Weihnachten & Ostern
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Ein schönes Geschenk

Am dritten Adventswochenende haben wir uns kurzentschlossen in den Trubel gestürzt. „Lass uns nach Berlin fahren und uns dem Rausch des Weihnachtsshoppings hingegeben“, habe ich meinem Mann vorgeschlagen. Es war einfach nur unbeschreiblich und schon ein bisschen  seltsam, wenn anscheinend alle zur gleichen Zeit auf die gleiche Idee kommen. Menschenmassen strömten durch die Straßen Berlins hinein in das Getümmel in den Kaufhäusern und den Weihnachtsmärkten. 

Vom ersten Stock des Alexa aus konnte ich den Menschenstrom beobachten, der sich durch die weit geöffnete Tür auf der einen Seite den Weg nach innen und auf der anderen Seite nach außen bahnte. „Der Mensch ist tatsächlich ein Herdentier!“, dachte ich mir und mischte mich ebenfalls unter das Volk. Überall nur Schlangen, vor den Eingangstüren der Kaufhäuser, an den Kassen, an den Ständen, vor den Parkhäusern und selbstverständlich vor den Toiletten. „Warum tun wir Menschen uns dies nur jedes Jahr immer wieder an? Werden wir denn nicht schlauer?“, frage ich mich insgeheim. Eigentlich schon. Man nimmt es sich jedenfalls vor, doch das vorletzte Wochenende vor Weihnachten packt uns dann doch wieder die Unvernunft und unter dem Vorwand nur ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, sind wir unversehens wieder mitten drin im Leben. Wie die Ameisen tragen wir unsere Schätze nach Hause. Dafür, dass wir und alle anderen eigentlich nichts brauchen, haben wir an diesem Nichts ganz schön zu schleppen. Zu Hause wird dieses Nichts hübsch verpackt, gut versteckt, dann am Heiligen Abend unter den Tannenbaum gelegt und bei der Bescherung an die Lieben verteilt.
Weihnachten ist das Fest der Freude und der Liebe. Aus Freude über die Geburt Jesu brachten damals die drei Weisen aus dem Morgenland ebenfalls Geschenke mit, nämlich Gold, Myrrhe und Weihrauch.
So liegt nichts näher als unseren Lieben an diesem Fest ebenfalls eine Freude zu machen. Beschenkt zu werden bereitet Freude, idealerweise sogar auf beiden Seiten. (Dass in unserer heutigen Gesellschaft Weihnachten und damit auch das Schenken weitestgehend kommerzialisiert wird, steht auf einem anderen Blatt und sei hier auch nur nebenbei erwähnt.)
Wichtig ist auch, das richtige Versteck für unser Geschenk zu wählen, denn der oder die Beschenkten sollten es zu ihrer eigenen Freude auch erst am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum finden.
Meine Mutter erzählte mir diesbezüglich vor langer Zeit einmal eine Geschichte aus ihrer eigenen Kindheit:
Ihr Bruder wusste, dass sie gerne las und kaufte ihr ein Buch. Noch heute weiß meine Mutter den Titel dieses Buches: „Der Trotzkopf“. Mein Onkel hatte es auch gut versteckt, aber anscheinend nicht gut genug, jedenfalls nicht für meine Mutter. Ich frage mich, ob es ein zufälliger Fund war oder ob meine Mutter damals sehr systematisch alle Ecken ausgesucht hatte, um schon vor Weihnachten einen Blick auf die Geschenke werfen zu können. Sie entdeckte jedenfalls das genannte Buch und verzog sich damit an einen stillen Ort, wo sie so schnell niemand vermutete. Zunächst wollte sie nur ein wenig das Buch durchblättern, doch die Buchstaben schienen sie magisch anzuziehen, denn sie fing an zu lesen.
„Nur ein paar Seiten“, überlegte sie wohl. „Dann lege ich das Buch wieder zurück.“
Gesagt, – getan. Doch schon am nächsten Tag holte sie es in einem geeigneten Moment wieder hervor. Die Hauptperson des Buches, ein zu Beginn der Erzählung 15jähriges Mädchen und dessen Leben zogen meine Mutter so in den Bann, dass sie fortan in jeder geeigneten Minute das Buch hervorholte und las. So passierte, was passieren musste: Sie hatte das Buch noch vor dem Heiligen Abend zu Ende gelesen. Als ihr Bruder bei der Bescherung das Buch eingepackt in ihre Hände legte und schon ihr freudiges Lächeln erwartete, schob sie es etwas zu schnell zur Seite und meinte kleinlaut: „Ach, ein Buch!“
Das wiederum verwunderte den Bruder sehr, denn er wusste, dass seine Schwester eine leidenschaftliche Leserin war. Gleichzeitig machte ihn das seltsame Verhalten auch stutzig und regte ihn zu einer nicht gerade unwahrscheinlichen Vermutung an:
„Das kleine Os (Biest) hat das Buch gefunden und ausgelesen!“, sollen laut den Erinnerungen meiner Mutter seine Worte gewesen sein.
Eigentlich schade! Ich kann mir gut vorstellen, wie enttäuscht mein Onkel gewesen sein muss. Er hatte meiner Mutter ein Geschenk machen wollen, an dem sie Freude hätte und er hatte es bestimmt mit Liebe und Bedacht ausgesucht. Es war ja wohl auch ein gelungenes Geschenk, denn Freude hatte es meiner Mutter offensichtlich bereitet. Nur leider zum falschen Zeitpunkt. So hatte der Bruder nichts von der eigentlichen Freude meiner Mutter gespürt und zum Zeitpunkt des Schenkens war die Freude schon verflogen.
Man sieht beim Schenken sollte die Freude auf beiden Seiten sein.
Ich freute mich als Kind immer so sehr drauf, dass der Beschenkte sich freute, dass ich mein Geheimnis nicht für mich behalten konnte. So sagte ich zu meiner Mutter: „Ich kann es dir ja verraten, was ich dir schenken will, aber du musst es gleich wieder vergessen.“
Ähnlich ergeht es manchmal noch heute unserem Sohn, denn er hat mich schon gar manches Mal gefragt: „Ich kann es dir doch auch gleich geben, oder?“ Ich muss dazu sagen, ich habe bisher immer dieser Versuchung widerstanden und doch lieber abgewartet.
Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist ihm Zeit zu schenken. Zeit, die man gemeinsam mit demjenigen verbringt. Ich habe neulich eine wahre Geschichte von einem Taxifahrer in New York gelesen, der einer alten Dame dieses Geschenk gemacht hat und ihr damit wahrscheinlich sogar eine große letzte Freude bereitet hat (http://www.steffenkirchner.de/blog/zeit-als-geschenk-eine-bewegende-geschichte/ Stand: 14.12.2014).
Dieser Taxifahrer wurde zu einem Haus gerufen und der Fahrgast war eine 90jährige Dame. Ihr Fahrziel war ein Hospiz. Sie wollte unbedingt durch die Innenstadt fahren, obwohl dies einen erheblichen Umweg bedeutete. Sie zeigte dem Taxifahrer das Haus, in dem sie in jungen Jahren mit ihrem verstorbenen Mann gelebt hatte, das Hotel in dem sie an der Rezeption gearbeitet hatte, ein Möbelhaus, das früher eine Tanzbar gewesen war und wo sie selbst früher das Tanzbein geschwungen hatte. Sie fuhren die ganze Nacht durch die Stadt und manchmal bat sie den Taxifahrer an bestimmten Häusern oder Häuserreihen langsamer zu fahren. Schweigend betrachtete sie dann alles und es schien dem Taxifahrer als hätte sie sich auf eine Zeitreise begeben. Als schon der Morgen graute bat sie ihn dann zu ihrem eigentlichen Ziel zu fahren, wo man sie schon längst erwartet hatte. Sie hatte keine Familie mehr und war ganz allein. Der Arzt hatte ihr gesagt, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Der Taxifahrer, der übrigens kein Geld für diese Fahrt verlangte, hatte ihr seine Zeit geschenkt, denn diese Fahrt sollte für den Abend seine letzte sein, dann hätte seine Schicht geendet. Mit dieser Zeit hatte er der alten Dame ein Geschenk gemacht, das unendlich mehr wert war als ein Sack voller Dollarscheine.
In unserer oft hektischen Welt Zeit füreinander zu haben, auf einander einzugehen und sich freundlich zu begegnen ist ein Geschenk, das vielfach unterschätzt wird, das aber einfach nur selbstverständlich sein sollte. Dies konnte ich an dem hektischen 3. Adventwochenende gewissermaßen als Zeuge miterleben.
Wir standen gerade in einem Kaufhaus vor einer Schmuckvitrine und betrachteten die Auslage, beziehungsweise ließen uns verschiedene Schmuckstücke zeigen. Auf einmal hörte ich eine junge Frau neben mir sagen: „Sie sind wie ein richtiges vorweihnachtliches Geschenk! Sie sind eine wirklich nette Verkäuferin!“
Ich blickte von der jungen Frau zu der betreffenden Verkäuferin und konnte alles nachvollziehen, denn im Gegensatz zu der uns bedienenden Verkäuferin, die nur mürrisch ihre Arbeit verrichtete, hatte ihre Kollegin Freude an ihrer Arbeit. Sie machte sozusagen mit ihrer Zeit und Freundlichkeit der Kundin eine Freude. Beide strahlten sich an und schenkten sich gewissermaßen gegenseitig ihre Freude.

Es sind eben doch die kleinen Dinge im Leben, die uns Freude bereiten und uns strahlen lassen. Momente des Glücks inmitten einer hektischen Welt.

Ein schönes Geschenk!

2 Kommentare

  1. Was für eine schöne Beobachtung, ja diese Verkäuferin hat wirklich viel in der hektischen Zeit verschenkt, Geduld und ein freundliches Lächeln, besonders schön fand ich, dass die Kundin das zu würdigen wusste.
    Übrigens sind wir sind uns ein wenig ähnlich, auch ich platze fast vor Freude und würde immer am liebsten mein Geschenk verraten.
    So heute habe ich dir auch ein Geschenk gemacht (zwinkern) Ich habe dir meine Zeit geschenkt, deinen Blog besucht und diese drei wunderbaren Geschichten, die ich noch nicht per Mail bekommen habe , gelesen. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Du hast mir tatsächlich ein schönes vorweihnachtliches Geschenk gemacht mit dem Lesen meiner Geschichten und dem Kommentieren. Ich freue mich sehr darüber und auch auf Deinen nächsten Besuch.
      LG
      Astrid

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