Kurzgeschichten
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Verflixt, aber auch!

„Ach“, sage ich als ich die Handtasche auspacke, die ich in unserem Sizilienurlaub benutzt habe. „Den hab ich ja ganz vergessen!“

„Wen hast du vergessen?“, fragt mich Peter, der gerade die Geschenke für unser Patenkind verpackt.

„Den hier! Ich habe mir doch einen Pinocchio in Modica gekauft und der ist gerade aus den Tiefen meiner Handtasche aufgetaucht.“

Ich packe jetzt keine Pinocchio-Marionette aus, sondern zum Vorschein kommt lediglich das Gesicht dieser Holzfigur. Kreisrund ist dieses Gesicht und die lange Nase ist genau in dessen Mittelpunkt. Verschmitzt sieht er aus mit seinen kleinen Augen, seinem winzigen roten Mund und den schwarzen Franzen, die ihm in die Stirn hängen an. Sein Hinterkopf ist rot und wirkt so, als hätte der kesse Junge eine rote Mütze auf dem Kopf. Bei genauerer Betrachtung erkennt man noch die schwarze Schnur, die zwischen Gesicht und Hinterkopf, sprich Mütze, hervor kommt.
„Ein Jojo!“, sagt Peter. „Das gehört übrigens zu den ältesten Spielzeugen der Welt!“
„Ja, und das muss ich auch gleich mal ausprobieren!“
„Das kannst du eh’ nicht!“, erklärt mir mein Mann. „Gib mal her!“
„Wieso soll ich das nicht können? Immerhin habe ich als Kind auch Jojo gespielt.“
Ich lasse mir dieses schöne Spielzeug nicht so einfach wegnehmen und außerdem will ich beweisen, dass ich dieses Spiel noch beherrsche, – so hoffe ich zumindest.
Also schnappe ich mir dieses Holzjojo und lasse das Pinocchio-Gesicht an der langen Schnur nach unten schnellen, um es kurz vor dem Ende der Schnur mit einer ruckartigen Bewegung meines Handgelenkes wieder nach oben rollen zu lassen und wieder nach unten. Hier dreht es sich einmal, aber ich hole es trotzdem wieder nach oben und lasse es wiederum nach unten. Jetzt hat es sich eingespielt und das lustige runde Gesicht wandert immer wieder an der Schnur von oben nach unten und umgekehrt. Ich bin richtig stolz, denn ich kann dieses Spiel tatsächlich noch.
„Jetzt lass mich mal, das kann ich auch“, sagt Peter.
Etwas skeptisch gebe ich den kleinen kessen Holzkopf aus der Hand und überlasse ihn seinem Schicksal.
Siegessicher steckt Peter seinen ausgestreckten Mittelfinger in die Schlaufe der schwarzen Schnur und lässt das Holzgesicht nach unten gleiten, wo es dann auch locker baumelnd und kreisend bleibt.
„Ich muss mich erst einspielen!“, beteuert er mir, als ich ihn etwas skeptisch anschaue.
Nun gut, kann ja passieren. Also versucht er es noch einmal und noch einmal.
Beim dritten Mal funktioniert es dann auch. Peter schafft es halbwegs das runde Gesicht des lieben Pinocchio ein paarmal nach unten und wieder nach oben zu schicken. Doch dann passiert es! Der kleine Holzkopf flitzt nach unten, dreht sich einige Male, versucht nach oben zu klettern, doch anscheinend war die ruckartige Bewegung von Peters Hand zu schwach. Pinocchio kommt nur ein kleines bisschen hoch, dreht sich wieder und dann lassen sich seine Turnübungen nicht mehr nachvollziehen. Auf jeden Fall steckt er plötzlich mitten in seiner versuchten Kletteraktion fest. Peters Arm kann machen was er will, nichts geht mehr – „Rien ne va plus!“
Baumelnd und traurig blickt der kleine Pinocchio aus seinen Augen.
„Der hat sich verdreht und um den Mittelsteg verknotet!“, stellt mein Göttergatte fest.
„Och!“
Jetzt bin ich aber enttäuscht und beobachte, wie Peter an dem Teil zieht und zerrt.
„Den kann man doch bestimmt einfach auseinander ziehen und entknoten. Dann funktioniert er auch wieder. Das war bei meinen Jojos früher auch immer so!“
„Ja früher!“,sagt Peter und ich weiß schon, was jetzt kommt. „Früher war alles besser!“
In diesem Fall hat er wohl auch Recht, denn so sehr man auch versucht, die beiden Holzscheiben voneinander zu trennen, – es funktioniert nicht.
Inzwischen hängen wir beide mit dem Kopf über dem kleinen Spielzeug, was uns aber auch keinen Schritt weiter bringt. Man kann in dem Spalt rein gar nichts erkennen. Auch unter einer Lichtquelle und mit Brille sieht man zwar die schwarze Schnur, die um den Mittelsteg geschlungen ist, aber irgendwo ein Knoten oder dergleichen ist nicht auszumachen. Jetzt ist guter Rat teuer, doch mein Peter weiß einen.
„Ich bohre einfach von hinten bis zum Mittelsteg ein etwas größeres Loch hinein, dann kann man diesen Mittelsteg entfernen und auch die Schnur entknoten. Dann setze ich einen neuen Holzzapfen ein und danach füge ich mit einer Schraube die beiden Scheiben wieder zusammen. Dadurch kannst du dann auch immer wieder das Jojo auf- und zuschrauben.“
„Nein!“, protestiere ich sofort. „Das mag ja eine hervorragende Idee sein, aber dann ist mein Pinocchio kaputt.“
Also müssen wir versuchen mit etwas Spitzem dem Problemknoten auf den Leib zu rücken. Ein Messer ist zwar spitz, aber es könnte auch die Schnur zertrennen. Peter entscheidet sich für eine Gabel. Leider bleiben seine Rettungsaktionen meines neuen Lieblingsspielzeuges erfolglos.
„Gib es doch mal mir!“, sage ich und nehme Peter einfach die Gabel und das Jojo aus der Hand.
„Du wirst auch kein Glück haben. Das geht nur so, wie ich es vorgeschlagen habe.“
Inzwischen stochere ich tüchtig mit der Gabel in dem Schlitz herum. Eine kleine Schlaufe hat ja mein Mann schon vorziehen können, aber dann sitzt alles hilflos fest. Wahrscheinlich haben wir den Knoten mit unseren Versuchen nur noch fester zugezogen. Ich stochere, ich ziehe an der kurzen Schnur, an der kleinen Schlaufe. Alles vergeblich. Das einzige, was sich rührt, ist mein Ehrgeiz. Ich will diesen Knoten lösen und meinen kleinen Pinocchio wieder benutzen können. Also stochere ich weiter, mal von vorne nach hinten, mal von hinten nach vorne. Ich komme mir vor wie ein kleines Äffchen, das sich nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum irgendwo eine Banane heraus angelt. Mittlerweile stochere ich schon eine gute halbe Stunde in dem winzigen Spalt umher. Fast unmerklich hat sich jedoch urplötzlich die heraushängende Schlaufe etwas vergrößert.
„Immerhin schon ein kleiner Erfolg!“, versuche ich mir einzureden und mich selbst anzufeuern. Ansonsten tut sich wirklich nichts. Die Schlaufe und auch die Schnur lassen sich weder in die eine noch in die andere Richtung ziehen.
„Schmeiß das Ding doch in die Ecke! Ich bohre es dir morgen auf, jetzt habe ich keine Lust. Ich will fernsehen!“
„Da kommt doch eh’ nur „Bauer sucht Frau“. Ich suche keinen Bauern und du doch hoffentlich auch keine Frau. Also kann ich auch noch weiter versuchen den Knoten zu lösen“, entgegne ich.
Irgendwie habe ich nach einer weiteren Viertelstunde das Gefühl, dass sich etwas tut. Nur was, das kann ich noch nicht richtig deuten, denn es könnte tatsächlich auch nur meine eigene Fantasie sein. Ich stochere unermüdlich weiter.
Halt, das Stückchen Schnur an dem ich ziehe, ist soeben einen Zentimeter länger geworden, hängt aber schon wieder fest. Ich ziehe, stochere und schiebe mit der Gabel die aufgewickelte Schnur von einer Richtung in die andere. Wieder lockert sich der Wirrwarr ein kleines Stückchen. Also weiter.
„Geschafft!“, rufe ich aus!
Ich habe mein Jojo entwirrt, wickele die Schnur wieder auf und los geht’s!

Einmal runter, einmal hoch und wieder runter…… Toll!!!

8 Kommentare

  1. Eva V sagt

    Liebe Astrid,
    ich sehe diese Verwicklungen so richtig vor meinen Augen. Gut, dass mit deiner Geduld die Verknotungen gelöst wurden. Das wäre ja schade für den kleinen Kerl.
    Liebe Grüße
    Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ich fand das Jojo einfach so niedlich und ich hätte es auch nicht entsorgt, wenn ich die Verwicklung nicht hätte lösen können. Zur Not wäre da ja noch der Vorschlag meines Mannes gewesen.
      Einen schönen Frühlingstag und LG
      Astrid

  2. Martina sagt

    Herrlich, ich habe die Geschichte genossen und konnte mich so gut in die Situation hinein versetzen. Ich hätte auch so schnell nicht aufgegeben! Toll geschrieben – da hat das Lesen Spaß gemacht! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      ja auch das Schreiben hat Spaß gemacht, denn das habe ich ja erst getan, nachdem die Verwirrungen gelöst waren. Während des Entwirrens war ich zwischen leichter Verärgerung und Ehrgeiz hin und her gerissen, aber Letzteres hat überwogen.
      LG
      Astrid

  3. Christine R. sagt

    Oh weh, Astrid – da hat Dein Pinocchio Glück gehabt, dass er MIR nicht in die Hände gefallen ist – ICH hätte nämlich nicht so viel Geduld aufgebracht, sondern den Kerl in die Ecke geworfen!
    Als Kinder haben wir auch Jojo gespielt – aber wir hatten eins aus Plastik, und uns ist das öfter passiert, dass sich der Faden verknotet hat. ICH habe den nie auseinandergefummelt …
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Ich glaube es war nicht nur die Geduld alleine, sie war gepaart mit meinem Ehrgeiz es zu schaffen. Außerdem ist es ja kein einfaches Plastikjojo, sondern ein „Holzkopf“ – ist doch auch irgendwie ein süßer Kerl, der kleine Pinocchio.
      LG
      Astrid

  4. Hallo, liebe Astrid,
    mit Schulterschmerzen, dass ich die Maus kaum bewegen kann und die Tasten nur zögerlich berühre, versuche ich dir paar Worte zu schreiben. Danke für deinen lieben Eintrag in mein Gästebuch.
    Hab mir deine Geschichte vom Quatschky vorlesen lassen und irgendwie hat man bei deinen Geschichten immer den Eindruck. aha, das hab ich auch schon mal ähnlich erlebt. Sei froh, dass du nur den Peter um dich hast. Wenn du neben einem Peter auch noch zwei-drei andere Angehörige um dich hast- die wissen alle besser, wie mans macht. Und schmeiß mal eine Fadengardine in die Waschmaschine, ohne sie vorher abzubinden. Da kannst du was erleben!
    Hab noch viel Spaß mit Pinocchio. Doch aus Erfahrung weiß man auch, dass alle Urlaubserinnerungen irgendwo in einer Schubladecke verkommen und man sie alle Jahre wieder nur zu Gesicht bekommt.
    Liebe Grüße von
    Lisa

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Lisa,
      ich hoffe Dir ist die Sache mit der Fadengardine nicht passiert. Ich stelle mir dieses Wirrwarr schrecklich vor. Nur gut, ich habe meine Fadengardine irgendwann einmal entsorgt.
      Gute Besserung für Deine Schulter
      LG
      Astrid

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