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Die Entführung

Bestimmt möchtet Ihr wissen, wie Professor Konfusi so ins Neue Jahr gekommen ist. Ich verrate vorerst nur soviel, dass es zunächst ganz schön turbulent zuging und dann jedoch ganz ruhig. Aber lest doch einfach weiter, dann könnt Ihr alles ganz genau erfahren:

Es ist der Vormittag des 31. Dezembers.

„Brauchst du etwas aus dem Keller?“, fragt Frau Konfusi ihren Mann. „Ich gehe nämlich runter.“ Sie erhält lediglich ein stummes Kopfschütteln, denn der Professor sitzt gerade über seiner Briefmarkensammlung und sortiert den Briefmarkenjahrgang 1989.
Frau Konfusi geht nach unten, um den Kassler aus der Gefriertruhe zu holen, denn bei ihnen ist es Tradition am Neujahrstag Kassler mit Sauerkraut zu essen. Sie lächelt still vor sich hin, denn die Sache mit dem Sauerkraut an Neujahr ist so eine Art Aberglaube, den sie von ihren Eltern her kennt und der auch in ihrer eigenen Familie zwar nicht wirklich geglaubt, aber doch gepflegt wird. Das Sauerkraut am 1. Januar soll nämlich dafür sorgen, dass der Geldbeutel im kommenden Jahr nicht leer wird, sondern sich sogar noch füllt. Aber eigentlich rührt es aus den Kriegsjahren, in denen es in den Wintermonaten kein frisches Gemüse gab, nur eben das Sauerkraut. ( Sauerkraut zum Neuen Jahr)
Gedankenverloren schließt sie die Kellertür auf, da hört sie Stimmen. Sie kommen aus dem Keller, der zu der leerstehenden Wohnung im 3. Stock gehört.
„Ob wir ab Januar neue Mieter im Haus haben?“, fragt sie sich im Stillen. „Ich habe bisher niemand gesehen und auch noch nichts davon gehört.“
Sie dreht sich um, sieht aber niemand. Gesprächsfetzen dringen an ihr Ohr:
„Verhalte dich still!…
…Nicht rumzappeln!…
…Entführung…“
Frau Konfusi hält die Luft an. Da es im Keller so hallt, ist es ihr nicht möglich mehr zu verstehen, geschweige denn die Stimmen zu identifizieren.
„Um Himmels Willen! Eine Entführung! Hier im Haus!“, fährt es ihr durch den Kopf. Sie muss schnellstmöglich wieder nach oben und ihrem Mann davon erzählen und selbstverständlich auch, um die Polizei zu informieren. So leise wie möglich schleicht sie zur Kellertreppe. Plötzlich hört sie ein Geräusch, als würde etwas Schweres über den Boden gezogen und wieder eine Stimme:
„Pass doch auf!…
…Wir brauchen ganz schnell Wasser!…
…sonst stirbt er uns noch!…
…dann war die ganze Entführung umsonst…

Frau Konfusi bekommt es mit der Angst zu tun und eilt die Treppen so schnell sie kann nach oben. Atemlos kommt sie oben an, reißt die Wohnungstür auf und ruft:
„Hilfe! Entführung!“
Erschrocken kommt Professor Konfusi aus dem Wohnzimmer geeilt.
„Was ist denn los? Du bist ja total außer Atem und so blass als hättest du ein Gespenst gesehen. Setz dich erst einmal und dann erzähl der Reihe nach!“, fordert er seine Frau auf und reicht ihr ein Glas Wasser.
„Dort unten, in dem leeren Keller sind Entführer. Ich habe es ganz deutlich gehört!“
„Beruhige dich! Was hast du denn gehört?“
Jetzt erzählt Frau Konfusi ihrem Mann die ganze Geschichte. Sie ist immer noch total aufgeregt.
„Wir müssen die Polizei verständigen!“, schließt sie ihren Bericht ab.
„Warte erst noch einen Moment. Ich schleiche mich mal hinunter. Vielleicht hört ja nur jemand bei den Silvestervorbereitungen im Keller Radio. Du hast dich bestimmt getäuscht!“
„Nein, nein!“, beteuert Frau Konfusi. „Bleib lieber hier!“
„Wenn ich in 10 Minuten nicht wieder hier oben bin, dann rufst du die Polizei“, bestimmt ihr Gatte, schnappt sich seinen Spazierstock, falls er sich verteidigen muss und schon fällt die Wohnungstür ins Schloss.
Frau Konfusi jedoch holt sich das tragbare Telefon und lauscht durch einen Spalt ins Treppenhaus hinaus. Alles ist still, so als wäre nichts geschehen. Und doch passiert dort unten im Keller etwas.
Nach Minuten der Stille, die ihr endlos erscheinen, hört sie Schritte auf der Treppe. Gerade will sie die Notrufnummer der Polizei wählen, da erkennt sie die Stimme ihres Mannes:
„Ihr seid mir aber zwei schöne Entführer! Wie seid ihr nur auf so eine Idee gekommen.“
Schon schiebt er Marco und dessen Freund Manuel zur Wohnungstür hinein.
„So, hier haben wir die Übeltäter!“, sagt er und lächelt seine Frau an. „Du kannst ganz beruhigt sein, wir brauchen keine Polizei. Aber Erklärungsbedarf besteht schon!“, richtet er sich zuerst an seine Gattin und dann an die beiden Jungs.
Marco blickt beschämt nach unten auf seine Füße. Dann holt er dreimal kräftig Luft und beginnt seine Berichterstattung, zuerst etwas stockend, doch dann immer flüssiger.
„Alles fing an der Weihnachtsfeier an, zu der mein Vater bei seinem Chef eingeladen war. Sie erinnern sich doch, als er das Problem mit dem Krawattenbinden hatte.“
„Ja, ja, erzählt nur weiter!“, ermuntert ihn Professor Konfusi.
„Naja und der Chef hat meinem Vater zu Silvester einen Karpfen versprochen, sozusagen als zusätzlichen Dank für seine gute Arbeit.“
Marco stockt und blickt hilfesuchend zu seinem Freund, der auch gleich einspringt.
„Gestern hat er ihn bei Marcos Eltern vorbeigebracht. Ich war gerade dort und habe gesehen, wie er ihn in einem mit Wasser gefüllten großen Eimer brachte“, erzählt Manuel.
„Mein Vater und der Chef haben den lebenden Fisch in die Badewanne gesetzt, denn wenn er noch ein wenig in sauberem Wasser schwimmt, dann schmeckt er angeblich nicht mehr so schlammig. Und danach hat der Chef erklärt, wie der Karpfen getötet, ausgenommen und als Silvesteressen zubereitet werden muss werden.“
Marco kämpft mit den Tränen. „Der Karpfen ist so ein schöner kräftiger Kerl und er hat mich aus seinen traurigen Augen angesehen.“
Auch Marco schaut jetzt das ältere Ehepaar traurig an.
„Und da sind wir auf die Idee mit der Entführung gekommen“, berichtet Manuel weiter. „Als Marcos Eltern vorhin noch einmal schnell in die Stadt gefahren sind, haben wir den Karpfen sozusagen entführt. Wir haben ihn in den leerstehenden Keller gebracht, eine alte Blechwanne aus unserem Schuppen geholt und wir waren gerade dabei diese mit Wasser zu befüllen, als der Professor uns erwischt hat.“
„Wir hatten doch nur Mitleid mit dem Karpfen und außerdem mag ich auch überhaupt keinen Fisch essen. Nur weil das so eine Tradition zu Silvester ist, soll der Karpfen sterben. Und dann soll man auch noch eine Schuppe des Karpfens in der Geldbörse behalten, damit immer genug Geld da ist, hat der Chef erzählt. So ein Blödsinn! Deshalb wollten wir ihn morgen  in einen der Teiche hinten am Waldrand werfen, damit er wieder richtig schwimmen kann. Und von meinem Gesparten habe ich schon ganz viele Würstchen und Kartoffelsalat beim Metzger geholt, damit das Silvesteressen nicht ganz ausfällt“, erklärt Marco.
„Ach, bin ich froh, dass es nur eine Karpfenentführung war!“, lacht Frau Konfusi erleichtert und holt den beiden Jungs Limonade und Schokolade.
„Wann kommen denn deine Eltern zurück?“, will sie noch von Marco wissen.
„Ich glaube, sie müssen jeden Moment auftauchen!“, antwortet der Junge ängstlich.
„Na, dann werde ich mal im Treppenhaus auf sie warten und die Beiden zu uns herein bitten. Aber Marco, du musst es ihnen schon selbst beichten“, sagt Professor Konfusi. „Ich bin mir sicher, das lässt sich alles regeln!“
So ist es dann auch, denn es stellt sich heraus, dass auch Marcos Eltern Würstchen besorgt haben. Auch sie ziehen dieses einfache Silvesteressen dem Karpfen vor.
Nach dieser ganzen Aufregung am Vormittag, rutschen Professor Konfusi und seine Frau um Mitternacht doch noch still und friedlich ins Neue Jahr. Sie stoßen in trauter Zweisamkeit mit einem Gläschen Sekt an und danach gehen sie hinunter auf die Straße. Sie bestaunen mit den Nachbarn das Feuerwerk und wünschen allen ein frohes und gesundes Neues Jahr.
Am Nachmittag des 1. Januars marschieren sie gemeinsam mit Marco, seinen Eltern und seinem Freund Manuel zu den Fischteichen. Dort lassen sie den Karpfen Egon, inzwischen hat er nämlich auch noch einen Namen erhalten, sanft ins Wasser gleiten. Irgendwie scheint es ihnen, als blicke dieser noch einmal zu ihnen ans Ufer, doch dann schwimmt er davon.

16 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    ich freue mich für Egon, im Teich geht es ihm nun wieder gut. Danke für diese schöne Geschichte, so ganz nebenbei erfährt man etwas über Bräuche zum Jahreswechsel. Das mit dem Sauerkraut und Kassler wusste ich noch nicht, meinem Mann würde es aber sehr gefallen, wenn wir diesen Brauch übernehmen würden. Es ist sein Leibgericht!
    Herzliche Grüße und einen schönen Tag dir
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Regina,
      ich ziehe dem Sauerkraut das Rotkraut vor. So sind die Geschmäcker verschieden und das ist auch gut so.
      Ich danke Dir für Deinen Besuch und den netten Kommentar.
      Liebe Grüße zum Abend
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    Egon geht’s gut. Jippie!
    Auch die Eltern wollten ihn nicht töten.
    Was für eine nette Geschichte.
    Sauerkraut mag ich sehr gern. Ob mit Kassler oder mit Mettwürstchen.
    deine Bärbel

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      Sauerkraut ist gar nicht mein Fall, aber Rotkraut zum Kassler, das esse ich sehr gerne.
      Ich wünsche Dir einen schönen Abend und sende Dir liebe Grüße
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Hallo lieber Klaus,
      danke, dass Dir meine Geschichten gefallen. Ich hoffe, dass mir auch dieses Jahr wieder viele schöne Geschichten einfallen, mit denen ich Euch alle erfreuen kann.
      Viele Grüße aus dem verschneiten Cottbus
      Astrid

  3. Liebe Astrid, gut, dass Egon keine Schuppe lassen musste und in den Teich zurück kam. Lieber Sauerkraut, das tut keinem weh. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, liebe Eva, nur für den Kasslerbraten muss ein Schwein geopfert werden. Vielleicht sollte man nur Kraut essen ;-). Dann ziehe ich allerdings das Rotkraut vor.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

  4. Martina sagt

    Du hast es wieder so herrlich geschildert, dass ich während des Lesens ein breites Grinsen im Gesicht getragen habe :-)!!! Eine wahrhaft dramatische Entführung!!! — Übrigens weiß ich jetzt, warum ich immer so wenig Geld in meiner Geldbörse habe: Wir essen niiiieeee Sauerkraut am 31.12. – also wenn das wirklich hilft, weiß ich, was es in diesem Jahr an Silvester zu Essen gibt!!! Danke für die schöne Geschichte! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Wenn es geholfen hat, dann sollte ich mich auch einmal dazu überwinden, denn ich mag Sauerkraut überhaupt nicht. Ob Rotkraut auch wirkt 😉
      Sei herzlich gegrüßt aus dem winterlich kalten Cottbus
      Astrid

  5. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie Karpfen gegessen, würde ich auch heute nicht tun…obwohl ich Fisch mag, aber Egon gehört in den Teich und vielleicht treffe ich ihn mal, dann können wir ein wenig reden…Karpfen können so schön an der Wasseroberfläche schwimmen und dann „sprechen“ sie mit ihrem Maul. Ich bleibe wachsam 🙂

    LG Mathilda <3

    • Astrid Berg sagt

      Ich habe ebenfalls noch nie Karpfen gegessen und habe es eigentlich auch nicht vor. Ich esse viel lieber Lachs, denn er schmeckt weder nach Schlamm noch nach Fisch 😉 .
      Als ich Deinen Kommentar las, musste ich schmunzeln. Sag Egon schöne Grüße von mir, falls Du ihn treffen solltest 😉 .
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht und danke Dir für Deine lieben Worte.
      LG
      Astrid

  6. Liebe Astrid, Professor Konfusi zaubert immer ein verschmitztes Lächeln in mein Gesicht. Das ist so schön. Und die Kinder kann ich mir lebhaft vorstellen! Den Professor hätte ich auch gern als Freund. 😉 LG Tanja Und meine Kinder bestimmt auch.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      ich freue mich immer ganz besonders, wenn Du mir so einen lieben Kommentar zu einer Professor Konfusi Geschichte schreibst. Immerhin hast Du mich auf die Idee gebracht diesen netten älteren Herrn immer wieder neue Erlebnisse bestehen zu lassen. Er ist mir inzwischen schon richtig ans Herz gewachsen.
      LG
      Astrid

  7. Liebe Astrid,
    ich traue mich gar nicht es zu sagen, aber ich … ähhh… finde Fisch ja großartig. Fleisch brauche ich nicht. Aber bei Fisch werde ich schwach. Ja, es tut mir wirklich leid! Wenn doch ein Fisch schon Egon heißt, dann MUSS man ihn doch einfach lieb haben! 🙂
    Ganz liebe Grüße und danke für die schöne Geschichte, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Emily,
      ich muss gestehen, dass ich auch Fisch esse, allerdings keinen Karpfen, sondern am liebsten Lachs. Aber einen lebend in der Badewanne schwimmenden Fisch könnte ich nicht töten und dann verspeisen.
      LG aus dem verregneten Cottbus
      Astrid

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