Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten

Knöpflein

Flori ist sechs Jahre und besucht die erst Klasse. Seit ein paar Tagen darf er den Schulweg ganz alleine gehen. Zuerst hat ihn die Mutter immer bis zur Schule begleitet, dann bis zur großen Kreuzung und gewartet, bis er ordnungsgemäß den mit einer Ampel versehenen Fußgängerüberweg überquert hat. Dann aber hat sie gesagt:

„Flori, ich möchte jetzt wieder halbtags arbeiten. Und weil ich schon vor dir aus dem Haus gehen werde, musst du von nun an alleine zur Schule marschieren. Du kennst den Weg und weißt, wo man besonders gut aufpassen sollte und auch wann du dort sein musst.“

„Endlich hat sie kapiert, dass ich inzwischen ein großes Schulkind bin“, hat Flora sich gedacht und ihr versprochen nicht zu trödeln und immer pünktlich zu sein.

Fünf mal wöchentlich geht er nun den selben Weg, der ihn an einer Baustelle vorbeiführt. Das Haus jeen Tag ein bisschen mehr und er winkt den Bauarbeitern immer freundlich zu. Aber er bleibt nie stehen, denn er hat es ja eilig.

Eines Tages jedoch ist die Baustelle verlassen, das Haus erst halb fertig. Man erzählt sich, dass es einen Baustopp gegeben hat. Warum weiß Flora nicht, aber er versteht, dass das Haus vorerst nicht fertig gebaut wird. 

Auf seinem Heimweg bleibt er stehen und schaut neugierig durch den Bauzaun. An der Hauswand neben der Eingangstür ist ein rundes kleines Loch zu sehen und hier entdeckt er etwas.

„Da schaut ja ein kleines Mäuschen heraus. Ob es dort wohnt?“, überlegt Flori. 

„Hey!“, ruft er und lächelt.

Das Mäuschen scheint ihn gehört zu haben, denn es schaut in seine Richtung, verschwindet dann aber ganz schnell in seinem Versteck.

Auch am nächsten und am übernächsten Tag geht es so. Allerdings bleibt das Mäuschen immer ein bisschen länger stehen und schaut Flori aus seinen kleinen süßen Augen an, bevor es sich wieder versteckt.

„Ach komm doch wieder hervor! Ich tu dir doch nichts!“, ruft Flori.

Und tatsächlich lugt es nochmals vorsichtig hervor.

„Morgen bringe ich dir ein Stück Käse mit“, verspricht Flori. „Du hast doch bestimmt Hunger, jetzt wo alle Bauarbeiter weg sind und niemand mehr ein Krümelchen fallen lässt.“

Als am nächsten Morgen die Mutter das Haus verlässt, stibitzt Flori einen Käsewürfel aus dem Kühlschrank und steckt ihn in seine Hosentasche. 

„Das ist für Köpflein!“, denkt er sich.

Weil ihm die schönen kleinen Knopfaugen des Mäuschens so gut gefallen haben, hat er ihr insgeheim den Namen „Knöpflein“ gegeben.

Auch heute ist Knöpflein wieder da und schaut aus seinem Versteck, als würde es auf Flori warten.

„Schau mal, was ich dir mitgebracht habe!“, ruft der Junge und versucht den Käsewürfel dem Mäuschen zuzuwerfen. Aber durch den Bauzaun hindurch geht es nicht so gut und so landet das Stückchen Käse kurz hinter dem Zaun und weit weg von Knöpflein.

„Hol dir den Käse!“, ruft Flori. Aber das traut sich das Mäuschen nicht. Es schaut immer wieder zwischen dem Jungen und dem Käse hin und her, bleibt aber in seinem Versteck.

„Morgen bekommst du wieder Käse“, verspricht der Junge und setzt seinen Heimweg fort.

„Hoffentlich holt sich Knöpflein das Stückchen und hoffentlich wird es davon satt.“

Flori ist ganz besorgt, dass die niedliche Maus verhungern könnte. Und so bringt er auch am nächsten und an allen weiteren Tagen ein Stückchen Käse mit. Immer wenn Flori wiederkommt, ist der Käse vom Vortag verschwunden und das Mäuschen erwartet ihn. Allerdings traut es sich auch jeden Tag ein bisschen weiter an den Bauzaun heran. So erwartet Knöplein Flori eines Tages direkt hinter dem Zaun. Die Beiden sind inzwischen richtige Freunde geworden und Flori hat sogar das Gefühl, dass das Mäuschen ihn ebenso mag wie er sein Knöpflein. Sogar auf den Namen hört es schon. Sollte Flori mal ein bisschen früher oder später an der Baustelle vorbei kommen, dann braucht er nur leise zu rufen und schon kommt Knöpflein angetrippelt.

Doch eines Tages gehen die Arbeiten an der Baustelle weiter. Das Haus wird verputzt und Knöpflein ist in seinem Versteck nicht mehr sicher, deshalb hat es sich irgendwo anders versteckt. Traurig schaut die Maus Flori an, als sie sich nur getrennt vom Zaun gegenüberstehen.

„Ich werde dir helfen, damit du ein neues Zuhause hast“, gibt Flori dem kleinen Mäuschen das Versprechen.

Den ganzen restlichen Tag grübelt Flori und kann sich gar nicht auf seine Hausaufgaben konzentrieren.

„Was ist denn mit dir los?“, fragt der Großvater, der Floris Mathematikhausaufgaben nachschaut. „Du rechnest doch sonst alles fehlerfrei!“

Da bricht es aus Flori heraus und er vertraut dem Großvater seine Sorgen an.

„Warte mal!“,meint der Opa. „Ich glaube, ich hab‘ da eine Idee!“

Langsam geht der Großvater die Kellertreppe hinunter. Flori weiß, das bereitet seinem Opa große Mühe, denn sein Knie mag keine Treppen mehr steigen und schmerzt bei jeder Stufe. 

Nach einer Weile kommt der Großvater mit einem kleinen Vogelbauer wieder zurück. 

„Was anderes habe ich in der Eile nicht gefunden, aber es müsste seinen Zweck erfüllen.“

Mit mehreren Käsestückchen bewaffnet, laufen Flori und sein Opa zur Baustelle. 

„Knöpflein!“, ruft Flori. Doch erst nach mehrmaligen Rufen sehen sie das Mäuschen hinter einem Stein hervorlugen. 

„Komm! Wir bringen dich in dein neues Zuhause! Hab keine Angst! Alles wird gut!“

Es dauert ziemlich lange, doch endlich traut sich Knöpflein vor den Zaun und lässt sich mit Hilfe des leckeren Käse dazu verlocken in den Vogelbauer zu schlüpfen. Flori redet dem Mäuschen den ganzen Weg über gut zu und versucht ihm die Angst zu nehmen.

Zuhause angekommen, gehen sie gleich in den Garten. Dort hat der Großvater in einer Ecke ein Rohr hingelegt. Das war eigentlich am alten ausrangierten Briefkasten befestigt gewesen. Hierin hatte der Briefträger immer die Zeitungen abgelegt. Jetzt ist es mit ein bisschen Gras ausgelegt und soll nun als Unterschlupf für Knöpflein dienen. 

Flori öffnet den Vogelbauer und ehe er sich versieht, entschlüpft Knöpflein seinem Gefängnis und versteckt sich in dem Rohr. Hier fühlt es sich sicher und nach ein paar Minuten schaut das Mäuschen mit strahlenden Augen wieder heraus.

„Hier wohne ich jetzt!“, scheint es Flori und dem Großvater zuzublinzeln. „Danke für mein neues Zuhause!“

8 Kommentare

  1. Liebe Astrid, herzlichen Gruß.
    Hast Dir wieder eine tolle kleine Geschichte ausgedacht.
    Hab noch einen schönen Abend, tschüssi, Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Danke, liebe Brigitte.
      Ich habe diese kleine Maus auf Teneriffa an einer Hauswand entdeckt. Sie hat mir so gut gefallen, dass ich ihr einfach eine Geschichte widmen musste.
      LG zur guten Nacht
      Astrid

  2. Hallo liebe Astrid,
    ach ist das süß…
    Ja mit Käse fängt man Mäuse und Gottseidank hatte Opa noch den Vogelbauer gehabt, so konnten sie Knöpflein umsiedeln und ein neues Zuhause geben.

    Einen schönen Tag wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Biggi,
      ich fand die Zeichnung des kleinen Mäuschens sooo süß, dass ich mir dafür unbedingt eine Geschichte einfallen lassen musste. Aber ganz ehrlich gesagt, finde ich Mäuse nur aus sicherer Distanz niedlich, ansonsten würde ich sogar vor ihnen aus „Angst“ davonlaufen 😉.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    das ist eine reizende Geschichte! 🙂 Und sie hat mich auf eine Idee gebracht – denn auf der Suche nach geeigneten Stützen für einen neuen Rosenbogen fanden wir in der Gartenhütte ein Rohr. Vielleicht wäre das auch für die hier im Garten lebenden Mäuse ein netter Unterschlupf? Immerhin haben wir hier ja auch unsere zwei Katzen – und dann noch einige andere Miezen, die unseren Garten durchstreunen…
    Übrigens, unsere Katze Nina hat uns früher mehrmals lebende Mäuse ins Haus gebracht, die wir dann händisch oder mit Lebensmausefallen gerettet haben – also: Angst brauchst du vor den kleinen Tierchen bestimmt nicht zu haben ;-))
    Alles Liebe und Happy Weekend,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/03/fruhlingsmodus-teil-1.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      mir ist schon klar, dass diese winzigen Tierchen mir nichts tun, aber trotzdem… Ich glaube jedoch, dass ich mit meiner „Angst“ vor Mäusen nicht alleine bin. Ist schon irgendwie seltsam, dass man so ein Angsthase sein kann. 😀Wahrscheinlich haben die Mäuse berechtigterweise mehr Angst vor uns Menschen.
      Nun sind wir wieder zurück von der schönen warmen Insel und der Alltag hat uns wieder. Ich hoffe, dass ich am WE Zeit finde, um meine Blogrunde zu drehen.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
      Astrid

  4. Eine schöne rührende Geschichte! Wenn es doch immer so gut ausgehen könnte im Leben.
    Hier haben Mäuslein leider keine Chance. Aber jedes, das ich vor den Miezen retten kann, wird hoffentlich dankbar sein.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das hoffe ich auch jedesmal, wenn mein Mann ein Mäuschen rettet. Leider weiß man nie so genau, ob sie tatsächlich überleben, denn sie tragen häufig auch Blessuren davon.
      LG
      Astrid

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