Kurzgeschichten, Professor Konfusi-Geschichten
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Ein Hoch auf…

Professor Konfusi hatte Geburtstag. Alle Bewohner der alten Villa waren eingeladen, haben ihm einen Gutschein für einen Theaterbesuch mit seiner Gattin geschenkt und haben mit dem älteren Ehepaar gemeinsam gefeiert.

Heute ist es dann soweit. Herr und Frau Konfusi haben sich chic angezogen und stehen jetzt im Foyer des wunderschönen Jugendstiltheaters. 
Da es draußen tüchtig stürmt und der Wind auch noch Kälte mit sich bringt, haben sie sich wie alle anderen Theaterbesucher in warme Mäntel und Schals gehüllt.  
„Ach herje, ist das eine lange Schlange an der Garderobe“, sagt Frau Konfusi nach der Theatervorstellung. „Lass uns doch noch ein Gläschen Sekt trinken, danach ist der größte Andrang bestimmt vorüber.“
Während sich der Professor auf den Weg zur Bar macht, um das prickelnde Getränk zu besorgen, gesellt sich seine Gattin zu ein paar Frauen, die sie flüchtig kennt. Diese hatten den gleichen Gedanken und warten nun im Theaterfoyer auf ihre Männer und den Sekt. 
So steht man anschließend in lockerer Runde zusammen, diskutiert über die Aufführung und stößt auf den gelungenen Abend an. 
„Wir sollten aber nicht nur auf die Schauspieler anstoßen!“, meint Professor Konfusi und blickt in die verständnislosen Gesichter. „Ich möchte noch auf eine andere Person einen Toast aussprechen.“
Auch seine Frau schaut ihn fragend an, runzelt die Stirn und folgt seinem Blick zur Garderobe, wo sie allerdings kein bekanntes Gesicht entdeckt. Alle Personen sind ihr mit dem Rücken zugewandt.
„Wie darf man das verstehen?“, fragt sie ihren Gatten.
„Ach, meine Liebe, ich möchte jemand würdigen, der gerne übersehen wird!“ Mit diesen Worten hebt er sein Glas. Erst  jetzt merkt er, dass niemand so recht versteht, worum es ihm geht und ihn möglicherweise alle momentan für ein bisschen verwirrt halten. So herrscht nun eine betretene Stille in dem kleinen Kreise, die durch Frau Konfusis Aufforderung unterbrochen wird:
„Würdest du uns das bitte näher erklären?!“, fragt sie und man merkt ihr sichtlich das Interesse an.  
„Das ist eine etwas längere Geschichte“, grinst nun der Professor und alle richten ihre Blicke gespannt auf ihn. 
„Neulich war ich auf einem Kongress. Alle Teilnehmer trugen bei der Ankunft dicke schwarze Jacken oder Mäntel über ihren Anzügen. Es standen auch genügend Garderobenständer im Vorraum bereit. So hängte jeder seine wärmende Wetterbekleidung dort auf. Ich ebenfalls.“
„Kann es sein, dass du hinterher ein Problem hattest“, erkundigt sich Frau Konfusi, die langsam etwas zu ahnen beginnt.
„Nicht nur ich!“, betont ihr Gatte. „Keiner hatte darauf geachtet, an welchen Gaderobenständer er seine Jacke oder den Mantel gehängt hatte. Sie hingen total voll, mehrere Bekleidungsstücke übereinander und ein Mantel sah aus wie der andere.“
„Lass mich raten“, versucht seine Frau das Geschehen zu rekonstruieren. „Du hast den falschen Mantel erwischt.“
„Ich habe bestimmt drei Versuche gestartet. Sie sahen alle so aus wie mein Mantel, waren aber entweder zu klein, zu groß oder der in der Tasche befindliche Inhalt gehörte nicht mir und somit der Mantel auch nicht.“
„Und wie haben Sie ihn letztendlich gefunden?“, will einer der Umstehenden wissen.
„Indem plötzlich jemand vor mir stand, der dasselbe Problem hatte wie ich. Und dieser Jemand trug meinen Mantel, der ihm sichtlich zu klein war. Ich glaubte ihn an den Knöpfen zu erkennen. Wir tauschten die Mäntel und siehe da, es war tatsächlich der Meinige. Der andere Herr musste allerdings noch einige Zeit weitersuchen.“
Für seine Erzählung erntet Professor Konfusi Gelächter, doch er kann herzlich mitlachen. 
„Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende“, grinst er schelmisch in die Runde. „Bei der Manteltaschenkontrolle zog ich tatsächlich meinen Autoschlüssel heraus, allerdings fiel auch noch etwas anderes von mir unbemerkt auf den Boden.“
„ ‚Dabbischkeit verlass mich nicht‘, würde der Hesse jetzt sagen“, wirft ein Herr ein.
„Wie auch immer…“, will Professor Konfusi fortfahren. 
„Was war es denn?“, fragen plötzlich alle neugierig wie aus einem Munde.
„Langsam, langsam!“, mahnt der Professor seine Zuhörer. „Auf einmal trat ein Mann an mich heran, der zuvor hinter mir gestanden hatte und reichte mir eine Visitenkarte.“
„Was denn auch sonst. Auf Kongressen reicht man sich immer Visitenkarten“, erklärt Frau Konfusi.
„Ich wollte ihm ebenfalls meine Visitenkarte geben“, fährt ihr Gemahl unbeirrt fort. „Doch das war gar nicht nötig, denn ich erkannte plötzlich, dass er mir meine eigene gegeben hatte, die mir zuvor aus der Tasche gefallen und von ihm aufgehoben worden war.“
Wieder erntet Professor Konfusi Gelächter für seine Erzählung. 
„Soweit zur Dabbischkeit“, meint Frau Konfusi. „Aber du hast mit deiner Geschichte vom eigentlichen Thema abgelenkt. Wolltest du nicht auf jemand anstoßen?“
„Nein!“, widerspricht der Professor. „Und: Ja!“
„Was denn jetzt?“, erkundigt sich der Hesse. „Nein oder Ja?“
„Nein, ich habe nicht vom Thema abgelenkt. Ja, ich will auf eine besondere Person anstoßen.“
Abermals erhebt Professor Konfusi sein Sektglas und sagt mit feierlicher Stimme:
„Ich bin das lebende Beispiel dafür, welches Chaos hier herrschen würde, wenn es nicht diese liebenswürdige und hilfreiche Person geben würde.“
Er wendet sich in Richtung Gedarobe und spricht weiter:
„Ich erhebe nun mein Glas und spreche einen Toast auf die Gaderobiere aus ohne die wir alle ziemlich hilflos wären!“
Spontan tun es ihm alle gleich.

 

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8 Kommentare

  1. schmunzelnd lese ich diese hübsche Geschichte liebe Astrid, denn genauso ist es, die
    “ dienstbaren Geister im Hintergrund werden viel zu oft übersehen…dabei funktioniert ohne sie : Nichts im Alltag und auch gerade bei jeder Festlichkeit…
    sehr hübsch geschildert….
    herzlichst angelface

    • Astrid Berg sagt

      Ich muss gestehen, als ich das Foto mit den übervollen Kleiderständern sah, konnte ich sofort nachvollziehen, was auf der Suche nach dem eigenen Mantel unweigerlich passieren muss. Wie einfach und bequem ist es da, von der Garderobiere sein Kleidungsstück gereicht zu bekommen. Ein kleines Dankeschön sollten wir daher immer auf den Lippen haben.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    eine bezaubernde kleine Geschichte, direkt aus dem Leben gegriffen.
    Ich bedanke mich stets bei solch hilfreichen „Geistern“.♥
    Hab einen feinen Start ins Wochenende,
    liebe Grüße
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Auch ich wünsche Dir ein schönes und hoffentlich nicht zu kaltes Wochenende .
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    ohne diese Leute würde Chaos herrschen. Sind wir froh und dankbar, dass es sie gibt.
    Ein schönes gemütliches Wochenende!
    Viele Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Meinem Mann ist es auch schon passiert, dass er aus Versehen eine Jacke angezogen hat, die seiner im wahrsten Sinne des Wortes zum Verwechseln ähnlich sah.
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, an dem sich hoffentlich auch ab und zu die Sonne ein bisschen zeigt.
      LG
      Astrid

  4. Moin liebe Astrid,
    ich selbst war mal 3 Jahre Empfangschefin bei P&C in der Hamburger Verwaltung.
    Dort mussten alle Besucher ihre Jacken, Angestellte ihre Jacken, ihren Einkauf und ihre Diensthandys abgeben. Im hinteren Bereich des Empfangs sah es ähnlich aus, wir verteilten aber kleine Nummer die wir an den Jacken und Taschen befestigten.
    Wenn eine größere Veranstaltung in Hause P&C war, hatten meine Kolleginnen und ich alle Hände voll zu tun, aber wir blieben ruhig, freundlich mit einem lächeln und hatte nie den Überblick verloren.
    Deshalb sollte man immer ein kleines Dankeschön über die Lippen bekommen.

    Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      das ist ein interessanter Kommentar. Hab vielen Dank für deine Worte.
      Es gibt im Dienstleistungsbereich so viele Menschen, die uns auf die unterschiedlichste Art und Weise das Leben erleichtern. Oftmals nimmt man es einfach als selbstverständlich hin, doch ein kleines „Dankeschön“ sollte immer drin sein.
      Liebe Grüße und bleib schön gesund.
      Astrid

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