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Was hat Oma Hildi angestellt? (1)

Enkelkinder sind neugierig. So auch Oma Hildis Enkel. Er ist bereits ein Schulkind und möchte keine erfundene Gutenachtgeschichte hören, sondern eine aus dem wahren Leben. Deshalb versucht er mit einem kleinen Trick Oma Hildi Geschichten aus ihrer Kindheit zu entlocken. 

„Mama und Papa sagen, ich sei früher ein kleiner Schlingel gewesen, weil ich Papa mit der Zange in den Popo gezwickt habe, als er auf der Leiter stand. Warst du auch so ein Schlingel oder warst du immer brav?“
„Eigentlich war ich immer brav, soweit ich mich erinnern kann…,“, meint die Großmutter schmunzelnd. „Bis auf ein- oder zweimal vielleicht.“
Dieser letzte Satz lässt den Enkel aufhorchen. Er will das jetzt ganz genau wissen.
„Nun sag schon. Was hast du angestellt?“
„Ach, du weißt ja sicher, dass ich noch einen Bruder und eine Schwester hatte. Ich war die Jüngste von uns Dreien und somit das Nesthäkchen, wie man so schön sagt.“
„Dann bist du wohl genauso verwöhnt worden, wie ich als Einzelkind“, sagt der Enkel hoffnungsvoll.
„Naja, manchmal haben sie mich ein bisschen verwöhnt, aber es war ja Krieg damals und man kann das schwer mit heutzutage vergleichen. Meine Eltern haben schon sehr darauf geachtet, dass wir auch teilen gelernt haben. Naja, ich war ja noch klein und manchmal vergisst  man das auch…“
„Aha, ich ahne da etwas!“ Erwartungsvoll blickt der Enkelsohn seine Oma an, die auch gleich weitererzählt.
„Eigentlich waren die Beiden ja auch irgendwie selbst schuld. Ich war ja noch so klein, vielleicht drei Jahre. Aber das weiß ich nicht mehr so genau. Auf jeden Fall hatten sie ein bisschen Geld, das für uns alle bestimmt war. Nicht viel, nur ein paar Pfennige. Aber sie reichten aus, um sich etwas etwas zu kaufen, das es nicht alle Tage gab. Vielleicht kannst du dir denken, was das war?!“
„Ich weiß nicht. Mama sagt immer, man muss nicht jeden Tag Süßigkeiten haben.“
„Da liegst du gar nicht so falsch. Meine Geschwister haben mir das Geld in die Hand gedrückt und mich zum Bäcker um die Ecke geschickt. Dort sollte ich Schokolade kaufen.“
„Oh, oh! Und du hast das Geld verloren?“, fragt der Enkel.
„Aber nein!“, Oma schaut fast ein wenig entsetzt. „Das Geld habe ich ganz fest gehalten, als ich zum Laden gelaufen bin. Die Bäckersfrau hat mich gekannt und mir sogar etwas mehr Schokolade für mein Geld gegeben. Sie hat mich sogar daran erinnert, dass ich mich beeilen sollte, damit die Schokolade nicht in meiner Hand zerschmilzt. Auf dem Heimweg hatte ich es allerdings nicht mehr so eilig wie auf dem Hinweg. Ich habe mir nämlich überlegt, dass ich ja lieber meinen Anteil schon essen sollte, damit er nicht schmilzt. Die Schokolade hat so gut geschmeckt. Richtig lecker. Ich glaube fast, ich habe nie mehr wieder so köstliche Schokolade gegessen.“
„Weißt du noch welche Marke es war“, erkundigt sich ihr Zuhörer.
„Nein, ich konnte damals doch noch nicht lesen und sie war ja auch gar nicht eingepackt, sie lag nur lose in einer kleinen Papiertüte. Jedenfalls war mein Anteil sicher in meinem Bauch gelandet und weil die Bäckersfrau mir ja mehr gegeben hatte, dachte ich mir ich könnte sicherheitshalber diesen Teil auch noch essen. Davon wussten meine Geschwister ja nichts und so würden sie ihn auch nicht vermissen. Sicher ist Sicher, dachte ich mir und stopfte die Schokolade in mich hinein.“
„Hast du kein Bauchweh davon bekommen?“
„Das nicht, ich kann mich zumindest nicht daran erinnern. Im Gedächtnis ist mir etwas ganz anderes geblieben.“
„Und was?“
„Die entsetzten Gesichter meiner Geschwister als ich endlich nach einer Ewigkeit zu Hause ankam.“
„Wieso?“
„Naja, zum Einen, weil alles rund um meinen Mund total schokoladenverschmiert war…“
„Und zum anderen?“, will der Enkel wissen.
„… weil die Tüte vollkommen leer war.“
„Ohje, das hat wohl Ärger gegeben.“
„Das kannst du aber glauben“, bestätigt Oma Hildi. „Die Schokolade, die ich ein paar Wochen später von meiner Patentante zum Geburtstag geschenkt bekam, musste ich abgeben und bekam selbst nur ein winziges Stückchen davon ab.“
„Richtig so!“, schallt es von der Kinderzimmertür her. Dort steht nämlich Opa, der den letzten Teil der Geschichte mitgehört hat. „Das sollten wir auch einführen, denn Oma futtert mir immer die ganze Schokolade weg und ich finde dann nur noch die leere Verpackung. Leider verrät sie sich nicht mehr durch einen schokoladenverschmierten Mund.“

 

 

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8 Kommentare

  1. Was für eine schöne Geschichte, liebe Astrid!
    In dieser Zeit merke ich immer mehr, wie wichtig die Geschichten sind, die uns aus trüben Gedanken reißen können, vielen Dank!
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Ohja, das stimmt. Geschichten verschaffen uns Ablenkung, egal ob es das Schreiben oder Lesen von Geschichten ist. Sie entführen uns in eine andere „Welt“.
      Ich wünsche Dir schon jetzt ein schönes Wochenende und bleib gesund!!!
      LG
      Astrid

  2. Platz Lore sagt

    Was für eine herrliche Geschichte, ich musste schmunzeln und besonders, weil Oma noch immer eine Naschkatze ist und auch Opas Schokolade verputzt. Liebe Astrid, ich sehe wir sind beide gut im neuen Jahr angekommen und trotz Corona machen wie weiter mit Geschichten schreiben. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      2021 wird hoffentlich immer ein bisschen besser, bis wir endlich wieder ein normales Leben führen können.
      Gerne lese ich Deine märchenhaften Geschichten. Durch unser gegenseitiges Besuchen im virtuellen Raum schenken wir uns schöne Minuten, die uns von dem ganzen schlimmen Coronageschehen ablenken.
      LG
      Astrid

  3. Ach wie niedlich wieder diese Geschichte. Auch wir mussten immer teilen, waren 3 Kinder. Ich die älteste, ich musste immer einkaufen gehen. Die Straße runter hatten wir einen kleinen Laden. Alte Leutchen. Und es gab diese großen Glasbehälter mit losen Süßigkeiten darin. So richtig schön wie im Kaufmannsladen zum Spielen kam man sich da vor. Papiertüten, die alte rasselnde Kasse, immer ein freundliches Wort. Ich weiß sogar noch den Namen der Leute.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Wir hatten einen „Schulbäcker“, so nannten wir ihn, da sein Geschäft unweit der Schule war. Dort haben wir uns oftmals Brötchen und Schaumküsse geholt, die wir dann zwischen den oberen und unteren Teil des Brötchens zerquetschten . Dort gab es ebenfalls diese Gläser mit losen Süßigkeiten.
      LG
      Astrid

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