Kurzgeschichten
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Schere, Kamm und Lockenwickler 

Liselotte steht vor dem Spiegel und betrachtet das Bild, das ihr dieser zeigt. Normalerweise ist sie recht zufrieden mit ihrem Aussehen. Klar, ist ihr Gesicht nicht mehr so glatt wie in ihrer Jugend, sondern weist Falten auf.

Aber in ihrem Alter gehören diese kleinen Furchen einfach dazu. Immerhin hat sie schon seit mehr als zwei Jahrzehnten das Rentenalter überschritten. Sie erzählen von guten und schlechten Zeiten, von Lachen und Sorgen, von Lebenserfahrung. 
Trotzdem achtet sie immer noch auf ihr Aussehen und lässt sich die inzwischen grauen, vielleicht sogar weißen Haare, färben. Einst hatte sie schwarze Haare, – pechschwarz. Gut, so dunkel trägt sie sie nicht mehr, aber ein Braunton ist es immer noch. 
Doch was sie heute sieht, lässt sie aufseufzen.
„Ach Corona, was hast du nur aus uns allen gemacht!“
Ja, sie hat sich ihre Haare selbst gefärbt, so wie früher auch hin und wieder. Doch mittlerweile ist es schon anstrengend, besonders weil sie den rechten Arm bedingt durch ihre Arthrose in der Schulter, nicht mehr so gut heben kann. 
„Wer schön sein will, muss eben leiden“, hat sie sich zähneknirschend gesagt und sich so gut es ging, bemüht.
„Aber jetzt wird es endlich Zeit. Bin ich froh, dass ab Montag die Friseurgeschäfte wieder öffnen. Lang sind sie geworden, – meine Haare.“
Längst dringt ihr Spiegelbild nicht nicht mehr in ihr Bewusstsein, obwohl sie immer noch in den Spiegel blickt, –  ihre Gedanken wandern ab. Weit zurück bis in ihre Kindheit.
Damals hatte ihr Vater selbst einen Friseurladen mit Angestellten. Sehr höflich war er immer gewesen und hatte die Kundschaft mit „Gnädige Dame“ und „Gnädiger Herr“ angesprochen. 
Ein Lächeln überzieht nun Liselottes Gesicht. Sie erinnert sich an eine Situation, als der Lehrling ihr als Kind die Haare schneiden sollte und der Vater mit Adlersaugen darauf achtete, dass seiner Tochter nichts passierte. „Wehe, du verletzt meine kleine Liselotte mit deiner Schere!“, hatte er dem Lehrling mit erhobenem Zeigefinger gedroht. 
„Doch nach dem Krieg war alles anders“, denkt Liselotte und schickt ihre Gedanken weiter auf die Reise.
Als junge Frau und Mutter nahm sie ihre Tochter auch gerne mit zum Friseur, allerdings wurde nur sie selbst frisiert, da die Tochter ihre langen Haare als geflochtene Zöpfe trug.
„Na, junges Fräulein! Sollen wir heute deine Zöpfe abschneiden“, hatten die Friseurinnen immer alle lächelnd gefragt und jedesmal ein Nein als Antwort erhalten. Doch als sich ihre Tochter eines Tages tatsächlich dazu entschloss, vergewisserten sie sich vorsichtshalber erst noch einmal bei Liselotte, bevor sie mit der Schere ans Werk gingen.
Liselotte selbst hatte in ihrer Jugend bereits Dauerwellen und dies handhabt sie auch heute in ihrem betagten Alter noch so. Somit gehören regelmäßige Friseurbesuche und Lockenwickler zu ihrem Leben.
„Corona hat alles durcheinandergebracht“, flüstert Liselotte ihrem Spiegelbild zu.
Schon lange tragen die Friseurinnen keine Schürzen mehr. 
„Eigentlich hat das mehr Farbe in den Laden gebracht. Heutzutage tragen sie ja meist nur schwarzweiße Alltagskleidung. Und noch einen Nachteil gibt es“, überlegt Liselotte, „in die Schürzentaschen konnte man mehr oder weniger unauffällig das Trinkgeld hineinsteckten.“
Liselotte fährt sich mit den Fingern durch die Haare, danach greift sie zu etwas, das auf dem kleinen Schränkchen im Badezimmer liegt. 
„Jetzt tragen sie keine Schürzen mehr, dafür müssen wir alle nun dieses Ding anziehen.“
Sie zieht jeweils eines der Gummibänder über das linke und rechte Ohr, platziert das Stückchen Stoff über Nase und Mund und bedeckt auch noch das Kinn damit.
„Naja, hübsch ist etwas anderes“, sagt sie sich. „Neben ihrem eigentlich vorgesehenen Nutzen, haben diese Masken allerdings einen weiteren nicht zu vernachlässigenden Vorteil, – die Falten werden ebenfalls abgedeckt. Nur die Lachfältchen bleiben noch sichtbar.“ 
Mit einem Blick in den Spiegel lässt Liselotte ihre Augen lächeln.

 

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