Kurzgeschichten
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Zwischen Kampf und Unterhaltung

Unsere Welt wird mehr und mehr von Automaten beherrscht. Überall stehen sie rum und warten darauf von uns bedient zu werden. Meist funktionieren sie auf Knopfdruck, aber manchmal auch nicht. Dann wehren sie sich irgendwie gegen unsere Behandlung. Vielleicht haben wir die falschen Knöpfe gedrückt, zu leicht, zu fest oder zu lange gedrückt oder die Automaten sind in die Jahre gekommen und reagieren einfach nicht mehr. Möglicherweise führen sie auch eine Art Eigenleben.
Ich denke gerade so vor mich hin: „Früher als Kind war unser erster Kontakt mit der Welt der heimtückischen Automaten, derjenige mit den Kaugummiautomaten. Zehner rein, gedreht und schon kullerte der Kaugummi heraus, Klappe auf, Kaugummi raus, in den Mund gesteckt und losgekaut.“ Vor meinem inneren Auge sehe ich mich mit meinen Freundinnen vor einem solchen Kaugummiautomat stehen.
„So einfach war das damals“, überlege ich weiter. „Der nächste Kontakt war dann mit den Briefmarkenautomaten, was sich eigentlich auch ganz einfach gestaltete.“
Ich erinnere mich, dass man hierbei eine Kurbel drehen musste.
„Dann waren da noch die Zigarettenautomaten, die ebenfalls einfach zu bedienen waren“, wandere ich in Gedanken weiter.
Selbst ich als Nichtraucher weiß, dass man das Geld in den Schlitz warf und dann die betreffende Schublade aufziehen musste und schon war die Zigarettenpackung greifbar. Heutzutage weiß ich allerdings nicht mehr, wie diese Automaten überhaupt funktionieren. Ich rauche nicht und habe mich deshalb auch nie mit einem solchen Automat, der jetzt den Personalausweis verlangt, auseinander gesetzt.
Inzwischen bin ich total in Gedanken versunken und stelle so für mich fest, dass ich immer öfter Gespräche oder Kämpfe mit diversen Automaten ausführe.
„Ja“, wandern meine Gedanken weiter, „ich unterhalte mich beispielsweise immer mit dem Ticketautomat am Bahnhof. Beim ersten Mal hat sich dieses Gespräch noch etwas schwierig gestaltet und ich musste ihm alles immer mehrmals sagen, bevor wir unser Gespräch mit dem entsprechenden Erfolg beenden konnten. Inzwischen funktioniert es manchmal auch wortlos. Keine Ahnung, an wem dies nun liegt. Vielleicht hat sich der Automat an mich oder ich mich an ihn gewöhnt. Aber wir kommen miteinander klar.“
Bei diesen Überlegungen muss ich in mich hinein lächeln, anscheinend aber auch nach außen für jedermann sichtbar, denn mein Mann fragt mich plötzlich:
„Was gibt es hier zu grinsen?“
„Ach, eigentlich nichts. Das erzähle ich dir später, aber jetzt muss ich noch schnell in den Supermarkt Getränke holen!“
„Prima, ich komme mit, denn ich will eben noch mal schnell in den Baummarkt.“
Jetzt stelle ich noch Körbe und Taschen mit meinem Leergut in den Kofferraum und schon kann unsere Einkaufstour beginnen.
„Lass mal!“, sagt Peter als wir am Parkplatz vor dem offenen Kofferraum stehen, „das mache ich schon!“
Ich greife mir die Taschen mit den leeren Plastikflaschen und ihm überlasse ich die schweren Glasflaschen. Irgendwie merke ich schon, dass sich seine Schritte beschleunigen, je näher wir den beiden Leergutautomaten kommen. Ich glaube es macht ihm Spaß, die Flaschen in den Automat zu schieben. Nun gut, er macht es ja auch selten, also lasse ich ihm die Freude. Aber eigentlich will ich auch! Absolut kindisch ist das, ich weiß es. Wahrscheinlich ist das noch so ein Relikt aus der Sandkastenzeit, als jeder das Schippchen des anderen haben wollte.
„Mit Sicherheit weiß Peter nicht, dass man diesen Automat mit Vorsicht genießen und diverse Überredungskünste beherrschen muss, damit dieser das Geforderte tut“, überlege ich noch.
Da stehen wir auch schon vor ihm und stecken die Flaschen abwechselnd in die Öffnung. Das klappt aber nur bei den ersten drei Flaschen, dann weigert sich der Automat schon.
„Also auf in den Kampf!“, denke ich mir und sage dann zu meinem Peter:
„Lass mich mal!“ Du machst das nicht richtig. Der Automat ist dein Tempo nicht gewohnt, du machst das viel zu schnell.“
„Ach Quatsch!“, meint mein Göttergatte. „So ein Automat muss das können, immerhin ist er dafür konstruiert.“
„Trotzdem ist er wohl anderer Meinung. Warum sonst schiebt er immer wieder die Flasche zurück?!“
Ich entnehme also die Flasche, um sie ganz vorsichtig und langsam wieder hinein zu legen. Ich warte ab, bis sie fast verschwunden ist und erst dann schiebe ich die nächste langsam nach.
„Siehst du! Klappt doch!“
Denkste! Schon verweigert er wieder den Gehorsam.
„Was ist denn jetzt schon wieder los?“, richte ich meine Frage an den Flaschenautomat.
„Hier steht es doch!“, sagt Peter und deutet mit dem Finger auf das Display. „Die Flasche gehört nicht in das Sortiment des Marktes“, liest er vor. „Wer weiß, wo du die gekauft hast?!“
„Ach so ein Blödsinn“, erkläre ich. „Die habe ich hier gekauft.“ Und zum Automaten gerichtet, füge ich hinzu: „Also nimm sie gefälligst auch wieder zurück!“
Ganz vorsichtig schiebe ich die Bierflasche wieder in die Öffnung. Trotzdem erzählt er mir wieder dasselbe.
„Aha“, kommt mir eine Idee. „Du willst also, dass ich diese Bügelflasche zumache. Okay, aber jetzt nimmst du sie!“
Ja genau! Das funktioniert. Also machen wir jetzt alle Flaschen mit Bügelverschluss erst einmal zu und dann legt mein Mann siegessicher die nächste Flasche rein.
„Die Flasche gehört nicht in das Sortiment des Marktes“, wiederholt der Automat.
„Was willst du denn noch von mir?“, frage ich ihn. „Der Flaschenboden war zuerst drin, der Bügelverschluss ist zu. Was also magst du jetzt nicht?“
Ich überlege kurz, dann erkläre ich meinem Mann: „Wirf erst einmal eine ganz andere Flasche ein und dann wieder eine von den Bierflaschen!“
„Und was soll das bringen? Glaubst du etwa, dass er sich ablenken lässt?“
Trotzdem befolgt mein Mann meine Anweisungen. Und was passiert? Mit diesem Trick funktioniert es plötzlich.
„Du kennst dich wirklich aus!“, sagt Peter jetzt anerkennend zu mir und steckt die nächste Wasserflasche in die runde Öffnung.
Wer glaubt, dass der Automat nun ergeben zu unseren Diensten ist, der täuscht sich gewaltig. Jetzt erklärt er uns nämlich, dass wir uns doch bitte an das Verkaufspersonal wenden sollen, denn der Auffangbehälter sei voll.
„Komm, wir gehen zu dem anderen Automat“, sage ich und deute auf das zweite Exemplar gleich nebenan.
Wir haben Glück, denn niemand steht davor, so dass wir sofort wechseln können. Das geht dann auch bei den ersten vier Flaschen recht flott, doch dann mokiert sich der Herr Automat darüber, dass die Flasche deformiert sei.
„Jetzt hab dich mal nicht so“, versuche ich ihn einzuschüchtern. Vorsichtshalber drehe ich jedoch die Flasche so, dass der Scanner die deformierte Seite nicht erkennt. Ich habe Glück und der Automat ist mit diesem Trick einverstanden. Seltsamerweise akzeptiert er auch die nächsten fünf Flaschen ohne Probleme. Doch dann ist er schon wieder der Meinung, dass das Objekt in seiner Öffnung nicht aus dem Sortiment des Marktes stammt. Allerdings ist er schon befriedigt, als Peter den Scancode nach oben dreht.
Völlig eingeschüchtert beseitigen wir die Deformierung der nächsten Plastikflasche, bevor wir sie mit angehaltenem Atem in die Öffnung schieben.
„Uff!“, atme ich erleichtert auf. „Das wäre wieder einmal geschafft!“
Als wir uns umdrehen, erkennen wir, dass sich hinter uns eine Schlange gebildet hat, die fast bis zum Ausgang des Marktes reicht. Außerdem blicken wir auch noch geradewegs in ein uns bekanntes Augenpaar.
„Seid ihr verantwortlich für diese Schlange?“, fragt uns eine Frau aus dem Nachbarhaus in unserer Straße.
Schnell schütteln wir den Kopf und lächeln total unschuldig. Im Grunde genommen sind wir das ja auch nicht, denn immerhin war es der Automat, der alles so verkompliziert hat.
Aber ehrlich gesagt, hat es auch Spaß gemacht, denn: Wer außer uns führt schon eine solch interessante und anregende Unterhaltung mit einem Getränkeautomat?

 

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Herzlichen Glückwunsch!

Ich hab‘ da eine kleine Macke

18 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, manchmal kommt einem der Zufall zu Hilfe und schon ist die Idee für eine neue Geschichte da.
      Ich finde es allerdings beruhigend, dass auch andere dieses Phänomen der ungehorsamen Flaschenautomaten kennen 😉
      LG und einen schönen Sonntag
      Astrid

  1. Tolle Geschichte und ja, ich kenne diese ungehorsamen Automaten auch.
    Bei uns geht meist Herr Sohn die Flaschen dorthin bringen und komischerweise hat er selten Misserfolge.
    Heißt ja auch DER Automat.
    LG Peggy

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, liebe Peggy ;-). Wer weiß, vielleicht ist da auch was dran, allerdings meinem Mann hat er ja auch nicht gehorcht. Ich glaube einfach, die Automaten führen ein Eigenleben.
      Ich schicke Dir ganz liebe Grüße aus dem verregneten Cottbus.
      Astrid

  2. Alles klar! Ich kann dir erklären, warum das so lange gedauert hat an dem Automaten: Der wollte unterhalten werden!!!! 🙂 — Ich musste vorhin bei der Erinnerung an den Kaugummiautomaten schmunzeln. Genau so war es. Aber noch beliebter waren bei mir die Automaten, in denen es Fingerringe ab. Leider kam nur gaaaaanz selten einer heraus gekullert. Meistens warf er etwas aus, das ich gar nicht haben wollte. Ich weiß gar nicht mehr, ob er auch nur 10 Pfennig oder sogar 50 Pfennig schluckte?! Danke für deine wieder einmal so humorvolle Geschichte! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Das scheint des Rätsels Lösung zu sein. Wir Menschen müssen die Automaten unterhalten, vielleicht sind sie uns dann besser zu Diensten 😉 .
      Genau wie Du habe auch ich diese kleinen Plastikringe geliebt. Wir Frauen freuen uns eben, wenn wir Schmuck geschenkt bekommen 🙂 .
      Ich schicke Dir liebe Grüße und wünsche Dir einen schönen Dienstagabend.
      Astrid

  3. Hallo Astrid,

    ich habe die Kaugummiautomaten geliebt *lach* aber nicht wegen der runden Kaugummis sondern ich wartete auf die kleinen Plastiküberraschungen 🙂

    Wie einfach man doch früher zufrieden war, nicht wahr?

    Liebe Grüße
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, wir haben uns über viele Kleinigkeiten gefreut. Ich fand diese kleinen Plastikringchen, die manchmal mit dem Kaugummi mitkamen, immer ganz toll. Naja, ich habe halt schon immer Schmuck geliebt 🙂 .
      LG und einen schönen Dienstagabend
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Leider sind nicht alle Veränderungen von Vorteil. So ein Flaschenrückgabeautomat ist im Normalfall schon eine gute Sache, aber alle Neuerungen bergen auch gewisse Komplikationen in sich. In unserem Fall waren es ja nur kleine und auch solche, über sie man lachen kann 🙂 .
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    lach mich weg, Du beschreibst das so herrlich. In Kaufland haben sie 4 Automaten, da passiert das nicht mehr. Hoffe ich auf jeden Fall. Schönen Tag Dir. LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Bei uns im Kaufland wird es noch per Hand aussortiert und gerechnet, was nicht unbedingt besser ist, als mit einem Automat. Wir hatten auch zwei Automaten zur Verfügung, was aber an der verzwickten Situation auch nichts änderte. Ich freue mich, dass Dir meine kleine Erzählung gefallen hat.
      Ich wünsche Dir einen schönen Dienstagabend und schicke Dir liebe Grüße.
      Astrid

  5. Das kommt mir sehr bekannt vor, liebe Astrid,
    ich habe all diese Tricks ausprobiert, mal mehr, mal weniger erfolgreich!
    Herrlich!
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Ja, liebe Regina, nicht alle Automaten reagieren auf denselben Trick gleich. Der eine lässt sich überreden, zu gehorchen, der andere nicht. 😉
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Ich spreche meistens mit diesen Automaten, um sie vielleicht doch noch irgendwie zu überzeugen, mir zu gehorchen. 😉
      Versuch es mal, es macht Spaß 😉 !
      LG
      Astrid

  6. Diese Flaschenautomaten haben mich auch schon zur Weißglut gebracht, aber auch Geldautomaten, wenn einem die PIN gerade entfallen ist, oder der Fahrkartenautomat, der kein Geld will und immer wieder ausspuckt, der Zug aber schon im Blickwinkel ist…

    Würde man alle Automaten durch Menschen entsetzen, hätten viele Menschen eine Aufgabe.

    Frühmorgengrüße
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Das stimmt, liebe Anna-Lena. Allerdings habe ich auch da ein Erlebnis, das mich doch sehr in Verwunderung versetzt hat. Als diese Flaschenrücknahmeautomaten eingeführt wurden, kam ich in einen Markt, in dem noch ein Mensch diese Arbeit ausführte. Ich war sprachlos, als dieser meinte, er könne eine Plastikflasche nicht annehmen, nur weil sie Deformierungen hatte. Der Scancode war jedoch unbeschädigt und einwandfrei erkennbar. Ich frage mich, weshalb dieser Mensch der kopflosen Maschine nacheiferte?
      LG
      Astrid

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