Kurzgeschichten
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Auf Umwegen ans Ziel

Das Leben geht nicht immer gradlinig voran. Manchmal geht alles kreuz und quer und manchmal muss man andere Wege beschreiten. Rückschritte gehören ebenso dazu wie der Blick zur Seite. Um im Leben aber voran zu kommen, wirft uns gerade eben dieses Leben nicht selten sogar Steine in den Weg. Es lässt uns über Hindernisse stolpern oder auferlegt uns Umwege und Abkürzungen, um an unser Ziel zu kommen. 

Peter ist bei uns in der Familie und im Freundes- bzw. Bekanntenkreis für seine Abkürzungen bekannt. Das rührt im Grunde noch aus unserer Zeit in Darmstadt. Damals arbeitete er in einer anderen Stadt, was bedeutete, dass er jeden Tag 50 Kilometer hin und 50 Kilometer zurück fahren musste. Da wir allerdings weiter in Darmstadt leben wollten, nahm er diese Wegstrecke in Kauf. Zumal wir die Autobahn quasi direkt vor der Haustür hatten und in 20 Minuten am Flughafen waren, von dem er mindestens einmal in der Woche aus beruflichen Gründen wegfliegen musste.
Da es in der Firma noch einige weitere Mitarbeiter gab, die ebenfalls in Darmstadt wohnten, bildeten sie eine Fahrgemeinschaft. So fuhr einmal dieser und einmal jener der jungen Männer. Die A5 war schon damals eine viel befahrene Autobahn und so passierte es immer wieder, dass sich Staus bildeten. Diese führten jedoch zu Verspätungen oder zumindest zu Verzögerungen. Peter hingegen erdachte sich immer neue Lösungen für dieses Problem, wobei er sehr phantasievoll war. Auf gut Deutsch gesprochen, bedeutete dies, dass er jede nur mögliche Abkürzung oder auch jedmöglichen Umweg nahm, um an sein Ziel zu kommen.
„Ich fahr jetzt hier ab und fahre auf der Landstraße weiter“, erklärte er beispielsweise den anderen. „Das kann auch nicht länger dauern, als hier im Stau zu stehen!“
Da anfänglich keiner protestierte, setzte er auch das Gesagte in die Tat um. Ich will ja nicht behaupten, dass er mit seinem Vorhaben auf der falschen Fährte war, – jedenfalls nicht immer, – aber immer öfter.
Manchmal brachte sie ein Umweg tatsächlich schneller ans Ziel. Des öfteren jedoch bedeutete die vermeintliche Abkürzung nicht nur einen weiteren Fahrtweg, sondern auch eine zeitliche Verlängerung. Das kam daher, dass andere ebenfalls auf diesen Gedanken kamen, aber auch, weil sie dadurch direkt von einem Stau in den nächsten Stau fuhren. War dies nicht der Fall, trafen sie auf eine Baustelle, auf eine Einbahnstraße, vorgeschriebene Fahrtrichtungsanzeigen oder eine Sperrung. So kam, was kommen musste, die Mitfahrer waren nicht mehr ganz so überzeugt von seinen Abkürzungen und meinten:

„Du Peter, lass uns heute mal keine Abkürzung fahren. Wir haben es heute nämlich eilig!“
Dieser Ausspruch seiner ehemaligen Arbeitskollegen verfolgt meinen Peter bis heute. Freunde und Familienmitglieder befürchten schon immer das Schlimmste, wenn mein Mann auch nur das Wort Abkürzung in den Mund nimmt. Zumal Peter niemals nach den Vorschlägen des Navis fährt, sondern sich mit dieser künstlichen Stimme Streitgespräche liefert und sich lieber nach Himmelsrichtung und Sonnenstand mit seinem Auto vorwärts bewegt. Dies mag ja noch gutgehen, wenn sich ihm nicht die oben genannten Hindernisse in den Weg stellen.
Personen, welche zum ersten Mal das Vergnügen einer Mitfahrgelegenheit in Peters Auto haben, ahnen jedoch nichts von seiner Leidenschaft für Abkürzungen, die eigentlich Umwege bedeuten. So hatte er einmal Amerikaner in seinem Wagen, als er durch Berlin fuhr und durch einen Stau an der Weiterfahrt gehindert wurde, was ihn allerdings wie man schon erahnen kann keineswegs in Verlegenheit brachte. Er kreuzte vollkommen zielstrebig kreuz und quer durch die Großstadt und zog sich die Bewunderung der ortsunkundigen Insassen zu:
„You know Berlin very well! Hats off!“ (Sie kennen Berlin sehr gut! Alle Achtung!“
„Nur keine Verunsicherung aufkommen lassen“, dachte sich Peter hingegen.
Die Tatsache, dass er sich der Methode von Versuch und Irrtum bediente und schließlich mehr oder weniger zufällig am Ziel ankam, blieb diesen Personen gegenüber sein ganz persönliches Geheimnis.
Peters Vorliebe für Umwege und Abkürzungen bezieht sich inzwischen nicht nur auf die Fahrt auf vier Rädern, sondern auch auf den Gang auf zwei Beinen. Ist bei uns in der Stadt ein Jahrmarkt, Weihnachtsmarkt oder dergleichen, darf ich mich nicht so sehr in ein Gespräch mit meinem Peter vertiefen, denn er führt mich sonst ganz unauffällig hinter den Verkaufsständen vorbei. Doch mittlerweile bin ich auf der Hut und erkläre schon gleich beim Betreten des Festplatzes:
„Komm, lass uns bitte vorne herum gehen, denn ich möchte auch sehen, was bei den einzelnen Ständen angeboten wird!“
Manchmal nimmt Peter auch noch diverse Hilfsmittel in Anspruch, um seine Umwege und Abkürzungen zu verwirklichen.
Die Sache ereignete sich vielleicht vor drei oder vier Jahren, jedenfalls wohnte unser Sohn damals noch zu Hause:
Peter hatte abends noch eine geschäftliche Besprechung mit anschließendem Abendessen. Eigentlich sollte ich mitkommen, aber ich hatte an diesem Abend keine Lust.
„Ich ziehe einen gemütlichen Fernsehabend mit anschließendem entspannenden Schaumbad und frühem Zubettgehen dem langweiligen Geschäftsessen vor“, erklärte ich ihm.
Während Timo am Computer arbeitete, zog ich mich frühzeitig ins Schlafzimmer zurück und in der Gewissheit, dass Peter bald wieder zu Hause sein würde, schlief ich auch relativ schnell ein. Laut Peters späteren Schilderungen traf er so gegen 0 Uhr 30 zu Hause ein:
„Alle Häuser in unserem Stichweg lagen im Dunkeln und auch aus unserem Haus drang kein Lichtstrahl mehr nach draußen. Als ich vor der Haustür stand, stellte ich plötzlich fest, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte.“
Da man zu solch später Stunde auch bei keinem Nachbarn mehr klingeln kann, obwohl dort ein Haustürschlüssel von uns deponiert war, ist ja verständlich. Also suchte er in seiner Jackentasche nach seinem Handy, um mich anzurufen und um Einlass zu bitten. Wer meinen Mann kennt, der weiß, dass Peter entweder kein Handy dabei hat oder der Akku desselben leer ist. In dieser besagten Nacht traf der erste Fall zu.
„Nun gut, dann muss ich eben klingeln!“, dachte er sich wohl weiter und drückte auf den Klingelknopf. Da sowohl Timo als auch ich tief und fest schlummerten, erfolgte auf Peters mehrmaliges Klingeln nicht die gewünschte Reaktion.
„Ja, der Peter, der ist schlau“, könnte man jetzt singen, wenn man seine Schilderung der folgenden Aktion hört:
„Ich dachte mir, irgendwie muss ich mir ja Gehör verschaffen, um ins Haus zu kommen. Also marschierte ich durch unseren Garten in Richtung Gartenhaus. Zum Glück spendete mir der Mond genügend Licht, so dass ich auch gleich den benötigten Hilfsgegenstand fand und benutzen konnte“, erzählte er mir später.
Ich hingegen ahnte nichts vom Verhängnis meines Mannes, sondern war in meinen Träumen versunken. Plötzlich hörte ich im Traum eine mir bekannte Stimme, die mir etwas zurief. Ich konnte sie jedoch nicht verstehen, deshalb rief mir diese Stimme erneut etwas zu. Sie war so laut, dass ich die Botschaft auf einmal ganz deutlich vernehmen konnte. Auch erkannte ich die Stimme unseres Sohnes, die aus dessen Zimmer kam:
„Jetzt mach ihm doch endlich auf! Damit dieses Klopfen aufhört!“
Mit einem Schlag war ich hellwach. Jetzt hörte ich es auch. An der Tür, die von meinem Schlafzimmer auf den Balkon führte, wurde laut und deutlich geklopft. Nach der ersten Schrecksekunde vernahm ich auch Peters Rufen:
„Mach bitte mal auf!“
„Wo kommst du denn her?“, fragte ich ihn verblüfft, als ich den Rolladen hochgezogen, die Balkontür geöffnet hatte und Peter vor mir stand.
Erfinderisch wie mein Peter nun einmal ist, hatte er sich die lange Leiter geholt, diese am Balkon angestellt und war über das Balkongeländer geklettert.
Wie ich sehen konnte, hatte ihn diese Abkürzung ohne Umwege in unser Schlafzimmer geführt –  und ich kann jetzt sogar behaupten, dass jemand bei mir „Fensterln“ war.

5 Kommentare

  1. Hallo liebe Astrid,
    was wie eine philosophische Abhandlung begann, war recht amüsant zu lesen. Ist aber auch sehr persönlich. Aber lachen musste ich schon, und so einiges kommt mir bekannt vor.
    Liebe Grüsse
    Elke

  2. Liebe Astrid, herzlichen Wochenendgruß.
    Bei mir war es so, daß meine Eltern im Theater und ich war 10 Jahre und sollte keinem die Tür öffnen. Also schlief ich und die Eltern kamen nicht rein, weil ich von innen den Türschlüssel beim Abschließen der Wohnungstür stecken ließ. So war dann der Nachbarsjunge, 2 Jahre älter als ich, das Regenrinnenrohr in die erste Etage hochgeklettert und konnte mich durch Fensterklopfen wecken. Da das Fenster etwas geöffnet war, rief er auch meinen Namen und davon wurde ich wach.
    Ein Glück, daß das Regenrohr hielt.
    Deine Geschichte ist schon erstaunlich, Dein Mann ist halt immer noch überzeugt, wenn er eine Abkürzung nimmt, daß er schneller am Ziel ist. Die Hauptsache ist, daß Du mit ihm dadurch nicht in Streit gerätst.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      das ist ja auch eine lustige Geschichte. 🙂 Da haben deine Eltern aber Glück gehabt, dass der Nachbarsjunge so gut klettern konnte.
      Nein, ich bekomme keinen Streit mit Peter, manchmal sind wir ja dann auch tatsächlich schneller am Ziel.
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
      Astrid

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