Kurzgeschichten
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Gut gemeint

Wir bringen gerade meine Mutter nach Burg zur Reha. Dazu gehört natürlich auch ein gemeinsamer Gang durch die gesamte Anlage. Wo ist ihr Zimmer, wo das Schwesternzimmer, die Therapieräume, die Cafeteria und die Kantine? Selbstverständlich werfen wir auch einen Blick in die Aufenthaltsräume.
Im Fernsehzimmer hängt ein großer Bildschirm an der Wand. Niemand sitzt in diesem Raum, wahrscheinlich haben sich alle schon fix und fertig von den Strapazen der Therapien in ihre Zimmer zurückgezogen.
„Komm lass uns einen Moment hier hinsetzen“, schlägt meine Mutter vor. Mein Mann macht es sich sogleich in einem der Sessel gemütlich. Ich erblicke einen Getränkeautomaten im Raum und bitte meinen Göttergatten um einen kleinen Gefallen:
„Kannst du mir eine Limo kaufen? Ich habe nämlich kein Kleingeld einstecken.“
Das macht er natürlich gerne und sich selbst zieht er auch noch ein kleines Leckerlie. Strahlend steht er vor mir und meiner Mutter.
„Appetit auf ein kleines Stückchen Vollmilchschokolade?“, fragt er und verteilt auch schon die Köstlichkeit.
„Mmh! Lecker!“, sage ich und schiebe mir die Schokolade in den Mund. Sie zergeht auf meiner Zunge und hinterlässt das Verlangen nach einem weiteren Stückchen Schokolade. Obwohl jeder von uns noch einen Nachschub einfordert, bleibt noch ein kleiner Rest der Tafel Schokolade übrig, den mein Mann wieder ordentlich einpackt und mir überreicht.
„Steck das doch mal in deine Handtasche! Bei mir schmilzt sie sonst nur in meiner Hosentasche.“
Beim Anblick der eingewickelten köstlichen Schokolade und seinen Worten startet bei mir das Kopfkino. Bilder laufen vor meinem geistigen Auge ab, die zu einem Geschehen gehören, das sich vor schätzungsweise dreiundvierzig Jahren abgespielt hat.
„Lange ist es her!“, denke ich „Und trotzdem sind diese Bilder immer noch in meinem Kopf präsent.“
Zu diesem Zeitpunkt befinde ich mich im zarten Alter von dreizehn Jahren und damit in der Pubertät. Mädchen werfen in diesem Alter schon kichernd neugierige Blicke auf Jungs und diese haben wohl auch schon entdeckt, dass es zweierlei Geschlechter gibt. Vorsichtige Kontakte werden geknüpft und scheue Blicke ausgetauscht. Fragt man sich, wo die meisten dieser Kontaktaufnahmen wohl stattfinden, so stellt man fest, dass dies vielfach in der Schule passiert.
Ja, auch die Bilder in meinem Kopf stammen aus der Schule:
Sittsam und ordentlich sitze ich mit meinen Mitschülern im Klassenraum. Wir haben gerade Unterricht. Ich weiß zwar nicht mehr, um welches Unterrichtsfach es sich handelt, aber mit Sicherheit ist es keine Französischstunde, denn unser Französischlehrer hat kein Tuscheln geduldet. Und wir haben es in seinen Unterrichtsstunden auch nicht gewagt.
„Hochinteressant kann der Unterricht wohl nicht gewesen sein“, überlege ich so, „denn sonst könnte ich mich auch daran erinnern. Stattdessen muss ich an einen Jungen denken.“
Das stimmt jedoch auch nicht ganz genau. Nicht der männliche Mitschüler hat mich so stark beeindruckt, sondern etwas anderes, was ich all die vielen Jahre hinweg nicht vergessen habe.
Unsere Schulbänke sind in der Hufeisenform angeordnet. Allerdings stehen innerhalb dieser Form an den beiden Längsseiten noch ein paar Einzeltische. Dies führt dazu, dass manche Schüler drei Nachbarn haben. Ich habe zum Beispiel links und rechts jeweils eine Freundin sitzen und an dem angrenzenden Tisch sitzt ein Klassenkamerad.
„Er war ja sehr nett und immer zuvorkommend und höflich“, erinnere ich mich in Gedanken. „Und ich gefiel ihm wohl besonders. Naja, nun muss dieses Gefallen ja nicht immer auf beiden Seiten der Fall sein. Manchmal ist es einfach nur die Nase, die bei dem anderen nicht auf dem rechten Fleck zu sitzen scheint, zu dick oder zu lang ist. In diesem Fall war mir die Nase des männlichen Klassenkameraden einfach nur zu dick“, muss ich mir wiederum gedanklich eingestehen. Doch mein Kopfkino läuft unaufhaltsam weiter:
Ich erkenne, wie der Junge sich zu mir herüber beugt und mit mir tuschelt. Ich sehe aber auch noch etwas anderes. Der besagte Klassenkamerad greift in seine Hosentasche und reicht mir etwas rüber. Es ist etwas, das ich im Grunde genommen sehr mag und unter anderen Umständen sicherlich nicht verschmäht hätte.
Er hält in seiner Hand ein Stückchen Schokolade, das vermutlich schon den halben Tag in seiner Hosentasche verweilt hat. Dementsprechend sieht es auch leicht gequetscht und etwas weich aus.
„Möchtest du ein bisschen Schokolade?“, flüstert er mir zu.
Nun höre ich auch mich etwas sagen:
„Nein danke! Ich habe jetzt keinen Hunger!“
So ein Quatsch! Für Schokolade braucht man keinen Hunger zu haben, Appetit reicht vollkommen aus. Aber der Appetit vergeht, wenn man weiß, dass das Stückchen Schokolade schon stundenlang in der Hosentasche eines Klassenkameraden zart schmelzend seine Form verloren hat.
Mein Kopfkino flackert jetzt nur noch schwach, aber ich sehe noch, wie der Junge leicht frustriert den Schokoladenriegel wieder in seiner Hosentasche verschwinden lässt. Dann ist die Kinovorstellung beendet und ich grinse in mich hinein. Aber anscheinend haben sich auch meine Mundwinkel leicht nach oben gezogen, denn mein Mann fragt plötzlich:
„Was grinst du eigentlich die ganze Zeit so?“
„Ach, das Stück Schokolade hat mich gerade an N. erinnert“, gestehe ich etwas verschämt, „den kennst du doch auch?“
„Ach ja? Den haben wir schon ewig nicht mehr gesehen. Was er wohl macht? Aber was hat er mit meiner Schokolade zu tun?“
„Das willst du wissen? Na dann“, antworte ich frech, „lies einfach meine Geschichte!“

 

Hier gibt es noch mehr Schokolade:

Glückshormone

Danke für die Schokolade

Besuch in einer sizilianischen Schokoladenmanufaktur

 

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