Autor: Astrid Berg

Auf großer Fahrt

Wir waren jetzt nicht gerade auf großer Fahrt, nur auf einer kleinen, bei der mir die große Fahrt einfiel. Klingt irgendwie kompliziert, oder? Ist es aber eigentlich gar nicht. Um Euch das zu erklären, fange ich am besten von vorne an. Nein, ich zäume das Pferd von hinten auf und somit fange ich bei unserer Fahrt am letzten Freitag nach Berlin an: „Wir haben ganz vergessen etwas zum Trinken mitzunehmen“, meint mein Mann, während er den Blinker auch schon nach rechts setzt, um auf den Parkplatz abzubiegen. „Spring doch bitte mal rein und vielleicht haben sie auch noch von den leckeren belegten Baguette.“ So komme ich ein paar Minuten später wieder voll beladen heraus. Da ich keine Tasche dabei habe, balanciere ich alles auf meinen beiden vor dem Körper verschränkten Armen. Jetzt ist allerdings guter Rat teuer, denn ich habe keine Hand mehr frei, um die Autotür zu öffnen. Von meinem Göttergatten kann ich auch keine Hilfe erwarten, denn er bemerkt mein Kommen anscheinend gar nicht, da er in ein Telefongespräch vertieft ist. Mir bleibt …

Kopflos

Heute melde ich mich nur mal ganz kurz. Die Muse habe ich weggeschickt, denn für sie fehlt mir momentan einfach die Zeit. Sie ruht sich ein bisschen aus.  Ich habe ihr versprochen, dass sie sich schon sehr bald wieder austoben darf. Bestimmt kennt Ihr das auch, wenn der Kopf mit anderen Dingen voll ist und man sich ein bisschen kopflos fühlt. Es gibt so vieles zu erledigen und zu organisieren. Das bedeutet, dass man sich voll und ganz den Dingen widmen und sich in sie versenken muss. Dann ist alles auch ruckizucki erledigt. Danach schenke ich der Muse wieder meine Zeit. Ich freue mich schon darauf, wenn sie mich küsst und ich für Euch eine neue Geschichte schreibe. Dann fühle ich mich auch nicht mehr kopflos. Ich bin mir sicher, dass ich noch vor dem Wochenende die Muse wieder willkommen heißen kann. Bis dahin seid herzlich gegrüßt und vielleicht habt Ihr noch Lust ein paar andere Geschichten von mir zu lesen: Tänzchen gefällig Pit Struwwel und Franz Stroh Die Sache mit der Vorahnung     …

Ungebetener Besuch

Heute bin ich einmal die Geschichtenerzählerin. Für alle die mich noch nicht kennen, darf ich mich kurz mit meinem Namen vorstellen: Lottchen. Ich bin die einzige Katze hier im Hause und ohne eingebildet zu wirken, kann ich behaupten, dass ich allseits beliebt bin. Und das nicht nur bei meiner Menschenfamilie, sondern auch bei allen Nachbarn. Ich bin immer herzlich willkommen. Als Dankeschön lege ich dem einen oder anderen auch gerne mal ein kleines Geschenk vor die Tür. Ich bin mir allerdings nicht immer so sicher, ob sie sich wirklich darüber freuen und es zu schätzen wissen. Neulich zum Beispiel habe ich beobachtet, was der Nachbar mit meinem Geschenk gemacht hat. „Schaut mal, was uns Lottchen gebracht hat. Wollt ihr es haben?“, rief er lachend über den Gartenzaun zu Frauchen und Herrchen rüber. Dann entsorgte er mein Geschenk in der Mülltonne. Aber ich schweife vom Thema ab, denn ich wollte eigentlich von einem Gast in meinem Zuhause berichten, der immer wieder herein kommt. Mein Frauchen hat mal erzählt, dass sie einen Spruch über einen ungeliebten Besucher …

Filmreif

Gestern ist mir etwas passiert, das muss ich einfach loswerden. Irgendwie war es witzig, aber auf eine gewisse Art auch peinlich. Mir zumindest. Und bestimmt ist mir auch die Röte ins Gesicht getreten. Ich sag  ja immer, das Leben schreibt die besten Geschichten. Man braucht sie gar nicht lange zu suchen, sie kommen einfach auf uns zu. Nur erkennen muss man sie. „Ich muss dir unbedingt was erzählen. Das hat sich gerade beim Einkaufen ereignet.“ „Hast du wieder einmal ein Tänzchen im Supermarkt (Tänzchen gefällig?) vollführt?“ „Nein, ich stand ganz still.“ „Jetzt machst du mich aber neugierig! Erzähl doch einfach und spann mich nicht so lange auf die Folter!“ „Also gut. Ich habe meine Mutter zum Frisör gebracht und wollte dann noch einige Erledigungen machen.“ „Oh bitte, zähl nicht alles auf, was du eingekauft hast.“ „Quatsch, ich hatte noch gar nichts eingekauft und auch fast noch nichts im Einkaufskorb liegen.“ „Hast du jemand getroffen, den wir noch aus unserer Schulzeit kennen?“ „Nein, diesmal leider nicht!“ „Und?!“ „Dann lass mich doch einfach reden und unterbrich mich nicht …

Halloween

Meine heutige Geschichte ist zum Teil erfunden, aber in ihr steckt auch ein wahrer Kern. Diese wahre Begebenheit ereignete sich vor mehr als zwei Jahrzehnten im Hause eines Ehepaares, das uns jedes Jahr im Herbst zu einem köstlichen Abendessen in geselliger Runde einlud. Sie hatten bereits einen siebzehnjährigen Sohn, der eines Tages auf eine seltsame Idee kam … Kurz und gut, ich habe nun um diese uns erzählte Begebenheit eine Professor-Konfusi-Geschichte gesponnen: „Heute ist es sehr ungemütlich draußen. Richtiges Halloweenwetter!“, sagt Frau Konfusi zu ihrem Mann als sie beim Essen sitzen. „Ja, es hat die ganze Nacht, einschließlich heute Vormittag gestürmt und geregnet“, bestätigt Professor Konfusi seiner Gattin. „Es ist das geeignete Wetter um einige unliebsame Dinge im Haus zu erledigen.“ „Und woran hast du dabei gedacht?“, erkundigt sie sich. „Unser Keller bedarf wieder einmal einer gewissen Ordnung. Es haben sich im Laufe der Jahre so viele unnötige Sachen angehäuft, die könnte man mal entsorgen.“ „Das ist eine hervorragende Idee. Ausmisten ist immer gut. Lass uns gleich nach dem Mittagessen damit anfangen.“ Frau Konfusi ist …

Jetzt ärgere ich mich aber…

Mit meiner Mutter war ich irgendwann Anfang des Jahres in einem Hörakustiker- und Optikergeschäft. Dort entdeckte ich ein Brillenetui. „Schau mal!“, sagte ich zu meiner Mutter. „Das ist echt chic. Das gefällt mir!“ „Ja, ein wirklich elegantes Teil“, bestätigte auch meine Mutter. Nachdem ich es nach allen Seiten gedreht und gewendet hatte, erstand ich es und freute mich sehr darüber. Es war von der Außenseite mit  schwarzem Kunstleder überzogen, das wie Schlangenleder wirkte. Die Innenseite war mit Samt ausgefüttert. Leider ist Chic nicht immer mit guter Verarbeitung verbunden, denn schon nach geraumer Zeit ging es entzwei. Ich muss allerdings alle Schuld von mir weisen, denn ich habe es sicherlich pfleglich behandelt. Trotzdem löste sich eines Tages eines der Seitenteile, – ein kleines Dreieck. „Ach, das kann ich Dir wieder einkleben“, versprach mir mein Mann, der schon auf dem Sprung zu einem Termin war. „Ich habe den entsprechenden Kleber. Lass es mal in Deiner Küche liegen, – ich muss jetzt weg…“ Und dabei blieb es auch, – sprich: Das Etui blieb samt Dreieck liegen. Nach ein paar …

Frau Fröhlich und Herr Trüb

„Grüß Gott! Ich bin Frau Fröhlich und wohne ganz oben auf dem Berg im schönen Bayernland. Umgeben von Wiesen und Wäldern genieße ich die bayrische Natur und mein Leben. Ich bin so, wie schon mein Name verrät, – eine richtige Frohnatur. Immerzu habe ich ein Lächeln auf den Lippen und am liebsten würde ich den ganzen Tag singen. Gekleidet bin ich natürlich wie eine echte Bayerin. Am liebsten trage ich mein Dirndl und einen feschen Hut habe ich auch auf dem Kopf. Er schützt mich vor der Sonne, damit ich keinen Sonnenstich bekomme. Mir geht es richtig gut, wäre da nicht mein Nachbar. Er ist ein echter Griesgram. Er scheint immer schlecht gelaunt zu sein, selbst die Sonne kann ihn nicht aus dem Haus locken. Eigentlich sieht er in seinen kurzen Lederhosen recht adrett aus, zu denen er ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und Kniestümpfe trägt. Mit seinem Hütchen wird er zum feschen Bayer. Wir könnten eigentlich ein nettes Pärchen abgeben, aber mit ihm kann man ja nicht einmal reden. Sobald ich nach draußen …

Goldener Herbst

Endlich ist er da: Der goldene Herbst, so wie ich ihn liebe. Keine Kälte, keine Nässe und auch kein Nebel. Purer Sonnenschein. Ich weiß, er wird heute nur für wenige Stunden bleiben, denn wie gesagt, es ist ja schon Herbst. Ich kann nicht anders, ich muss diese Zeit nutzen und Sonne tanken. Außerdem ist es Sonntag und mir läuft die Arbeit sowieso nicht weg. Also mache ich mir eine Tasse Tee, gehe hinaus in unseren Garten und setze mich auf einen der beiden Liegestühle, die genau für solche Gelegenheiten noch nicht im Gartenhaus verstaut sind. Ich richte ihn mir aus und recke mein Gesicht der Sonne entgegen, deren Strahlen mich sanft an der Nase kitzeln. Die Augen geschlossen, lausche ich der Stille, die eigentlich keine ist. Aus der Ferne klingen Kirchenglocken und aus unseren Bäumen dringt sogar noch ein zartes Vogelgezwitscher zu mir herüber. „So kann es bleiben“, denke ich mir und blicke mich in unserem Garten um. Mein Mann kommt mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu mir und lässt sich auf dem …

Herbstliche Kinderwelt

  Mama, Mama, ich will nach draußen! Ach Kind, dort ist nur Regen und Wind. Bitte, lass uns mit dem Wind um die Ecken sausen. Mama, komm doch bitte ganz geschwind! Dann brauchen wir Stiefel und Regenjacken, die uns gegen Kälte und Nässe schützen, denn der Wind bläst tüchtig mit seinen dicken Backen. So werden uns nützen auch Schal und Mützen. Mama, Mama, ich will doch patschen und froh in die großen Pfützen springen. Wenn das Wasser dann spritzt, will ich klatschen, hüpfen, lachen und ein Liedchen singen! Mama, Mama, ich will mich bewegen, aufwirbeln unter dem Baum das Laub, in mein Körbchen all die bunten Blätter legen. Bitte, bitte Mama es mir erlaub! Mein Kind, ich freue mich sehr, wenn leuchten deine Augen so froh! Papa kommt mit einem Drachen noch hinterher. Den lassen wir dann steigen sowieso! Mama, Papa schaut am Himmelszelt, mein Drachen ganz hoch oben fliegt! Er sieht herab auf uns und meine Kinderwelt, lustig er sich im Winde wiegt. Mama, Papa, danke für diesen Tag! Mein Herz schlägt wild vor …

Auch das bin ich

Als ich neulich in einer Buchhandlung stöberte, entdeckte ich ein Buch, das mein Interesse weckte. Ich griff  danach, blätterte es durch und erstand es.  Inzwischen hat es einen Platz in meinem Arbeitszimmer. Es handelt sich um „Das Buch der fast vergessenen Wörter“ von Petra Cnyrim*. Sie erklärt und zeigt den Ursprung bestimmter Wörter auf. Manche davon sind ganz verschwunden, andere sind im Begriff vergessen zu werden. Schon beim Durchblättern kamen Erinnerungen in mir hoch und eine Idee entstand: Ich möchte meinen Namen (Astrid Berg) auf solche Wörter und meine damit ganz persönlichen Erinnerungen durchforsten. Also lasst Euch überraschen, was dabei herausgekommen ist. A   Als Kind trug ich im Winter einen Anorak und raste in einem Affenzahn auf meinem Schlitten den Hügel hinunter. Heute saust man vielleicht in einer mit Fell gefütterten Windjacke, in einer Skijacke oder in einer mit Daunen gepolsterten Kapuzenjacke… den Schneehang hinunter, aber keinesfalls in einem stinknormalen Anorak. Da ich 1960 geboren bin, war es in meiner Generation üblich, dass man im Laufe seines Weges zum Erwachsenwerden mit der Aussteuer ausgestattet …

Herbstgedanken

Schon ist es wieder soweit, angebrochen ist nun des Herbstes Zeit. Schickt zum Himmel die Gedanken, um uns für die reiche Ernte zu bedanken. Herbst kommt mit goldenem Licht oder versperrt mit Nebel uns die Sicht. Sonne, Sturm, Nebel und Regen, bunte Blätter auf Bäumen und Wegen. Vorbei ist des Sommers Schwüle, alles Leben sich einstellt auf die Kühle. Kürzer und dunkler die Tage, der Schirm als Begleiter,-keine Frage. Kinder in die Pfützen springen, bunte Blätter, Kastanien nach Hause bringen. Drachen am Himmel schweben und Spinnen fleißig ihre Netze weben. Kommt und genießt das Leben, denn auch der Herbst kann viel geben. Tauscht ein den Sonnenschein, gegen besinnliche Ruhe bei Kerzenschein. Sucht die gemütliche Geselligkeit, stimmt Euch ein auf die vierte Jahreszeit.      

Nebel

Ich stehe am Fenster und blicke hinaus. Nebelschwaden liegen sanft über der Wiese. Es ist Herbst, man kann es nicht mehr leugnen. Mit meiner Zeitung und einer Tasse Tee setze ich mich gemütlich an den Küchentisch. Automatisch greife ich nach meiner… Und schon ist sie da, meine kleine Nebel-Erinnerungsgeschichte: Es ist schon ziemlich lange her. Unser Sohn war noch ein kleiner Junge, vielleicht sogar noch ein Baby. Wir wohnten zur Miete in einem Zweifamilienhaus in Darmstadt. Die Vermieter hatten ihre Wohnung unten und wir die gleiche Dreizimmerwohnung oben. Unser Sohn wurde von dem älteren Paar behandelt, als wäre er das Enkelkind. Er durfte alles. Seine Schaukel und später sein Basketballkorb hingen im Hof, sein Sandkasten und der Swimmingpool hatten ebenso ihren Platz im Garten und ein kleines Beet durfte er auch bearbeiten. Wir fühlten uns dort rundum wohl und hatten einen regen Kontakt zu unseren lieben Vermietern. So war es auch selbstverständlich, dass wir uns gegenseitig zu den Geburtstagsfeiern einluden. Ich weiß nicht mehr, wer Geburtstag hatte, aber es war zumindest einer der Beiden. Alle …

Mister Tremblehand

Ich stelle mir manchmal vor, dass es in einer Ecke meines Gehirns einen riesigen Schrank mit unzähligen Fächern und Schubladen gibt. Manchmal öffnet sich ganz unvermittelt sozusagen auf Knopfdruck eine dieser Laden. Hierin liegen wahre Schätze verborgen. Sie verweilen dort zum Teil schon seit mehreren Jahrzehnten. Es sind meine Erinnerungen. Eine davon glaubte ich schon verloren zu haben, doch dann geschah etwas, das sie auf wundersame Weise wieder  zum Leben erweckte. Plötzlich stand diese Erinnerung wieder klar und deutlich vor meinem geistigen Auge. Es war als hätte man den passenden Schlüssel gefunden, das Fach öffnete sich und gab frei, was darin so lange verborgen war. So geschah es auch neulich mitten in Potsdam. Ich besuchte mit meinem Mann diese schöne Stadt und inzwischen waren wir mit einigen Tüten und Taschen bepackt. Als ich nur noch schnell einmal einen Blick in ein Schuhgeschäft werfen wollte, dachte mein Mann sich wohl, dass dies etwas länger dauern könnte und machte mir einen Vorschlag: „Ich bringe schon einmal die Einkäufe ins Auto, dann kannst du in aller Ruhe das …

Die Weigerung

Es ist unser letzter Urlaubstag und wir haben gerade das Abendessen eingenommen. Da wir uns angewöhnt haben anschließend noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen, schlendern wir die Uferpromenade entlang. Wir plaudern über dies und das und schließlich stellt mein Mann mir eine Frage: „Wirst Du zu ihr gehen, wenn wir wieder daheim sind?“ „Zu wem soll ich gehen?“, erkundige ich mich stirnrunzelnd. „Na, Du weißt schon. Zu ihr gehst du doch immer gleich, wenn wir wieder zurück sind.“ „Nein!“, gebe ich ihm sehr deutlich zu verstehen. „Sie wird dich vermissen!“, gibt er zu bedenken. „Na und, ich aber sie nicht! Ich habe mir vorgenommen erst drei Tage abzuwarten und dann könnte ich es mir vielleicht noch überlegen, was ich tue.“ „Das nimmst Du Dir doch immer vor und außerdem ändert es an der ganzen Sache rein gar nichts.“ „Da bin ich zwar anderer Meinung“, gebe ich meinem Göttergatten zu verstehen. „Aber warten wir es mal ab. Lass uns den letzten Urlaubsabend noch genießen, alles andere kommt später dran.“ Unsere Unterhaltung diesbezüglich wird an dieser Stelle …