und einer schmerzstillenden Creme wurde das ganze aber bald wieder gut! Ich hoffe, auch Onkel Emil fühlt sich inzwischen wieder wohl! 🙂
    Herzliche Rostrosen-Freitagsgrüße und Happy Weekend,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2018/04/osterruckschau-inspirationen-und-dsvg.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      Onkel Emil geht es wieder gut ;-), aber ich selbst habe die Hexe noch nicht ganz verscheuchen können. Ich habe sie mit Heizkissen und Schmerztabletten zu vertreiben versucht. Inzwischen scheint sie gehen zu wollen, aber ist trotzdem noch mit einem Fuß in der Tür ;-). Ich hoffe, sie endlich diese Woche loszuwerden.
      Liebe Grüße an Dich und Deinen Mann, – meinen Leidensgenossen ;-).
      Astrid

  6. Diese Hexe liebe Astrid kann ich aber auch gar nicht leiden, die soll gefälligst bleiben wo der Pfeffer wächst….!! Heizkissen mag ich auch ohne Hexenschuß manchmal gerne :-)))

    Liebe Wochenendgrüße
    Kerstin

    • Astrid Berg sagt

      Ich mag nicht nur das Heizkissen, sondern auch die Sitzheizung im Auto. Oh, das ist so ein schönes und wohliges Gefühl, wenn der Rücken gewärmt wird. Nur im Sommer bleibt sie aus, aber sobald die kälteren Tage kommen, schalte ich sie bei jeder Autofahrt ein.
      LG
      Astrid

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