Kurzgeschichten
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Klein und fein, aber mein!

Manchmal besitzt man etwas, auf das man stolz ist. Auch mir ging es vor vielen Jahrzehnten so. Genauer gesagt, ich bekam etwas zu meinem achtzehnten Geburtstag von meinen Eltern geschenkt, das mein ganzer Stolz war, aber viele meiner Klassenkameraden machten Witze darüber. Erst nach dreißig Jahren gestanden sie mir: „Wir waren alle total neidisch auf dich, denn du hattest etwas, das wir nicht besaßen: Ein Auto.“

Mein Vater war KFZ-Meister und so kaufte er damals ein gebrauchtes Auto für mich, das er in vielen Stunden Arbeit neu in der Originalfarbe lackierte und in einen Topzustand versetzte. Dies war ein orangefarbener Fiat 770S. Ich freute mich riesig. Am Tag nach meiner Führerscheinprüfung holten mich meine Eltern damit von der Schule ab und ich durfte damit nach Hause fahren. Von diesem Tag an, benutzte ich keinen Bus mehr, um diese 15 Kilometer zwischen meinem Elternhaus und der Schule zurückzulegen. Einige Schulkameraden wollten ebenfalls nicht mit dem Bus fahren, sie standen am Straßenrand und trampten, um das Busgeld zu sparen. Ich als Autofahrerin konnte sie dann mitnehmen. Sie gaben mir sogar 50 Pfennige zu den Benzinkosten dazu, das war so üblich damals. In den Pausen allerdings wurde mein kleines Auto gehänselt. Meine Schulkameraden nannten es wegen seiner Größe „Husdeguudsie“ (Hustenbonbon) und drohten mir gar manchen Streich an:
„Irgendwann kommst du aus dem Unterricht und wir haben das Husdeguudsie in Toilettenpapier eingewickelt!“
Oder sie kamen auf andere Ideen: „Kommt lasst uns mal schnell Astrid’s Husdeguudsie in eine andere Parklücke heben! Dann sucht sie es überall!“ Allerdings setzten sie das nie in die Tat um.
Einige Erlebnisse mit diesem Auto sind mir ziemlich gut in Erinnerung geblieben. So zum Beispiel meine erste Alleinfahrt. Eigentlich hatte mein Vater gemeint, ich solle am Abend erst noch eine Fahrt gemeinsam mit ihm unternehmen. Allerdings war ich diesbezüglich anderer Meinung und das nicht nur, weil er immer mit seinem Fuß mitbremste und davon überzeugt war ich würde zu nah am Bordstein entlang fahren, sondern auch um eigene Erfahrungen beim Autofahren zu machen. Und die machte ich dann auch.

Ich teilte meiner Mutter kurzerhand einfach mit:
„Ich fahre jetzt mal ein bisschen in die Stadt!“
Die vorsichtigen Einwände meiner Mutter schlug ich einfach in den Wind: „Ich weiß doch wie man Auto fährt und bin ja auch gleich wieder da!“
Also setzte ich mich stolz wie ein Pfau in mein kleines Gefährt und ab ging die Post. In unserer Kleinstadt drehte ich ein paar Runden und war wirklich zufrieden mit meinen Fahrkünsten und mit dem Rest der Welt. Alles klappte prima und ohne Probleme. Wozu auch hätte mein Vater noch mitfahren sollen? Außerdem hatte ich ja den begehrten grauen Führerschein, der mich dazu berechtigte ein Fahrzeug selbständig zu führen. Als ich genug durch die Straßen meiner Heimatstadt gekreuzt war, fuhr ich wieder in Richtung meines Elternhauses. Dieses lag in einem reinen Wohngebiet etwas oberhalb der Stadt. Man musste also eine steile Straße hochfahren, um dort hin zu kommen. Ich düste um die Kurve und fuhr die Straße hoch. Zumindest wollte ich das, mein Autochen allerdings nicht. Ich hatte gerade einmal die Hälfte der Steigung genommen, da merkte ich, dass mein lieber kleiner Fiat am Ende seiner Kräfte angekommen war und die restliche Bergfahrt nicht mehr schaffte. Quälen wollte ich ihn auch nicht und so gab ich auf. Ich ließ ihn im Rückwärtsgang wieder hinunterrollen, um neuen Anlauf zu nehmen und es noch einmal zu versuchen.
„Ja, jetzt klappt es!“, dachte ich gerade, doch da schnaufte mein Fiatchen schon wieder und ich musste erkennen, dass ich keinesfalls die zweite Hälfte des Berges schaffen würde.
„Also wieder runterrollen“, langsam begann ich mich zu ärgern. Ein etwas leistungsstärkeres Auto wäre wohl doch besser gewesen.“
Jetzt nahm ich den dritten Anlauf für meine Steigung und wieder kam ich nur bis zur Mitte.
„Zum Kuckuck, aber auch!“, fluchte ich inzwischen, war froh, dass mich niemand beobachtete und überlegte mir, wo ich mein Gefährt abstellen könnte. Sollte sich mein Vater heute Abend die Sache mal ansehen. Außerdem kam mir ein seltsamer Geruch in die Nase. Wonach stank es hier nur so penetrant? Und plötzlich durchzuckte mich ein Geistesblitz:
„Die Bremsen!“
Ein Blick zu meiner Handbremse bestätigte meinen Verdacht und wurde damit zu meiner ersten und unvergesslichen Erfahrung meiner Autofahrerkarriere: Ich war die ganze Zeit mit angezogener Handbremse gefahren. Ich hatte einfach vergessen sie bei Fahrtantritt zu lösen und deshalb kam ich nicht richtig in Fahrt und schon gar keinen Berg hoch.
„Das kann man keinem Menschen erzählen. Es ist einfach nur super dämlich und total peinlich!“, schimpfte ich mit mir selbst. Aber vielleicht war es einfach auch nur menschlich, denn erstens war es meine erste Alleinfahrt und zweitens leuchtete kein Lämpchen auf wie es dies heutzutage tut. Weder existierte ein Lämpchen, noch ein Piepston hierfür. Zu Hause glücklich angekommen fertigte ich mir sofort ein Schildchen an, das so lange ich das Auto besaß auf dem Armaturenbrett klebte:

Handbremse?

Aber das war nicht mein einziges Erlebnis mit meinem Fiat, denn auch mein Peter traf mit ihm zusammen und das hatte fatale Folgen:
Treu und brav fuhr mich mein geliebtes Autochen auch durch mein Studium, das ich in Gießen an der Justus Liebig Universität absolvierte. Peter wiederum studierte in Darmstadt und eines schönen Tages kam er mich mit seinem VW Käfer an meinem Studienort besuchen.
„Ich habe kein Brot mehr da und Getränke fehlen mir auch“, erklärte ich ihm. „Komm wir fahren schnell einkaufen!“
„Lass mich jetzt endlich mal deinen Fiat fahren“, bat er mich.
Etwas widerwillig genehmigte ich ihm diese Fahrt. Wir waren kaum um die nächste Ecke, da hatte er auf einmal beim Anzeigen der Fahrtrichtung den Blinkerhebel in der Hand:
„Oh, was ist das jetzt?“, fragte er mich scheinheilig. „Ich hab’ überhaupt nichts gemacht.“
„Wenn man wie wild drückt! Du spinnst doch!“, meckerte ich ihn an.
„Ich schwör dir, ich wollte nur blinken! Der war bestimmt schon kaputt und jemand hat ihn nur angeklebt“, verteidigte er sich.
„Ach Quatsch, du bist einfach nur zu grob mit ihm umgegangen!“
„Das ist ja wohl ein Auto und keine Mimose! Das muss schon was aushalten, zumindest sollte man den Blinkerhebel hoch und runter bewegen können. Ist doch Mist so was!“
„Mein Auto ist kein Mist!“
Inzwischen war ein Streit entfacht und wir standen mit dem abgebrochenen Blinkerhebel auf dem Parkplatz des Supermarktes. Peter ging von seiner Theorie, dass dieser schon angebrochen oder geklebt gewesen sei, nicht ab. Ich konnte ihm das Gegenteil nicht nachweisen und so versöhnten wir uns wieder, zumal er mir versprach die Sache zu reparieren und sei es nur durch ankleben mit Loctite.
Nach dem Einkaufen setzte er sich allerdings wieder hinter das Steuer und ich nahm leicht frustriert auf dem Beifahrersitz Platz. Zum links Abbiegen streckte er und zum rechts Abbiegen streckte ich die Hand zum Fenster heraus. Das klappte. Wir kamen wieder heil vor meiner Studentenbude an und Peter wollte neben dem Bordstein einparken. Das tat er auch. Leider etwas zu schwungvoll, so dass er mit dem rechten Reifen gegen die Bordsteinkante knallte. Dies hatte zur Folge, dass sich mein Auto, beziehungsweise das rechte Rad in keiner Weise  mehr lenken ließ.
„Jetzt reicht es aber! Du kommst nur mal kurz zu Besuch bei mir vorbei und demolierst mir mein ganzes Auto!“ Ich war außer mir und den Tränen nahe oder besser gesagt eigentlich schon tränenüberströmt.
Uns blieb damals nichts anderes übrig, als meinen Vater anzurufen und um Abschlepphilfe und Reparatur zu bitten. Das war mir nicht nur wegen des kaputten Autos peinlich, sondern auch noch wegen etwas anderem. Er sollte eigentlich nicht wissen, dass sein braves Töchterchen Männerbesuch hatte, obwohl er Peter schon kannte.
Die beiden bauten am Wochenende dann das betreffende Teil aus und mein Peter, der gerade in seinem Studium die Vorlesung zum Thema „Werkstoffkunde“ besuchte, erklärte mir:
„Das Teil hatte einen sogenannten Dauerbruch und dann ist es eben genau in diesem Moment zu einem Durchbruch gekommen. Sei froh, ich habe dir sozusagen das Leben gerettet! Wäre es dir bei voller Fahrt passiert, wäre es sicherlich anders ausgegangen. Also sei mir dankbar.“
Und das erzählt er mir heute noch und ich bin ihm dankbar, dass er damals mein Auto kaputt gemacht hat.
Letztes Jahr zu meinem Geburtstag bekam ich von meinem Lebensretter Peter einen Oldtimer geschenkt: Einen Fiat 770S. Er sieht genauso aus wie mein Autochen von damals. Es hat die gleiche Farbe, die gleiche Innenausstattung und sogar der Geruch ist der gleiche wie damals. Und einen zweiten Blinkerhebel hat er kostenlos noch dazu bekommen. Nur für den Fall der Fälle. Jetzt muss nur noch das Schildchen „Handbremse ?“ auf das Armaturenbrett geklebt werden.

 

 

1200px Fiat vorne JPG

Klein und fein, aber mein!

 

 

 

1200px Fiat seitlich JPG

Ist er nicht süß?

 

1200px Fiat hinten JPG

Auch von hinten ist er einfach ein flotter Flitzer!

 

1200px Fiat innen JPG

Die Innenausstattung ist doch der Hit, oder? Immerhin hatte er schon Sicherheitsgurte!

 

1200px Blinkerhebel JPG

Der kleine Hebel links oben am Lenkrad ist der Blinkerhebel.

 

1200px Lebensretter

Dieses Teil (Lagerbock für den Hebel der Spurstange und der Spurstangenmuffe/rechts) zerbrach damals beim Aufprall gegen die Bordsteinkante.

 

1200px Fiat Motor JPG

Ein kleines Auto hat auch einen kleinen Motor, der übrigens hinten sitzt.

 

1200px Plakette

Das Typenschild glänzt hinten auf der Motorhaube.

 

14 Kommentare

  1. Wie genial ist das denn?!!!! Ich bin begeistert!!! Der ist ja herzallerliebst. Und der Spitzname Hustenbonbon passt wie die Faust auf’s Auge. Ein Autochen mit Persönlichkeit. Das ist es, was ich heutzutage an den Autos vermisse. Sie sind mulitfuntional und ganz bestimmt viel verkehrssicherer, aber Persönlichkeit ham sie nich. Mein erstes Auto war ein Fiesta Ghia, den man im Winter mit Choke fahren musste, der frevelhafterweise in den 80er Jahren Super bleifrei tankte und jede 3. Tankfüllung mit Super verbleibt am Leben erhalten werden musste.. Er war klein, aber oho und schnurrte, wenn er denn erstmal warm war, ohne Probleme mit 150 über die Autobahn. Man konnte sogar manchmal mit ihm überholen. Aber er hatte keinen Namen und war nicht so schön gelb wie Dein Auto. Viel Spaß mit Deinem Gefährten aus der Vergangenheit. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Tanja,
      ich habe den Post doch gerade erst reingestellt und mich riesig über Deine Reaktion gefreut. Ja das war und ist schon ein tolles Autochen. Er lief 110km/h Spitze. Aber das reichte uns damals, denn wir kamen damit von A nach B und das allein war wichtig.
      Mein Mann und unser Sohn lieben meinen Fiat genauso wie ich. Wir haben alle einfach Spaß mit ihm 🙂
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht und einen schönen Sonntag
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke Eva,
      als wir neulich in Sizilien waren, haben wir auch noch 2 oder 3 dieser Exemplare gesehen. Keines jedoch war in diesem Orangeton lackiert und auch nicht so gut erhalten.
      LG
      Astrid

  2. Martina sagt

    Herrlich, einfach herrlich!!! Und so viele Parallelen!!! Ich bekam einen R 4 mit einem stolzen 3-Gang-Getriebe. Darüber habe ich auch schon geschrieben – ich weiß gar nicht, ob ich das schon im Blog veröffentlicht habe, aber ich denke schon! Ein Hustenbonbon allererster Güte! Meine Knutschkugel benötigte jede Menge (Marienkäfer-) Aufkleber, um die Roststellen zu überdecken. Von daher: Deiner glänzt und sieht einfach nur TOP aus. Ich kann seeeehr gut verstehen, wie stolz du darauf warst – trotz oder gerade wegen der neidischen Freundinnen! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      es waren nicht nur die Damen, die neidisch waren, sondern auch die Herren der Schöpfung, denn längst nicht jeder konnte damals ein Auto sein Eigen nennen.
      Nannte man den R4 nicht auch den Hasenkasten? Ich meine mich an so einen Spitznamen zu erinnern. Mit den Marienkäfern sah er bestimmt sehr lustig aus. Eine Kommilitonin von mir klebte über die Roststellen immer Heftpflaster.
      Ja, Knutschkugel war auch so eine hübsche Bezeichnung für unsere kleinen Autochen.
      Ach, sind diese Erinnerungen schön!
      LG
      AStrid

  3. Herrlich, Deine Geschichte, ich musste die ganze Zeit schmunzeln. Zum einen weil sie mich an meine ersten Fahrkünste mit meinem alten Käfer erinnert. Zum andern, weil es so ein hübsches Auto mit Charisma ist. Wie schön, dass Du es nun wieder hast.
    Lieben Gruß
    Sabine

    • Astrid Berg sagt

      Danke liebe Sabine,
      es stimmt dieses Auto hat Charisma. Peter fuhr neulich damit tanken und sofort war er umringt von Frauen, die das Auto süß fanden und ein Foto machten.
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    und toll finde ich, dass Fiat diese knuffigen Autochen in Retro wieder bauen.
    Wundervolle Geschichte, danke Astrid. LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      das finde ich auch schön, obwohl sie eigentlich doch anders sind, naja halt einfach moderner.
      LG
      Astrid

  5. Das ist ja herrlich! Solch Geschichten kann doch nur das Leben schreiben. Und Dein Mann ist so lieb und schenkt Dir solch ein Gefährt – wow! Da würde ich mich auch gern mal reinsetzen.
    Unser erstes Auto war – natürlich in der DDR – ein Trabi. Später dann ein Wartburg. Und dann war die Wende da und es ging mit „West“-Autos los 🙂
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Kerstin,
      eigentlich hast Du mich neulich ja animiert über unsere Oldtimer und Klassiker zu schreiben. Ich hatte plötzlich Lust Euch von meinem kleinen Fiat zu berichten. Na, vielleicht ergibt sich mal die Gelegenheit zum Probefahren in meinem Husdeguzzie 🙂 Wäre doch bestimmt lustig.
      LG
      Astrid

  6. Das erste Auto – das sind Erinnerungen! Als ich meinen Führerschein machte, war daran noch nicht zu denken. Dafür war einfach kein Geld da. Aber ich kaufte mir meinen ersten Fiat 500 für sage und schreibe 800 DM zu Beginn meines Studiums von meinem Ersparten. Das sollte ich vielleicht auch mal irgendwann erzählen, vor allem auch „warum, weshalb, wieso“ *lach*. Du hast schon recht – das Leben schreibt jede Menge Geschichten.
    Herzliche Grüße
    Elke

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Elke,
      Du machst mich neugierig mit Deinem Fiat 500. Der ist ja noch ein bisschen kleiner als meiner war, aber süß waren sie alle.
      Wäre mein Vater nicht KFZ-Meister gewesen, hätte ich sicherlich nicht das Glück gehabt gleich mit 18 Jahren ein eigenes Auto zu besitzen.
      LG
      Astrid

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