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Die Empfehlung

Professor Konfusi ist mit seiner Gemahlin auf Reisen. Sie haben sich für eine Sonneninsel entschieden, auf der sie zwei Wochen verweilen möchten. Allerdings gehören die Beiden nicht zu denjenigen Sonnenanbetern, die sich stundenlang am Strand von einer Seite zur anderen wälzen und einzig auf ihre Urlaubsbräune bedacht sind. 
Sie wollen Land und Leute kennenlernen, denn… 
„Deshalb reist man ja wohl in ferne Länder“, wie der ältere Herr betont. „Ich brauche die Bräune nicht, um allen Bekannten zu demonstrieren, dass der Urlaub schön war.“
Ja, Land und Leute lernen sie kennen, denn das sind meist die wahren und einprägsamsten Urlaubserlebnisse, wie ihnen auch der heutige Tag wieder beweist.
Mit ihrem Mietwagen düsen sie über die Insel, halten hier mal an und kehren dort mal ein. So kommen sie auf einer zwar abgelegenen, aber gut ausgebauten Straße an einem einsamen kleinen Kiosk vorbei.
„Lass uns dort doch anhalten“, schlägt Frau Konfusi vor. „Ist das nicht der Stand, an dem wir letztes Jahr auch schon angehalten haben?“
„Richtig!“, bestätigt ihr Gemahl. „Dort gab es leckeren Wein zu kaufen.“
Schon setzt er den Blinker nach rechts und fährt auf den steinigen Parkplatz. Tatsächlich steht derselbe Opa in dem Kiosk, mit dem sie im Jahr zuvor schon so nett geplaudert und dem sie natürlich auch gleich drei Flaschen Wein abgekauft hatten.
Sichtlich erfreut begrüßt dieser die beiden Reisenden und auf Frau Konfusis Geständnis, vor ungefähr 12 Monaten schon einmal da gewesen zu sein, lächelt er freundlich und umarmt sie herzlich.
„Yes, yes, I remember!!!“, lächelt er. „Ich erinnere!“
Frau Konfusi schmunzelt und zwinkert ihm zu. „Ob das so stimmt?“, fragt sie sich insgeheim, aber sie hatten sich damals lange und ausgiebig mit ihm unterhalten. Sie will es ihm einfach mal glauben, so freundlich und nett, wie er ist.
So wird geplaudert, Wein und Honig gekostet und selbstverständlich auch etwas gekauft. Es dauert nicht lange, da rollt ein anderes Auto mit einem Pärchen an. Ebenfalls Urlauber, ebenfalls aus Deutschland. Man kommt ins Gespräch und lässt sich rund um den Tisch nieder, der neben dem Verkaufsstand steht. Kaffee wird vom Kioskbesitzer schnell auf traditionelle Art und mit einem Bunsenbrenner zubereitet. 
„Das nächste Dorf, ist mein Dorf“, gibt er zu verstehen. „Kleines Dorf, aber hat zwei Tavernen.“
„Lass uns mal hinfahren“, meint Frau Konfusi. „Wir wollten doch sowieso in einer Taverne eine Kleinigkeit essen und Durst habe ich auch.“
Mit den anderen Urlaubern verabreden sich die beiden älteren Herrschaften in einem anderen Dorf, wo es noch einen richtigen Schuhmacher gibt, der wunderschöne Schuhe selbst fertigt und sie für einen günstigen Preis verkauft.  
„Welche Frau könnte da widerstehen?“, fragt sie lächelnd in die Runde.
Bevor alle sich verabschieden macht der Kioskbeitzer noch ein paar Fotos, die seine Tochter nach Saisonende ins Internet stellt. Außerdem gibt er noch eine Empfehlung ab.
„Nicht die erste Taverne, – ist nicht so gut. Aber die Zweite! Nicht vergessen, zur zweiten Taverne in meinem Dorf!“
So machen sich Herr und Frau Konfusi auf den Weg. Nach ungefähr einer knappen Viertelstunde erreichen sie das Dorf. Man erkennt sofort, dass es kein reiches, aber landestypisches Dorf ist. 
„Schau mal!“, ruft Frau Konfusi aus. Die Oma dort drüben in der Taverne.“
Tatsächlich steht auf den Stufen eine ältere Frau, die mit ihrem Wischmop in der Luft herum wedelt, um dem Ehepaar Konfusi zu signalisieren, das Auto am Straßenrand zu parken und in ihre Taverne einzukehren.
„Bestimmt ist das die Frau des Kioskbesitzers. Ich kann mir denken, dass er ihr über sein Handy schon Bescheid gesagt hat, dass wir kommen“, überlegt sie laut.
„Na gut. Ich habe allerdings nicht darauf geachtet, ob es tatsächlich die zweite Taverne ist“, gibt Professor Konfusi zu bedenken.
„Ich glaube, da vorne war schon irgendeine Möglichkeit zum Einkehren“, erwidert seine Gattin.
Kurz und gut, die Beiden steigen die Stufen zur Taverne hoch und lassen sich auf den einfachen Stühlen nieder. Etwas verwundert stellen sie fest, dass sie die einzigen Gäste sind und kommen ein bisschen ins Zweifeln, ob sie hier richtig sind. Aber jetzt wieder gehen, wollen sie auch nicht. Die Frau ist sehr nett, spricht ein paar Brocken Deutsch und erzählt, dass sie einst für fast drei Jahre in Deutschland gearbeitet hat.
Sie bringt die Speisekarte und das Ehepaar Konfusi wählt Tsatsiki und Souvlaki. Geschwind macht sich die Besitzerin der Taverne an die Zubereitung der Speisen. Irgendwie riecht es nach altem Fett, was nicht gerade die beste Empfehlung ist. Die beiden älteren Herrschaften werden nun noch skeptischer und bezweifeln abermals, dass es die empfohlene Taverne ist. Doch für eine Flucht ist es nun zu spät. Da müssen sie wohl oder übel durch.
Während das Tsatsiki in Ordnung ist, wie Professor Konfusi sich vorsichtig ausdrückt, bemerkt seine Frau schon beim ersten Happen, dass ihr Souvlaki ziemlich versalzen ist. Die Pommes triefen außerdem vor Fett.
„Nein, das kann ich nicht essen!“, flüstert sie ihrem Mann zu. 
Sie müssen sich im Flüsterton unterhalten, denn die Besitzerin hat sich an einen der gegenüberliegenden Tische gesetzt und behält die beiden einzigen Gäste fest im Auge. Ihr entgeht nichts.
„Was machen wir jetzt?“
Bevor Professor Konfusi antworten kann, steht die Besitzerin auf und kommt an den Tisch.
„Die Kartoffeln sind aus meinem eigenen Garten. Sehr gut!“, gibt sie zu verstehen und wacht darüber, dass sich Frau Konfusi eine Kostprobe in den Mund steckt. 
Zum Glück geht sie danach wieder an ihren angestammten Platz zurück, aber beobachtet die Gäste auch weiterhin mit Adlersaugen.
„Warte mal!“, flüstert Professor Konfusi seiner Angetrauten zu, steht auf und marschiert in Richtung Auto.
Frau Konfusi nimmt einen tüchtigen Schluck aus dem Wasserglas, um Salz und Fett hinunterzuspülen. Es dauert nicht  lange, da kehrt ihr Mann mit einem Plastikbeutel in der Hand zurück. Seine Gemahlin kann sich denken, was er vor hat, allerdings wird es unter dem wachen Auge der Tavernenbesitzerin nur schwer möglich sein. 
Glücklicherweise gibt diese ihren Wachposten kurzzeitig auf und verschwindet für einen winzigen Moment im Inneren der Taverne. Das ist die Gelegenheit, die Professor Konfusi auch sofort nutzt.
Als die Inhaberin wieder auf die Terrasse tritt, sind die Teller der Beiden leer und sie bitten um die Rechnung. Mit freundlichen, aber unverfänglichen Worten zahlen sie und verabschieden sich. Als sie die Stufen hinuntersteigen und zum Auto marschieren, schwengt Professor Konfusi siegessicher die Tüte in seiner Hand.
„Jetzt brauchen wir nur noch einen Mülleimer“, meint er.
Als sie dann um den Beutel erleichtert in das Auto steigen und durch das Dorf fahren, entdecken sie doch tatsächlich ungefähr hundert Meter weiter eine nette und ansprechende Taverne. Doch jetzt ist ihnen der Appetit vergangen.
„Das war wohl nicht seine Frau und auch nicht die richtige Taverne! “, sagt Frau Konfusi resigniert. „Was man so alles erlebt.“ 
Beide müssen nach diesem überstandenen Urlaubserlebnis nun tüchtig lachen.

 

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