Alle Artikel in: Kurzgeschichten

Auf großer Fahrt

Wir waren jetzt nicht gerade auf großer Fahrt, nur auf einer kleinen, bei der mir die große Fahrt einfiel. Klingt irgendwie kompliziert, oder? Ist es aber eigentlich gar nicht. Um Euch das zu erklären, fange ich am besten von vorne an. Nein, ich zäume das Pferd von hinten auf und somit fange ich bei unserer Fahrt am letzten Freitag nach Berlin an: „Wir haben ganz vergessen etwas zum Trinken mitzunehmen“, meint mein Mann, während er den Blinker auch schon nach rechts setzt, um auf den Parkplatz abzubiegen. „Spring doch bitte mal rein und vielleicht haben sie auch noch von den leckeren belegten Baguette.“ So komme ich ein paar Minuten später wieder voll beladen heraus. Da ich keine Tasche dabei habe, balanciere ich alles auf meinen beiden vor dem Körper verschränkten Armen. Jetzt ist allerdings guter Rat teuer, denn ich habe keine Hand mehr frei, um die Autotür zu öffnen. Von meinem Göttergatten kann ich auch keine Hilfe erwarten, denn er bemerkt mein Kommen anscheinend gar nicht, da er in ein Telefongespräch vertieft ist. Mir bleibt …

Ungebetener Besuch

Heute bin ich einmal die Geschichtenerzählerin. Für alle die mich noch nicht kennen, darf ich mich kurz mit meinem Namen vorstellen: Lottchen. Ich bin die einzige Katze hier im Hause und ohne eingebildet zu wirken, kann ich behaupten, dass ich allseits beliebt bin. Und das nicht nur bei meiner Menschenfamilie, sondern auch bei allen Nachbarn. Ich bin immer herzlich willkommen. Als Dankeschön lege ich dem einen oder anderen auch gerne mal ein kleines Geschenk vor die Tür. Ich bin mir allerdings nicht immer so sicher, ob sie sich wirklich darüber freuen und es zu schätzen wissen. Neulich zum Beispiel habe ich beobachtet, was der Nachbar mit meinem Geschenk gemacht hat. „Schaut mal, was uns Lottchen gebracht hat. Wollt ihr es haben?“, rief er lachend über den Gartenzaun zu Frauchen und Herrchen rüber. Dann entsorgte er mein Geschenk in der Mülltonne. Aber ich schweife vom Thema ab, denn ich wollte eigentlich von einem Gast in meinem Zuhause berichten, der immer wieder herein kommt. Mein Frauchen hat mal erzählt, dass sie einen Spruch über einen ungeliebten Besucher …

Filmreif

Gestern ist mir etwas passiert, das muss ich einfach loswerden. Irgendwie war es witzig, aber auf eine gewisse Art auch peinlich. Mir zumindest. Und bestimmt ist mir auch die Röte ins Gesicht getreten. Ich sag  ja immer, das Leben schreibt die besten Geschichten. Man braucht sie gar nicht lange zu suchen, sie kommen einfach auf uns zu. Nur erkennen muss man sie. „Ich muss dir unbedingt was erzählen. Das hat sich gerade beim Einkaufen ereignet.“ „Hast du wieder einmal ein Tänzchen im Supermarkt (Tänzchen gefällig?) vollführt?“ „Nein, ich stand ganz still.“ „Jetzt machst du mich aber neugierig! Erzähl doch einfach und spann mich nicht so lange auf die Folter!“ „Also gut. Ich habe meine Mutter zum Frisör gebracht und wollte dann noch einige Erledigungen machen.“ „Oh bitte, zähl nicht alles auf, was du eingekauft hast.“ „Quatsch, ich hatte noch gar nichts eingekauft und auch fast noch nichts im Einkaufskorb liegen.“ „Hast du jemand getroffen, den wir noch aus unserer Schulzeit kennen?“ „Nein, diesmal leider nicht!“ „Und?!“ „Dann lass mich doch einfach reden und unterbrich mich nicht …

Halloween

Meine heutige Geschichte ist zum Teil erfunden, aber in ihr steckt auch ein wahrer Kern. Diese wahre Begebenheit ereignete sich vor mehr als zwei Jahrzehnten im Hause eines Ehepaares, das uns jedes Jahr im Herbst zu einem köstlichen Abendessen in geselliger Runde einlud. Sie hatten bereits einen siebzehnjährigen Sohn, der eines Tages auf eine seltsame Idee kam … Kurz und gut, ich habe nun um diese uns erzählte Begebenheit eine Professor-Konfusi-Geschichte gesponnen: „Heute ist es sehr ungemütlich draußen. Richtiges Halloweenwetter!“, sagt Frau Konfusi zu ihrem Mann als sie beim Essen sitzen. „Ja, es hat die ganze Nacht, einschließlich heute Vormittag gestürmt und geregnet“, bestätigt Professor Konfusi seiner Gattin. „Es ist das geeignete Wetter um einige unliebsame Dinge im Haus zu erledigen.“ „Und woran hast du dabei gedacht?“, erkundigt sie sich. „Unser Keller bedarf wieder einmal einer gewissen Ordnung. Es haben sich im Laufe der Jahre so viele unnötige Sachen angehäuft, die könnte man mal entsorgen.“ „Das ist eine hervorragende Idee. Ausmisten ist immer gut. Lass uns gleich nach dem Mittagessen damit anfangen.“ Frau Konfusi ist …

Jetzt ärgere ich mich aber…

Mit meiner Mutter war ich irgendwann Anfang des Jahres in einem Hörakustiker- und Optikergeschäft. Dort entdeckte ich ein Brillenetui. „Schau mal!“, sagte ich zu meiner Mutter. „Das ist echt chic. Das gefällt mir!“ „Ja, ein wirklich elegantes Teil“, bestätigte auch meine Mutter. Nachdem ich es nach allen Seiten gedreht und gewendet hatte, erstand ich es und freute mich sehr darüber. Es war von der Außenseite mit  schwarzem Kunstleder überzogen, das wie Schlangenleder wirkte. Die Innenseite war mit Samt ausgefüttert. Leider ist Chic nicht immer mit guter Verarbeitung verbunden, denn schon nach geraumer Zeit ging es entzwei. Ich muss allerdings alle Schuld von mir weisen, denn ich habe es sicherlich pfleglich behandelt. Trotzdem löste sich eines Tages eines der Seitenteile, – ein kleines Dreieck. „Ach, das kann ich Dir wieder einkleben“, versprach mir mein Mann, der schon auf dem Sprung zu einem Termin war. „Ich habe den entsprechenden Kleber. Lass es mal in Deiner Küche liegen, – ich muss jetzt weg…“ Und dabei blieb es auch, – sprich: Das Etui blieb samt Dreieck liegen. Nach ein paar …

Frau Fröhlich und Herr Trüb

„Grüß Gott! Ich bin Frau Fröhlich und wohne ganz oben auf dem Berg im schönen Bayernland. Umgeben von Wiesen und Wäldern genieße ich die bayrische Natur und mein Leben. Ich bin so, wie schon mein Name verrät, – eine richtige Frohnatur. Immerzu habe ich ein Lächeln auf den Lippen und am liebsten würde ich den ganzen Tag singen. Gekleidet bin ich natürlich wie eine echte Bayerin. Am liebsten trage ich mein Dirndl und einen feschen Hut habe ich auch auf dem Kopf. Er schützt mich vor der Sonne, damit ich keinen Sonnenstich bekomme. Mir geht es richtig gut, wäre da nicht mein Nachbar. Er ist ein echter Griesgram. Er scheint immer schlecht gelaunt zu sein, selbst die Sonne kann ihn nicht aus dem Haus locken. Eigentlich sieht er in seinen kurzen Lederhosen recht adrett aus, zu denen er ein weißes Hemd, eine rote Krawatte und Kniestümpfe trägt. Mit seinem Hütchen wird er zum feschen Bayer. Wir könnten eigentlich ein nettes Pärchen abgeben, aber mit ihm kann man ja nicht einmal reden. Sobald ich nach draußen …

Goldener Herbst

Endlich ist er da: Der goldene Herbst, so wie ich ihn liebe. Keine Kälte, keine Nässe und auch kein Nebel. Purer Sonnenschein. Ich weiß, er wird heute nur für wenige Stunden bleiben, denn wie gesagt, es ist ja schon Herbst. Ich kann nicht anders, ich muss diese Zeit nutzen und Sonne tanken. Außerdem ist es Sonntag und mir läuft die Arbeit sowieso nicht weg. Also mache ich mir eine Tasse Tee, gehe hinaus in unseren Garten und setze mich auf einen der beiden Liegestühle, die genau für solche Gelegenheiten noch nicht im Gartenhaus verstaut sind. Ich richte ihn mir aus und recke mein Gesicht der Sonne entgegen, deren Strahlen mich sanft an der Nase kitzeln. Die Augen geschlossen, lausche ich der Stille, die eigentlich keine ist. Aus der Ferne klingen Kirchenglocken und aus unseren Bäumen dringt sogar noch ein zartes Vogelgezwitscher zu mir herüber. „So kann es bleiben“, denke ich mir und blicke mich in unserem Garten um. Mein Mann kommt mit einer Tasse Kaffee in der Hand zu mir und lässt sich auf dem …

Nebel

Ich stehe am Fenster und blicke hinaus. Nebelschwaden liegen sanft über der Wiese. Es ist Herbst, man kann es nicht mehr leugnen. Mit meiner Zeitung und einer Tasse Tee setze ich mich gemütlich an den Küchentisch. Automatisch greife ich nach meiner… Und schon ist sie da, meine kleine Nebel-Erinnerungsgeschichte: Es ist schon ziemlich lange her. Unser Sohn war noch ein kleiner Junge, vielleicht sogar noch ein Baby. Wir wohnten zur Miete in einem Zweifamilienhaus in Darmstadt. Die Vermieter hatten ihre Wohnung unten und wir die gleiche Dreizimmerwohnung oben. Unser Sohn wurde von dem älteren Paar behandelt, als wäre er das Enkelkind. Er durfte alles. Seine Schaukel und später sein Basketballkorb hingen im Hof, sein Sandkasten und der Swimmingpool hatten ebenso ihren Platz im Garten und ein kleines Beet durfte er auch bearbeiten. Wir fühlten uns dort rundum wohl und hatten einen regen Kontakt zu unseren lieben Vermietern. So war es auch selbstverständlich, dass wir uns gegenseitig zu den Geburtstagsfeiern einluden. Ich weiß nicht mehr, wer Geburtstag hatte, aber es war zumindest einer der Beiden. Alle …

Mister Tremblehand

Ich stelle mir manchmal vor, dass es in einer Ecke meines Gehirns einen riesigen Schrank mit unzähligen Fächern und Schubladen gibt. Manchmal öffnet sich ganz unvermittelt sozusagen auf Knopfdruck eine dieser Laden. Hierin liegen wahre Schätze verborgen. Sie verweilen dort zum Teil schon seit mehreren Jahrzehnten. Es sind meine Erinnerungen. Eine davon glaubte ich schon verloren zu haben, doch dann geschah etwas, das sie auf wundersame Weise wieder  zum Leben erweckte. Plötzlich stand diese Erinnerung wieder klar und deutlich vor meinem geistigen Auge. Es war als hätte man den passenden Schlüssel gefunden, das Fach öffnete sich und gab frei, was darin so lange verborgen war. So geschah es auch neulich mitten in Potsdam. Ich besuchte mit meinem Mann diese schöne Stadt und inzwischen waren wir mit einigen Tüten und Taschen bepackt. Als ich nur noch schnell einmal einen Blick in ein Schuhgeschäft werfen wollte, dachte mein Mann sich wohl, dass dies etwas länger dauern könnte und machte mir einen Vorschlag: „Ich bringe schon einmal die Einkäufe ins Auto, dann kannst du in aller Ruhe das …

Die Weigerung

Es ist unser letzter Urlaubstag und wir haben gerade das Abendessen eingenommen. Da wir uns angewöhnt haben anschließend noch einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen, schlendern wir die Uferpromenade entlang. Wir plaudern über dies und das und schließlich stellt mein Mann mir eine Frage: „Wirst Du zu ihr gehen, wenn wir wieder daheim sind?“ „Zu wem soll ich gehen?“, erkundige ich mich stirnrunzelnd. „Na, Du weißt schon. Zu ihr gehst du doch immer gleich, wenn wir wieder zurück sind.“ „Nein!“, gebe ich ihm sehr deutlich zu verstehen. „Sie wird dich vermissen!“, gibt er zu bedenken. „Na und, ich aber sie nicht! Ich habe mir vorgenommen erst drei Tage abzuwarten und dann könnte ich es mir vielleicht noch überlegen, was ich tue.“ „Das nimmst Du Dir doch immer vor und außerdem ändert es an der ganzen Sache rein gar nichts.“ „Da bin ich zwar anderer Meinung“, gebe ich meinem Göttergatten zu verstehen. „Aber warten wir es mal ab. Lass uns den letzten Urlaubsabend noch genießen, alles andere kommt später dran.“ Unsere Unterhaltung diesbezüglich wird an dieser Stelle …

Das Wiedersehen

Ted marschierte gerade von Bord eines großen Kreuzfahrtschiffes, um den Hafen und die fremde Stadt zu erkunden. Schön, war die Reise bisher gewesen. Noch nie zuvor war er so lange an Bord eines Schiffes gewesen und durch das Mittelmeer geschippert. Er war sich gar nicht so vorgekommen wie auf einem Schiff, eher wie in einer schwimmenden Stadt. So viele Menschen hatte er getroffen, nicht allen konnte man vertrauen. Den meisten musste man die eigene Existenz verheimlichen. So lebte er meist ein wenig abseits. Tagsüber hielt er sich gut versteckt, wie es sich für einen blinden Passagier gehörte und nachts machte er seine Streifgänge durch die Flure und durch die Vorratskammern, wo er sich Nacht für Nacht den Bauch vollschlug. Ein Leben in Saus und Braus, waren die vergangenen zwei Wochen gewesen. Obwohl er sich wie im Schlaraffenland gefühlt hatte, brauchte er für den heutigen Tag mal wieder richtigen und nicht wankenden Boden unter seinen Füßen. So trippelte er die Gangway hinunter und schaffte gerade noch den Absprung, bevor diese wieder entfernt wurde. Er atmete tief …

Puddinggesicht und Spinatwachtel

Ihr merkt es bestimmt schon: Heute geht es wieder einmal um unsere schöne bilderreiche Sprache und um unser Essen. Ich weiß ja, mit dem Essen spielt man nicht, aber auf der sprachlichen Ebene ist es erlaubt. Es mag zwar vorkommen, dass die Sprüche nicht immer die feine Art sind, aber das sollte man in diesem Fall verzeihen können: Georg und Frank sind Freunde. Sehr unterschiedliche Freunde, zumindest was das Aussehen betrifft, aber sie verstehen sich prima. – Meistens! Während Georg ziemlich rundlich geraten ist, weil er für sein Leben gerne isst, zählt Frank zu der schlanken Fraktion. So sind sie dann auch zu ihren Spitznamen gekommen: Puddinggesicht und Spinatwachtel. Es erübrigt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zu erläutern, wer welchen Namen trägt. Da die Beiden zum Glück mit Humor gesegnet sind, nehmen sie diese Namensgebungen nicht so ernst und können selbst darüber schmunzeln. Heute haben sie den ganzen Nachmittag am Baggersee verbracht. Die Sonne hat vom Himmel gebrannt und es waren fast dreißig Grad. „Hey, Puddinggesicht, was ist mit dir los? Ich hab dich …

Gesprächsstoff

Frau Konfusi steht im Schlafzimmer und wendet und dreht sich vor dem großen Spiegel, als ihr Mann ebenfalls den Raum betritt. Sie trägt ihr neues Sommerkleid und begutachtet gerade ihr Spiegelbild. „Na meine Schöne!“, schmeichelt ihr Professor Konfusi. „Bist du zufrieden mit dem, was du siehst? Ich bin es jedenfalls. Das Kleid steht dir hervorragend.“ „Meinst du nicht, dass es etwas zu bunt ist?“ „Nein ganz und gar nicht. Zum Sommer gehören Farben.“ Frau Konfusi lächelt ihren Mann dankbar an und dreht sich noch einmal um die eigene Achse, bevor sie zufrieden nickt: „Du hast recht. Ich bin ja noch nicht scheintot, also kann ich auch farbenfroh und munter durch die Welt marschieren.“ „Und wo willst du jetzt hinmarschieren, wenn ich dich fragen darf?“, will ihr Gatte wissen. „Na zu meinem Kaffeekränzchen, aber das habe ich dir doch schon heute Morgen beim Frühstück erzählt.“ „Mmmh!“, brummt sich Professor Konfusi in seinen Bart und wühlt in der untersten Schublade seines Schrankteils. „Ich möchte nur wissen, wo meine neue Strickjacke hin ist. Gestern Abend habe ich sie …

Schau Dir das mal an!

Die Idee zur heutigen Geschichte steht im Zusammenhang mit einer Aufforderung meiner Mutter: „Schau Dir das mal an!“, aber letztendlich gab ein späteres Erlebnis und Gespräch mit meinem Mann den eigentlichen Ausschlag: Wir waren in Berlin und fuhren durch die Straßen, als wir an der Ampel eine junge Frau stehen sahen, deren Bekleidung uns auffiel… „Das ist schon eigenartig“, meinte mein Mann,“früher hätte man gesagt, dass diese Aufmachung schlampig sei. Naja, so ändern sich die Zeiten!“ Keine Ahnung, was oder ob ich überhaupt geantwortet habe, denn meine Gedanken waren in diesem Moment schon ganz wo anders. In diesem Augenblick wurde nämlich die neue „Professor Konfusi-Geschichte geboren: Herr und Frau Konfusi sind gerade mit dem Flugzeug auf dem Heimatflughafen gelandet. Sie waren für zwei Wochen im Urlaub. Da sie beide nicht mehr so gut die Hitze vertragen, hatten sie für ihren Urlaub ein nordisches Land ausgesucht, Schweden. Es hat ihnen sehr gut gefallen und so steigen sie nun rundum zufrieden und erholt aus dem Flieger. „So, jetzt wollen wir nur noch hoffen, dass auch unsere Koffer …